„Sehr reaktionär“

Im Gespräch Der Kanadier Juan Gaitán leitet die 8. Berlin Biennale. Mit seiner Schau will er zeigen, wie die neue Architektur hier die jüngste Vergangenheit auslöscht
Christine Käppeler | Ausgabe 20/2014 4
„Sehr reaktionär“

Bild: Thomas Eugster

Der Freitag: Herr Gaitán, Sie gehen mit einem Teil der Berlin Biennale in diesem Jahr raus in die Ethnologischen Sammlungen nach Dahlem. Für die Kunstszene ist das Niemandsland. Was genau wollen Sie dort?

Juan Gaitán: Ich selbst war das erste Mal während der Voodoo-Ausstellung 2010 dort. Es ist ein Museum, das einen nicht mehr loslässt.

Was macht seinen Reiz aus?

Jeder Raum stammt aus einer anderen Zeit und entsprechend zeitverhaftet ist die Art, wie ethnografische Kunst ausgestellt wird. Erstaunlicherweise sind die älteren Installationen besser. In jüngster Zeit wird das nüchterner und musealer. Die Objekte werden einzeln wie Meisterwerke gezeigt. Ich finde das keine aufregende Art, sich ethnografischen Dingen zu nähern. Viele sind nicht mit dem Gedanken eines Meisterwerks entstanden.

Sie selbst kommen aus Kanada. Wie finden Sie denn die Nordamerika-Abteilung?

Tragisch. Ein Museum braucht einen menschlichen Faktor. Aber wie in diesen Räumen Dinge aus der Populärkultur eingesetzt werden, ist verfehlt.

In einer Vitrine liegt eine Bierdose, um Alkoholismus unter Indigenen zu illustrieren.

Das meine ich mit tragisch.

Was haben Sie in Dahlem vor?

Es wird keine Installationen innerhalb der Sammlung geben. Kunst zeigen wir nur in den temporären Räumen. Ich will vor allem mit der Geografie der Biennale etwas auslösen, indem wir dorthin gehen. Als ich mit der Vorbereitung begann, wusste ich bereits, dass das Museum todgeweiht ist.

Was meine Sie mit todgeweiht?

Es wird entleert. In den Museen in Dahlem waren früher die Kunstsammlungen des Westens untergebracht. Nach der Wende wurden sie auf die Museen in Mitte verteilt. Die ethnologische Sammlung und die asiatische Kunst blieben. Nun sollen auch sie nach Mitte umziehen, wenn das Stadtschloss fertig ist.

Das „Berliner Schloss – Humboldtforum“, wie es offiziell heißt, ist extrem umstritten.

Das Schloss ist das letzte Puzzlestück im Bild der preußischen Stadt, das rund um den Dom wiederhergestellt wird. Mit dieser Situation will ich mich befassen. Mich interessiert, wie heute mittels der Architektur eine Geschichte über das 19. Jahrhundert erzählt wird.

Welche Geschichte ist das?

Die Geschichte des Humboldt-Forums und der Humboldt-Universität ist nur die Geschichte der großen Figuren der Aufklärung. Und nicht der düsteren Abschnitte. Wir schauen also durch diese Schlüssselfiguren auf die ruhmreiche Geschichte Preußens. Der deutsche Staat hat vor 24 Jahren eine Stadt geerbt, in der alles möglich war. Doch statt neue architektonische Lösungen zu wagen, kehrt man auf sehr reaktionäre Weise zu etwas Altem zurück.

Sie leben auch in Mexico City und kennen Großstädte auf der ganzen Welt. Ist das, was in Berlin geschieht, so einmalig?

Nein. Ich wollte bewusst eine Situation schaffen, die auch Künstler anspricht, die nicht aus Europa kommen. Wenn Sie aus Kambodscha kommen, erleben Sie dort etwas Ähnliches. In Phnom Penh ersetzen sie die Khmer-Architektur. Aber die Bewohner haben keinen Bezug zu den neuen Gebäuden, weil sie nicht ihre Geschichte reflektieren, sondern nur die offiziell erwünschte. Ähnlich ist es in Kolumbien. Dort wird wieder spanische Kolonialarchitektur errichtet. Was davor war, wird ausgelöscht. Berlin ist nur ein besonders deutliches Beispiel, weil es hier um die jüngste Geschichte geht.

Sie schreiben auf der Webseite der Biennale von einer spekulativen Annäherung an die Stadt. Was meinen Sie damit?

Es geht mir nicht darum, Wahrheiten über Berlin zu verkünden.

Spekulativ ist ja ein neues Modewort. Es gibt sogar eine neue philosophische Strömung, den spekulativen Realismus.

Als Fachgebiet interessiert mich der spekulative Realismus nicht. Jedes Mal, wenn so ein Konzept auftaucht, muss daraus eine Schule werden. Meine Vorstellung von Spekulation ist das Gegenteil. Für mich kommen die produktivsten Ideen nicht von Experten. Auf der Webseite des Humboldt-Forums steht, dass ein internationales Expertentam den Wiederaufbau des Schlosses vorgeschlagen hat. Das Wort Experte wird also gegen die Bürger eingesetzt. Für mich bedeutet spekulativ, die Sicht derjenigen zu stärken, die die Realität leben. Ohne uns zu Experten zu machen.

Und das kann Kunst?

In einem gewissen Umfang: Ja.

Ist sie wirklich so demokratisch?

Sie dürfen die Kunst nicht mit der Kunstwelt verwechseln.

Gut, aber sind Biennalen nicht Teil der Kunstwelt?

Ja, aber das bedeutet nicht, dass Kunst, nur weil sie Teil einer Biennale ist, kein Potenzial über die Geschlossenheit der Kunstwelt hinaus hat. Ich glaube, es gibt kein einziges Betätigungsfeld auf der Welt, das nicht geschlossen ist. Ebenso gut können Sie diesen Vorwurf der Politik machen. Wir sind eine geschlossene Community, die mit dieser Sache namens Kunst arbeitet. Und Kunst hat eine andere Funktion als nur die Kunstwelt zu ermöglichen.

Was ist Ihrer Meinung nach die Funktion von Kunst?

Kunst hat die Funktion, Vorschläge zu machen. Ich sehe Kunstwerke als Vorschlag. Ich verwende also das Wort spekulativ, um hervorzuheben, dass dies meine Annäherung als Laie und relativ neuer Bewohner an die Stadt ist.

Die 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst findet vom 29. Mai bis zum 3. August 2014 statt

Juan Gaitán wurde 1973 in Toronoto geboren. Seine Familie stammt aus Kolumbien. Von 2009 bis 2012 war er Kurator am Witte de With Center for Contemporary Art in Rotterdam. Aktuell lebt Gaitán in Mexico City und in Berlin

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.05.2014
Geschrieben von

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 4