„Hits fand ich immer spitzenmäßig“

Porträt Carsten „Erobique“ Meyer macht 20 Mal im Jahr „Urlaub in Italien“ und hat von Louis de Funès gelernt, wie man Fernsehmusik schreibt

Carsten „Erobique“ Meyer gehörte für mich einige Jahre lang zu Weihnachten wie die Heimfahrt im überfüllten ICE ohne Sitzplatzreservierung, die Tanne und die Pasteten mit Pilzragout. Um genauer zu sein: Er war die Vorband. Besonders denkwürdig war dieser 20. Dezember 2013. Am Nachmittag hatte in Hamburg auf dem Schulterblatt eine große Demo stattgefunden, die von der Polizei nach wenigen Metern aufgestoppt und eingekesselt wurde. Überregional wurde die Demo durch die danach eingerichteten Gefahrengebiete bekannt. Abends brannten in der Schanzenstraße umgeworfene Müllcontainer. Carsten Meyer spielte keine 200 Meter entfernt, wie in den Jahren zuvor, in einem Ladenlokal Lieder, die Easy und Überdosis Freude heißen, er improvisierte auf verschiedenen Orgeln und Keyboards, sampelte sich selbst und schnackte ein wenig dazu. So manchen, mit dem man zuvor stundenlang in der Kälte gestanden hatte, sah man dort im silbernen Konfettiregen zum ersten Mal an diesem Tag wieder auftauen.

„Ein Hort des Friedens im Auge des Sturms“, so hat auch Carsten Meyer diesen Abend in Erinnerung. Die Konzerte vor Weihnachten spielt er seit 2001, anfangs waren noch Stefan Kozalla (DJ Koze) und Daniel Sommer (Cosmic DJ) dabei, mit denen er bis 2010 die Band International Pony bildete. Mit dir sind wir vier heißt eines ihrer Alben. Carsten Meyer kann das bis heute: die Hörer eingemeinden. Wenn es ihm zu sektenhaft wird, setzt er eine Runde aus. Statt vor Weihnachten in Hamburg spielt er seit ein paar Jahren an Neujahr in Berlin.

Meyers Studio befindet sich in einem alten Backsteinbau am Rande des Hamburger Karoviertels. Die Wände sind in einem dunklen Grün gestrichen, eine ist mit allerlei Gemälden in einer Petersburger Hängung bedeckt. Aus einem Rahmen prostet der Besucherin ein Cowboy mit einem Likörglas zu. Nachttischlampen und ein Globus sorgen für indirektes Licht, eine Birne wird von einem rosaroten Panther umschmeichelt. Gut ein Dutzend Orgeln und Keyboards sind aufgebaut, Yamaha, Hohner, Fender Rhodes, dazu ein schwarzes Klavier, zwei Gitarren, eine Geige, ein Schlagzeug. „Das ist hier auch ein Heim für Instrumente“, sagt Carsten Meyer trocken. „Andere kommen so zu Katzen und Hunden.“ Das Schlagzeug zum Beispiel gehört Jacques Palminger von Studio Braun. Mit Palminger hat er unter anderem die Musik für den Film Fraktus (2012) gemacht und Songs for Joy (2009), ein Projekt mit Laien am Berliner Maxim Gorki Theater. „Er hatte das Schlagzeug irgendwie vergessen und in den Keller gestellt. Ich übe jetzt hier, jeden Tag, und ich werde besser. Ich habe eine genaue Vorstellung davon, wie ein Schlagzeug zu klingen hat: sehr einfach und schlicht, und sehr im Loop.“ Meyer ist Mitte 40, Musiker seiner Generation, sagt er, „die müssen hier noch hampeln, da noch hampeln, und zeigen, was sie können“. Ihn interessiere mehr, was er bei Leuten unter 30 beobachte, die mit elektronischer, geloopter Musik aufgewachsen sind und entsprechend spielen: „Wie nennt man das, Post-Sampling? Ich finde das total gut.“

