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Porträt Bergit Howell arbeitet seit 50 Jahren an einer Karriere als „freier Mensch“. Wie lässt sich ein ungebundenes Leben so lange durchhalten?

Wann ist eigentlich das Gefühl aufgekommen, dass eine ganze Generation prekär denkt, sich prekär fühlt und unter diesem Schwebezustand leidet? Warum bekommen heute dieselben Menschen beim Wort „Festanstellung“ glänzende Augen, die immer vom großen Gegenentwurf zum Nine-to-five-Modell der Eltern träumten? Und gab es jemals einen langweiligeren Fetisch als den lückenlosen Lebenslauf?

Das sind Fragen, die einem vor einem Gespräch mit Bergit Howell durch den Kopf schießen. Howell, 69, hat ihr Leben lang eine „Karriere als freier Mensch“ verfolgt, wie sie es nennt. Sie lebte in New York, L.A., Tanger, Casablanca, London, Paris und München. Seit viereinhalb Jahren wohnt sie nun in Berlin. Sie hat für große Zeitschriften als Modeillustratorin gearbeitet, in Tanger einflussreiche Persönlichkeiten in Öl porträtiert und für Dior Pelze zugeschnitten. Seit sie in Berlin einen neuen Pass beantragt hat, ist auch ihr Künstlername Istja Itho darin eingetragen. Wenn jemand weiß, was es heißt, flexibel zu leben, dann wohl sie. Als Treffpunkt schlägt sie ein Café nahe ihrer Wohnung in Charlottenburg vor.

Der Freitag: Wenn Sie heute einen Karriereplanungsbogen über sich ausfüllen müssten – wäre „flexibel“ eine der Eigenschaften, die Sie ankreuzen würden?

Bergit Howell: Nein, Flexibilität ist wie ein Kaugummi, man streckt und biegt sich nach hier und dort, aber man ist stationär gebunden. Eine echte Veränderung – wie ich sie bevorzuge – hat immer mit räumlicher Veränderung zu tun. Mit der Sehnsucht, etwas Neues zu lernen, Neues zu sehen, einen neuen Beruf zu ergreifen. Dafür muss man eine freie Seele haben.

Wie bekommt man die?

Bei mir waren Erfahrungen in meiner Kindheit prägend. Ich stamme aus Breslau und meine Mutter ist mit mir 1944 nach München geflüchtet, als ich zweieinhalb Jahre alt war. Ich wuchs mit der Trauer meiner Mutter auf, alles verloren zu haben. Das hat bei mir zum Gegenteil geführt: Ich wollte nie an etwas festhalten, ich wollte immer wieder neu anfangen.

Wann spürten Sie das erste Mal, dass es Sie fortzog?

Mit vier Jahren. Eine Freundin meines Vaters war die Frau des amerikanischen Generalkonsuls. Sie kam uns besuchen und sagte dieses Wort: New York. Als Vierjährige weiß man natürlich nicht, was New York ist. Aber damals flogen über unseren Garten oft amerikanische Flieger, und irgendwie habe ich da wohl eine Sehnsucht ent­wickelt. Ich wollte immer nach New York. Also bin ich mit 22 mit einer Greencard ausgewandert.

Wer heute in die USA auswandern möchte, muss um eine Arbeits­erlaubnis hart kämpfen, oder er braucht viel Glück bei der Greencard-Verlosung. Wie kamen Sie an das begehrte Dokument?

Ich konnte beweisen, dass Amerika jemanden wie mich brauchte. Ich hatte Modegrafik studiert, damit bekam man damals lukrative Jobs. Kurz zuvor hatte ich meine erste Veröffentlichung in der Zeitschrift Twen, das war in den Sechzigern eine deutsche Kultzeitschrift. Mit dem Honorar in der Tasche habe ich gesagt „Adieu, Deutschland.“ Meine Mutter hat zähneknirschend zugesehen, wie ich mit 22 Jahren das Haus verließ. Das war damals noch jung.

War das so? Damals haben viele in diesem Alter geheiratet und eine Familie gegründet. Heute beginnen viele Akademiker mit Mitte 30 langsam mit der Familienplanung.

Ich meine trotzdem: Für heutige Verhältnisse war das damals jung. Heute ist man mit 22 älter. Man hat schon ganz andere Erfahrungen durch das Internet und das Fern­sehen gemacht. Bei uns las man nur die großen Kunstmagazine oder die

Ich bin jetzt 32. Meiner Generation wird eine gewisse Infantilität vorgeworfen – das ewige Verlängern der Jugend. Die Zeitschrift Neon machte dieses Gefühl sogar zu ihrem Motto: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Zielgruppe sind Menschen zwischen 20 und 35 Jahren.

