Wer hat die Macht in der Kunstwelt?

#MeToo Ein Kunstmagazin attestiert der Bewegung in einem Ranking großen Einfluss auf den Kunstbetrieb. Strukturelle Kritik an Machtverhältnissen ist das aber auch nicht
Wer hat die Macht in der Kunstwelt?
Richtig strukturell wurde es bei der #MeToo-Debatte im Kunstbetrieb oftmals nicht

Foto: Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

Wie sieht Macht aus? Im Fall des New Yorker Galeristen David Zwirner habe ich sofort ein Bild vor Augen: Jeff Koons’ Edelstahlskulptur des Superhelden Hulk, daneben ein ebenso bulliger Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. So gesehen vor einiger Zeit an Zwirners Stand auf der Kunstmesse Art Basel, wo sich die Marktmacht einer Galerie auch in Ausstellungsfläche und Anzahl der Securityleute übersetzt. Vier Jahre später steht Zwirner auf Platz eins des Rankings „Power 100“ der Zeitschrift ArtReview. Die „Power 100“ sind so etwas wie die Forbes-Liste der mächtigsten Menschen für die Kunstwelt. Die Begründung der Jury liest sich entsprechend zahlenlastig: eine halbe Milliarde Dollar Jahresumsatz, drei Galerien allein in New York, Filialen in London und Hongkong, letztere brandneu und 900 Quadratmeter groß. Pläne für 2020: ein fünfstöckiger Neubau in New York von Stararchitekt Renzo Piano, voraussichtliche Kosten 50 Millionen Dollar.

Auf Platz drei der Liste gibt es in diesem Jahr eine Neueinsteigerin: #MeToo. Als die Bewegung vor einem Jahr von der Zeitschrift Times zur Person des Jahres gewählt wurde, da war das ein echtes Statement. Bronzemedaillen sind so eine Sache. Mit Ach und Krach noch auf dem Podest. Wie also sieht die Macht von #MeToo aus? Die Begründung der Jury bleibt vage, sie verweist auf ein verändertes Klima, wenn es um die Ernennung von Kurator*innen, die Verleihung von Preisen und die Rahmung von Ausstellungen geht. Zwei Namen werden genannt, Knight Landesman (Herausgeber der Zeitschrift Artforum) und Riyas Komu (Mitgründer der Biennale in Kerala). Beide traten in diesem Jahr von ihren Posten zurück, nachdem ihnen sexuelle Belästigung vorgeworfen worden war. „There were many more“, heißt es unbestimmt. Ausstellungen, die wegen solcher Vorwürfe abgesagt wurden – in Hamburg die geplante Schau des Modefotografen Bruce Weber –, werden nicht erwähnt.

Tatsache ist: Es wurde im vergangenen Jahr heftig gestritten. So manche Diskussion wurde aber auch vorzeitig abgewürgt. Erinnert sei etwa an einen Artikel von Carolin Würfel auf Zeit Online, in dem sie Fälle aus der Berliner Kulturszene beschrieb. Zwar ohne Namen zu nennen, aber so, dass die Personen, um die es ging, für viele erkennbar waren. Die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit konterte diesen Text mit dem Vorwurf, das sei kein Journalismus – darüber wurde dann diskutiert, nicht über den Gegenstand der Anklage. Die Diskurshoheit lag selten bei #MeToo. Oft lief es eher so: Bevor genauer auf die Strukturen geschaut werden konnte, die Machtmissbrauch begünstigen oder dazu führen, dass dieser als Normalität dargestellt wird, sah irgendwer gleich die Freiheit der Kunst in Gefahr. Das Bild, das abgehängt werden soll, wurde zu einer Art Fetisch der Kritik. Dabei ist die Zahl derer, die das wirklich befürworten, vermutlich so hoch wie die der Frauen, die in den 70ern wirklich Schwänze abschneiden wollten.

Solange wir nicht präziser diskutieren, ändert sich an den Machtverhältnissen zu wenig. Ein Bild will mir nicht aus dem Kopf, zu besichtigen diesen Sommer an einem Stand auf der Art Berlin: Ein Mann lehnte breitbeinig an der Kojenwand, im ersten Moment sah es so aus, als spräche er mit sich selbst. Dann fiel der Blick auf die Frau, die zu seinen Füßen auf einem Schemel zusammengefaltet dasaß und seine Worte in einen Laptop tippte. Leider war es keine Kunstperformance, sondern eine Szene aus dem Alltag einer Galeriemitarbeiterin.

06:00 16.11.2018
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