Christine Käppeler
Ausgabe 1314 | 31.03.2014 | 06:00 2

So heiß war der Kalte Krieg

KGB/FBI „The Americans“ ist die Serie der Stunde. Sie handelt von der Logik der Paranoia – und den Ängsten einer Vorzeigefamilie

Washington, D.C. 1981. Ein Holzhaus mit drei Giebeln, weißgetünchter Gartenzaun, Buchsbaumkugeln in der Auffahrt. Hier leben die Jennings. Philip und Elizabeth sind Ende 30, Angestellte eines Reisebüros, sie haben zwei Kinder, Paige, 13, und Henry, zehn. Gefrühstückt wird gemeinsam, Toast, Cornflakes, Spiegeleier. Die Jennings haben ein goldenes Oldsmobile, das in der Garage steht. Im Kofferraum liegt ein Mann mit einem Knebel im Mund. Der Mann ist nach der ersten Folge der Serie tot und nicht weiter wichtig. Ein KGB-Offizier, der für drei Millionen Dollar zum FBI übergelaufen ist. Er wusste halt, wer dieses All-American-Paar in Wahrheit ist: Spione des KGB, die seit 15 Jahren verdeckt in Amerika leben, eine Scheinehe führen. Das Haus, die Kinder und wahrscheinlich sogar der akkurat gestutzte Buchs sind dagegen echt.

Es ist natürlich Zufall, dass The Americans jetzt eine seltsame Aktualität durch die Ereignisse auf der Krim bekommt. Wer hätte vor ein paar Jahren schon gedacht, dass mehr als 20 Jahre nach dem Zerfall der UdSSR von einem neuen Kalten Krieg gesprochen wird? 2010 flog die Spionin Anna Chapman auf, und mit ihr neun weitere Russinnen und Russen, die unter falscher Identität in den USA lebten. Einige hatten sich als Ehepaare ausgegeben, Kinder bekommen. Der Drehbuchautor und frühere CIA-Agent Joe Weisberg nahm sich des Stoffs an und verpflanzte ihn dahin, wo man damals dachte, dass er hingehört, nämlich zurück in die Achtziger. Anfang 2013 ging die erste Staffel der Serie an den Start.

Sensible Funktechnik

Die Achtziger, das sind in The Americans taillierte Jeans und zehnjährige Jungs in ausgewaschenen Lacoste-Shirts. Keine Materialschlacht wie in Mad Men, wo die Sechziger als hyper-stylishe Kulisse auferstehen, sondern ein sehr subtiles Setting. Den Sound dazu liefern Fleetwood Mac, The Cure und Peter Gabriel. Abgehört wird hier noch mit sensibler Funktechnik, die zum Beispiel in eine netzbetriebene Schrankuhr im häuslichen Arbeitszimmer des Verteidigungsministers eingebaut wird. Geholfen hat die Putzfrau des Ministers. Sie hatte keine Wahl, Elizabeth Jennings (Keri Russell) hat dem Sohn der Putzfrau mit der Spitze eines Regenschirms Gift gespritzt, und nur sie und ihr Mann Philip (Matthew Rhys) haben das Gegengift. It‘s a dirty business, aber mit einem Rest Anstand ausgeführt. Ist der Job getan, gesundet der Sohn.

Wie groß dieser Rest Anstand bleibt, wird von Folge zu Folge neu verhandelt: Zwischen Philip, dem das Leben in Amerika nach 15 Jahren aus Sicht von Elizabeth zu gut gefällt, und Elizabeth, der beinharten Ideologin, die ihre Treue zum russischen Mutterland über alles stellt. Aber auch zwischen dem Paar und der KGB-Supervisorin Claudia, die man sich als eine Miss Marple aus der Hölle vorstellen muss (wofür die Darstellerin Margo Martindale 2013 mit einem Emmy ausgezeichnet wurde). Und zwischen Agent Gaad, Abteilungsleiter Gegenspionage beim FBI, und seinen Männern. Gaads bester Mann Stan Beeman (Noah Emmerich) ist nach Jahren als V-Mann unter Nazis gerade mit Frau und Sohn durch einen Zufall vis-à-vis der Jennings eingezogen. An seiner Echtheit ist erst einmal nicht zu zweifeln. Und dann ist da noch die russische Botschaft, die auch keine kleine Rolle spielt.