Nun, die wollen sich einfach noch nicht binden. Sie wollen flexibel bleiben. Auf der anderen Seite hat auch das Flexibelseinmüssen deutlich zugenommen.

Heute heißt es zudem oft: Netzwerke sind alles. Wie haben Sie den Berufseinstieg geschafft?

Mein erster Kontakt kam zustande, weil ich die Modeschule öfter geschwänzt und in Münchner Cafés die Leute skizziert habe. Dort hat mich der damalige Chef der Bildagentur

Und in New York kannte man die

Nein, ich bin dort mit meiner Schulmappe hin. Damals hat man einfach den Artdirector angerufen und mit ihm direkt einen Termin ausgemacht.

Heute müsste man erst mal eine digitale Mappe schicken – und die würde der Artdirector wohl nur anschauen, wenn man von jemandem empfohlen würde.

Die Amerikaner waren damals gegenüber jungen Talenten sehr offen. Das war nicht wie in Deutschland, wo man Zeugnisse haben will und noch dieses und jenes Dokument. Man kam hin, zeigte seine Mappe und dann sagten sie: „Yeah, it’s great. You can start right away.“ In meinem Fall bei

War die Konkurrenz unter den Kreativen damals geringer?

Das glaube ich nicht.

War die Modeillustration allgemein eine Männerbastion?

Ja, natürlich. Wahrscheinlich mochten die aber meine Chuzpe. Da ich aus dem Ausland kam, war ich etwas Exotisches. Damals trug ich immer nur Jeans, ein Hemd und flache Loafers. Ich habe mich nie – und wir sprechen hier über 1966, als alle Frauen dickes Make-up trugen – geschminkt. Man sagte mir: „You look indecent.“ Ich kann das schlecht ­übersetzen …

Unkonventionell?

Nicht unkonventionell, eher unanständig. Ich war für die ein Schlag ins Gesicht. Alle anderen haben sich aufgebrezelt und wollten high fashion sein, mir war das piepegal.

Es gibt aus dieser Zeit auch Zeichnungen von Ihnen in der deutschen Zeitschrift

Was Mode betraf, war Deutschland eine Wüste. Es gab noch keine

In L.A. habe ich einen Mann getroffen, der fragte: „Do you want to come to London for the weekend?“ Aus dem Wochenende wurden vier Jahre, und den Mann habe ich geheiratet. Das waren vier Jahre Unterbrechung meiner Karriere als freier Mensch. Er war reich und wollte nicht, dass ich arbeite. Er war neidisch auf jeden Pinselstrich. Irgendwann reichte es mir und ich bin zurück nach New York.

Sie ließen sich scheiden?

Nein, er wollte nicht, ich bin einfach gegangen.

Auf dem Papier sind Sie also immer noch verheiratet?

Nein, er ist gestorben. Ich habe aber nichts geerbt. Ich bin jetzt eine arme Witwe, weil ich mich nie um etwas gekümmert habe.

Heute denken schon 20-Jährige über eine Riester-Rente nach. Haben Sie sich nie Sorgen um Ihre zukünftige Rente gemacht?

Nein, niemals. Das war jenseits meines Denkens. Ich wusste, dass ich talentiert bin, darauf habe ich mich verlassen. Und ich hatte Flausen im Kopf.

Von was leben Sie heute?

Ich bekomme ein wenig Geld. In den Achtzigern habe ich mich einige Zeit in München um meine Mutter gekümmert. Damals habe ich auch zwei Semester Modezeichnung unterrichtet. Das war meine einzige Festanstellung. Deshalb muss ich jetzt weiter arbeiten, bis ich tot umfalle. Unter anderem verdiene ich jetzt als Fotografin Geld. Ich habe mal jemanden im Nachtzug von Paris nach Nizza kennengelernt, der mich fragte, was ich so mache. „Oh, you are a vagabond“, sagte er dann. Ja, das bin ich, ein Vagabund.

Hat Sie dieses Leben nie in eine finanzielle Notlage gebracht?

