Pausensignale forever

Tonkunst Susan Philipsz hat ­gerade den Turner-Preis ­gewonnen – obwohl oder weil es in ihrem Ausstellungsraum in der Tate nichts zu sehen gab. Ein Besuch im Berliner Atelier

Wie soll man sich das Atelier einer Soundkünstlerin vorstellen? Noch dazu einer, die als erste überhaupt in diesem Jahr mit dem angesehenen Turner-Preis ausgezeichnet worden ist – für eine Arbeit, die aus nichts als drei Lautsprechern besteht, aus denen Besucher der Tate Britain in London zurzeit Susan Philipsz’ Stimme hören können, wie sie drei verschiedene Versionen einer schottischen Volksweise namens Lowlands singt. Wobei es falsch wäre­, den visuellen Teil dieser Arbeit auf die drei Lautsprecher zu reduzieren, zwischen denen der Museumsbesucher sich, wenn er das möchte, auf eine Bank legen und die drei sich überlagernden Lieder auf sich wirken lassen kann. Als die Jury Lowlands für den Turner-Preis auswählte, ertönte das Lied noch alle zehn Minuten in Philipsz’ Heimatstadt Glasgow unter den drei Brücken über den Fluss Clyde. Bis vor ein paar Jahren soll die Stadt einen Angestellten beschäftigt haben, der nur dafür zuständig war, die Leichen der Selbstmörder aus dem Fluss zu ziehen. Lowlands, das Lied des Seemannes, den das Meer der Frau, die er liebt, entrissen hat, muss hier eine ganz eigene Wirkung entfaltet haben. Genauso falsch wäre es aber, zu sagen, dass Lowlands ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum ist, das in einen Museumskontext übertragen worden ist: Die allererste Version entstand für eine Ausstellung in den Räumen der Galeristin Isabella Bortolozzi in Berlin.

Auch Philipsz’ Atelier befindet sich in Berlin, sie teilt es sich mit ihrem Mann, dem Fotografen Eoghan McTigue. Ein roter Klinkerbau in Schöneberg, dessen Vorleben als öffentliche Lehranstalt unverkennbar ist. Über dem Eingang weist ein meterbreites Banner auf eine Gemeinschaftsausstellung der Künstler hin, die hier arbeiten. Es ist aus dicker Folie und mit einem Gruppenfoto bedruckt. Die Frau mit den langen, rotblonden Haaren und den lebhaften, wasserblauen Augen, die ich von Fotos als Susan Philipsz kenne, ist nicht dabei. Viel ist an diesem Morgen nicht los. Im Erdgeschoss liegt eine chinesische Musikschule, von dort kommt kein Ton, nur der Lärm einer Fräse begleitet mich bis in den dritten Stock. Erst als sich die Tür zu Philipsz’ Raum hinter mir schließt, ist es wieder still. Philipsz deutet lachend auf ein Paar Flip-Flops am Boden: „Da können Sie sehen, wann wir hier zuletzt aufgeräumt haben.“ Viel aufzuräumen gibt es ohnehin nicht. Zwei Schreibtische bilden eine Arbeitsecke, auf dem einen ein Monitor, ein Keyboard, eine Tastatur, daneben ein Standmikro – „Neumann, das sind die besten. Oder zumindest die teuersten, was einem das Gefühl gibt, mit dem besten zu arbeiten.“

Lieder für die Fleischtheke

An der Wand markieren sechs Zettel die Orte ihrer aktuellen Sound-Installation Surround Me in der City of London. Philipsz folgt meinem Blick etwas nervös. Geschwind löst sie zwei Zettel von der Wand, sagt entschuldigend, dass die Popsongs, die darauf notiert sind, mit dem Werk in seiner jetzigen Version nichts mehr zu tun haben. Offensichtlich auch das Relikte der Flip-Flop-Zeit. Philipsz hat in der Vergangenheit oft mit aktuellen Popsongs gearbeitet. 2004 sang sie in einem Tesco-Supermarkt in London über das Mikrofon, das die Sonderangebote anpreist, Airbag von Radiohead. Surround Me besteht nun ausschließlich aus Liedern, die um 1600 entstanden sind, Balladen von Thomas Ravencroft, John Dowland und Orlando Gibbons. Trotzdem, sagt sie, gehe es ihr nie nur darum, Vergangenes zu beschwören: „Der Finanzdistrikt ist heute dort, wo die alte City stand. Man kann immer noch Teile der Stadtmauer erkennen, dahinter sieht man The Gherkin, dieses hypermoderne Gebäude. Es ist eine Ewigkeit her, dass hier die erste Blase entstand. Im 16. Jahrhundert wurde gleich neben der späteren Börse echter Handel getrieben – und nebenbei auf die Südsee spekuliert. Ravencroft ließ sich von den Straßenhändlern inspirieren, er verwendete ihr Geschrei. Ich setze diese Lieder in einen Kontext zum Bankenviertel. Silver Swan von Gibbons ist ein Lied über das Ende einer Ära, das hat heute einen Nachhall. In anderen geht es um die Pest, das Feuer, die Abwesenheit von Menschen. Wenn man heute am Wochenende in den Finanzdistrikt geht, erschlagen einen fast die Stille und Leere. Man fühlt die Abwesenheit der Menschen extrem stark. Ich wollte die Leute dorthin zurückholen, um das zu erfahren.“

