Ins Out manövriert

Mode Hannelore Schlaffer beklagt, dass es für alternde Frauen keinen eigenen Stil mehr gibt
Christine Käppeler | Ausgabe 42/2015 2

Zuletzt hat Hannelore Schlaffer sich in ihrem Band Die City dem „Straßenleben in der geplanten Stadt“ angenommen. Nun geht es um Mode, und auch diese Erkundung prägen Orte: Sie beginnt in der kühlen Halle eines Grandhotels in Rom und endet am Ausgang der Filiale einer Modekette in irgendeiner Stadt.

„Der Spiegel“, schreibt Schlaffer, und nimmt uns mit vor den bodentiefen, bräunlich nachgedunkelten im Foyer des mondänen Hotels, „ist Hoffnung und Enttäuschung allen weiblichen Aufwands für die Erscheinung. Auf jeden Spiegel schreiten die Frauen hoffnungsvoll zu, von jedem wenden sie sich enttäuscht ab.“ Die 76-Jährige hat dafür eine Erklärung: „Das Spiegel-Ich ist ein scheintotes Ich.“ Deshalb geht es auf den gut 150 Seiten, die folgen, dann auch nicht nur um die transparenten Radröcke und ultrakurzen Minis, auf die der Titel Alle meine Kleider verweist, sondern vor allem auch um das Bild, das eine Trägerin in den Kleidern, die sie auswählt, von sich entwirft.

Mode bedeutet für Schlaffer nicht weniger, als sich selbst eine Gestalt geben zu können. Ihre (Selbst-)Beobachtungen sind originell, flirty und ehrlich. Oder kannten Sie Friedrich Schillers Modetheorie? Schlaffer lehrt uns, wie man einem kleinen Jungen den Ausruf „Ui, da kommt eine Dame“ entlockt, sie erinnert sich, wie sie mit ihrer Freundin Carola um den kürzesten Rocksaum wetteiferte und bekennt: „Revolutionäre sind für gewöhnlich konservativ. Haben sie erst einmal eine Idee gefasst, und diese durch eine Tat – sei sie noch so klein – bestätigt, so können sie von ihrem Standpunkt nicht mehr lassen. So ging es auch mir.“ Sie spricht hier von Plateausohlen, doch die Resignation des letzten Kapitels kündigt sich bereits an.

Out heißt es. Für die alternde Frau, konstatiert Schlaffer, gebe es keinen eigenen Stil mehr: „Selbst die Mode für Frauen mit viel Geld ahmt die Kindermode nach. Von Damen-Mode kann im Ernst nicht mehr die Rede sein.“ Provokanter formuliert, hat die Schweizer Autorin Michèle Roten, die 40 Jahre jünger als Schlaffer ist, in einem Interview mit dem Freitag einmal in etwa dasselbe gesagt: „Heute will die Mutter primär so geil aussehen wie die Tochter.“ Als Karl Lagerfeld vergangene Woche auf der Pariser Fashion Week seine neue Muse für Chanel vorstellte, die 16-jährige Lily-Rose Depp, klang sein Kommentar wie eine Antwort auf Schlaffers Frage, wo sie denn hin seien, die Chanel-Kostüme, „die den reifen Frauenkörper dezent verpackten“: „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber die Leute wollen Mode an solchen Mädchen sehen. Damit identifizieren sie sich, auch wenn sie nicht ihr Alter haben.“

Womöglich ist Lagerfelds Sicht aber längst schon anachronistisch. Das angesagte Pariser Label Céline warb unterdessen mit der Schriftstellerin Joan Didion. Die 80-jährige trug einen hochgeschlossenen, dunkelblauen Feinstrickpullover, eng anliegend und leicht transparent. Die Kategorie geil war hier irrelevant. Didion strahlt die Coolness und Eleganz aus, nach der sich die meist jüngeren Kundinnen des Labels sehnen. Yves Saint Laurent warb in der gleichen Saison mit der 71-jährigen Joni Mitchell. Womöglich hat Hannelore Schlaffer die Arbeit an ihrem Essay einfach ein paar Monate zu früh abgeschlossen, um noch einmal sehen zu können, dass die Mode ewig wandelbar ist und dass sich ständig umkehrt, wer oder was Vorbild ist. So aber endet ihr Buch, das so mondän beginnt, mit einem tieftraurigen Satz in der Filiale einer Modekette in irgendeiner Stadt: „Mit scheuer Nonchalance schleichen sich die Alten, scheinbar von den Kleidern, in Wahrheit aber von sich selbst enttäuscht, dem Ausgang zu, dieser weit geöffneten Tür, auf die und durch die sie hereingefallen sind – ich bin eine von ihnen.“

Info

Alle meine Kleider. Arbeit am Auftritt Hannelore Schlaffer Zu Klampen 2015, 167 S., 18 €

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06:00 18.10.2015
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