„Sie töten uns, wir töten sie. Das ist die Welt, in der wir leben“, sagt Agent Gaad einmal. „Aber selbst in dieser Welt gibt es Linien, die nicht überschritten werden dürfen.“ Warum er das sagt? Weil er im Begriff ist, genau das zu tun. So weit, so bekannt. It‘s the cold war as we know it – aus den Romanen des ehemaligen MI6-Agenten John le Carré und aus dem, was durch echte Pannen öffentlich wurde. Was den Puls hochjagt, ist die ständige Möglichkeit des Verrats im Inneren der Systeme. In der ersten Staffel von The Americans tummeln sich diverse Überläufer, Doppelagenten und Figuren, die aus privaten Gründen ein falsches Spiel betreiben. Nina Sergeevna aus der russischen Botschaft vertickt Stereoanlagen in ihre Heimat und wird so zur vermeintlich leichten Beute für das FBI. Elizabeth Jennings muss eine Quelle in der Rüstungsindustrie führen, die ihre Glücksspielsucht unberechenbar macht. Philip hat das Leben, das sie führen, im Grunde satt. Er ist nicht mehr Mischa, der Mann den der KGB rekrutiert hat, er ist auch nicht Philip, der Mann als den sie ihn in die USA geschickt haben. Er würde gerne herausfinden, wer er ist. Das macht ihn für Elizabeth gefährlich, die sich ein Leben jenseits des KGB nicht vorstellen kann. Probleme mit ihrer Identität hat auch sie: Als Claudia sie einmal Nadezhda nennt, brüllt sie: „Hör damit auf. Das verwirrt mich.“ Identitätsfragen werden gerne im Medium des Spionagethrillers abgehandelt. Davon abgesehen ist The Americans vor allem aber die Geschichte von Elizabeth und Philip. Verrat bedroht nicht nur ihre „Arbeitswelt“ als Agenten, er bedroht auch den innersten Zirkel, die Familie. Im Grunde ist das die eigentliche Geschichte.

Egal, worum es in den großen TV-Serien der vergangenen Jahre ging – die Erfindung der modernen Konsumgesellschaft, Methamphetamin oder den Krieg gegen den Terror – immer ging es primär um Familie. Die Drapers in Mad Men waren so eine Familie, die erodierte, weil Don Draper nicht der Mann war, der er vorgab zu sein. Die Brodys in Homeland wollten verzweifelt wieder eine richtige Familie werden, was nicht ging, weil Nicholas Brody als Schläfer aus dem Irak zurückgekommen war, was nur die bipolare Frau von der CIA wusste, mit der er seine Frau betrog.

Six Feet Under, Borgen...

Die TV-Serie, die ja längst an Stelle des Romans als das Leitmedium für die Erklärung unserer Gegenwart gehandelt wird, hat die Familie inzwischen auf jede Art durchdekliniert und schließlich durchgeschüttelt: In Six Feet Under mussten die Bishops mit dem Tod und Erbe des Vaters klarkommen, in der dänischen Polit-Serie Borgen scheitert Brigitte Nyborgs Ehe an der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Sons of Anarchy überträgt die hamletschen Verhältnisse auf eine Motorradgang, Big Love beschreibt eine Ehe zu viert unter Mormonen und in Hit and Miss zieht Chloë Sevigny als transsexuelle Auftragskillerin nach dem Tod einer Ex-Partnerin bei den gemeinsamen Kindern ein.

Eine Familie aber, die reine Fassade ist, gab es noch nicht. Das muss man gesehen haben. Um es mit den Worten von Elizabeths langjähriger Affäre Gregory zu sagen, einem schwarzen Bürgerrechtler mit Street Credibility, den sie für den KGB rekrutiert hat: „None of that domestic shitty is real.“ Was bedeutet es für eine solche Ehe, wenn sich die Zeiten ändern? Irgendwann sagt Philip, dass sie sich jetzt auch scheiden lassen könnten. Die Vorzeigefamilie, die sie nach außen so brillant verkörpert haben, ist längst nicht mehr alternativlos als Tarnung. Deal with it! Wobei die Frage, die neben den ganzen KGB-vs.-FBI-Aktivitäten die Spannung von The Americans ausmacht, natürlich ist, ob die Jennings nicht längst das Paar geworden sind, das sie vorgeben zu sein. Verkehrte Serien-Welt also: Unter der Prämisse des totalen Fakes beginnen die Jennings zu erkennen, dass ihre heile Welt echt sein könnte.

The Americans Joe Weisberg DreamWorks Television 2013. Die erste Staffel der Serie ist auf Deutsch bereits als Digital HD und über iTunes verfügbar. Die zweite Staffel ist Ende Februar in den USA angelaufen

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/14.

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 31.03.2014 | 16:34

Ich habe die erste Staffel letztes Jahr gesehen. War gar nicht mal so übel, aber eben doch nichts spezielles. Die zweite Staffel habe ich noch nicht angefangen. Bei einer guten Serie wäre mir das zumindest nicht passiert.

Bei "House of Cards" musste ich alle Folgen so schnell wie möglich sehen, bei "Game of Thrones" schaue ich mir sie sogar zweimal an und auch bei "Vikings" will ich keine Folge verpassen.