Radio ist meine Lieblingszeitung

Hegelplatz 1 Dürfen Printjournalistinnen dem Text auch mal das gesprochene Wort vorziehen?
Christine Käppeler | Ausgabe 47/2018 11
Radio ist meine Lieblingszeitung
Nur mit Text lockt man auf Dauer keinen Hund hinterm Ofen hervor

Foto: Fox Photos/Getty Images

Ende November stehen am Hegelplatz alle Zeichen auf Weihnachten und die Art Direktion stockt ihre Schnapspralinenvorräte auf (s. der Freitag 42/2018). Bevor Sie überlegen, spontan mit einer Schachtel Mon Chéri vorbeizuschauen: Besonders besinnlich geht es bei uns dieser Tage nicht zu. Wie jedes Jahr planen wir jetzt die Zeitung, die kurz vor den Feiertagen erscheinen wird. Eine ganze Ausgabe zu einem übergeordneten Thema. Welches, darüber debattieren wir stundenlang. In den vergangenen Jahren haben Nostalgie; Mut; Fakten, Fakten, Fakten und Identität das Rennen gemacht. Einmal ging es auch schlicht um Farben. Was das Votum dieses Jahr ergab, kann ich Ihnen nicht verraten. Aber welches Thema mal wieder verworfen wurde: Radio. Nicht der gute alte Kasten, den hätten wir auch 2012 in der Nostalgie-Ausgabe abhaken können. Sondern alles, was das Medium hergibt, von Propaganda-Schleudern wie Infowars bis zu den Informationen am Morgen im Deutschlandfunk.

Was mich als Printjournalistin irritiert, ist, wie oft ich selbst inzwischen Audio vorziehe. Ich würde ja gerne von mir behaupten können, ich läse täglich die New York Times. Meist sind es drei, vier Artikel die Woche online. Dafür höre ich so ziemlich jede Folge von The Daily, dem Podcast des NYT-Redakteurs Michael Barbaro. Gut 20 Minuten dauern die einzelnen Folgen, für die Barbaro sich Experten aus dem eigenen Haus einlädt, mit denen er ein aktuelles politisches Thema vertieft. Barbaro hakt ständig nach: Was genau ist passiert? Was geschah dann? Warum sollte er das tun? Was könnte ihre Motivation sein? Wer verstehen will, was hinter den jüngsten Facebook-Enthüllungen steckt, weiß nach der Folge von vergangenem Freitag wirklich alles.

Am liebsten höre ich im Moment The Lot Radio. Das Studio des Onlinesenders befindet sich in einem ausrangierten Schiffscontainer, der auf einer Brache in Brooklyn steht. Musiker und DJs legen dort auf, und das Schöne ist, dass man ihnen live dabei zusehen kann. Während ich diese Zeilen schreibe, legt der Sänger des Noise-Rock-Trios A Place to Bury Strangers den Song I Can’t Live Without My Radio von LL Cool J auf.

Um ehrlich zu sein: Als ich früher selbst zwei Stunden im Monat bei einem unabhängigen Radiosender auflegte, neue Platten vorstellte und Interviews mit Bands abspielte, da fand ich es extrem gut, dass dieses Studio schallgeschützt und fensterlos war. Es spricht sich entspannter zur Welt da draußen, wenn man von ihr abgekoppelt ist.

In den Konferenzraum des Freitag haben nur die Nachbarn aus der Wohnung gegenüber Einblick. Aber das ist ein anderes Thema: Privatsphäre. Für die Jahresendausgabe 2019 schreibe ich mir das schon mal auf meine Longlist.

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06:00 28.11.2018
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Ausgabe 32/2020

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