In der Komfortzone

Kunst Rund um den Taksim-Platz wird weiter protestiert. Unterdessen zieht sich die Istanbul-Biennale in die Galerien zurück
Christine Käppeler | Ausgabe 38/2013 1
In der Komfortzone
„Silence“ heißt diese Arbeit des Künstlers David Moreno

Fotos: Atilgan Ozdil/Anadolu Agency/dpa

Vor einigen Tagen erreichte uns in Istanbul die E-Mail eines Freundes aus Hamburg, der um ein Foto der regenbogenfarbenen Treppen bat. Auch die deutsche Presse hatte über den Rentner aus Beyoğlu berichtet, der die Stufen vom Bosporus zum Taksim-Platz bunt angestrichen hatte. Und über das für Istanbul sehr typische Theater, das folgte: Die Stadt machte die Treppe wieder grau, was mit Spott und Hohn quittiert wurde. Also ließ der Bezirksbürgermeister mit großer Geste die Stufen wieder bunt anmalen. Da hatte sich das Treppenmalen jedoch längst verselbstständigt, und Regenbogensichtungen in allen möglichen Ecken der Stadt machten die Runde.

Wir sahen unsere erste Treppe im Vorbeirauschen durch ein Taxifenster irgendwo in Beşiktaş, die zweite spätnachts im Straßengewirr von Cihangir – und natürlich fanden wir sie am nächsten Tag nicht wieder. Anstelle eines Fotos kauften wir schließlich eine Ausgabe des Satiremagazins Uykusuz. Auf dem Titel sitzt ein dicker Kater mit Bierflasche und Kippe in der Pfote auf der Regenbogentreppe und lallt: „Meister! Was sagst Du dazu!?“ Ein Seitenhieb auf das neue Verbot, nach 22 Uhr an Kiosken Alkohol zu verkaufen. Uykusuz ist eines von drei Magazinen dieser Art – die Stadt, so erklärte es uns ein gebürtiger Istanbuler, liefert eben verlässlich genug Stoff für Satire.

Die bunten Treppen sind nur das jüngste Beispiel für die spielerischen Protestformen, die im Zuge der Gezi-Proteste entstanden sind: von den großen Picknicks zum Fastenbrechen bis hin zu Erdem Gündüz, der acht Stunden aus Protest auf dem Taksim-Platz stand und zahlreiche Nachahmer fand. Fulya Erdemci, die Kuratorin der 13. Istanbul Biennale, beschreibt in ihrem Katalogtext die Euphorie, die sie und ihr Team verspürten, als sie sich am 31. Mai unter die Protestierenden in Richtung Taksim-Platz mischten. „Die Straßen sprachen“, schreibt sie über die Graffitis, die Wege und Wände bedeckten. Die Menschen mit ihren Schwimmbrillen und Gasmasken, das habe sie an das Szenario eines Science-Fiction-Films erinnert. „Keiner von uns“, so Erdemci, „hatte länger Angst“.

Brüllen im Ohr

Umso weniger überzeugt Erdemcis Erklärung, weshalb die Biennale nun doch nicht, wie ursprünglich geplant, im öffentlichen Raum stattfindet, sondern in Galerien und temporären Ausstellungsräumen, die zuletzt auch von der Design Biennale und der Fashion Week Istanbul bespielt wurden. Man wolle, schreibt Erdemci, nicht an öffentlichen Orten Kunstprojekte mit der Erlaubnis eben jener Behörden realisieren, die anderen Bürgern die freie Meinungsäußerung verbieten. Was aber will eine Biennale, die sich dezidiert als politisch versteht, im öffentlichen Raum, wenn nicht tabuisierte Räume erstreiten – und sei es mittels eines Antragsformulars in dreifacher Ausführung? Hat die Biennale-Leitung selbst die „Agoraphobia“ ergriffen, die sie noch im Mai – also vor den Gezi-Protesten – als Titel der Auftaktveranstaltung in Berlin wählte?

In Berlin wurde an prominenter Stelle ein Foto von Şener Özmen gezeigt. Der Künstler ist darauf zu sehen, wie er sich mit einem Megafon ins eigene Ohr brüllt. In Istanbul hängt es nun im Dachgeschoss der ehemaligen Griechischen Grundschule, das wie die Rumpelkammer der Biennale anmutet. Über einem Dachbalken hängen die olympischen Ringe wie nasse Wäsche, bedauernswert deformiert. Volkan Aslans Games Games Games ist eigentlich ein starkes visuelles Statement – nur wirkt sie jetzt überholt, wo doch wenige Tage zuvor entschieden wurde, dass Tokio und nicht Istanbul die Spiele 2020 ausrichten wird. Şener Özmens Selbstporträt mit dem Megafon wiederum liest sich hier unterm Dach nun wie ein Kommentar auf die Komfortzone, aus der sich die Kunst nicht herauswagt.

