Christine Käppeler
08.01.2014 | 15:39 16

"Man haut nicht das eigene Viertel zu Klump“

Hamburg An dem autonomen Kulturzentrum Rote Flora hat sich ein Machtkampf entzündet. Ted Gaier von den Goldenen Zitronen erzählt, wie er die Auseinandersetzungen erlebt hat

Wurfgeschosse, Knüppel, drastische Bilder – jetzt ist halb Hamburg zum „Gefahrengebiet“ erklärt worden. Wie haben Sie die jüngsten Auseinandersetzungen erlebt?

Wir waren mit dem Schwabinggrad Ballett auf einem Lautsprecherwagen dabei. Die Wahrnehmung, die wir von dort hatten, war eine ziemlich andere als das, was da medial verbreitet wurde. Wir und die vielleicht ein-, zweitausend Leute um uns herum waren von der Polizei gleich zu Beginn blockiert und getrennt worden von dem tobenden Kampf vor der Flora. Da stand man dann etwa vier Stunden lang im Schanzenviertel in der Kälte, und gelegentlich wurden die vorderen Reihen von Polizisten gegen Häuserwände gedrückt. Ab und an wurden Demonstranten, die Pfefferspray ins Gesicht bekommen hatten, zum Verarzten zum Lautsprecherwagen gebracht. Dass es uns dann gegen 18.30 Uhr gelang, mit unserem Wagen über Schleichwege zu den Esso-Häusern zu gelangen und dort eine inhaltlich sehr fundierte Kundgebung abzuhalten, darüber hat niemand berichtet. Auch nicht von dem Open Mike, das wir einrichteten, und über das auch etliche nicht gelernte Linke ihren Unmut zum Ausdruck brachten. Ein Obdachloser, zum Beispiel, der lange bei der Flora übernachtet hatte, außerdem mehrere BewohnerInnen der Häuser, ein afrikanischer Migrant – und Zlatko, der in den Esso-Häusern einen Club betreibt und eine sechsstellige Summe in sein Lokal gesteckt hat. Geld das jetzt einfach weg ist, ohne dass es dafür eine Kompensation seitens des Investors gäbe.

Bei den Diskussionen um die Hamburger "Gewaltspirale" gewinnt man den Eindruck: Der Protest spaltet sich gerade auf – in den vermummten Schwarzen Block auf der einen, und ein friedlicheres Lager, den „alternativen Block“, auf der anderen.

Eigentlich war ich immer der Meinung, dass diese Trennung von Militanten versus Friedlichen nicht funktioniert. Es gab bei fast allen Kämpfen der letzten fünfzig Jahre alle möglichen Protestformen, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammengedacht werden müssen. In Wackersdorf, Gorleben zum Beispiel. Und in der Hafenstrasse, die es so heute bestimmt nicht gäbe, hätte man damals nicht das Gewaltmonopol des Staates gebrochen.  Aber das Problem mit dem sogenannten Schwarzen Block ist schon, dass sich von dieser Seite niemals jemand in einem Vorbereitungsplenum hinstellt und klar sagt: „Unser Ziel ist eigentlich nicht die Frage, was mit den Esso-Häusern oder mit der Roten Flora passiert, im Grunde genommen halten wir das für Kleinscheiß, sondern es geht uns darum, unseren Hass auf die Bullen zu artikulieren.“ 

Darauf könnte man sagen: „Dann seid ihr halt falsch hier, hier geht es jetzt um den konkreten Stadtbezug.“ Die Esso-Häuser und der Kampf der Lampedusa-Flüchtlinge sind nunmal keine anarchistischen Projekte, und die Rote Flora lebt auch von ihrer Akzeptanz im Schanzenviertel. Ausserdem – wie sagt die alte Gaunerweisheit: „Man haut das eigene Viertel nicht zu Klump". Ich finde, es ist eigentlich ein Riesenerfolg der Flora, dass sie eine derartige Akzeptanz im Viertel hat, obwohl sie bisher kaum Zugeständnisse an den realexistierenden Kapitalismus um sie herum gemacht hat. Wenn die Flora-Leute heute durchs Viertel gehen und Unterschriften sammeln, erklärt die Hälfte der umliegenden kleinen Läden ihre Solidarität. 

Stimmt es, dass friedlichere Demonstranten in der Anti-Gentrifizierungs-Szene von manchen als „Peaceniks“ verhöhnt werden?

Ja, das gibt es. Wir vom Ballett haben deshalb bei den Demos absichtlich so ganz bunte, weite Puttärmel getragen, im Stile einer Salsa-Band – um uns gleich selbst als Peaceniks zu kennzeichnen, wenn wir eh schon so genannt werden, in Teilen des autonomen Umfelds. Ganz im Ernst: Man kann nicht den Budnikowski [Anm.d.Red.: einen Drogeriemarkt] einschlagen, schon gar nicht wenn da Leute drin sind. Während bei den kaputten Scheiben an einem neuen Investoren-Hotel bestimmt einige Kiezianer klammheimliche Freude empfunden haben werden. Was mich wundert ist, dass diese ganze militaristische „Marzialik“ nicht längst mal feministisch diskutiert wird. Der Frauenanteil bei den Leuten neulich schien mir in etwa der zu sein wie bei Dax-Konzernen.  

