Wanderjahre nach 9/11

Flaneur Teju Cole ist Amerikaner nigerianischer Herkunft. In „Open City“ erzählt er von der Angst der westlichen Welt – und ihren Bildungsschätzen
Wanderjahre nach 9/11
Die Nachwehen des 11. September sind deutlich zu spüren. Der Ort der Katastrophe ist längst zur Metapher geworden

Foto: Afton Almaraz/Getty Images

Es sind nur noch zwei Dutzend Seiten bis zum Ende dieses Romans, und wie bei den meisten guten Büchern stellt sich langsam ein leiser Abschiedsschmerz ein. 300 Seiten lang sind wir Julius, dem Erzähler, auf seinen Streifzügen durch New York und Brüssel gefolgt, wir haben erfahren, welche Bücher er liest, was Mahler ihm bedeutet, welche Urängste Bettwanzen in ihm auslösen und haben alle Facetten der Einsamkeit mit ihm durchdekliniert.

Und dann geschieht etwas, das diesen Julius in einem ganz anderen Licht dastehen lässt. Es ist weniger, was wir über ihn erfahren, als vielmehr die Tatsache, dass er uns zu täuschen versucht. Er erzählt von der noch schlafenden Stadt, einem Kaffee, den er trinkt, dem Sonnenaufgang, den er erwartet, einem Unfallort, den er begutachtet, er philosophiert über das Surreale dieser Szene und heischt Mitleid, weil sein bester Freund die Stadt verlassen hat. Und erst dann scheint er sich zu besinnen und erzählt, was er in der vergangenen Nacht über sich erfahren hat: Dass er in der Geschichte eines anderen Menschen, genauer gesagt einer Frau, der Bösewicht ist.

New York im Schritttempo

Doch beginnen wir von vorne, mit dem Spätsommer 2006, in dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt: Julius ist – und das hat er mit Teju Cole, dem Autor von Open City, gemeinsam – 1975 geboren, in Nigeria aufgewachsen und als Jugendlicher in die USA gekommen. All dies erfahren wir schrittweise: 20 Seiten lang bleibt Julius namenlos, ein erster Hinweis auf seine afrikanische Herkunft erfolgt auf Seite 44, sein Alter erfahren wir nach hundert Seiten. So formt und konkretisiert sich im Verlauf der Lektüre das Bild dieses Protagonisten, es wird immer schärfer, bis wir meinen, ihn sehr deutlich vor uns zu sehen.

Den Rahmen der Erzählung bildet das letzte Jahr der Facharztausbildung, bevor Julius sich als Psychiater in einer Gemeinschaftspraxis niederlassen wird. In diesem Jahr beginnt er, durch die Stadt zu wandern. „So drang New York City im Schritttempo in mein Leben ein“, sagt er, und Schritt für Schritt dringt mit ihm umgekehrt auch der Leser in das Leben dieser Stadt ein. So ziellos diese Spaziergänge wirken, für Julius erfüllen sie einen Zweck: „Sie erlösten mich von der Atmosphäre strenger Reglementierung bei der Arbeit, und als ich ihren therapeutischen Wert einmal erkannt hatte, wurden sie zur Normalität, und ich vergaß, wie mein Leben gewesen war, bevor ich damit begonnen hatte.“

Doch dieses New York, das Julius sich und dem Leser als Flaneur erschließt, ist keine offene Stadt, wie der Titel Open City suggeriert. Die Nachwehen des 11. September sind deutlich zu spüren. Der Ort der Katastrophe ist längst zur Metapher geworden – so wird Julius von einem Touristen gefragt, wie er „zu 9/11“ komme. „Aber es wurde nicht zu Ende getrauert“, schreibt Cole. „Und das Ergebnis war die Angst, die nun über der Stadt lag.“

