„Mit Angst kenne ich mich aus“

Im Gespräch Maxim Biller hat die Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ geschrieben. Nimmt er damit Abschied von der „Ichzeit“?
Christine Käppeler | Ausgabe 45/2013 5

Der Freitag: Wie kamen Sie zu Bruno Schulz?

Maxim Biller: Seltsam. Jeder, der mit mir über diese Novelle spricht, spricht mit mir über Bruno Schulz – aber nicht über Thomas Mann, die andere Hauptfigur.

Zu Thomas Mann kommen wir noch.

Super! Also gut – warum Bruno Schulz? Er ist ein Autor, auf den Schriftsteller total stehen. Es gab in den Achtzigern einen Roman von David Grossman, in dem er vorkam, Stichwort: Liebe. Es gab den Roman Der Messias von Stockholm von Cynthia Ozick, da geht es um Schulz’ einzigen und verschollenen Roman. Vor Kurzem hat Jonathan Safran Foer eine Geschichte von Bruno Schulz neu erzählt. Natürlich haben sich immer wieder Schriftsteller der Nachkriegszeit mit ihm identifiziert, weil er nicht im Suff oder im Bett gestorben ist, sondern erschossen wurde. Aber wann immer ich selbst versucht habe, Schulz zu lesen, habe ich mich schnell gelangweilt. Dann ist vor ein paar Jahren eine neue Übersetzung bei Hanser erschienen, von Doreen Daume. Und plötzlich funktionierte das, und ich wollte wissen, wer ist der Mann gewesen, der so gut wie Kafka geschrieben hat. Naja – fast so gut.

Was hat Sie angefixt?

Literarisch: sein zarter, depressiver Surrealismus. Biografisch zuerst eine Sache: Bruno Schulz hat sich tatsächlich in den dreißiger Jahren an Thomas Mann gewandt, und er hat extra auf Deutsch eine Erzählung für ihn geschrieben, Die Heimkehr, so sollte anfangs auch meine Novelle heißen. Da ist also ein polnischer Jude, für den, wie für die meisten Mitteleuropäer damals, deutsche Kultur so wichtig ist wie für viele von uns heute die amerikanische. Alle ahnen schon, was passieren wird, und was macht er? Er schreibt kurz vor Ausbruch des Kriegs an einen der wichtigsten kulturellen Repräsentanten des Volkes, das bald sein Land überfallen wird, in deutscher Sprache: Hilf mir! Hol mich hier raus! Das hat etwas sehr Tragisches und Komisches. Die Erzählung ist aber nie aufgefunden worden, und den Briefwechsel kennt man auch nicht. Das hat mich angefixt! Davon wollte ich erzählen.

In Ihrer Novelle gibt es dann nicht nur den einen, sondern zwei Thomas Manns.

Vor einer Weile habe ich einen Artikel von Hans Sahl gelesen – das war ein deutscher Journalist, Schriftsteller und Übersetzer, der als Emigrant in New York lebte und sehr spät erst, in den achtziger Jahren, nach Deutschland zurückkam. In diesem Artikel aus den Dreißigern berichtet er von einem Mann, der in Polen aufgetaucht ist und behauptet, Hans Sahl zu sein. Dieser Mann versucht die Emigranten auszuspionieren und sie zu überreden, nach Deutschland zurückzukehren. Und gleichzeitig führt er in Warschau ein total verrücktes Partyleben.

So wie der Gestapo-Mann, der sich in Ihrer Novelle in Bruno Schulz’ Heimatstadt Drohobycz als Thomas Mann ausgibt. Ihr Bruno Schulz schreibt das dem echten Thomas Mann in einem Brief. Schulz hat ja ungeheuer viele Briefe geschrieben, von denen nur ein Bruchteil erhalten ist. Sprachlich sind sie anders als seine Erzählungen. Sie wirken sehr umständlich.

Mich interessiert an seinen Briefen nur der Alltag. Sie zu lesen, ist die totale Zeitmaschine. Ich bekomme genau mit, dass er ständig krank ist, dass er eine Verlobte hat, die will, dass er nach Warschau zieht, aber er kommt einfach nicht, und dass er nicht schreiben kann, dass er als Zeichenlehrer unterrichten muss, statt zu schreiben, was er dann aber auch nicht tut, wenn er mal frei hat. Schulz hat nach den Zimtläden eigentlich nichts mehr geschrieben und nur noch einen Band mit ganz frühen Erzählungen veröffentlicht. Der Messias, der Roman, an dem er so lange arbeitete und der dann verschwunden ist – vielleicht hat er sich den nur ausgedacht. Es gibt genug Schriftsteller, die nicht schreiben, obwohl sie behaupten, dass sie schreiben. Aber jetzt sind wir schon wieder in der Writer’s-Writer-Falle. Für mich geht es in dieser Novelle um einen traurigen, ängstlichen, leicht perversen Mann aus dem Polen der späten und sehr verrückten dreißiger Jahre. Ich glaube nicht, dass es die Geschichte eines Schriftstellers ist.

