Christine Käppeler
Ausgabe 5215 | 06.01.2016 | 06:00 13

„Schock führt zu Innovation“

Interview Der Architekt Philipp Misselwitz über den Wandel von Flüchtlingslagern zu Camp Citys und das Bauen der Zukunft

der Freitag: Herr Misselwitz, Sie erforschen seit acht Jahren Flüchtlingslager im Nahen Osten. Was beobachten Sie dort?

Philipp Misselwitz: Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR kann in Notsituationen beeindruckend schnell Zelt- und Containerstädte errichten und betreiben. Weltweit stellen wir nun aber fest, dass diese Notlösungen in die Krise kommen, weil die Flüchtlinge bleiben. Die Lager bekommen so eine temporäre Permanenz.

Wir müssen über dieses Thema also ganz neu nachdenken?

Das Flüchtlingsregime der Moderne ist an sich noch nicht sehr alt, 1950 wurde das UNHCR gegründet. Aber erst seit einigen Jahren spricht man von einer protracted refugee situation – einer verzwickten Flüchtlingslage. Der Anteil der Flüchtlinge, die im Wartezustand verharren, steigt. Ihre Rückführung, Integration oder Umsiedlung in Drittländer funktioniert immer seltener.

Was folgt daraus?

Zaatari, das mit derzeit 80.000 Bewohnern größte Flüchtlingslager in Jordanien, hat sich in nur wenigen Jahren von einer Container- und Zeltstadt zu einer sogenannten Camp City entwickelt. Wir bezeichnen diesen Prozess als Urbanisierung oder Stadtwerden. Aus einer reinen Zweckunterkunft für bedürftige Opfer entsteht ein komplexes System aus Quartieren, öffentlichen Räumen und Zonen, in denen Handel betrieben wird. Straßen erhalten von den Bewohnern Namen, eine Hauptstraße in Zaatari heißt Champs-Elysées. Das Problem ist, dass die Hilfswerke Urbanisierungsprozesse als Albtraum betrachten. Sie gelten als Regelbruch, Verslumung, blühende Korruption, Hort von Konflikten.

Zur Person

Philipp Misselwitz, 41, ist Professor für Internationale Urbanistik und Entwerfen an der Habitat Unit der Technischen Universität in Berlin. Er hat in Cambridge und London Architektur studiert und 2009 zum Thema Camp Cities – Urbanisierung von Flüchtlingslagern promoviert

Sie sehen das anders?

Sobald man anfängt, um sein Zelt ein Territorium abzustecken und etwas anzubauen, werden diese fast militärisch vorstrukturierten Camps aufgebrochen. Es entstehen öffentliche Räume, Märkte, Orte, wo man Religion ausübt. Für mich ist das ein Ausdruck davon, dass Flüchtlinge ihre Handlungsmacht wiedererlangen. Sie werden von Opfern zu eigenverantwortlich handelnden Subjekten. Damit erlangen sie nicht nur ein Stück Menschenwürde wieder, es ist vielleicht auch die wichtigste Ressource, die zu einer nachhaltigen Verbesserung ihrer Lebensbedingungen beitragen kann.

Was heißt das für Deutschland?

Bisher hat man auch hier versucht, Flüchtlinge nur als Opfer zu sehen, die versorgt werden müssen und zwar möglichst minimal. Symptomatisch ist ja die Debatte um Sachleistungen versus Taschengeld. Ein Budget, über das Flüchtlinge selbst verfügen können, wird als Bedrohung angesehen.

Wie lässt sich dieser Konflikt auflösen?

Ein typisches Problem in der Entwicklungshilfe ist, dass Projekte von Gebern erdacht, geplant, hingestellt und fotografiert werden. Humanitäre Organisationen agieren ähnlich top-down. Leider denken viele Architekten und Planer ebenfalls so. Wir kennen das aus den schwierigen und konfliktreichen Debatten um Bürgerbeteiligung und Teilhabe, die wir auch vor der Flüchtlingskrise geführt haben. Auch die gegenwärtige Debatte um bessere Flüchtlingsunterkünfte vergisst oft: Es geht nicht nur darum, schnell und viel zu bauen. Sondern vor allem: Wie können wir Flüchtlinge zur Selbsthilfe befähigen?

