Im Bett bei dem Feind

Ausstellung Lee Miller fotografierte als Kriegsreporterin für „Vogue“ und drang bis in Adolf Hitlers Badewanne vor. Nur das abzubilden, was sie vorfand, reichte ihr nie aus
Christine Käppeler | Ausgabe 12/2016

Auf der Documenta in Kassel war vor vier Jahren eine Fotografie von Lee Miller in Hitlers Badewanne zu sehen. Fast eine Million Menschen besuchten die Kunstschau, und wer dieses Schwarz-Weiß-Foto sah, dem wird es sich eingebrannt haben: das hundsgewöhnliche Badezimmer in Adolf Hitlers Münchner Wohnung und die irritierend schöne Frau, die in seiner Wanne sitzt und sich wäscht.

Lee Miller war seit 1942 als Kriegsfotografin akkreditiert, sie war mit einer US-amerikanischen Einheit in der Normandie gelandet, sie war ihr nach Saint-Malo und Paris gefolgt, nach Buchenwald und Dachau, und nachdem sie dort die verkrümmten Leichen und das Entsetzen der Befreier fotografiert hatte, ging sie mit ihnen zu Hitler nach Hause. Sie stellte ihre Armeestiefel auf seine Badematte, wie um erobertes Terrain zu markieren, sie platzierte eine Hitler-Fotografie auf dem Wannenrand, als wollte sie ihn zwingen, mitanzusehen, wie sie von diesem intimen Ort Besitz ergreift. Dass dieses Foto so stark auf uns wirkt, ist also kein Zufall (dass Hitler am selben Tag Selbstmord beging, schon).

Helme zu Hüten

Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind die Fotos aus Hitlers Wohnung nun mit den Aufnahmen aus Dachau und Buchenwald zu sehen, die Miller im Auftrag der amerikanischen und der britischen Vogue schoss. Es ist schwer vorstellbar, dass Vogue heute zwischen Anzeigen von Louis Vuitton und Gucci eine Aleppo-Reportage platzieren würde. Googelt man Vogue und Syria, findet man nur Kritik an einem Asma-al-Assad-Porträt von 2011, das die „glamouröse, junge und schicke“ Frau an der Seite des syrischen Machthabers vorstellte. Baschar al-Assad durfte beim Hausbesuch bekennen, er wollte Augenarzt werden, da Augen-OPs unblutiger als andere Eingriffe seien.

Dass Vogue ihre Modefotografin, die Lee Miller bis 1942 war, als Reporterin an die Front schickte, hatte pragmatische Gründe: Papier war streng rationiert und Kriegsberichterstattung erwünscht – gerade auch in einem Frauenmagazin, denn Freiwillige für den Kriegsdienst wurden dringend gesucht. Ein Bildmotiv sind Londonerinnen, die Flakscheinwerfer bedienen, ihre Helme sehen in dem sehr speziellen Licht wie moderne Hüte aus. Die ikonische Aufnahme von der Schönen mit der Brandschutzmaske, von deren Handgelenk lässig wie ein Accessoire eine Notpfeife baumelt, hat Miller indes für eine Modestrecke inszeniert.

Die Frau an Hitlers Seite taucht in ihren Bildern später indirekt auf: In der Münchner Wohnung legt sich die Kriegsreporterin Eva Brauns Nerz um, sie setzt sich ihren Hut auf und raucht eine Zigarette in dem Bett, in dessen Laken die Initialen E.B. eingestickt sind. Die vieldiskutierte Frage nach der Authentizität von Bildern läuft bei Lee Miller ins Leere. Sie zeigt, und das gilt selbst für ihre Fotografien aus Dachau und Buchenwald, nicht einfach, was sie vorfindet, sondern sie erzeugt Bilder, die verdichten, was sie wahrnimmt. Der vielbeschworene subjektive Blick verfängt hier aber ebenso wenig als Erklärung, es ist komplizierter, und um das zu verstehen, ist es hilfreich, dass in Berlin auch ihre frühen Bilder aus der Zeit mit Man Ray zu sehen sind.

Miller war 1927 Man Rays Schülerin geworden, sie war sein Model, seine Partnerin und als sie ihn 1932 verließ, wurde sie Gegenstand einer traurigen Skulptur. Es gibt Lee-Miller-Porträts, deren Autorschaft beiden zugeschrieben wird, weil sie seine Negative aus dem Müll zog und einen Ausschnitt wählte, der ein neues Bild von ihr ergab. 1930 schuf sie ein groteskes Stillleben: eine weibliche Brust, die im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs entfernt wurde, ist auf einem weißen Teller angerichtet, Messer, Gabel und ein Dessertlöffel rahmen das Gedeck. Sie sieht aus wie ein Steak. Diese Mehrdeutigkeit und der Verweis auf etwas, das außerhalb des Bildes ist, findet sich auch in Millers späteren Fotografien.

Was andere in ihren Bildern hätten sehen können, interessierte Lee Miller nach dem Krieg nicht mehr. Über die Zeit vor 1946 schwieg sie, und sie fotografierte nur noch gelegentlich Künstler für die Biografien, die ihr Mann Roland Penrose schrieb. In ihrem Haus in Sussex, so erzählte es ihr Sohn Antony Penrose jetzt bei der Eröffnung in Berlin, hingen lediglich zwei Fotografien seiner Mutter. Auf ihnen waren keine Menschen zu sehen, nur Tiere. Die eine, 1938 in Bukarest aufgenommen, hängt in der Ausstellung: Ein Ochse liegt auf einem Leiterwagen. Sein Kopf ist verdreht, es ist unklar, ob er noch lebt, ob er tot ist, ob überhaupt noch ein Körper an diesem Ochsenkopf hängt. Als Kind, sagte Penrose, habe ihn diese Frage sehr beschäftigt.

Erst 1997, 20 Jahre nach Lee Millers Tod, entdeckte die Familie 60.000 Negative, Briefe und Manuskripte auf dem Dachboden. Ob dieser Menge ist es umso bemerkenswerter, wie ausgesucht die Auswahl der Fotografien dieser Werkschau ist, die zuerst in der Wiener Albertina zu sehen war. Dieses Mal ist es ein Satz, der sich einbrennt. Er ist in einer Reportage zu lesen, die Miller im Juni 1945 für die Vogue über die Deutschen schrieb: „Mir geht es wie den Soldaten hier, die diese herrliche Landschaft ansehen, den supermodernen Komfort ihrer Gebäude nutzen und sich fragen, warum nur wollten sie noch mehr?“

Info

Lee Miller – Fotografien Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 12. Juni

06:00 06.04.2016

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