Fotografien aus der Ukraine: Brutale Kräfte

Zerstörung Der Fotograf Robin Hinsch fuhr drei Wochen durch die Ukraine und erlebte, wie verloren das Land ist, in dem er seit über zehn Jahren der Zerrissenheit zwischen Osten und Westen nachgeht

Am 9. März bricht der Fotograf Robin Hinsch in Hamburg mit seinem Auto auf, um sich ein Bild von dem Krieg zu machen, der zu diesem Zeitpunkt seit gut zwei Wochen in der Ukraine herrscht. Seine erste Station ist für Hunderttausende, die längst auf der Flucht sind, die letzte, bevor sie das Land verlassen – das 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernte Lwiw. Hinsch erlebt die Stadt zunächst als „relativ ruhiges Drehkreuz“. Er sieht den Schmerz der Familien, die sich hier auf ungewisse Zeit, womöglich für immer, trennen, aber da sind die NGOs, die Hilfe wirkt strukturiert, hier scheint nichts aus dem Ruder zu laufen. Am zweiten Tag, so erinnert er sich, schlägt die Stimmung schlagartig um, als das Militärausbildungszentrum im nahen Jarowiw Ziel eines Raketenangriffs wird: „Man spürte, wie der ganzen Stadt bewusst wurde, dass auch sie angreifbar ist, dass man nirgends mehr sicher ist. Das zog sich von da an durch.“ Die ständige Gefahr, von einem Luftangriff getroffen zu werden, ist auch für ihn neu, obwohl er zuvor mehrfach in Kriegsgebieten war, unter anderem im Donbas, doch dort fühlte er sich abseits der Frontlinien relativ sicher. „Ab da fing ich erst an, so richtig zu fotografieren, ab da war mir klar, wie verloren dieses Land jetzt ist.“

Hinsch war Anfang 20, als er das erste Mal in die Ukraine fuhr. 2010 war das, er studierte Fotografie in Hannover und hatte im Spiegel eine große Geschichte über das Grenzland zwischen Ost und West gelesen und den neuen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, der mit dem belarussischen Diktator Lukaschenko verglichen wurde. „Ich habe mich mit dem Zug auf eine Reise durch das Land begeben und ganz naiv geschaut, wie sieht das aus, wenn hier der Westen zu Ende ist. Auf allen späteren Reisen zog sich das durch. Auch bei der Maidan-Revolution ging es ja immer um solche Fragen: Wo gehört man dazu, ist man unter dem Einfluss von Russland, steht man unter der Knute der Nato? Das Hin- und Hergerissene an der Schnittstelle zwischen Ost und West hat mich interessiert.“ Von da an reiste er fast jährlich in die Ukraine, seinem Work in Progress gab er den Titel Kowitsch.

Jetzt erlebt er ein Land, in dem es nur noch ums Überleben geht, „das hat etwas sehr Verlorenes und Vereinzeltes“. Von Lwiw fährt er nach Iwano-Frankiv und dann weiter nach Süden, er verbringt einige Tage in Odessa und dann in Mykolajiw, einem strategisch wichtigen Punkt, der die Russische Föderation davon abhält, näher an Odessa und in das Landesinnere vorzurücken. Dort wird der Zoo getroffen, „von einer dieser eigentlich verbotenen Clusterbomben“. Eine Rakete schlägt in die Mauer neben dem Bärengehege ein. „Seither lässt der Bär sich nicht mehr in den Stall einsperren, er lässt sich auch nicht mehr mit Futter locken.“ Eines der Raketenteile landet im Fundus des Zoos, „der Zoodirektor brachte es dorthin, weil es schon explodiert war. Er sagt, es sei jetzt Teil der Sammlung.“

In Kiew fotografiert Hinsch das zerstörte Einkaufszentrum Retroville am Morgen nach einem Luftangriff der russischen Truppen. Viele Häuser dieses wohlhabenden Wohngebiets im Nordwesten von Kiew, zu dem die Shopping Mall gehörte, sind vor Kurzem erst gebaut worden. Die Aufnahme des Schrapnells im Zaun macht er im Vorort Obolon, wo auf der anderen Straßenseite eine Rakete in ein Wohnhaus eingeschlagen ist: „Dass diese scharfkantige, dünne Platte den Zaun noch so verbiegen kann, zeigt, wie absolut brutal diese Kräfte wirken.“

Hinsch betont, dass seine Herangehensweise keine fotojournalistische sei. Er habe Bilder gesucht, die das Ausmaß der Zerstörung zeigen und die Verlorenheit des Landes. „Die Ukraine wird ja nicht komplett im Stich gelassen, aber es wird eben immer so viel geholfen, dass sie nicht ganz untergeht – wie wenn man einen Ertrinkenden immer mal wieder kurz hochzieht, aber ihn nicht aus dem Wasser holt.“

Info

Weitere Fotografien aus Robin Hinschs Serie Kowitsch (2010 – 2022) sind ab 24. Mai in der Galerie Melike Bilir in Hamburg zu sehen. Im Rahmen der Ausstellungsreihe Gute Aussichten findet bereits am 20. April ein Talk über diese Arbeit im Haus der Photographie in Hamburg statt

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