Sorry als Nummernrevue

Ob es zu kalt sei, fragt Carsten Meyer und knipst eine kleine Höhensonne an, die neben dem Pfauen-Thron aus Rattan steht, auf den er sich setzt. Musikalisch, sagt er, sei er schon immer „ein bisschen sehr offen gewesen“: „Was Banalität und Cheesiness angeht, bin ich relativ schmerzfrei.“ Meyer ist 1972 in einer Kleinstadt im Münsterland geboren. Als Kind, erzählt er, habe er bei seinen Eltern eine Platte mit aktuellen Hits entdeckt. Hot Chocolate, was damals eben so in der Disco lief. „Ich kann mich nicht an einen Moment in meinem Leben erinnern, mit 15 oder 20, wo das für mich uncool war. Ich fand die immer spitzenmäßig.“ Nach ein paar Jahren in Münster zog Meyer Ende der 90er nach Hamburg, die Szene dort empfand er als erfrischend offen. Vorher, sagt er, hätten sie alle in ihren Schubladen festgesteckt: „Kleine Schrebergärten, um die man seinen Jägerzaun zog.“ Er lernte Schorsch Kamerun von der Band Die Goldenen Zitronen kennen, die Punk und Performance mischte, und Rocko Schamoni, der mit Jacques Palminger bei Studio Braun die Kunst des Telefonstreichs perfektionierte. Stefan Kozalla und Daniel Sommer veröffentlichten damals mit Fischmob ihr zweites (und letztes) Album Power. „Die Beatles-Platte des deutschen Hip-Hops“, nennt Meyer es, weil es das Genre mit Exkursen bis ins Hörspiel komplett sprengte. 2001 gründete er mit Kozalla und Sommer die Band International Pony.

Da-düdeldü-da-düdeldü

Der „Tatortreiniger“ beseitigt seit 2011 im NDR die Spuren von Gewaltverbrechen und anderen Tötungsdelikten. Dabei stehen weniger die Verbrechen selbst im Vordergrund als die Sorgen und Nöte derer, die mehr oder weniger zufällig am Tatort zugegen sind. Ab und zu melden sich auch die Toten zu Wort.

An Weihnachten 2011 lief die Comedyserie von Arne Feldhusen nach den Büchern von Mizzy Meyer und mit der Musik von Carsten Meyer erstmals im Nachtprogramm, 50.000 Zuschauer schalteten damals ein. Inzwischen sehen rund eine Million zu, wenn Bjarne Mädel als Heiko „Schotty“ Schotte seinen weißen Lieferwagen anwirft, um an den nächsten Tatort zu eilen. Die markante Titelmelodie von Carsten Meyer war zwischenzeitlich auch als Klingelton beliebt (Schotty selbst bevorzugt in der Serie die Titelmelodie von Tatort). Folge 25, die in einer Consultingfirma spielt, wurde 2018 mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis ausgezeichnet. In Folge 7, Schottys Kampf, konnte Carsten Meyer Arne Feldhusen erstmals überzeugen, ihn in einer kleinen Nebenrolle zu besetzen. Als Entrümpeler in Latzhose und mit Panzerkette um den Hals rückt er an, um in einem Vereinsheim Nazi-Devotionalien zu entsorgen, nachdem ein Mitglied von Thors Hammer erschlagen worden ist.

Am 9. Dezember führt Carsten Meyer sein Bühnenprogramm mit Gästen rund um die Tatortreiniger Soundtracks am Hamburger Schauspielhaus auf. Im März 2019 wird es einen zweiten Termin sowie Gastspiele in Berlin und Köln geben. Ein Album mit den Tatortreiniger Soundtracks (A Sexy Records/Broken Silence) ist soeben erschienen.

