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Architektur In Berlin-Mitte soll der Prototyp eines Hauses gebaut werden, in dem Geflüchtete nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten können

In der Wittenberger Straße in Berlin-Marzahn stehen seit Weihnachten zwei neue Wohnriegel, die aussehen wie frisch aus der Folie gepellt. Noch brennt kein Licht, nur die grünen Notausgangsleuchten sind bereits an. Ein Sperrholzzaun schirmt das Gelände ab, auf den Planken grinsen Tiere mit Kindern und Pflanzen um die Wette. Dazwischen stehen aufmunternde Slogans: „One world one future“ und „Es passiert nichts Gutes, außer man tut es“. Gefördert wurde die Bauzaungestaltung durch „das Willkommenskulturprojekt im Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren 2016“, klärt ein Zettel des Senats auf. 450 Geflüchtete sollen bald schon in die grauen Kästen ziehen, es ist die erste der sogenannten MUFs, die der Berliner Senat baut, Modulare Unterbringungen für Flüchtlinge.

Sieht man sich eine Karte mit allen Unterkünften an, die in Berlin bereits fertiggestellt wurden oder sich im Bau befinden, dann fällt auf, dass in Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain – dort also, wo die Akzeptanz von Flüchtlingen hoch ist – keine verzeichnet ist. Nur in Kreuzberg soll bis Ende März ein Containerdorf für 160 Flüchtlinge entstehen. Drei MUFs finden sich bisher auf der Karte, eine in Reinickendorf und zwei in Marzahn. Auch dafür gibt es eine Abkürzung in Berlin. Jwd, janz weit draußen.

Hacker aus Aleppo

Eine Gruppe junger Architekten entwickelt derzeit mit dem Journalisten und Architekturtheoretiker Niklas Maak einen Prototyp, der den Schwächen dieser Form der Unterbringung etwas entgegensetzen will. Ihr SuperSpace soll deutlich kleiner sein und nur 20 Menschen beherbergen, dafür schnell und kostengünstig an mehreren Standorten in Mitte gebaut werden können. Es soll ein Gegenentwurf zur Isolation sein, die den Geflüchteten trotz gut gemeinter Infrastrukturförderprogramme in einem abgeschotteten Wohnriegel am Stadtrand droht.

Die Idee entstand vor gut einem Jahr in Harvard, wo Maak ein Seminar zum experimentellen Wohnungsbau hielt. Drei Monate verbrachten die Architekten, die damals noch seine Studenten waren, in Europa. Mit Google Translator gerüstet, besuchten sie Notunterkünfte und Containerdörfer. Sie lernten unter anderem einen Bäcker aus Äthiopien kennen und zwei Hacker aus Aleppo. „Wir haben gemerkt, dass diese Menschen arbeiten wollen, was durch den zweiten Arbeitsmarkt theoretisch möglich wäre. Nur fehlen architektonische Lösungen, die es leicht machen, Arbeit und wohnen zusammenzudenken“, erzählt Niklas Maak. Er greift zu einem Stift und zeichnet einen langgestreckten Kasten, teilt ihn einmal längs und mehrmals quer, dann bekommt jeder Quader noch ein kleines Fenster. Am Ende zieht er einen Zaun davor. „Gebaut wird für ein Schlaf- und Schutzbedürfnis. Die Frage, was die Menschen von morgens um sieben bis abends um elf machen, wird nicht beantwortet.“ Maak zeichnet einen zweiten Kasten, darunter ein Gerüst. „Wir schaffen hier einen offenen Raum.“ In kleinen Kojen sollen Workshops entstehen, in denen Brot gebacken, Stühle gefertigt oder Handys repariert werden können. Dazu soll es eine kleine Markthalle geben, in der Gemüse, Obst und andere Dinge des täglichen Bedarfs angeboten werden. Die Geflüchteten sollen im SuperSpace die Möglichkeit haben, etwas anzubieten – und die Nachbarn einen triftigen Grund, zu ihnen zu kommen.

