Koffer für Kiffer

Was läuft Short Stories aus dem Leben eines Graskuriers in New York – über die Schönheit loser Enden in „High Maintenance“. Spoileranteil: 10 Prozent

Wen würden Sie im Katastrophenfall als Erstes anschreiben? Familie, Freunde, eine lose Bekannte, die am Ort des Geschehens gewesen sein könnte? Und dann? In der ersten Folge der aktuellen Staffel von High Maintenance schicken eine Menge New Yorker eine Nachricht an einen Typen, den sie alle nur „The Guy“ nennen. Er schnappt sich seinen Fahrradhelm, einen schwarzen Umhängekoffer und radelt los – zu Menschen in Büros, Menschen in Stadtvillen, Menschen in Wohnzellen, Menschen in Hotelzimmern. In seinem Koffer sind Beutel mit Gras, Haschkekse, vorgerollte Joints und Vaping Pens. Woher er das Zeug bezieht, ist egal, es geht in dieser Serie nicht um modernen Drogenhandel. Die Route des Stoffes beschränkt sich auf die Straßen von Brooklyn, die Angstgegner des Fahrraddealers sind nicht die Cops oder Kartelle, sondern Autofahrer.

Der Radius der Gras-Lieferungen des Guys deckt sich dabei größtenteils mit dem der Serie Girls. Einmal radelt er sogar in deren Set. Aber seine Kundinnen sind diverser, zumindest was ihr Alter betrifft. Auch Pensionäre und Helikoptereltern schreiben ihm: „Wanna hang?“ – „Lust abzuhängen?“ –, wenn sie seine Dienste in Anspruch nehmen. Der Koffer, so weit das Konzept der Serie, ist ein Türöffner. Und es gibt sehr viel mehr Gründe für eine Marihuana-Bestellung (Stress, Schmerzen, dröge Gäste, keine Lust auf Sex, Gewohnheit) als für eine Pizza-Lieferung (Hunger).

High Maintenance startete vor sechs Jahren mit fünf- bis zwölfminütigen Clips auf der Plattform Vimeo, die Macher Ben Sinclair und Katja Blichfeld spielten selbst mit, er als der Kurier, sie in einer Episode. Die variable Länge sorgte dafür, dass die Geschichten etwas Zwingendes hatten: Sie wurden so knapp oder ausführlich erzählt, wie der Stoff es erforderte. Diesen Geist beleben Sinclair und Blichfeld in der inzwischen zweiten Staffel der Serie für HBO neu (hier läuft sie bei Sky). Ihre erste Major-Sender-Staffel wirkte dagegen oft etwas konstruiert, zu fixiert auf einen Plot.

Jede Folge hat nun zwar exakt die gleiche Länge – vermutlich der Fluch fester Sendeschemata bei großen Anbietern wie HBO –, doch wie viele Geschichten innerhalb dieser Zeit erzählt oder auch nur angerissen werden, variiert ständig. Und auch die Rolle des Fahrradkuriers ist in jeder Folge eine andere. Manchmal ist der Guy nur eine Randfigur, liefert seine Ware ab, that’s it. Dann wieder dreht sich alles um ihn; einmal stürzt er, muss ins Krankenhaus und bekifft sich dort aus Langeweile mit seiner Ex-Frau, wo er den Koffer schon mal dabei hat. Dass wir in Brooklyn sind und nicht in der Schwarzwaldklinik, erschwert die Sache insofern, als dass er auf einem Flur liegt, von den anderen Kranken nur durch OP-grüne Vorhänge getrennt.

So ist es häufig: Bei aller Albernheit und Hipness gehören auch urbane Probleme zur Textur. In einer Folge zum Beispiel bekommt ein Paar eine Wohnung mit Mietminderung in einem Haus zugelost, das wie der stein- und glasgewordene Traum prekärer Kreativarbeiter aussieht. Der forcierte Community-Spirit reicht aber nur bis zur Tür des hauseigenen Saunabereichs; dessen Code erhalten nur die vermögenderen Mieter.

Welche Rolle das Gras bei alledem spielt? Auch das variiert von Folge zu Folge: Die Stimmungen, die es herbeiführt oder verstärkt, sind so vielzählig wie die oben genannten Motive für den Konsum. Einmal ruiniert es das ambitionierte Projekt einer schon etwas älteren Clubberin, die für irgendein Rekordvorhaben mehrere Tage in ihrem Garten durchtanzt. Sie fängt an zu dozieren, anstatt weiter in Bewegung zu bleiben.

Die Staffel hat etwas von einem erstklassigen Kurzgeschichtenband, dessen Autorin immer wieder neue Perspektiven und andere Erzählhaltungen einnimmt. Sie ist auch ein lässiger Gegenentwurf zu jenen Episodendramen, in denen sich am Ende alle losen Enden fügen und sämtliche Personen in einem bedeutsamen Verhältnis zueinander stehen müssen.

Wer auf solche Aha-Effekte steht, wird von High Maintenance frustriert sein. Die Serie ist eher etwas für Drifterinnen und Flaneure. Meinethalben auch für Neurotikerinnen. Drogenkonsum ist hingegen keine notwendige Bedingung für den Genuss. Manchmal schmerzt es, die Menschen, in deren Alltag man mal eben kurz reingeschaut hat, so schnell wieder loslassen zu müssen. Aber auch das kennt man ja auch von guten Short Stories.

06:00 28.04.2018

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