Carsten Meyer schenkt aus einer winzigen Thermoskanne Kaffee ein, bietet Saft an: „Traube oder Multivitamin?“, stellt Wasser für Schorle dazu, sagt: „Vergiss jetzt bloß nicht, zu trinken.“ Es ist diese leise Ironie, die so schwer zu verschriftlichen ist, die ihnen bei International Pony irgendwann zum Verhängnis wurde. International Pony war im Prinzip sein eigenes Genre: House mit Humor. Carsten Meyer erinnert sich, wie zermürbend es für sie war, als sie bei einer Interview-Tour auf Journalisten trafen, „die mit mentalen Ritterrüstungen ins Gespräch kamen und ihre Ironiespieße verteilt haben. Wir wollten uns eigentlich nur unterhalten.“

Der Journalist Dirk Peitz schrieb einmal über International Pony, sie hätten die komische Angewohnheit, ihre eigenen Melodien kaputtzumachen. „Das war ja kein Zufall“, sagt Carsten Meyer. „Gerade bei elektronischer Musik muss man nicht alles ausformulieren. Dem Hörer die Freiheit zu überlassen, dass er diese Ahnungen von Melodien und Hooklines im Kopf ausbilden kann, ist doch das Magische.“ Mit den Songs von Erobique verhält es sich ähnlich. Selbst Hits wie Easy oder Urlaub in Italien sind genau genommen keine wirklichen Songs; es gibt jeweils nur zwei Refrains: „Ahhh, ahhhh, it’s easy, it’s easy, it’s easy mobisi“ und „Urlaub, Urlaub in Italien“. Meyer hat kein Problem damit, wenn die Leute im Publikum das in Endlosschleife singen. „Es geht auch darum, Endorphine anzuregen.“ Aber er erwartet eben, dass sie dann auch ein fünfzehnminütiges Fender-Rhodes-Solo über einem House-Beat feiern können. Oder zumindest ertragen.

Etwa 20 Konzerte spielt Carsten Meyer als Erobique im Jahr. Platten veröffentlicht er kaum. Urlaub in Italien hat er dieses Jahr als Single herausgebracht. Ein Live-Mitschnitt, eine mögliche Version dieser Nummer. Nebenbei verdient er wie so einige Hamburger Musiker einen Teil seines Einkommens am Theater. Als Schorsch Kamerun 2001 am Schauspielhaus Zürich ein Spektakel mit dem Titel Der digitale Wikinger inszenierte, holte er ihn für die Musik dazu. Seither macht Meyer so etwas regelmäßig, er hat mit namhaften Regisseuren wie Herbert Fritsch und Stefan Pucher gearbeitet, im Moment probt er am Hamburger Schauspielhaus eine Bühnengala, die auf seinen Soundtracks zur Serie Der Tatortreiniger basiert. Was es heißt, als Teil eines Kollektivs zu arbeiten, das habe er erst am Theater gelernt, sagt Meyer. „Wenn du zehn Minuten zu spät kommst, warten da 30 Leute auf dich.“ Als er mit Pucher 2010 am Hamburger Thalia Theater das Stück Andersen. Trip zwischen den Welten machte, kam es zu einer mittleren Katastrophe. Carsten Meyer und der Schlagzeuger Matthias Strzoda spielten eine tragende Rolle, sie saßen die gesamte Zeit über auf der Bühne und gaben den Takt vor. Ohne sie ging nichts. Und dann war da dieser Tag, an dem Meyer einfach vergaß, dass er noch Aufführung hatte, sich um seinen leeren Handy-Akku nicht scherte und zu einem Freund ging, Spaghetti bolognese essen. Als er nach Hause kam, war seine Mailbox voll: „Vom Pförtner bis zur Intendanz waren alle drauf. In der nächsten Woche wurde ich zum Gespräch einbestellt, und da wurde dann ganz nett, aber auch glasklar gesagt, was ich an Kosten verursacht hatte, das war ein fünfstelliger Betrag.“ Die Intendanz bot ihm an, das Geld mit einer Spielzeiteröffnungsgala wieder einzuspielen. Schimpf und Schande hieß der Abend, den Carsten Meyer mit befreundeten Musikern und Schauspielkollegen auf die Beine stellte. Die Sorry-Nummernrevue brachte die nötige Summe ein.