Copy-and-paste-Riegel

Die Architekten möchten damit auch den Bildern von Geflüchteten etwas entgegensetzen, die uns in den Medien ständig begegnen: Menschen, die auf Smartphones starren, Erwachsene, die auf Schulbänken sitzen, Vorzeige-Azubis, deren Zuverlässigkeit gepriesen wird. „Sie sind immer untätig oder in einer Rolle, in der sie nichts verstehen oder sich etwas zeigen lassen müssen“, kritisiert Niklas Maak. „Die Bilder, wie Deutsche „denen“ etwas zeigen, haben auch etwas von Hundedressur. Ein eigener Laden ist deshalb auch im Sinn der Menschenwürde wichtig.“

Nach oben hin soll das Haus zunehmend privater werden. Im ersten Stock sind noch gemeinsame Flächen für alle Bewohner eingeplant, ab dem zweiten dann ausschließlich Rückzugsräume. Wie sie diese aufteilen möchten – etwa wie groß die Schlafzimmer im Vergleich zum Wohnzimmer sein sollen und wie viele sie brauchen –, sollen die Bewohner selbst entscheiden können. Möglich wird dies durch Holzwände, die relativ einfach versetzt werden können. Menschen, die es gewohnt sind, sich ständig neuen Gegebenheiten anzupassen, können so ein Stück weit wieder autonom über ihren Wohnraum entscheiden.

Es ist nicht das erste Projekt, das kreative Lösungsansätze erarbeitet, um Geflüchtete besser in bestehende Communitys einzubinden. Im Sommer 2015 erschien ein viel beachteter Band mit dem Titel Refugees Welcome. Konzepte für eine menschenwürdige Architektur. Auch er ging aus einem Hochschulprojekt hervor, in diesem Fall an der Leibniz Universität Hannover. Einer der interessantesten Vorschläge sah vor, Universitätsgebäude mit Wohnungen auf den Flachdächern von aufzustocken, um so einen unmittelbaren Kontakt zwischen Geflüchteten und Studenten zu ermöglichen. Fragt man eineinhalb Jahre später nach dem Stand der Projekte, erfährt man jedoch, dass keines realisiert wurde.

Maak war es wichtig, dass die jungen Architekten lernen, an politische Entscheidungsträger heranzutreten. Die Kulturstiftung des Bundes wird das Haus teilfördern, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte wird einen ersten Standort an der Karl-Marx-Allee zur Verfügung stellen, außerdem die Wasserzufuhr, Elektrizität und Abwasser. Ihr SuperSpace läuft als Kunstprojekt, dadurch werden einige Dinge möglich sein, die mit den herrschenden Baustandards eigentlich nicht vereinbar sind – sehr kleine Schlafzimmer zum Beispiel, wie sie in Japan üblich sind, oder mit Schurwolle gestopfte Vorhänge als Wärmedämmung, wie sie das französische Büro Lacaton & Vassal erfolgreich einsetzt. „Wir wollen bewusst zeigen, dass es auch ohne diese Standards geht“, sagt Maak. Ein Ziel wäre, dass Besucher sich fragen: „Warum wohnen wir eigentlich nicht so?“

Denn die Ankunft so vieler Menschen, deren Familien vorübergehend oder dauerhaft zerrissen sind, streicht auch Probleme des Wohnungsbaus heraus, die schon länger bestehen. „Es gibt einen enormen Widerstand der Bauindustrie, ein Modell aufzugeben, mit dem sie extrem viel Geld verdient. Für viergeschossige wärmegedämmte Riegel mit 300 Wohnungen sind alle Pläne gezeichnet. Sie drücken nur noch Copy-and-paste“, sagt Maak. Baupolitik ist immer auch eine normative Setzung. Gefördert wird, was gesellschaftlich wünschenswert erscheint. Und so werden vor allem Wohnungen für junge Familien gebaut. „Wir bauen damit an 75 Prozent der Bevölkerung vorbei.“

Dass Singles mit Singles zusammenwohnen oder auch Paare mit Freunden, ist in diesen Wohnungen schwer zu verwirklichen, sobald man dem studentischen Modell mit Gemeinschaftsklo und -dusche entwachsen ist. Vor ähnlichen Problemen stehen Familien, wenn noch ein Baby hinzukommt oder die Kinder das Haus verlassen. Entweder man zieht dann um, was finanziell oft nicht möglich ist, oder man passt sich Räumen an, die den eigenen Lebensumständen überhaupt nicht entsprechen. Der SuperSpace ist deshalb auch als Laboratorium gedacht, in dem erprobt wird, wie es wäre, wenn die Räume sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen – und nicht umgekehrt.

FAM - NYC/Cambridge ist ein Verbund junger Architekten, die 2016 in Harvard graduiert haben. Zu der Gruppe gehören Stephanie Conlan, Julian Funk, Gregory Logan, Giancarlo Montano, Nancy Nichols, Elizabeth Pipal, Jen Saura, Christopher SooHoo und Dana Wu.

06:00 13.01.2017

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