Ted Gaier (*1964) ist Gründungsmitglied der Band Die Goldenen Zitronen und Aktivist beim Schwabinggrad Ballett – einem Polit-Kunst-Kollektiv, das sich in Hamburg stark in der „Recht auf Stadt“-Bewegung engagiert. Nach der Krawall-Demo rund um das linksautonome Kulturzentrum Rote Flora sagt er: „Wir müssten den militaristischen Ansatz auch mal feministisch diskutieren.“

Das neue Album der Goldenen Zitronen "Who´s Bad" ist vor wenigen Wochen bei Buback Tonträger erschienen, die Band ist zur Zeit bundesweit auf Tour

Das Gespräch führte Christine Käppeler

Kommentare (16)

fahrwax 09.01.2014 | 01:29

Wäre es nicht einfacher gewesen aus dem Polizeibericht zu zitieren? Warum die Mühen eines Interviews?

Welche Absichten verbergen sich hinter den Fragestellungen?

"Seitens der Polizei Hamburg gab es in der nachfolgenden Aneinanderreihung mindestens drei Begründungen für ihr rechtswidriges Vorgehen gegen die angemeldete Versammlung vom 21.12.2013:
1. Die Demonstranten seien zu früh losgegangen,
2. Die Demonstranten hätten Gewalt ausgeübt (Steine von einer Eisenbahnbrücke Nähe des Bahnhofes Sternschanze), und
3. Weil in der Demonstration ohnehin Gewalttäter waren, wollte man die genehmigte Demonstration nicht in die Innenstadt gehen lassen.
Die beiden ersten „Begründungen“ stellen glatte Lügen dar und wurden schnell widerlegt; sie schliefen dann gewissermaßen ein.
Die dritte Begründung ist hier einschlägig. Nur ist genau diese „Begründung“ rechts und verfassungswidrig; deshalb auch die beiden ersten Schutzbehauptungen („zufrüh losmarschiert“ bzw. „Gewalt gegen PolizeibeamtInnen“) zuvor.

Die zum Teil unwirklichen Brutalitäten der letzten Jahre, verübt durch PolizeibeamtInnen (es schien mehr Disziplin in der Zivilgesellschaft vorhanden zu sein als bei den HoheitsträgerInnen), hat die sog. Szene mit unglaublicher Disziplin und Gleichmut getragen. Genau damit scheint mit dem 21.12.2013 Schluss zu sein?
Abgesehen davon, dass längst Mut dazu gehört, sich auf den Weg zu Demonstrationen mit solchen Themen (Rote Flora, Lampedusa-Flüchtlinge, Mietpreisentwicklung usw.) zu machen. Und zwar wesentlich wg. der inkompetenten
polizeilichen Arbeitsweisen.
"

http://www.kritische-polizisten.de/

JOK 09.01.2014 | 20:18

bei alldem was zur zeit zum sogenannten "schwarzen block" geschrieben wird, geht es mir ein wenig auf den geist wie selbst "linke" und linksliberale medien und einzelpersonen undifferenziert in das horn der mainstream medien stoßen und die "bösen schwarzgekleideten" verurteilen...

auf jeder irgendwie linken demo läuft der "schwarze block" an der spitze. warum? weil die dazugehörigen personen bereit sind die rolle des prellbocks zu übernehmen und sich von provokationen und attacken der polizei nicht einschüchtern zu lassen, so wie es viele der personen im hinteren teil einer demonstration vermutlich tun würden.

des weiteren sind große teile der auf einer demonstration schwarzgekleideten (siehe HH am 21.12.!!) gar nicht offensiv an militanten aktionen beteiligt. in hamburg war zu sehen, dass rund ein drittel der demonstrationsteilnehmer schwarzgekleidet war, während sich an offensiv militanten aktionen nur wenige beteiligten. so kann man überall im internet videos der tapferen demo-sptze sehen, wo schwarzgekleidete personen so lange sie konnten hinter dem front-transparent ausharrten, trotz ständigem wasserwerfer-beschuss. so wie hier z.B. http://www.youtube.com/watch?v=EaTwLBp1QL0

sich auf einer demonstration zu vermummen und dafür die farbe schwarz zu wählen hat noch lange nichts mit gewaltbereitschaft und bullenhass zu tun. nach jahrelanger erfahrung ist die farbe schwarz viel mehr ein schutz. schutz gegen etwaige fotografen von anti-antifa und anderen rechten vereinigungen die solche "events" nutzen um ihre kenntnisse über den feind auszubauen, als auch schutz gegen die permanente filmerei von polizei und sogenannten "verfassungsschützern", die ebenfalls ihre datenbanken zum thema "linksextremismus" erweitern wollen - dessenungeachtet, ob die erfassten personen straftaten begehen oder nicht. so kann bspw. das unvermummte stehen bleiben vor einem wasserwerfer auf dem schulterblatt und ein mögliches durchbrechen einer polizeilinie am 13.02. in dresden mit anschließender festnahme - natürlich um eine friedliche sitzblockade durchzuführen - ganz schnell zu einer hausdurchsuchung oder ähnlichen repressionen führen. darüberhinaus sehen die menschen im "schwarzen block" nicht ein, warum es immernoch keine kennzeichnungspflicht für polizeibeamte geben soll, während von demonstranten verlangt wird ihre identität uneingeschränkt preiszugeben.