In der Ausstellung „Wohnungsfrage“ im HKW in Berlin war kürzlich ein Film über die Mikrobrigaden in Kuba zu sehen. Laien wurden damals von ihren Betrieben freigestellt, um für sich und ihre Kollegen Wohnblöcke zu bauen. Zwischen 1971 und 75 sollen so jährlich 20.000 Wohnungen entstanden sein.

Solche Ansätze sieht man auch bei Berliner Baugruppen und Baugenossenschaften. Man bezeichnet das als inkrementelles Wohnen. Im Spreefeld haben sie sich zum Beispiel entschieden, die Erdgeschosszone im Rohbau zu belassen und immer wieder selbst ihrem Bedarf anzupassen. Im Moment sind dort Tischlerwerkstätten drin, in fünf Jahren ist dort vielleicht etwas anderes.

Dort geschieht das weniger aus einer Not heraus als aus dem Bedürfnis der Eigentümer, selbst Hand angelegt zu haben.

Für Flüchtlinge gilt dieses Argument umso mehr. Sie in die Planung einzubeziehen, sie an der Gestaltung oder dem Ausbau von Wohnungen und Unterkünften zu beteiligen, kann nicht nur Kosten senken, sondern vor allem eine heilende Wirkung haben. So lässt sich ein Stück verloren gegangene Würde zurück erlangen.

Der japanische Architekt Shigeru Ban baut aus Karton einfache und stilvolle Flüchtlingsbehausungen. Warum entwickelt hier niemand solche Visionen?

Der Fokus auf effiziente, billige und ästhetisch ansprechende Notunterkünfte kann problematisch sein. Die Gefahr besteht, dass hier eine neue Typologie segregierten Wohnens geschaffen wird. Außerdem könnte dieser Fokus eine riesige Ressourcenverschwendung bedeuten, denn in wenigen Jahren haben Notbehausungen ausgedient. Wir haben uns hier an der Universität bewusst dagegen entschieden, mit unseren Studenten Entwürfe für Notunterkünfte zu entwickeln.

Was ist in Ihren Augen zukunftsträchtiger?

Wir haben erst mal geschaut, welche Räume eine Stadt braucht, um zu einer Arrival City zu werden. Wir haben die Studenten losgeschickt, um die Flüchtlinge beim Kochen und Essen zu zeichnen. Sie haben eingeschweißte Pakete gezeichnet, die viel teurer sind als das viel diskutierte Taschengeld. Und wie inhuman es ist, jeden Tag das gleiche abgepackte Essen zu bekommen. Und wie die Leute es trotzdem schaffen, dieses Essen auseinanderzunehmen, kreativ neu zu interpretieren und daraus ein syrisches Festmahl zu machen. Das ist für mich eine Metapher, wie Flüchtlinge in schwierigen Situationen Dinge für sich umentwickeln und neu entdecken.

Metaphern sind gut, aber was lässt sich in der Praxis damit anfangen?

Wir haben über den Sommer mit Studierenden ein großes Küchenmöbel gebaut, das aus vielen kleinen Küchen besteht. Diese Idee erwuchs aus einer Kooperation mit der Organisation Über den Tellerrand e.V., die bereits ein Kochbuch mit Rezepten von Flüchtlingen herausgegeben hatte. Der kitchen hub ist mittlerweile in einem ehemaligen Laden in Berlin-Schöneberg installiert. Flüchtlinge können dort als Kochlehrer Anwohner unterrichten. Um das Essen herum entstehen Begegnungen auf Augenhöhe. Das gemeinsame Kochen ist für mich eine Metapher, die es nun in die Stadtplanung und Architektur zu übersetzen gilt. Wie können wir neuen Wohnraum – in der technokratischen Sprache als „Folgeunterkünfte“ bezeichnet – mit Flüchtlingen und Anwohnern koproduzieren, so dass nachhaltige und gemischte Quartiere entstehen und keine Ghettos?

Was erwartet uns 2016?

Im Moment haben die Flüchtlinge keine Stimme. Sie sind immer eine anonyme dritte Gruppe, die in Zahlen oder an Einzelschicksalen beschrieben wird. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir über Flüchtlinge nicht wie über Kinder entscheiden können. Bisher gibt es keine Form der kollektiven Organisation oder Willensbildung. Wenn es dazu kommt – und das wird es bald –, werden viele Angst bekommen. Ich hoffe, es wird uns gelingen, das Positive daran zu sehen. Wir haben den Gastarbeitern jahrzehntelang keine Stimme gegeben, sie nicht mitgestalten lassen. Wir müssen vermeiden, dass es wieder so lange dauert.