Doch, als ich Anfang der siebziger Jahre nach New York zurückkehrte. Ich hatte meinen Mann mit 19,80 Dollar verlassen und bin in einer Absteige in Manhattan untergekommen. Dort lebten nur Alte und Drogensüchtige. Dann konnte ich mein Zimmer nicht mehr bezahlen. Ich bin zum Concierge und habe gesagt, ich will den Hoteldirektor sprechen. Dem habe ich erzählt: „Ich habe mich von meinem Mann getrennt und will allein mein Geld verdienen. Ich bin eine sehr be­gabte Künstlerin.“ Da sagte er: „Ich glaube an Sie“, und hat mir eine Suite gegeben. Ich bin mit meiner Mappe wieder losgezogen und bekam Jobs, auch sehr lukrative. Aber irgendwann wurden die Jobs weniger. Die Modeillustratoren wurden durch die Starfotografen abgelöst.

Wie haben Sie diese Krisen­situation überwunden?

Eine Zeit lang habe ich für Dior Pelzmäntel entworfen – nicht nur im Geiste, sondern in der Werkstatt von „Royal Mink“, dort wurden die Schnitte für Dior gemacht. Ein paar Monate habe ich durch­gehalten. Aber dieser ewige Pelzgeruch und das Gefussele …

Was unternahmen Sie dann?

Ich habe selber Mode gemacht. 1980 habe ich mit einer Freundin in Paris einen Showroom eröffnet, in einem Raum, den ich in allen Regenbogenfarben streichen ließ. „Chic, chock and cher“, schrieb die

Das klingt alles so mühelos. Aber woher hatten Sie das Geld dafür?

Meine Freundin hatte einen sehr wohlhabenden Vater. Zweieinhalb Jahre haben wir das gemacht, dann ist uns das Geld ausgegangen. Ich kann heute kein Rezept anbieten, wie man’s machen muss. Aber man muss wissen, wann Schluss ist, und sagen: aus und vorbei.

Man könnte auch sagen: Sie sind in Paris grandios gescheitert.

Nein, ich hatte Erfolg mit meiner Kollektion. Nur nicht kommerziell.

Hatten Sie jemals Angst davor, sich in einer ganz neuen Situation zurechtfinden zu müssen?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde das aufregend. Ich bin Ende der Achtziger nach Tanger gegangen und war dort in den Suks unterwegs. Ich trug ein langes dunkelblaues Kleid und einen weißen Schal um den Kopf à la Chanel. Ich wollte nie wie eine Touristin aussehen. Als ich das erste Mal nach Tanger kam, hat der Zollbeamte gesagt: „Du bist willkommen.“ Das fand ich toll, nie in meinem Leben war ich so empfangen worden. Da habe ich beschlossen zu bleiben.

Tanger war damals ein Sehnsuchtsort für Künstler. Heute zieht es viele Kreative nach Berlin. Sie leben seit viereinhalb Jahren hier. Können Sie sich vorstellen, hierzubleiben?

Nein, ich will nicht sesshaft werden. Aber das Problem ist: „I don’t know where to go.“ Ich war schon überall, wo ich sein wollte.

Aufstieg und Fall der Modeillustration

Die Geschichte der Modezeichnung beginnt im 17. Jahrhundert mit Radierungen und Stichen, die auf Reisen von fremdartigen Kostümen angefertigt werden. Als Ende des 19. Jahrhunderts Magazine wie die amerikanische Vogue und Harpers Bazar gegründet werden, sind fortan professionelle Zeichnungen für Zeitschriften gefragt zunächst sind es sehr detailgetreue Abbildungen, die den Zeiten und der Kleidung entsprechend recht steif anmuten.


Als Goldenes Zeitalter der Branche gelten dann die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, in deren Verlauf Mode wie Illustration freizügiger werden und von Fotografen noch keine echte Konkurrenz ausgeht. Bis in die sechziger Jahre hinein sind Modezeichnungen, vor allem für die damals neu entstehenden Jugendmagazine, eine günstige Alternative zu Fotografien. Mit der Weiterentwicklung des Mediums entwickelt die Modefotografie sich jedoch zu einer eigenständigen Kunst. Die Stunde der Starfotografen schlägt, Illustratoren müssen sich von diesem Zeitpunkt an mit Werbekampagnen oder dem Zeichnen von Accessoires begnügen.


Die Zeitschrift Womens Wear Daily, die in den sechziger Jahren ein ganzes Heer von Modezeichnern beschäftigt, schließt 1992 endgültig ihre Illustrationsabteilung. Zu den Eigenheiten der Branche zählt, dass es zwar zahlreiche begabte Illustratorinnen gab, von denen jedoch keiner ein echter Durchbruch gelang.


Erst in den vergangenen Jahren hat die Modeillustration jenseits der Hochglanzmagazine in Galerien und ausgewählten Mode- und Design-Zeitschriften ein gewisses Revival erlebt.

Das Gespräch führte Christine Käppeler

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14:45 01.07.2011
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