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Ehemaliger Nutzer 09.01.2014 | 21:51

Die ganze Dürftigkeit des Interviewtextes ist an dieser Passage ablesbar:

"FRAGE: Bei den Diskussionen um die Hamburger "Gewaltspirale" gewinnt man den Eindruck: Der Protest spaltet sich gerade auf – in den vermummten Schwarzen Block auf der einen, und ein friedlicheres Lager, den „alternativen Block“, auf der anderen.

ANTWORT:Eigentlich war ich immer der Meinung, dass diese Trennung von Militanten versus Friedlichen nicht funktioniert. Es gab bei fast allen Kämpfen der letzten fünfzig Jahre alle möglichen Protestformen, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammengedacht werden müssen. In Wackersdorf, Gorleben zum Beispiel. Und in der Hafenstrasse, die es so heute bestimmt nicht gäbe, hätte man damals nicht das Gewaltmonopol des Staates gebrochen. "

Zunächst wird schon in der Frage unterstellt, dass heute DER Prostest SICH selbst in zwei Blocks spalte, gespaltet habe, ohne hier überhaupt nachzufragen, was für ein "Selbstspaltungsprozess" das denn sein sollte, oder dass die Befragte dies zurückgewiesen, analysiert oder auch nur als nur medial vermittelte Kampfdarstellung zur Sprache gebracht hätte.

Statt dessen behauptet sie für eine Vergangenheit (Gorleben, Wackersdorf) eine Einheit, die es schon damals nicht gab und setzt dem ganzen den Gipfel mit der Formulierung auf, "damals" habe man im Gegensatz zu heute das Gewaltmonopol des Staates nicht unzulässigerweise gebrochen.

Soviel Unsinn, den muß man sich schon einfallen lassen: Weder "damals" noch heute ist das Gewaltmonopol des Staates gebrochen worden. Damals wie heute wird es, wenn auch in veränderter historischer Situation und von unterschiedlichen Trägern zu damals in Frage gestellt. Diese Konfrontation aber trifft auf einen aufgerüsteten Staat, der seine Lektion aus Gorleben o.ä. zumindest auf seine art gelernt zu haben glaubt. Die "Bewaffnung" des schwarzen Blocks ist dabei in der Zeit stehen geblieben.

Niemand stellt die Frage, welche Chance er denn sonst alternativ habe und wie er sie wahrnehmen sollte und wie real, bzw. wie virtuell er wirklich ist und welche antisystemisch gerichtetenen Möglichkeiten es geben könnte diesseits der "Anerkennung" des staatlichen Gewaltmonopols, besonders wenn es so, wie zu erfahren ausgeübt wird?

Klartext: Der linke Protest "bricht"weder DAS Gewaltmonopol des Staates, noch stellt er es per se in Frage, sondern er benennt die Gewaltanwendung des Staates unter Bruch des eigenen Polizei und Verfassungsrechtes als das, was es in diesem Falle ist: Ungerechte Herrschaft des Menschen über den Menschen.

freedom of speech? 10.01.2014 | 13:01

Das ist nicht nur bunt, das ist kriminell.

http://www.taz.de/Militanzdebatte-unter-Linken/!130655/

Zitat aus dem oben genannten "heißen Pamphlet" vom 21.12.2013:

"....Unsere Hypothese für die Flora-Räumung: 200 Leute, 400 Mollis und dazu 50 GenosInnen mit Zwillen, jeweils 15 Schuss Stahlkugeln - und die Bullen werden den Abstand einhalten der geboten ist. Zweitausend bewaffnete, mit Hand- und Schnellfeuerwaffen - und die Bullen werden das Viertel verlassen.

Das Traurige zum Schluss: Irgendwann werden wir schießen müssen...."

Was denken Sie davon? Das würde mich interessieren nach Ihren verwirrenden Äußerungen zwischen den Jahren.

Viele Grüße

fos?

Georg von Grote 10.01.2014 | 13:43

Du gehst von den markigen Sprüchen auf indymedia und vielleicht noch ein paar anderen autonomen Internetseiten aus und übersiehst dabei, dass die Diskussion über Gewalt innerhalb der Autonomen, auch denen, die sich den Militanten unter ihnen zugehörig fühlen, längst im Gange ist. Die Autonomen auch die, die ihre Wurzeln in Hamburg haben, sind keine homogene Gruppe. Da brodelt es momentan auch intern.

Und was bei Dir denn bei meinen Äußerungen zum Jahreswechsel so viel Verwirrung gestiftet?