Selfie mit Elphi

Hamburg An der Fassade läuft noch der Countdown in Sekunden, drinnen tanzen Sasha Waltz & Guests das Wahrzeichen schon mal ein. Über eine Weltwunderwerdung

„Irre“, sagen viele, die man in diesen Tagen in Altona, St. Pauli und Eimsbüttel trifft. „Kaum steht das Ding, hört man keine Kritik mehr.“ Man muss sich, nun, da an der Fassade der Elbphilharmonie der Countdown in Sekunden läuft, noch einmal in Erinnerung rufen, warum etwa der Autor Christoph Twickel 2012 einen endgültigen Baustopp forderte und den Erhalt der Ruine als Mahnmal, „als unvollendetes Symbol für gescheiterte urbane Großmannssucht“. Auf 575 Millionen Euro waren die voraussichtlichen Kosten da gerade gestiegen, von ursprünglich 77 Millionen, nun steht am Ende diese Zahl: 866 Millionen. Während 2013 noch die mögliche Anschaffung von Klobürsten zu 291,97 Euro das Stück laut Bild „jeden Hamburger wütend machte“, schwärmt auch diese nun vom „wohl schönsten aller Konzerthäuser“. Sydney, there you are. Die von Twickel kritisierte Großmannssucht manifestiert sich neu in einem Beharren darauf, wie sehr man jetzt von Welt ist. „Die Wasserstadt wird zur Weltstadt“, schreibt der Stern, fürs Wohnen in der Hafencity wirbt der Slogan „Welt Kultur Zur Miete“, und Intendant Christoph Lieben-Seutter findet: „Die Elbphilharmonie ist ein Weltwunder geworden. So etwas spricht sich rum.“ „Urbi et orbi“, ist im Spiegel zu lesen. Seit Montag lässt sich die Kunde vom achten Weltwunder übrigens auch per Sonderbriefmarke (1,45 Euro) in die Welt hinausdonnern.

Trauriger Treppenwitz

Trauriger Treppenwitz dieser Welterfolgsgeschichte: Während die Elphi die Hamburger im Sturm nimmt, ist nun der all die Jahre liebevoll die „Elbphilharmonie der Herzen“ genannte Golden Pudel Club gut einen Kilometer flussabwärts eine traurige Baustelle. Knapp ein Jahr nach dem Brand sind der Dachstuhl und das Obergeschoss abgetragen, den Rest schützt eine weiße Plane. „Mindestens so viel wie fünf nigelnagelneue SUVs“ werde die Wiederherstellung kosten, schreibt der Pudel Verein für Gegenkultur auf der Webseite und wirbt um Spenden.

Steuert man von den Landungsbrücken die Philharmonie in der Dunkelheit mit der Hafenfähre an – noch 869.836 Sekunden bis zur Eröffnung –, ist die Schönheit des Gebäudes unbestritten. Die glimmende Glaswelle, die über dem festungsgleichen Speicher schwebt, kündet von etwas Erhabenem. Während die Fähre sich nach backbord neigt und in einem weiten Bogen gen Anleger schaukelt, sieht man für einen Moment nur den Kulturtempel vor sich und darüber hinweg, dass sich hinter den geschwungenen Scheiben auch profane Investoren-Appartments, Hotelsuiten und ein Souvenirshop befinden, der den Fanshop des FC St. Pauli auf die Plätze verweist. Von der Elphi-aus Filz für den Schlüsselbund bis zur Montblanc-Sonderedition mit der Silhouette um den Deckel atmet dieser insofern einen egalitären Geist, als schlechter Geschmack hier keine Frage des Geldes sein muss. Welcher Pol stärker ist, werden die kommenden Jahrzehnte zeigen.

Über Sasha Waltz, die beginnend mit dem ersten Januar noch vor der konzertanten Eröffnung das Foyer und den großen Saal an vier Abenden bespielt, schrieb die Welt einmal, sie und ihre Company seien „Weltmeister im Warmtanzen von kulturell hochmögenden Baustellen“. 2012 war das, damals hatte der Konflikt zwischen dem Senat und Hochtief zu einem Baustopp geführt und Waltz gastierte an dieser Stelle mit einem human requiem nach Brahms. Nun kreist der gut zweieinhalbstündige Abend um Francis Poulencs Figure humaine, 1943 in Frankreich komponiert und aufgrund der Besatzung 1945 in England uraufgeführt. Neben Waltz’ Tänzerinnen und Tänzern sind das Vocalconsort Berlin, die Mezzosopranistin Luciana Mancini, Streicher, Blechbläser, ein Akkordeon und ein Schlagzeuger beteiligt.