„Mom, am I Barbarian?“ lautet das Motto der Biennale. Es ist die Übersetzung eines Buchtitels der türkischen Lyrikerin Lale Müldür und rekurriert auf das griechische „Barbaros“ – den Fremden, der die Landessprache nicht spricht und außerhalb der Zivilgesellschaft steht. Fulya Erdemci betont, dass sie so die Rolle des Künstlers versteht: Barbar sein, eine neue Sprache erfinden. Die Sprache der Banditen, Anarchisten und Künstler. Banditen und Anarchisten, das erinnert an die Plünderer, die Çapulcus, als die Tayyip Erdoğan die Demonstranten beschimpft hat – woraufhin sie sich dann selbst so nannten. Im Hauptausstellungsort der Biennale, dem Antrepo No. 3, beschäftigt sich eine ganze Reihe von Werken mit der neuen Sprache. Die Künstler der HONF Foundation aus Yakarta haben zwölf kleine Pflänzchen aus dem Stadtraum in Blumentöpfen verkabelt, um mittels Temperatur und Feuchtigkeit ein Signal zu ermitteln, das – ja was? Uns die Sprache der Pflanzen lehrt? Am anderen Ende des Transmitters jedenfalls ist eine Papierkonstruktion, und die macht „flapflapflap“.

Die Biennale hat sich in wohltemperierte Räume zurückgezogen und hofft darauf, dass die Welt zu ihr kommt, auf dass sie auch in ihrem Refugium ein wichtiger Akteur sein kann. Der Besuch ist in diesem Jahr erstmals kostenlos. Wer jenseits des üblichen Kunst-Publikums von dem Angebot Gebrauch machen wird, ist offen. Das Antrepo No. 3 zum Beispiel liegt in einem toten Winkel, in dem nur per Zufall landet, wer auf der Suche nach der Istanbul Modern ist oder dahinter ein Kreuzfahrtschiff geparkt hat (so wurden am Tag der Presseführung drei Kapitäne am Eingang gesehen). Das ARTER wiederum, das auf der Haupteinkaufsstraße Istiklal täglich von Menschen jeden Alters und jeder Schicht umtost wird, ist ganz die teure Sorte Galerie, die ein Laie ungern betritt. Im Fenster steht Jimmy Durhams The Doorman. Durham hat seine Version des Aztekengottes Tezcatlipoca mit kleinen Überwachungskameras bestückt. Es ist eine sehr verspielte Skulptur, doch so eine Skulptur im Fenster wird einem zufälligen Passanten kaum vermitteln, dass es hier auch um ihn gehen könnte.

Morsezeichen in der Nacht

Dabei bekäme er beim Besuch dieser Biennale auch Arbeiten zu sehen, die leicht zugänglich sind. Maider López’ Making Ways zum Beispiel, für das sie die diversen Wege aufgezeichnet hat, auf denen die Passanten über die großen Kreuzungen vor der Galata-Brücke am Goldenen Horn hechten. Nach 2 Minuten 50 ist der Bildschirm mit einem Netz aus blauen Linien übersät. Was wäre, wenn sich diese Leute mit einem Mal verständigen würden, hat López sich gefragt. Wenn ihre Arbeit in Karaköy zu sehen wäre, am Ort des Geschehens also, würden sich das mit ihr nun womöglich sehr viel mehr Menschen fragen.

Sehr eindrücklich ist Halil Altınderes Wonderland. Altındere klagt die Verdrängung der Roma aus dem Stadtteil Sulukule in einem fantastisch-versponnenen HipHop-Video an. Ein Junge rennt, ein Polizist brennt – um diese klassischen „Cop Killer“-Versatzstücke bastelt Altındere eine sehr surreale Welt, in der das Abstruseste am Ende doch die ganz reale Wohnsiedlung ist, die von der Regierung im Rahmen des Stadtplanungsprojektes TOKI hinter einen Wellblechzaun ins Viertel geklatscht worden ist. Auch Sulukule sollte ursprünglich ein Ort der Biennale sein. Eine andere poetische Form des Häuserkampfes zeigt der siebenminütige Film, den die Französin Bertille Bak in einem maroden Apartmentblock mit 2.000 Einwohnern in Bangkok gedreht hat, der zum Abriss freigegeben ist. Safeguard Emergency Light System verfolgt im Stil einer Pseudo-Dokumentation, wie die Bewohner für den Ernstfall trainieren und in einer beeindruckenden Choreografie mit Taschenlampen an den Fenstern ihrer Wohnungen ein stummes Revolutionslied in die Abenddämmerung morsen. Ob sich diese Praxis auch auf den Straßen von Istanbul herumsprechen wird?

Vielleicht muss man es aber auch so sehen: Eine Kunstbiennale ist eine Kunstausstellung und keine Politwerkstatt. Man erinnere sich nur an die Berlin Biennale im vergangenen Jahr und ihren Kurator Artur Żmijewski, der unter dem Motto „Forget Fear“ allerlei kruden politischen Provokationen ein Forum gab und Occupy-Aktivisten zur symbolischen Besetzung der Kunst-Werke einlud. Das Ergebnis war eine Art Occupy-Zoo, der an Peinlichkeit schwer zu überbieten ist. Auf solche Stunts verzichtet Fulya Erdemci zu Recht. Das Signal aber, das von ihrer Istanbul Biennale ausgeht, ist durch den Rückzug aus dem öffentlichen Raum kraftlos. Am besten verkörpert das vielleicht Nathan Coleys Lichtinstallation Gathering of Strangers. Die Buchstaben leuchten in allen Farben des Regenbogens – aber der Ort, an dem Fremde sich treffen, aufbegehren und eine neue Sprache des Widerstands finden, ist in Istanbul derzeit nun mal woanders.

Die 13. Instanbul-Biennale läuft noch bis zum 20. Oktober 2013

06:00 21.09.2013
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