Als Julius für einen Monat die Vereinigten Staaten verlässt und ins alte Europa, nach Brüssel reist, lernt er die Kehrseite dieser Angst kennen, verkörpert durch Farouq, einen jungen Araber, Kassierer in einem Internet-Shop, verhinderter Akademiker und Philosoph. Farouq hat kein Interesse, Amerika kennenzulernen, „schon gar nicht als Araber, nicht heute, nicht bei dem, was ich dort zu ertragen hätte“. Und Julius muss ihm in Gedanken zustimmen: „Ich an seiner Stelle, als nordafrikanischer Muslim mit linken Ansichten, wäre auch nicht in die USA gereist.“ Doch auch in Brüssel herrscht Angst, „schwelende, kaum kontrollierbare Angst“, schreibt Cole: „Der fremdenfeindliche Blick, der in Einwanderern Konkurrenten im Kampf um knappe Ressourcen sieht, verschmolz mit einer erneuten Angst vor dem Islam“. Diese Stimmung hat Auswirkungen auf Julius’ Spaziergänge, sie schränkt seine Kreise ein.

Und so hat Teju Cole einen Roman über die Ängste des alten und des neuen Kontinents geschrieben, über die strukturelle Ähnlichkeit dieser Ängste und über die Einsamkeit, die sie erzeugen. Cole selbst ist nicht nur Schriftsteller, er arbeitet auch Photograph, und er betreibt hier zum einen tatsächlich Straßenfotografie mit literarischen Mitteln, wie er kleinste Details herausgreift und zu einem großen Bild zusammenfügt. Gleichzeitig liest er in den Straßen New Yorks wie in einem Geschichtsbuch, und dann ist da noch eine dritte Ebene, die der Musik, der Kunst und der Literatur. Alle lesen in Open City: die ältere Chirurgin, die er im Flugzeug kennenlernt, Joan Didions Das Jahr magischen Denkens, Moji, die Frau, die Julius als Teenager vergewaltigt haben soll und die er nun auf seltsame Art wieder begehrt, eine Neuübersetzung von Anna Karenina; Farouq empfiehlt ihm die Schriften von Norman Finkelstein (Die Holocaust-Industrie) und Benedict Anderson, einem Politologen, der den Begriff der „imagined nation“ prägte, im Gegenzug schickt Julius ihm, zurück in New York, Anthony Appiahs Weltbürger-Plädoyer Der Kosmopolit.

Noch mehr Einsamkeit

Intellektuelle Eitelkeit seitens des Autors mag da im Spiel sein, reines Namedropping betreibt er nicht: Wie auch die historischen Referenzen – am eindrücklichsten sind hier seine Gedanken zum ehemaligen Sklavenfriedhof unter den Bürogebäuden nahe der Brooklyn Bridge, der von Leichenplünderern heimgesucht wurde, bis der New York Anatomy Act 1789 auch anatomische Versuche mit Leichen von Schwarzen verbot – vertiefen die Autoren- und Büchernamen die Themenfelder rund um die Personen, die Julius’ Wege kreuzen: Alter und Tod, Liebe und Gewalt, Identität und Nation. Er selbst liest Roland Barthes Fotografie-Essay Die helle Kammer und identifiziert sich mit William Langland, dem Autor der Verserzählung Piers Plowman aus dem 14. Jahrhundert, „der durch die Welt wandert und das Tun der Menschen beobachtet, ihre Mühsal“, bevor er sich niederlässt.

„Was hast du dazu zu sagen?“, fragt Moji, als sie ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung konfrontiert. Julius aber geht nur eine Stelle aus Camus’ Tagebüchern durch den Kopf, derzufolge Nietzsche, um den Wahrheitsgehalt einer Geschichte zu beweisen, eine Kohle in die Hand genommen haben soll, wovon Zeit seines Lebens eine Narbe zeugte. Zuhause wird er bei erneuter Lektüre feststellen: Die Narbe gab es nie. Die Sache bleibt unaufgelöst, auch unreflektiert.

Julius wird sich am Ende niederlassen, in einer Praxis in Manhattan. So ist Open City nicht nur ein Flaneur-Roman und ein Bildungsroman des 21. Jahrhunderts, sondern auch ein sehr zeitgenössischer Coming-Of-Age-Roman, dessen Protagonist mit Anfang 30 sein eigentliches Erwachsenenleben beginnt. Die Einsamkeit spürt er dann jedoch nur noch schlimmer.

Open City Teju Cole Suhrkamp 2012, 333 S., 22,95 €

09:00 10.10.2012
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