Anfangs droht der Tanz durch die Etagen eine ästhetisch aufgepeppte Materialkunde zu werden: Kein Zentimeter Brüstung, der unberührt bliebe, großflächig wird das helle Holz von einer Welle aus menschlichen Armen, Beinen und Haaren umspült. Zwei Tänzer rutschen bäuchlings, die Beine vornweg, der Achselhöhle eines Besuchers entgegen. Eher zufällig löst der sich im letzten Moment vom Geländer. Das Geräusch nackter Haut auf dem Holz wird man in diesem Treppenhaus so bald wohl nicht wieder hören, es sei denn, es sind barfüßige Neohippies unter den Gewinnern der 1.000 verlosten Tickets für die offizielle Eröffnung am 11. Januar mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester (formerly known as NDR-Rundfunkorchester). Dass das Outfit der Wahl in der Elbphilharmonie ein anderes sein sollte, mahnen die Toilettenpiktogramme an, ein Mensch im Abendkleid und ein Mensch mit Schlips. Den trägt außer dem Ersten Bürgermeister an diesem Abend aber so gut wie keiner.

Zerfleischung weicht Vernunft

Letztlich ist die Materialkunde aber nur Vorspiel, es drängt die Menschen in den Saal, und nachdem die Tänzer wie von einem Magneten von dessen Wänden angezogen wurden, dürfen auch alle rein. Ziemlich genial ist der Einfall, dort unter dem spektakulären Klangreflektor eine Variation von John Cages 4’33’’ aufzuführen. In der Urversion sitzt ein Pianist 4 Minuten und 33 Sekunden reglos an einem Flügel. Hier nun stehen neun Instrumentalisten und eine Mezzosopranistin stumm auf der Bühne. Die Auflage, dass kein Ton vor der offiziellen Eröffnung erklingen durfte, bleibt erfüllt – doch die allererste Komposition, die in diesem Weltwunder zur Aufführung kommt, stammt nun nicht von Beethoven, Wagner, Rihm oder Messiaen, sondern von dem Fluxuskünstler Cage.

Draußen stimmt eine Solistin ein „Herr, erbarme dich“ an, dann wird es wüst. Die Tänzerinnen und Tänzer zerfleischen sich buchstäblich, nun steht das Material auf dem Prüfstand, aus dem der Mensch gemacht ist. Ein Paar prügelt sich mit den Haaren, schwarze Locken und blonde Strähnen streifen peitschend Schultern und Brust. Er kneift dann in die Haut über ihren Rippen und zieht sie an geröteten Lappen in eine Hebefigur. Absetzen, weiterprügeln. Sie packt seinen Kopf und holt damit übers Geländer aus, wie um ihm den Schädel an der Balustrade zu zertrümmern. Erst der Klang der Glocken lenkt von dem gnadenlosen Schauspiel ab. Ob Totenglocken oder Almabtrieb, es geht nun jedenfalls hinab, Stockwerk um Stockwerk, zurück ins Foyer, wo der Chor Stellung bezogen hat und nach einem kurzen Schlagzeugsolo die letzten beiden Gesänge von Francis Poulencs Figure humaine anstimmt: La menace sous le ciel rouge und Liberté.

Was aber dazu führt, dass aus der Bedrohung die neue Freiheit erwächst, dass Irrsinn und Zerfleischung der Vernunft weichen – es bleibt auf seltsame Art ein missing link, egal, ob wir auf den Gesang hören oder auf die Körper schauen. So enden diese 8.400 Sekunden im und um den Konzertsaal heiter und erhaben, ohne dass im Geringsten klar wäre, wie die Katastrophe überwunden wurde, oder besser noch: zu überwinden wäre, denn natürlich wollen diese 8.400 Sekunden auch ein Kommentar auf das Schlamassel sein, in dem wir stecken. Waltz hat sich für eine sehr zeitgenössische Lösung entschieden, leise Ironie, maximale Verspieltheit. Ihre Truppe nimmt die Sänger beim Wort, die singen: „J’écris ton nom“, kriecht ihnen um die Beine und schreibt, noch bevor es ausgesprochen wird, das erlösende Wort mit weißer Kreide auf die schwarzen Hosen: LIBERTÉ.

Die Zeiten mögen vorbei sein, in denen Taxifahrer Schauergeschichten erzählten, von unheimlichen Nachtfahrten in die menschenleere Hafencity. Wer, kaum ist das Liberté verklungen, den letzten Zug in Deutschlands Weltstadt Nummer zwei erreichen will, sucht am Ende der Rolltreppe aber noch immer vergeblich ein Taxi. 240 Sekunden später, und die Hamburg Tourismus GmbH hätte durch die Elbphilharmonie eine Übernachtung mehr verbucht.

11:00 05.01.2017
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