König von Dingsbums

Superkunstjahr Alle zehn Jahre finden parallel zur Documenta die Skulptur Projekte statt. Ein Besuch bei ihrem künstlerischen Leiter in Münster

Einen Witz will Kasper König noch loswerden, bevor er sich unter die Nadel legt. Weil es draußen schüttet und König sich ohnehin gleich noch weiter entblößen muss, hat er sein nasses Leinenjackett, das blaue Hemd und die Hose abgelegt. Tätowiersucht heißt der Laden, in einer Vitrine steht allerhand morbider Nippes, doch ein 73-jähriger Kurator in Unterhosen scheint selbst hier eine Kuriosität zu sein. Kunden kommen und gehen, aber König macht nicht den Anschein, als wollte er schnell aus seiner prekären Lage befreit werden. Erst muss er noch diesen Witz erzählen. „Wie nennt man eine Person, die auf Objekte steht?“ König nippt am Kaffee, schaut prüfend in die Runde: „Bei der Berlin Biennale lief vor neun Jahren ein Beitrag über eine Schwedin, die war in die Berliner Mauer verliebt. Wie nennt man also diese erotische Vorliebe?“ Die Tätowiererin schaut ratlos: „Maurophilie?“ König winkt ab: „Dingsbums.“

Alle zehn Jahre ist Kasper König Head of Dingsbums. „Künstlerischer Leiter der Skulptur Projekte Münster“ lautet die offizielle Bezeichnung dafür. 1977 erfand er die Ausstellung im öffentlichen Raum mit Klaus Bußmann, einem jungen Referenten am Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. König war als Jugendlicher aus Westfalen weggegangen, unter anderem nach New York. Er hatte nicht die Absicht, schnell zurückzukommen. Bußmann überzeugte ihn, gemeinsam im katholischen, tiefschwarzen Münster künstlerische Aufklärungsarbeit zu leisten. König gelang es, Künstler wie Claes Oldenburg, Joseph Beuys und Donald Judd nach Münster zu holen. Sie kamen nicht mit fertigen Skulpturen, sondern reichten Projektentwürfe ein, die sie vor Ort entwickelten. Bis heute ist das die Auflage.

Claes Oldenburgs Betonkugeln liegen an diesem Dienstagvormittag wie frisch aus der Gussform gepellt am Ufer des Aasees. Am Vortag wurden sie ordentlich geschrubbt. So gut ist es ihnen in Münster nicht immer ergangen. Als sie 1977 aufgestellt wurden, versuchten Studenten sie ins Wasser zu rollen. Sie wurden verspottet, verflucht und beschmiert.

1977 verhasst, 1997 umarmt

Bußmann und König hatten also allen Grund, zehn Jahre später noch einmal anzutreten. Die Geschichte der Skulptur Projekte wird in den späteren Katalogen so zusammengefasst: 1977 stieß die Schau auf Ablehnung, 1987 gab es eine kritische Annäherung, seit 1997 wird sie von den Münsteranern umarmt. Hätte nach 1997 also nicht Schluss sein können?

Fragt man Kasper König, was ihn daran reizt, alle zehn Jahre wieder in Münster zu arbeiten, sagt er: „Die Verlangsamung.“ Westfälischer Rhythmus nennt er das auch. König war Rektor der Frankfurter Städel-Schule und Direktor des Museum Ludwig in Köln. Er hat die Manifesta 10 in Sankt Petersburg kuratiert und kürzlich mit Arte eine Miniserie gedreht, für die er Künstler im Atelier besuchte. Als Nächstes würde er gerne mit Netflix ein Format entwickeln. Aber alle zehn Jahre ist er in Münster. „Wie auf Montage“, sagt er. Zehn Jahre sind im Kunstbetrieb eine lange Zeit. So manche Künstler sind schneller erfolgreich und wieder vergessen worden. Die Biennale in Venedig findet alle zwei Jahre statt, die Documenta in Kassel alle fünf. Die Skulptur Projekte „sind wie ein Schnitt in die Zeit“, so formuliert es Marianne Wagner, die mit König und der Hamburger Kuratorin Britta Peters die 2017er-Ausgabe macht. „Einmal alle zehn Jahre schaut man sich an, was Skulptur gerade so ist. Was ist von den Ideen geblieben?“

Bei Tätowiersucht am Hansaring trifft Kasper König im Dienst der Kunst jetzt eine Entscheidung fürs Leben. Er will sich einen Hintern auf den Hintern tätowieren lassen, und zwar den des russischen Balletttänzers Mikhail Baryshnikov. Eigentlich, sagt König, dachte er, das sei die Rückenansicht einer Frau. Aber egal. Es wird seine zweite Tätowierung sein, die erste hat er sich vor über einem halben Jahrhundert in Antwerpen auf den rechten Fußrücken stechen lassen. „Ich wollte ein Nilpferd haben. Aber das konnte der ohne Vorlage nicht.“ Also steht dort seither auf Latein: Hippopotamus.

