Christine Käppeler
Ausgabe 4113 | 10.10.2013 | 06:00

Ruhe im Karton

Santiago Sierra In Hamburg hatten Flüchtlinge eine Installation des Künstlers symbolisch besetzt. Aus Versicherungsgründen wurde die Aktion beendet. Typisch deutsche Bürokratie?

Seit dem vergangenen Wochenende sind die Pappkartons, in denen Flüchtlinge in Hamburg im Museum saßen, wieder leer. Ende September war die Installation Acht Arbeiter, die dafür bezahlt werden, in Pappkartons zu sitzen des spanischen Künstlers Santiago Sierra von afrikanischen Flüchtlingen symbolisch besetzt worden. Die Flüchtlinge leben seit Anfang des Jahres ohne Aufenthaltserlaubnis in Hamburg – nach einer Odyssee, die von Libyen über Lampedusa bis in die Hansestadt führte. Am vergangenen Donnerstag wurde der Abbruch der Aktion im Museum bekannt gegeben.

Die Kartons sind Teil einer Retrospektive, die noch bis Januar in der Sammlung Falckenberg läuft. Santiago Sierra hatte sie ursprünglich 1999 in Guatemala City aufgestellt. Wer bereit war, vier Stunden lang auf einem Holzstuhl unter einem der engen Kartons zu sitzen, bekam den ortsüblichen Niedriglohn von neun Dollar ausgezahlt. Ein Hungerlohn für eine Demütigung – ein Werk, das typisch für Sierra ist, der provoziert, weil er Missstände bloßlegt, indem er selbst Menschen erniedrigt oder wie Material behandelt. Zu seinen bekanntesten Werken zählt eine 2,5 Meter lange Linie, die er über die Rücken von sechs arbeitslosen Kubanern tätowierte. 30 Dollar bekam jeder dafür.

In Hamburg standen die Pappkartons seit der Eröffnung als leere Hüllen da, bis die Hamburger Künstler Nadja und Dr. Hollihore mit acht Flüchtlingen in die Schau gingen und das Werk neu belebten. Der Installation gaben sie den Zusatztitel Underdog Restaurationsskulptur, daneben plakatierten sie einen Spendenaufruf, um die Männer unter den Kartons mit sieben Euro die Stunde entschädigen zu können. Sie hätten die Aktion gerne während der Laufzeit der Ausstellung bis Januar fortgeführt. Eben noch hatten Santiago Sierra und Harald Falckenberg die Umnutzung der Installation begrüßt – doch dann scheiterte die Fortführung der Aktion an Versicherungsfragen.

Vor Lampedusa ertrinken zur selben Zeit 300 Flüchtlinge, nachdem ihr Boot vor der Küste in Brand geraten ist. In den Nachrichtensendungen bekunden die Politiker, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Es sind Absichtserklärungen, mehr nicht. Hamburg wirkt da wie ein schlechtes Omen: Am Ende, so scheint es, siegt in Deutschland immer die Bürokratie.

Wie wirksam aber wäre die Fortführung der Aktion im Museum gewesen? Die Sammlung Falckenberg ist kein Ort, der einer großen Öffentlichkeit ständig zugänglich ist. Man kann die Schau nur an sechs Terminen pro Woche in Gruppen à 20 Personen besuchen. Die symbolische Besetzung hat den Flüchtlingen große mediale Aufmerksamkeit eingebracht – aber welchen Sinn hätte es für sie gehabt, 60 weitere Tage an den Wochenenden in den Kartons zu hocken?

Santiago Sierras Kunst ist nicht dafür ausgelegt, die Menschen, die Teil von ihr sind, zu selbstbestimmten Akteuren zu machen. Sie entmündigt – weil Sierras Methode darin besteht, das Schlechte zu reproduzieren, das er sieht. Nadja Hollihore sagt, ihr Ziel sei es, dass die Flüchtlinge gehört werden. Das Anliegen ist richtig – aber Sierras Pappkartons sind dafür das falsche Gefäß. Sollte sich ein Museum, Kunstverein oder Theater finden, das den Flüchtlingen Raum zur Verfügung stellt, wozu die Deichtorhallen und das Künstlerpaar nun in einer Ausschreibung aufrufen, dann sollte dort etwas ganz Neues entstehen – den Namen Santiago Sierra braucht es als zugkräftiges Etikett dafür nicht.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 41/13.