Als der Konzeptkünstler Bruce Naumann 2004 seine Audio-Installation Raw Materials in der Tate Modern ausstellte, sagte er, er ertrage es nie lange, in der Nähe seiner eigenen Arbeiten zu sein. Ich frage mich, ob es ihr ähnlich wie Naumann geht. „Manchmal ist es mir peinlich, meine eigene Stimme zu hören. Ich habe keine ausgebildete Gesangsstimme, ich versuche nicht, sie aufzupolieren, deshalb fühle ich mich sehr exponiert. Meine Arbeit ist nicht ironisch. Als ich im Supermarkt die melancholischen Popsongs sang, war das etwas sehr Privates, das in einen öffentlichen Raum eindrang, obwohl ich drei Stockwerke über den Kunden saß. Einmal habe ich in einem Kino vor dem Film eine Tonaufnahme abgespielt – über die Anlage, die auf diese wahnsinnigen Stereo-Sounds ausgelegt ist. Man konnte jeden Atemzug, jeden Fehler hören. Mein Kopf glühte und ich dachte, jeder sähe mich an, obwohl es dunkel war. Manchmal fühle ich mich in der Gegenwart meiner Werke nicht wohl.“

Ein Klang stirbt niemals ganz

Als Philipsz und McTigue 1999 im Rahmen des Atelierprogramms der Kunstwerke nach Berlin kamen, stellte sie sich in eine Unterführung des Bahnhofs Friedrichstraße und sang die Internationale. Rückblickend, sagt sie, würde sie das nicht noch einmal machen. „Ich will nicht Teil der Erfahrung sein. Eine körperlose Stimme funktioniert besser.“ Seit Philipsz im Jahr 2000 zur Manifesta nach Ljubljana eingeladen wurde, sind die räumlichen Distanzen zwischen den Orten, an denen ihre körperlose Stimme erklingt und Philipsz selbst größer geworden. Erst gestern ist sie von einer Ortserkundung für das Maxxi Museum aus Rom zurückgekehrt, wo sie 2012 ausstellen wird. Nach der Turner-Preis-Verleihung reist sie direkt nach Aspen, wo ihre Stimme zwischen zwei Skihängen widerhallen soll – ein „Busfahrerurlaub“ werde das, sagt sie; die englische Umschreibung für einen Urlaub, der eigentlich aus Arbeit besteht, Ende Februar eröffnet in Chicago ihre Arbeit We Shall Be All, und dann ist da noch eine Sache in Tokio, die ihr Techniker Frank Bode aber alleine vor Ort installieren kann. Umso überraschter, sagt sie, sei sie über den Anruf von Dr. Penelope Curtis gewesen, der Direktorin der Tate Britain, die ihr mitteilte, dass sie für den wichtigsten Preis für zeitgenössische britische Künstler unter 50 Jahren nominiert ist: „Ich arbeite zwar schon lange als Künstlerin, aber ich habe viel in Amerika und ganz Europa ausgestellt und kaum in Großbritannien.“

Von einer ihrer seltenen Arbeiten in Großbritannien zeugt ein schlichtes Plakat in ihrem Atelier, darauf steht in großen Buchstaben „You Are Not Alone“, der Titel einer Arbeit, die Philipsz Anfang des Jahres im Radcliffe Observatory in Oxford realisierte und zu der ein Begleitband erschien; ein schmales, graphitgraues Heft, mit Fotos von McTigue und einer langen Abhandlung des Chefredakteurs der Kunstzeitschrift Frieze, Jörg Heiser. Sie hat für diese Arbeit die Pausensignale unterschiedlichster Radiostationen – etwa: Sender Freies Berlin, Voice of the People of Ho Chi Minh City, USSR All Union Radio – insbesondere aus den Fünfzigern auf dem Vibraphon nachgespielt und quer durch Oxford auf einen Empfänger im Observatorium gesendet. In dem Heft – wie auch in anderen Publikationen zu Philipsz’ Arbeiten – fallen immer wieder ein Name und ein Zitat. Guglielmo Marconi, Pionier der drahtlosen Kommunikation und neben Nikola Tesla so etwas wie der Stiefvater des Radios, soll einmal gesagt haben: Ein Klang, der einmal erzeugt wurde, stirbt niemals ab. Er wird schwächer, doch er hallt in Form von Schallwellen weiter im Universum nach.

Er gilt als wichtigster Kunstpreis Großbritanniens: der Turner-Preis. Seit 1984 wird er für neue Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst an britische Künstler unter 50 Jahren für eine herausragende Ausstellung oder andere Werkpräsentation verliehen. Namenspate William Turner (1775-1851) zählte zu den Vertretern
der Romantik und ist einer der bekanntesten englischen Maler überhaupt. 2000 erhielt der in Remscheid gebürtige Fotograf Wolfgang Tillmanns als erster Nicht-Brite wenn auch damals Wahl-Londoner den Preis. Zu den bekanntesten Preisträgern zählen Gilbert George und Damien Hirst. Die Auszeichnung wird in der Tate Britain übergeben, wo in diesem Jahr die Werke aller vier Nominierten noch bis
zum 3. Januar 2011 zu sehen oder zu hören sind.

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11:15 09.12.2010
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