Dieses Mal gibt es eine Vorlage. Der Künstler Michael Smith hat für die Skulptur Projekte die Künstler der vorherigen Ausgaben gebeten, ein Motiv beizusteuern. Außerdem fragte er befreundete Künstler und schließlich noch die Tätowierer der Stadt. Ein dickes Ringbuch ist so entstanden. Smith wird im Sommer 66 Jahre alt, sein Ausgangspunkt ist, wie sich das Image von Tattoos seit seiner Jugend verändert hat. Damals ließen sich nur Seeleute und Kriminelle tätowieren. Vielleicht um aufzuholen, bekommen Senioren ab 65 auf Smiths Tattoos 50 Prozent Rabatt.

Den Hintern hat die junge amerikanische Künstlerin Cathy Fairbanks gezeichnet, fünf Linien skizzieren die Rundungen und die Oberschenkel. Die Tätowiererin überträgt sie auf eine Matrize und stempelt sie auf ihr Zielobjekt. Sie setzt die Nadel an. Das kribble wie Ameisen, sagt König. Dann setzt der Schmerz ein.

Michael Smith ist nicht der einzige Künstler, der in diesem Jahr thematisiert, wie die Zeit vergeht. Im Kleingartenverein Mühlenweg haben die Skulptur Projekte für den Briten Jeremy Deller eine Parzelle angemietet. Der Garten trägt noch die Handschrift der Vorpächter. Wackersteine begrenzen die kleinen Beete, der Mangold sieht erntereif aus. Hier wache ich, steht am Gatter. Daneben das Bild eines Kaninchens. In der Hütte wird ein Regal mit grün gebundenen Büchern stehen, am Küchentisch soll man in ihnen blättern können. Jeremy Deller hat die Bücher vor zehn Jahren an 55 Münsteraner Kleingartenvereine verteilt. 33 von ihnen haben tatsächlich ihren Alltag dokumentiert.

Out of Body, Out of Place, Out of Time heißen drei Publikationen, die im Vorfeld dieser Skulptur Projekte erschienen. Dass Skulpturen auch performativ sein können, ist in Münster nichts Neues. Seit 1977 kam der kalifornische Künstler Michael Asher für jede Ausgabe mit einem Wohnanhänger nach Münster, den er einmal pro Woche umparkte. Jahr für Jahr musste er sich neue Stellen suchen, weil die Stadt sich veränderte.

Stellungsprobleme haben inzwischen auch Künstler, die neu in die Stadt kommen. Es wird eng in Münster. Mehr als 150 Werke wurden in den vergangenen 40 Jahren verwirklicht, 37 hat die Stadt angekauft. Den Aasee haben in diesem Jahr fast alle Künstler gemieden. Sein rechtes Ufer sieht inzwischen wie eine Freiluft-Außenstelle des New Yorker MoMA aus: Auf Claes Oldenburgs Betonkugeln folgen Plastiken und Installationen von Jorge Pardo, Ilya Kabakov, Rosemarie Trockel, Susan Philipsz und Donald Judd.

Dann gibt es noch Orte, die nennen die Kuratoren „Geisterstellen“. Zwar wurden die Werke, die dort standen, nach den 100 Tagen der Ausstellung wieder abgebaut, doch sie haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Wiese an der Promenade ist so eine Geisterstelle. 2007 hat Dominique Gonzalez-Foerster hier Skulpturen vergangener Ausstellungen im Maßstab 1:4 zu einem Themenpark arrangiert. Kein Künstler will so einen Platz noch einmal neu bespielen. Das örtliche Grünflächenamt hat weniger Skrupel und „Münster bekennt Farbe“ in roten und weißen Blumen in die Wiese gepflanzt.

Die Documenta, die in Kassel fast zeitgleich eröffnen wird, hat sich 2017 aus der westdeutschen Komfortzone nach Athen geflüchtet. Die Skulptur Projekte fanden ihr spannungsreiches Gegenüber nur 60 Kilometer entfernt. Marl und Münster, unterschiedlicher können zwei Städte kaum sein. Münster wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut, Marl als moderne Modellstadt neu konzipiert. Mit jedem Neubau gingen Kunst-am-Bau-Projekte einher, so dass Marl eine eigene, ganz andere Skulpturen-Tradition als Münster hat. Anders als die Beamtenstadt Münster ist Marl heute jedoch hoch verschuldet, die Menschen ziehen seit Ende der 1990er weg, im Dezember 2015 schloss die letzte Zeche. Um zu sehen, was Skulptur 2017 ist, wird der Schnitt in die Zeit nun also etwas breiter angesetzt. Skulpturen werden getauscht, es wird gemeinsame Veranstaltungen geben. „Wir brauchen Marl mindestens so sehr wie die uns“, sagt Kasper König.

Auf der Liege im Tattooladen überlegt König noch, ob es nicht radikaler wäre, das Bild unvollendet zu lassen. Aber da schaltet die Tätowiererin die Nadel schon von selbst ab. Keine fünf Minuten hat sie gebraucht. 35 Euro blättert der Kurator auf den Tresen, inklusive Seniorenrabatt. Michael Smiths Werk ist somit eröffnet. Wenige Tage noch, dann wird wieder in ganz Münster gedingsbumst.

Info

Die Skulptur Projekte Münster finden vom 10. Juni bis 11. Oktober im Stadtraum und im LWL-Museum für Kunst und Kultur statt. Bereits am 4. Juni eröffnete die Ausstellung The Hot Wire im Glaskasten in Marl

06:00 11.06.2017

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