Was für eine Geschichte ist es dann?

Am Ende vielleicht sogar meine eigene. Literatur ist nicht Journalismus, obwohl man dafür auch einen Laptop und sieben Stunden Schlaf täglich braucht. Und Recherche für ein Stück Prosa hat nichts mit einem Blick ins Zeitungsarchiv zu tun. Es ist der poetische Blick auf das Leben, auf Menschen, die man kennt oder von denen man gehört hat, und am besten kennt man natürlich – wenn man sich traut! – sich selbst. Das Prinzip bei mir ist immer gleich: Ich stoße, wie im Fall von Bruno Schulz, auf jemanden, der mich fasziniert, ich schreibe über ihn, und wenn ich dann fertig bin, merke ich: Das bin ja ich! Machen Sie das mal als Journalist – Sie fliegen nach drei Artikeln raus.

Sie haben einmal gesagt, es müsse Ihnen gelingen, Thomas Mann zu zerstören. In Ihrer Novelle tritt er nun als der Satan von Drohobycz auf. Er kommt in diese Kleinstadt, und die Bewohner lassen sich bereitwillig von ihm erniedrigen.

Es langweilt mich, in einem Land zu leben, in dem Thomas Mann eine Heiligenfigur ist. Das, wofür er steht, stört mich, aber es elektrisiert mich auch. Er steht für die klassische deutsche Bildungsbürgerheuchelei und Zivilisationsverachtung. Innen reaktionär, außen pseudo-liberal. Diese Figur des scheinbar geläuterten Deutschen, der tief drin autokratisch gesinnt ist, ist gleichzeitig darum so interessant, weil sie fies und verlogen ist – und damit so wie wir alle, jeder natürlich auf seine Art. Über Thomas Mann – und über Bruno Schulz – schreiben, heißt also über das Leben schreiben und nicht über Deutsche und Juden. Wenn Milan Kundera in seinem Roman Der Scherz davon erzählt, wie die Menschen im Stalinismus zermalmt wurden wegen nichts, dann ist es erst mal ein Roman, der im Stalinismus spielt, aber am Ende ist es ein Roman darüber, wie machtlos wir Menschen gegen das böse, launische Leben sind. Ich hoffe, mir ist mit der Figur des doppelgesichtigen, satanischen Thomas Mann, der Bruno Schulz quält und trotzdem von ihm bewundert wird, etwas Ähnliches gelungen.

In Ihrer Novelle schreiben Sie, wofür Bruno Schulz Thomas Mann bewundert. Seine Sprache.

Das unterscheidet ihn natürlich von mir. Mich zermürbt und langweilt Manns Sprache. Zu viele Worte, zu geschwollen. Alle Leute, die glauben, dass sie Schriftsteller sein müssen, schreiben zuerst immer wie Thomas Mann.

Sie auch, erfährt man in Ihrem Selbstporträt „Der gebrauchte Jude“.

Es war eine Erzählung, ich schwöre, nur eine einzige!

Vor zwei Jahren haben Sie in der „FAZ“ einen Essay über unsere literarische Epoche veröffentlicht, die sie „Ichzeit“ nennen. Sie schließen damit, dass Sie diese Setzung wichtig finden, weil Sie gerne wissen, wo Sie stehen und warum – um dann bald wieder verschwinden zu können. Tun Sie das nun mit dieser Novelle?

Ich bin kein Masochist wie Bruno Schulz in meiner Novelle. Ich bin ein bisschen wehleidig und ein bisschen sadistisch. Ansonsten gilt, was ich vorhin gesagt habe: Ich habe eine Novelle über mich geschrieben. So sehe ich die Welt, so lebe ich. Und ich weiß: Eigentlich leben wir alle mit Angst, sie ist unser ständiger Begleiter. Davon handelt dieses Buch, nicht von Polen, nicht von Nazis, nicht von Sado-Maso-Sex in der Umkleidekammer in einer Schule in Drohobycz. Sondern von Angst – und darum von mir. Weil ich mich mit Ängsten supergut auskenne. Was ich in dem Essay Ichzeit gesagt habe, ist nicht so weit davon entfernt – das Ich und das total Autobiografische geben den Rhythmus vor, nach dem wir alle heute leben, gerade die Schriftsteller, gerade ich.