Der Architekt und Stadtplaner Manfred Osterwald hat vorgeschlagen, er könne für rund 500 Millionen Euro in Deutschland ein Klein-Aleppo für 300.000 Flüchtlinge bauen. Mit eigenen Schulen, eigenen Krankenhäusern und einer Moschee.

Was fehlt, sind bezahlbare Wohnungen in den Städten. Wenn wir die staatlichen Ressourcen isoliert auf neue Flüchtlingsgruppen lenken, sendet das ein vollkommen falsches Signal aus und führt zu Konflikten. Wir sollten die Chance nutzen, um eine neue Form von Sozialwohnungsbau zu entwickeln, ohne die Fehler des monotonen und inhumanen Massenwohnungsbaus der 1970er Jahre zu wiederholen. Innovationen eines Systems entstehen oft unter Schock. Eigene Städte zu schaffen halte ich für absurd und gefährlich. Damit fördert man eine Polarisierung der Gesellschaft.

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (13)

Columbus 06.01.2016 | 17:20

Für mich ist das ein sehr interessantes Interview und Thema. Danke dafür, Frau Käppeler.

Leider zeigt es auch auf, dass das, was Architekten mit auszeichnet, nämlich Projektionen für Möglichkeiten zu entwerfen, sie in ihrem "Optimismus" gefährlich unrealistisch werden lässt.

Ein "Klein-Aleppo" der Flüchtlinge brauchen wir hierzulande genauso wenig, wie es eine gute generelle Lösung für die viel stärker von Flüchtlingen aufgesuchten Nachbarstaaten der Hauptfluchtländern sein kann, weitere Exklaven auf ihrem Staatsgebiet zu schaffen.

Die (Refugee-)Camp Cities im Nahen Osten gibt es, keine Frage. Teilweise schon so lange, dass im Provisorium nun mehr urbane Struktur (einschließlicher gewisser Selbstverwaltung) vonnöten ist. Die Fluchtgründe lassen sich nicht auflösen, beziehungsweise es fehlt auf vielen Seiten am Willen und an der politischen Strategie. - Trotzdem sind das weiterhin extreme Notlösungen, die zudem mit einem großen Risiko für die eher noch fragileren Staatengebilde, auf deren Territorien die realen Camp Cities entstanden, verbunden sind.

Der Prof. kennt mit Sicherheit die politischen und sozialen Konflikte und Anfeindungen, die in Jordanien, im Libanon, gar im Westjordanland, wo es schon lange viel mehr verfestigte, gar regelrecht zementierte Camp- Cities und Stadtquartiere, mit einer gewachsenen und durchaus auch undurchsichtigen Binnenverwaltung der Starken gibt, hervorrufen. Das läuft da nicht auf eine Verbesserung der Situation hinaus, sondern derzeit verschärfen sich die Bedingungen und drohen die schwachen Staaten und Ortsgemeinden zu erdrücken.

Camp Cities in Europa wären das Eingeständnis, an den Konflikten längerfristig nichts ändern zu können und zu wollen, und zudem, statt Inklusion und Integration, Exklusion mit und aus Prinzip zu betreiben. Die "Klein- Aleppoianer" in der "Mark Brandenburg", neben der Mittelstadt Brandenburg an der Havel z.B.: Welches Signal ginge davon sozial, gesellschaftlich und politisch aus?

Dem Architekten und Planer ist nie etwas zu schwer. Das wissen diese Professionen selbst und kennen sie aus ihrer Geschichte, denn sie gehören zu den ständigen Verbesserern des gehenwärtigen Zustands, im Guten, wie auch im Schlechten. - Es ist keine glückliche, sondern eher eine verzweifelte Lösung, auf dieser Erde immer mehr Surrogate Cities, vom organisierten Elendsquartier bis zur Flüchtlingsstadt, einzurichten.

Vielleicht hilft aber der "Schock", angesichts mancher architektonischer und urbanistischer Idee und Großplanung, sich mehr politisch anzustrengen, den dauerhaften Missstand vor Ort entschiedener anzugehen? - Auch das ist eine utopisch- optimistische, rhetorische Frage.

