Moppel im Lüftungsschacht

Tatort Cenk Batu kämpft in Hamburg gegen den Präzisionsplan eines Toten. Doch obwohl die Bombe tickt wird, viel zu viel diskutiert.

In der ersten halben Stunde sieht Hamburg in diesem Tatort wieder großartig aus. Jede Menge Hochhaustürme, mit Hochhausaussichten. In der zweitbesten Szene - ästhetisch gesehen - fällt da Herbstlaub vor dem großen Fenster einer Fabrikhalle am Mexikoring zu Boden, durch die man drinnen Kommissar Batu klein und erschöpft mit der zweiten Nachricht des toten Entführers stehen sieht. In der allerbesten schießt sich Stipe Erceg vor der Kulisse des Hafens im 21. Stock ein Loch in den Kopf.

So urban war Hamburg noch nie

In der ersten halben Stunde wird die Schauplatz-Meßlatte, die der erste neue Hamburg-Tatort „Auf der Sonnenseite“ hoch gelegt hatte, locker übersprungen. Schon der erste Tatort mit Mehmet Kurtulus als Cenk Batu punktete mit Stadtansichten, die man selbst als Hamburger so nicht kennt: Die Aussicht aus einem Plattenbau in Wilhelmsburg, oder der Blick auf die vierspurige Straße aus den getönten Scheiben der Mundsburghochhäuser im 19. Stock. So urban war Hamburg im Fernsehen noch nie – nicht einmal als Arte „Durch die Nacht mit H.P. Baxxter und Heinz Strunk“ drehte. Und vor allem: Es fehlten alle klassischen Klischees. Also keine Verfolgungsjagden aus der Reeperbahn und keine verdeckten Ermittlungen im Kiezmilieu.
Wie Stipe Erceg jetzt im Häuserkampf-Tatort im 21. Stockwerk des Empire-Hotels erst ein Ei köpft und dann sich selbst erschießt, ist wahnsinnig gut anzuschauen. Wenn er mit einem Ruck sein Hemd aufreißt, damit alle die Narben der Polizeischüsse auf seiner Brust sehen können, fragt man sich vielleicht einen kurzen Moment besorgt, ob Stipe Erceg seit seiner Rolle als Holger Meins im Baader-Meinhof-Komplex eigentlich überhaupt ein Gramm zugenommen hat (beziehungsweise, ob er für die Szenen mit Holger Meins im Hungerstreik überhaupt abnehmen musste), dann steckt er sich auch schon die Pistole in den Mund und stirbt im Fadenkreuz der SEK-Männer einen perfekt geplanten, maßgeschneiderten Tod. Mehmet Kurtulus stiehlt er in der Szene lässig die Show. Da hilft auch die Klettertour durch den Lüftungsschacht á la Bruce Willis nichts: Wenn er sich aus dem Lüftungsschacht in den Frühstücksraum mit dem toten Zoltan Didic abseilt sieht er dabei nicht lässig, sondern ganz schön moppelig aus.

Die Uhr tickt. Gähn!

Von hier an hat „Häuserkampf“ ein klares Problem: Die Uhr tickt, und trotzdem wird die ganze Zeit über semi-wichtiges Zeug geredet. Spannend ist dieser Tatort nur, wenn der Action-Plot vorangetrieben wird: Wenn der jugoslawische Waffenschieber Istjevic Batu das Messer an den Hals hält, oder wenn Batu ein Paket öffnet, dass der tote Zoltan Didic für den komatösen SEK-Kollegen Jansen auf dem Wohnzimmertisch hinterlegt hat. Aber eben nicht, wenn Lars Rudolph als zerknautschter Spion zu Batu in den Lieferwagen steigt, und langwierig herumlamentiert. Oder die ganzen unnützen Minuten, in denen über Cenk Batus Tarnung geredet wird. Denn eigentlich hat ihn sein Chef Uwe Kohnau (herrlich mit Hundeblick: Peter Jordan) beim SEK als Oktay Metin eingeschleust. Deshalb jammert Kohnau nun jedes Mal wenn er Batu an einer Station auf dem Weg zur Bombe trifft: „Cenk, deine Tarnung fliegt auf!“ In den Neunzigern kursierte im Saarland ein Amateurporno, von dem vermutlich jeder gehört hat, der einen Saarländer kennt. Es gibt eine Stelle in diesem Porno, die immer wieder zitiert wird: „Franz, dei Schnorres!“ („Franz, dein Schnurrbart!“). Die Szene ist deshalb so lächerlich, weil jeder weiß, wer der Regisseur und Hauptdarsteller ist, egal ob der falsche Schnurrbart nun hält oder rutscht. So ähnlich ist es mit der Tarnung von Cenk Batu: Sie existiert für den Zuschauer nicht. Nicht, dass falsche Schnurrbärte oder Perücken es besser machen würden, aber so ein bisschen mehr Konspiration? Batu muss für diesen Fall ja noch nicht einmal die Wohnung wechseln. Wofür es eigentlich nur eine Erklärung gibt: Der blödeste Nebenplot der Welt. Denn da ist ja noch die Nachbarin, die Batu mittlerweile sogar ihr Fahrrad leiht. Falls sie für Kommissar Batu irgendwann das werden soll, was Mary Jane Watson für Spiderman ist – ein echtes Risiko – ist ein weiter Weg zu gehen. Die Szene, in der Batu sich hinter einem Lieferwagen versteckt, um von ihr bei seinen Ermittlungen nicht gesehen zu werden, gehört schlechterdings zu den langweiligsten des Falls.

Also bitte: Gebt Kommissar Batu eine neue Wohnung für seinen nächsten Fall. Irgendwo im 20. Stock aufwärts wäre schön.

FÜRS LEBEN GELERNT: Kindergeburtstage in Hamburg sind eine teure Angelegenheit.

WAS NACH DIESEM TATORT ZU HOFFEN BLEIBT: Weniger Szene-Touristen auf der Schanze, jetzt, wo bekannt ist, dass die Jugoslawen dort bis an die Zähne bewaffnet sind.


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