Auf einer Hohner-Orgel steht einem Altarbild gleich ein Fernsehmonitor. Es ist der einzige Gegenstand in Meyers Studio, der eine gewisse Kühle ausstrahlt. Carsten Meyer setzt sich davor, wenn er Musiken für den Tatortreiniger ausprobiert. Sechs Staffeln gibt es inzwischen von der NDR-Serie um den von Bjarne Mädel gespielten Reinigungsfachmann Heiko Schotte, der Tatorte von Blut und so weiter säubert und mit allen labert, die sich noch in der Nähe herumdrücken. Jede Folge erzählt eine in sich geschlossene Geschichte, bei der Consultingfirma, in der Eisdiele, im Nazi-Vereinsheim, in der Alstervilla, im Elektromarkt.

Die markante Titelmelodie – ein georgeltes Da-düdeldü-da-düdeldü-da-düdeldüdeldüdeldü über einem lockeren Twist – war schnell gefunden. Danach, sagt Carsten Meyer, wurde es kompliziert. Fürs Fernsehen hatte er vorher nie gearbeitet, also sah er sich zu Hause verschiedene Serien an, dann setzte er sich mit den Aufnahmen der ersten Folge ans Klavier: „Ich habe versucht, dazu Stimmungsmusik zu klimpern. Ich dachte, so geht das jetzt, so macht man das halt. Ich wollte ja den Job. Aber ich merkte, das machte mir Magenschmerzen.“ Er ging dann erst einmal vor die Tür, ein Glas Wein trinken, und traf zufällig einen Bekannten, der auch Filmmusik machte. „Ich fragte ihn: ‚Hör mal, wie machst du das?‘ Er sagte, er denke sich das alles im Kopf aus und schreibe dann die Noten auf. Das war überhaupt nicht, was ich hören wollte, ich kann das nicht.“ Zurück in seiner Wohnung, legte er auf, was ihm selbst wirklich gefiel: die Soundtracks von Louis-de-Funès-Filmen. „Ich hatte endlich wieder Freude, nach diesem emotionsbesoffenen Geklimper etwas Lustiges machen zu können. Das war die Geburtsstunde für diesen Retrosound. Dann habe ich den Horizont noch weiter aufgemacht.“

Ritt in die Amtsstube

Zweierlei fällt auf, wenn man beim Tatortreiniger genauer auf die Musik achtet. Oft ist sie gegen den Strich gebürstet, zum Beispiel wenn Heiko Schotte stundenlang durch eine kafkaeske Behörde stolpert, um die Amtsstube mit dem Toten zu finden, und die Musik klingt, als reite ein Cowboy in einem Sergio-Leone-Film gemächlich in eine Westernstadt ein. Außerdem spielt Meyer mit den natürlichen Lärmquellen herum, in diesem Fall dem Ticken der Uhr. Als Vorbilder nennt er François de Roubaix, der für einen Soundtrack mit dem Lineal auf die Tischplatte schlug und dazu Streicher kombinierte, und so ziemlich alles, was in den 60ern im Radiophonic Workshop der BBC ertüftelt wurde. Das sei das Schöne an Filmmusik, sagt Carsten Meyer. Er könne da abstrakter arbeiten, als wenn er Konzerte vorbereite. Es gebe aber auch Stellen, da bediene er die Klischees: „Beim Tatortreiniger ist das meistens eine Art Romantik, so ein übertriebener Kitsch, eine Art 90er-Ironie, zu viele Geigen und Harfen, um die Situation zu erhöhen.“

Seit 20 Jahren trete er jetzt mit Musik auf, sagt Carsten Meyer dann noch. Die ersten zehn, zwölf Jahre habe er selbst nicht richtig verpacken können, was er eigentlich macht. So ganz analysierbar sei dieser Schwebezustand für ihn bis heute nicht, aber je klarer und nüchterner er da ranginge, desto leichter fiele es ihm, die Balance zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit zu halten: „Diese Sweetness ist ja nicht komplett aufgesetzt.“

06:00 09.12.2018
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Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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