Lasst Blumen sprechen

Debatte Warum Berlin statt einem Freiheits- oder Einheitsdenkmal einen Park der Deutschen Einheit braucht
Ausgabe 05/2017
Einer von 383 Entwürfe, die beim zweiten Wettbewerb 2010 nicht überzeugen konnten
Einer von 383 Entwürfe, die beim zweiten Wettbewerb 2010 nicht überzeugen konnten

Foto: Wolf P. Prange/Imago

Der umstrittene Entwurf für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal neben dem Berliner Schloss soll nun also doch verwirklicht werden. Im April vergangenen Jahres hatte der Haushaltsausschuss das Projekt mit der Begründung gestoppt, es koste wohl 15 statt zehn Millionen Euro. Wenige Monate später bewilligte derselbe Ausschuss 18,5 Millionen, um an derselben Stelle die kaiserlichen Kolonnaden wieder aufzubauen. Wolfgang Thierse sagte damals treffend, man könne „seine Verachtung für die friedliche Revolution kaum deutlicher ausdrücken.“ Ende Januar kam der Kulturausschuss auf den ursprünglichen Beschluss für das Denkmal zurück, nun entschieden die Fraktionen von CDU/CSU und SPD, dass es gebaut werden soll.

So wenig Berlin neben dem rekonstruierten Schloss rekonstruierte Kolonnaden braucht, so sehr macht das Gezerre um die Wippe oder Waage – noch nicht einmal über den Spitznamen ist man sich einig – klar, dass sie als Einheitsdenkmal ungeeignet ist. Mehr noch, dass bislang kein Denkmal vorstellbar ist, das den Ereignissen der Jahre 1989/90 gerecht wird. Ein anderer Vorschlag deshalb: Warum begreift man das letzte Stückchen Freifläche zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor nicht als Chance, der Bevölkerung etwas zu schenken? Ein Park der Deutschen Einheit – darauf könnten sich vermutlich alle einigen. Es gibt keinen zentralen Park in Berlin, der bewusst so gestaltet ist, dass Bewohner der Stadt dort gerne Zeit verbringen und Besucher ihn nie wieder vergessen. An einem solchen Ort könnte das Erinnern produktiv werden.

Es gibt eine Serie der Künstlerin Taryn Simon, für die sie Blumengestecke nachbaut, die bei wichtigen internationalen Abkommen als Tischschmuck dienten. Eine andere Künstlerin, Kapwani Kiwanga, bildet Blumengebinde nach, die überreicht wurden, wenn afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten. Diese Blumen spiegeln das Offizielle, Staatstragende der Anlässe: Gladiolen, Anthurien, Orchideen. Die Blumen der friedlichen Revolution waren sicher andere. Welche genau damals in den Fenstern der Leipziger Nikolaikirche standen oder bei der Demo am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz Polizisten überreicht wurden – das kann man herausfinden, indem man die fragt, die dabei gewesen sind. So könnte im Park der Deutschen Einheit ein Beet entstehen, als work in progress im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht jede Erinnerung wird sich überprüfen lassen. Aber auch das ist Teil jeder Revolution: Hinterher schmücken sich manche mit falschen Blumen.

Das Beet wäre das eine, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der deutschen Einheit ersetzt es nicht. Es müsste in dem Park eine befestigte Fläche geben, auf der, sagen wir, alle zehn Jahre, von wechselnden Künstlern eine Skulptur oder auch ein architektonisches Gebilde errichtet wird, das sich mit dem Stand der Einheit auseinandersetzt. Die Sicht wäre jedes Mal eine andere, es flössen unterschiedliche Biografien und Zeitfragen mit ein. Etwas Ähnliches praktizieren die Londoner seit einigen Jahren auf dem vierten Sockel am Trafalgar Square: Im Moment steht dort eine Bronze-Faust von David Shrigley, aus der ein überlanger Daumen wie eine Pinocchio-Nase ragt. „Ein sarkastisches Daumen-hoch für Brexit Britain“, schrieb Jonathan Jones im Guardian.

Das Beste an den temporären Denkmälern wäre ohnehin: Wir könnten uns alle paar Jahre wieder über sie streiten. Im Kulturausschuss und im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags, in den Feuilletons und morgens beim Bäcker, wenn wir unsere Wecken, Schrippen, Semmeln oder Brötchen holen. Unserer Demokratie täte es gut.

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Geschrieben von

Christine Käppeler

Ressortleiterin „Kultur“

Christine Käppeler leitet seit 2018 das Kulturressort des „Freitag“, davor schrieb sie als Redakteurin vor allem über Kunst und die damit verbundenen ästhetischen und politischen Debatten. Sie hat Germanistik, Amerikanistik, Theaterwissenschaften und Journalismus in Mainz und Hamburg studiert und nebenbei als Autorin für „Spex. Das Magazin für Popkultur“ gearbeitet.

Christine Käppeler

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