Heute ein König

Bühne Mit der fünfeinhalbstündigen Antiken-Trilogie „Die Rasenden“ legt Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus endlich los. Ihre Frauen sind grandios, die Message schwächelt
Christine Käppeler | Ausgabe 04/2014

Am Ende muss Karin Beier sich selbst wie der Griechenkönig Agamemnon in Aulis gefühlt haben, den eine Flaute daran hindert mit seinem Heer gegen Troja in See zu stechen. Hamburg hatte sie als Intendantin ans Deutsche Schauspielhaus berufen, um die größte deutsche Sprechbühne, wie man hier gerne betont, vom jahrelangen Mittelmaß zu erlösen, aber dann hieß es plötzlich Abwarten. Erst gab es am Haus noch zu viel zu sanieren, so verschob sich die Eröffnung von Oktober auf November. Dann krachten die Gegengewichte des eisernen Vorhangs in den Bühnenboden und aus November wurde Januar. Was tut man, wenn einen das Schicksal so in die Warteschleife schickt? Agamemnon hat einen Seher befragt und dann seine Tochter Iphigenie geopfert, um die Göttin Artemis zu besänftigen. Karin Beier hat eben abgewartet. Was auch sonst. Auch um diesen Unterschied geht es in ihrer Antrittsinszenierung Die Rasenden.

Fünfeinhalb Stunden Nettospielzeit sind eine Ansage. Karin Beier hat sich vier Dramentexte von Euripides, Aischylos und Hugo von Hofmannsthal sowie eine Euripides-Bearbeitung von Sartre zur Vorlage genommen, um die Story vom verfluchten Geschlecht der Atriden zu erzählen, von Agamemnons Troja-Feldzug also, für den es den Kindsmord braucht, die Ermordung des Agamemnon durch Klytämnestra, seine Frau, und die Ermordung der Klytämnestra schließlich durch Orest, den gemeinsamen Sohn. Die bevorzugte Tatwaffe der Atriden ist stets das Beil.

Die Götter warn’s

Die knappe Zusammenfassung reicht aus, um zu verstehen: Per se ist die Geschichte, die Karin Beier hier erzählt, nicht gerade eine Evolutionsgeschichte in Sachen Menschlichkeit. Eine säkularere Sicht auf die Dinge bringt sie durch drei Nebencharaktere in die Handlung ein, drei khaki-behoste, rollkragentragende, weichhüftige Männlein mit schütterem Haar, die aus dem Geist des antiken Chores auferstanden sind, um Schrödingers Katze und die Quantenphysik verwirrnisstiftend in den antiken Schulddiskurs aka „die Götter warn’s“ einzubringen. Das Geschehene kommentiert der eine lapidar: „Ein Vater lässt seiner eigenen Tochter den Hals durchschneiden, nur weil kein Wind ist. Wenn das jeder Segler machen würde.“

Auch auf formaler Ebene erzählt Karin Beier eine Evolutionsgeschichte, nämlich die des Theaters, angefangen beim in der Antike üblichen Maskenspiel auf sogenannten Kothurnen, klumpigen Stelzenschuhen also, bis hin zur Videoleinwand im Volksbühnen-Castorf-Stil, die zeigt was sich unter der Bühne neben einem kahlen Heizkörper auf einer Pritsche abspielt. Auf die Drehbühne wird verzichtet, dafür schwingt im zweiten der drei Teile ein aufgeschlitztes Schwein am Kronleuchter. Dass die Inszenierung sich in solchen Albernheiten nicht verliert, liegt zum Beispiel an Birgit Minichmayr, die auf der Pritsche neben dem kahlen Heizkörper unter der Bühne liegt und mit kalten, toten Augen allein mit den Lippen beim Sprechen den ganzen Hass ausdrücken kann, der sich in Elektra, der Tochter der Klytämnestra und des Agamemnon, auf die ehebrecherische, mörderische Mutter angestaut hat. Ein Kritiker hat bereits moniert, es sei eine Verschwendung, Birgit Minichmayr so unter Tage zu halten. Er saß ganz offensichtlich nicht auf den billigen Plätzen im zweiten Oberrang. Aus der Perspektive kann man nur sagen: Danke für die Nahaufnahmen, es waren in jeder Hinsicht große Momente. Sowieso sind es die Frauen, die Den Rasenden Wucht geben: Maria Schrader etwa, die als Klytämnestra den Wandel von der jugendlich-vertrauensvollen Ehefrau auf Aulis zur machtgierigen Statthalterin in Agamemnons Palast und schließlich zur schlaf- und rastlosen Mörderin so schonungslos vollzieht, dass sie im dritten Teil erst spät überhaupt zu erkennen ist. Oder Lina Beckmann, die sich in den Schmerz der Andromache, deren Säugling an den Mauern Trojas zerschmettert werden soll, ganz kitschfrei hineinsteigern kann. Längen hat Beiers Inszenierungsmarathon eigentlich nur, wenn alle Zeichen – Lounge-Musik, Stangentanz, Obstbüffet – auf Entertainment stehen. Erschütternd ist hingegen die Darstellung der „Mutter aller Kriege“: Die Musiker des Ensemble Resonanz hecheln und hetzen den Feldzug mit Stakkati auf ihren Streichinstrumenten herbei. Als der ersehnte Regen herabbricht, taumeln sie wie unter Giftgas in den zu Schmutzpfützen zerlaufenen Bühnenbodensand. Der Wind hat sich gedreht, aus Kriegstreibern sind Opfer geworden.

Das Verhältnis von Religion und Politik sowie die Instrumentalisierung von Glauben – diese Fragen, die Karin Beier ins Zentrum ihrer Inszenierung gestellt hat, wirken am Ende etwas kraftlos. Womöglich ist es aber ein Problem des Timings, das sie sich ja nicht selbst ausgesucht hat. Die Themen, die Hamburg seit der großen Demonstration im Dezember und den Wochen, in denen ganze Stadtteile zum Gefahrengebiet erklärt wurden, beschäftigen, sind derzeit eben andere: Die Gewaltfrage, die soziale Spaltung der Stadt. Der Chor auf der Straße tönt „Lalülala“ oder „Ganz Hamburg hasst die SPD“, je nachdem, welche Seite gerade akustisch die Oberhand hat.

Die Rasenden Karin Beier Schauspielhaus Hamburg. Termine unter schauspielhaus.de

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06:00 23.01.2014
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