Beste Grüße

Christoph Leusch

denkzone8 07.01.2016 | 11:49

"not-unterkünfte"mit zukunft ,"camp-cities", die zum campen einladen,"arrival-cities", die bewohner zu arrivierten machen. tranfer-kost, die zum fest-mahl gepimpt wird, als autonomie-erlebnis. daß alt-venezianische wort "ghetto" sollte in "parallel-township"(ohne apartheid-programm) transformiert werden, da dort "parallel existence"(parallel-welt)- leben im "social freezing" möglich ist. ein freies reservat ohne integrations-zwang, ohne konzentrations-lagerung. humanität im neo-liberalen austerity-rahmen. und ikea legt mit economy-housing-projekten nach, muß ja nicht gleich boklok sein,bei dem klima-wandel sind basic-modelle durchaus akzeptabel.

denkzone8 07.01.2016 | 12:29

das öffentliche sponsoring von umhegten(gated c.)surrogate-cities wird bald dazu-gehören. firmen die es möglich machen, könnten ihre guten taten werblich verwenden: valium-valley, im bio-stil: baldrian-siedlung, globalisierter: tranquilli-city, downer-town, arabisierter: sedi-quartier. kurz: homöopathische urbaniät im extensivierten globoli-format, auf basis pharmazeutischer security-konzepte, aus der praxis palästinensischer negativ-agglomerationen(gaza) gezogen und wissenschaftlich begleitet durch hoch-qualifizierte sozial-ingeneure: schöne neue parallel-welt.

Columbus 07.01.2016 | 14:19

Schönen Mittag, Denkzone8. Ich zweifele, genau wie Sie, an "Schocks" zur Änderung gesellschaftlicher Not- und Misstände oder gar als eher zweifelhaftes, positives Utopiemodell.

Meist wird da nur weitere Gewalt losgetreten oder eben von außen und oben administriert. Nicht umsonst hat die "Formel- Shock" eine geläufige Erweiterung "shock and awe".

Aber der dF geht da ja bei mehreren utopischen Themen, mit feiner Antenne, einem Trend nach, der da lautet, nur über solche "Schocks" erziele man noch ausreichend Aufmerksamkeit, setzte festgefahrene oder so erlebte Zustände in Bewegung.

In diesem speziellen Fall haben die Planer und Berater der UN, die Offiziellen in den Aufnahmestaaten, das Problem, eine Lagersituation, die ursprünglich eben für wenige Monate, maximal Jahre aufrecht erhalten werden sollte, nun unter Umständen für Jahrzehnte denken müssen. - Da bleibt nicht aus, an Urbanisation, Stadt- oder Gemeindeplanung zu denken, um einfach die Zustände in den Camps zu verbessern. Die Zeltstädte sind ein Katastrophe, wenn sie dauerhaft werden und die "Bürger" dort organisieren, das hat Planer Misselwitz ja erforscht, nun selbst und ziemlich wildwüchsig, durchaus eben auch wieder mit der Macht des Stärkeren, eine Art fester Urbanisation, mit Grundstücken, dazugehörendem Versorgungsgelände, Straßen, Märkten und informellen Hierarchien, neben der offiziellen UN- Administration.

Tatsächlich existieren im Nahen Osten mittlerweile viele Dauerprovisorien und das größte davon, nämlich der Gaza- Streifen komplett, fiel aus Frust, Unmöglichkeit die Situation irgendwie dauerhaft positiv zu ändern, auch wegen der Sperre und Blockade des Hauptkontrolleurs aller Zugänge und der Wirtschaft, Israel, in die Hände derjenigen, die am weitesten gingen, sich die Macht mit Gewalt anzueignen. In diesem Großcamp funktionieren die wichtigsten Dinge nur über Beziehungen, Zahlungen an informelle Kräfte und eben Akzeptanz einer abschöpfenden Macht, mit ihren gewaltbereiten Angestellten.

Nach nun nach, müssen selbst diese radikalen Kräfte nachlassen, weil sie letztlich den, wie die Dauercampflüchtlinge in Jordanien, Libanon und nun bald auch der Türkei lebenden Bevölkerungen, nicht wirklich Urbanität, Offenheit und Entwicklung anbieten können.

Bis dahin aber, herrschen dort viele Systeme der Willkür, der Herrschaft durch Macht, nicht durch Recht. Alle urbanen Versorgungsstrukturen und Leistungen, von der Müllbeseitigung, über das Wasser, bis hin zu Schulen und Krankenhäusern, mit denen auch praktisch was geleistet werden kann, sind insuffizient, überleben nur mit der Dauerhilfe der UN und der EU. Wer Bevorzugung und Leistung wünscht, muss sich mit den Machthabern gut stellen und sie bejahen und finanzieren.