Ein bestimmender Faktor ist bei Schulz doch aber die Kleinstadt Drohobycz. Die Frage ist ja, warum ist er da nicht rausgekommen.

Habe ich es nicht schon gesagt? Angst!

Sie sind Kosmopolit. Diese Kleinstadt-Angst ist doch eine andere.

Woher wissen Sie das? Schulz ist ja vor den Nazis nicht geflohen, obwohl seine Freunde aus Warschau alle Papiere für ihn vorbereitet hatten. Ich, der Großstädter, weiß genau, warum er nicht losgefahren ist. Weil er nicht wusste, wie wird das Bett sein an seinem Fluchtort, wird es dort zu laut sein, wird es dort in der Nähe einen guten Arzt geben. Ich kenne solche Gedanken sehr gut. Hätte ich die Kraft gehabt, rechtzeitig zu verschwinden, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre? Ich weiß es nicht. Aber lassen Sie mich kurz in meinem Kopf nachsehen, und ich sage es Ihnen gleich.

Das Gespräch führte Christine Käppeler

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DIE FIGUR

Bruno Schulz (1892 – 1942) wird im galizischen Drohobycz geboren, das damals am östlichen Rand der k.u.k.-Monarchie liegt. Heute gehört es zur Ukraine. Schulz verdient seinen Lebensunterhalt als Zeichenlehrer, sein eigentliches Interesse gilt jedoch der Kunst und der Schriftstellerei. Ab 1922 stellt er seine Grafiken, Zeichnungen und Ölgemälde in Einzel- und Gruppenausstellungen in Warschau, Lemberg und Krakau aus.

Sein erster literarischer Band Die Zimtläden erscheint 1932. In surrealen, bildgewaltigen Erzählungen schildert Schulz darin aus kindlicher Perspektive die phantastisch-grotesken Vorgänge in einem Haushalt in Drohobycz. Der Band ist mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt worden. Schulz drängte zu Lebzeiten mehrmals ohne Erfolg auf eine Veröffentlichung in Deutschland. Erst 1961 erscheint die erste Übersetzung in deutscher Sprache bei Hanser.

Schulz’ Korrespondenz ist größtenteils verschollen, darunter die Briefe an seine Verlobte Juna und die Novelle Die Heimkehr, die er nebst einigen Briefen an Thomas Mann schickte. Schulz war ein exzessiver Briefeschreiber. Erhalten sind einige Briefe an polnische Schriftsteller und Künstler sowie an die Schulbehörden. Sie zeugen von seinen Schwierigkeiten, neben dem Broterwerb seiner künstlerischen Tätigkeit nachzugehen. Auch wird die Arbeit am Roman Der Messias erwähnt, der nicht erhalten ist.

Drohobycz wird 1939 zunächst von den Deutschen, dann von der Roten Armee besetzt. 1941 besetzen die Deutschen im Zuge des Russlandfeldzugs wieder die Stadt. Bruno Schulz verliert als Jude seine Lehrerstelle. Im Tausch gegen Nahrungsmittel für seine Familie wird Bruno Schulz Leibeigener des SS-Hauptscharführers Felix Landau, der seine Fähigkeiten zu Propagandazwecken nutzt. 1942 wird Bruno Schulz im Rahmen einer größeren Gewaltaktion auf offener Straße von einem Gestapo-Mann aus Rache erschossen, dessen jüdischer Leibeigener zuvor von Felix Landau erschossen worden war.

2001 spürte ein deutsches Filmteam in Drohobycz die Wandfresken auf, die Schulz für Landaus Kinder an die Wände von dessen Villa malen musste. Der Film Bilder findendokumentiert diese Suche.

Im Kopf von Bruno Schulz Maxim Biller Kiepenheuer & Witsch 2013, 80 S., 16,99 €


Maxim Biller zählt zu den streitbarsten deutschsprachigen Autoren und Journalisten. Er wurde 1960 in Prag geboren, ab 1970 lebte er in Hamburg, München und Berlin. Bekannt wurde er in den Achtzigern durch seine Kolumne „100 Zeilen Hass“ in der Zeitschrift Tempo. Zuletzt erschienen das Selbstporträt Der gebrauchte Jude und sein Theaterstück Kanalratten

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06:00 11.11.2013
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