Kunst in Angst

Im Gespräch In Kiew hat eine Museumsdirektorin ein Werk des Künstlers Volodymyr Kuznetsov zerstört, bevor Präsident Janukowitsch ins Museum kam. Der Fall löste eine große Debatte aus
Kunst in Angst

Es klingt wie eine Szene aus einem Film von Louis de Funès: Eine Museumsdirektorin, die gute Kontakte zur Regierung unterhält, gibt bei einem Künstler ein Bild in Auftrag. Am Tag, bevor der Präsident zu Besuch erwartet wird, stellt die Direktorin mit Schrecken fest, dass sie das Gemälde in Schwierigkeiten bringen kann. Kurzerhand greift sie zu schwarzer Farbe und übermalt das Bild.

Dem ukrainischen Künstler Volodymyr Kuznetsov ist das wirklich passiert. Seine Arbeit Koliyivshina: Judgement Day sollte Teil der aktuellen Ausstellung Great and Grand im Arsenal Museum in Kiew sein. Doch vor der Eröffnung zerstörte die Direktorin Natalia Zabolotna eigenhändig sein Bild.

Der Freitag: Herr Kuznetsov, wo befindet sich Ihr Gemälde jetzt?

Volodymyr Kuznetsov: Es ist noch immer im Museum. Der Untergrund ist eine temporäre Wand aus Gipskarton, die lässt sich nicht so einfach entfernen. Es steht nun also schwarz übermalt zwischen den anderen Exponaten. Inzwischen haben sie ein Plakat darüber geklebt, das für die Ausstellung wirbt.

Wie hat die Direktorin diesen Vandalismus erklärt?

Gegenüber den Medien hat Zabolotna gesagt, dass sie ihre Tat nicht bereut. Sie habe ein Statement gegen die Dreistigkeit einiger Künstler setzen wollen. Sie behauptet, mir ginge es nur um PR in eigener Sache.

Der stellvertretende Direktor sah das offensichtlich anders und trat zurück.

Er hat öffentlich gesagt, dass er keinerlei Verständnis für diese irrationale Tat hat. Auch die Chefredakteurin der Zeitschrift ART Ukraine, die von Natalia Zabolotna herausgegeben wird, trat aus Protest zurück. Aber viele halten einfach still. Keiner der Künstler, die in der Ausstellung vertreten sind, hat sich geäußert oder gar Werke zurückgezogen. Sie haben Angst, dem Arsenal zu schaden.

Welche Stellung hat das Arsenal Museum in Kiew?

Es steckt noch in den Kinderschuhen. Das Arsenal wurde 2007 als Museum für moderne Kunst eröffnet. Viele haben Angst, dass die Regierung Natalia Zabolotna nach diesem Skandal schasst und jemand anderen installiert. Zabolotna hat viel für das Museum getan. Sie ist eine Staatsbeamtin und Managerin, die weiß, wie man Gelder aquiriert. Die Ausstellung Great and Grand steht unter der Schirmherrschaft von Präsident Janukowitsch und hat den Segen der russisch-orthodoxen Kirche. Ich kenne einige Künstler, die aus diesen Gründen eine Teilnahme abgelehnt haben.

War dem Museum bekannt, wie Ihr Beitrag aussehen wird?

Ich habe im Frühjahr ein anderes Werk mit dem Titel Koliyivshina für die Ausstellung Ukrainian News in Warschau gemacht. Die Koliyivshina war ein blutiger Aufstand ukrainischer Kosaken im Jahr 1768 gegen Polen. In dieser Werkreihe geht es um das Thema Aufstand in Verbindung mit aktuellen Fragen. Natalia Zabolotna und ihr Stellvertreter waren damals bei der Eröffnung. Sie sagten: „Eine großartige Arbeit, wir melden uns bei Ihnen.“ Einen Monat später vereinbarten wir meine Teilnahme an Great and Grand.

Ihre zerstörte Arbeit trägt den Untertitel „Judgement Day“.

In der Schau sind viele Reliquien zu sehen. Ich arbeite immmer ortsgebunden. So kam ich auf die Idee mit dem Jüngsten Gericht.

Wer sind die abgebildeten Personen?

Eine junge Frau ist vor Kurzem von zwei Polizisten vergewaltigt worden. Daraufhin wurde ein Polizeigebäude zerstört. Ich habe sie und die Polizisten gezeichnet. Korrupte Richter, korrupte Geistliche, die Liquidatoren von Tschernobyl, die bis heute um ihre Entschädigungen kämpfen müssen. All diese Themen, die unsere Regierung und die Kirche betreffen, habe ich aufgegriffen.

Hat Natalia Zabolotna Ihnen irgendwann gesagt, dass ihr missfällt, was Sie da tun?

Sie ist fünf Tage um mich herumgelaufen, ohne etwas zu sagen.

Ist es das erste Mal, dass Sie in Ihrer Arbeit behindert wurden?

Es gab bereits ähnliche Situationen. Das Arsenal unterhält auch kleinere Galerien, für die ich eine Ausstellung über Tschernobyl konzipiert habe. Der Titel lautete We are Chornobyl. Tschernobyl ist ein Thema, über das man in der Ukraine tunlichst nicht mehr spricht. Als das Plakat für die Ausstellung kam, stand da ein anderer Titel: The Map of Low Doses („Die Abbildung niedriger Dosen“). Er stammte von Natalia Zabolotna persönlich. Als ich sie um eine Erklärung bat, sagte sie: Ein Passant könnte denken, das Arsenal befürworte Tschernobyl. Wie absurd!

Was geschah dann?

Ich sagte ihr, dass die Ausstellung unter diesen Umständen nicht stattfinden wird. Am Ende wurde ein Sticker gedruckt, auf dem We are Chornobyl stand, und die Plakate wurden überklebt.

Kennen Sie andere Künstler, denen es ähnlich geht?

Nicht jeder spricht gerne darüber. Das Arsenal und andere Galerien verfolgen zum Beispiel die Praxis, dass sie Werke nach einer Ausstellung als Schenkung einbehalten. Viele Künstler schweigen darüber, auch wenn es ihnen missfällt. Es gibt kaum Verträge mit Museen als Absicherung. Es gibt kein Gesetz, das die Freiheit der Kunst schützt. Der aktuelle Vorfall ist für viele wie eine Explosion, die diese Probleme endlich auf den Tisch bringt. Endlich wollen alle reden. Gemeinsam mit anderen kritischen Künstlern organisiere ich jetzt Diskussionen mit Kulturschaffenden und Juristen. Insofern verstehe ich mein Bild als „Work in Continuance“, das ich in anderen Medien fortführe.

Volodymyr Kuznetsov wurde 1976 in Lusk geboren. 2004 gründete er in Kiew das Künstlerkollektiv R.E.P. als Forum für zeitgenössische Kunst, die seinerzeit im Kanon der Ukraine nicht vorkam. Die Webseite der Gruppe wurde von Hackern lahmgelegt

Die Gruppe istm (Art Workers Self-Defence Initiative) fordert zum Boycott des Arsenal Museums auf

06:00 24.08.2013
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