Ein großer Teil des Interviews dreht sich um die Selbsthilfe und Selbstorganisation der Zwangsbürger in den "Camp Cities". Da ist Misselwitz, meiner Meinung nach, viel zu optimistisch.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Columbus 07.01.2016 | 16:24

So was wäre ja dann nötig, wenn man die Refugee- City als Isolat betreibt, wie das auch mit den Camps der UN so ist und in den noch viel länger anhaltenden Zuständen der Quartiere im Libanon und gar im Gaza- Strip dahinsimmern lässt. - Sie haben ja viele Einfälle dazu (;-)).

Nein, die Verteilungs- und Eingliederungsidee ist auch technisch- logistisch deutlich überlegen, weil keine parallelen Infrastrukturen und keine isolierten Urbanitäten geschaffen werden.

Allerdings müsste da mehr Druck, bzw. der Druck den man für das Diktat an Griechenland in Finanzwirtschaftfragen aufbrachte und durchaus angemessen fand, auch ein wenig gegenüber dem Europa der vielen Nehmer, ohne Gabeabsichten erhöht werden. - Das wäre eine Realutopie, die davon ausgeht, in Europa mit ein paar Millionen Flüchtlingen ganz gut klarzukommen, wenn alle oder jedenfalls die meisten Staaten mitziehen.

Die UN hat seit 1947/1948 einen Dauerauftrag für Flüchtlinge in Camps. Die brauchen da nicht unbedingt etwas zu produzieren. Für Palästina/Palästinenser, gibt es gar eine eigene UN- Unterorganisation (UNRWA). - Es ist gar nicht ausreichend zu würden, dass alle diese Notlösungen bis heute so leidlich aufrechterhalten werden konnten.

Leider ist das aus Sicht der Macht- und Maßnahmenpolitiker ein weiterer guter Grund nicht wirklich an besseren Lösungen politisch zu arbeiten. Ein Punkt mehr, an dem sich die Doppelmoral unserer Politiken und PolitikerInnen (ein Abbild der Denk- und Gedächtnisleistung des politischen Volkes, der Nation) zeigt. Es geht unter Umständen immer schneller, irgend einen Potentaten aus der Regierung zu kegeln, als nachher das angerichtete Chaos und die erzeugten Flüchtlinge mit einer vernünftigen und nachhaltigen Perspektive zu versorgen.

Hierzulande lässt sich damit auch schon gut politisch kochen, indem man die Flüchtlinge gar nicht als eigenes Erzeugnis, als Ergebnis des eigenen politischen und wirtschaftlichen Handelns, begreift, sondern sich zu ihnen verhält, wie zu einer Naturkatastrophe.

Selbst die Rhetorik der höchsten Repräsentanten hat dann diesen Sprachgestus: "Die Flut kommt überraschend zu uns!" So, als hätten wir nicht genau dafür aktiv und dauerhaft gesorgt, dass sie kommt.

Die Lage ist für denkende Menschen eher beschämend.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Kleinempfaenger 10.01.2016 | 23:43

"Der Fokus auf effiziente, billige und ästhetisch ansprechende Notunterkünfte kann problematisch sein."

Exakt. Bin selbst Architekt und habe eine "Notsiedlung" der 50er Jahre im Detail studiert. Viele der heutigen gravierenden Probleme gehen auf die langfristig unfriedigende Wohnsituation zurück. Aber weil die ansässigen Familien bereits "untergekommen" sind, verhindert die Notlösung kurioserweise seit Jahrzehnten eine definitive Lösung.

Übrigens zielen auch einige der Projekte Bans auf dieses Problem ab, indem aus Karton gebaut wird, der höchstens ein paar Jahre halten soll. Das ist sicher gut gemeint, hat aber auch einen zynischen Beigeschmack.

Meine Erfahrung ist auch, dass die Grundstücksaufteilung sehr wichtig ist, weil sie langfristig kaum verändert werden kann. Die Bewohner sind dann auf ewig auf ihrer schmalen Scholle der ehemaligen Notwohnung gefangen. Langfristig wird dadurch eine gesunde Entwicklung unmöglich gemacht, selbst wenn die Bausubstanz im Laufe der Zeit besser wird.