„Wie ein direkter Blick in die Seele“

Interview Abschiednehmen ist in Zeiten von Corona besonders hart. Deanna Dikemans Fotos treffen deshalb einen Nerv

Bei Deanna Dikeman in Kansas City ist es zehn Uhr morgens. Die Uhrzeit hat sie für unser Gespräch vorgeschlagen. „Ich möchte meinem Sohn vorher noch Frühstück machen“, hatte sie mir geschrieben. Ihr Sohn, erzählt sie, ist seit einer Woche aus St. Louis bei ihr zu Besuch: „Morgen verlässt er mich wieder. Dann winken wir uns zu.“

Deanna Dikeman hat 27 Jahre lang ihre Eltern in ebendiesem Moment fotografiert: Wenn die beiden winkend in der Einfahrt standen, während die Tochter im Auto davonfuhr. 2009 starb ihr Vater, von da an steht die Mutter auf den Fotos alleine oder mit Verwandten vor dem Haus. Das letzte Foto der Serie ist aus dem Jahr 2017, die Einfahrt ist leer, Dikeman nahm es nach der Beerdigung ihrer Mutter auf.

66 dieser Bilder hat Deanna Dikeman gerade in dem Buch Leaving and Waving veröffentlicht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man zwei Zeitachsen: Da sind ihre Eltern, die älter werden und sich langsam aus dem Leben verabschieden. Und da ist Dikemans Sohn, der Ende der 90er erstmals verschwommen im Kindersitz im Auto auftaucht und langsam in dieses Leben hineinwächst. Später sehen wir ihn am Steuer sitzen, auf dem letzten Foto, das Deanna Dikeman von ihrer Mutter gemacht hat, steht er in der Einfahrt neben seiner Oma.

der Freitag: Frau Dikeman, als Sie mir vom Besuch Ihres Sohnes erzählten, war mein erster Gedanke: Führen Sie das Ritual der Fotos zum Abschied jetzt mit ihm fort?

Deanna Dikeman: Als er mein Haus für seinen ersten Job verließ und mit all seinen gepackten Sachen im Auto saß, fragte er: Mom, machst du jetzt kein Foto? Und ich dachte: Oh my God, ja – und holte meine Kamera. So haben er und ich damit angefangen. Wir machen das zum Spaß. Keine Ahnung, ob es zu irgendetwas führt.

Ursprünglich waren die Fotos Ihrer Eltern nicht als Serie angelegt. Sie haben die beiden bei allen möglichen alltäglichen Dingen fotografiert, beim Rasensprengen, Schneeschippen oder Telefonieren. Auf einem Bild jagt ihr Vater mit der Klatsche einer Mücke hinterher.

2008 bekam ich ein Stipendium über 50.000 Dollar, mit denen ich anfangen konnte, was ich wollte. „Mach ein Buch“, hörte ich immer wieder. Ich ging die Bilder durch, die ich von meinen Eltern gemacht hatte, es waren so viele …

In etwa?

Sie hält einen großen grünen Ringordner in die Kamera.

Das sind die Negative und ich besitze 20 dieser Ordner. Es müssen Tausende von Fotos sein. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit anfagen könnte. Aber beim Durchblättern sah ich die Goodbye-Bilder und sie fingen an, eine Geschichte zu erzählen. Ich veröffentlichte dann beim Self-Publisher Blurb das Buch 27 Goodbyes. Das letzte Bild war aus dem Sommer 2009. Im August fuhr ich nach Hause, um das Buch meinen Eltern zu zeigen. Im September starb mein Vater. Meine Mutter sagte dann: „Keine Fotos mehr, Deanna.“ Als ich ging, war sie sehr traurig. Ich sagte zu ihr: „Wir müssen weitermachen.“

Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich denke, aus demselben Grund, aus dem ich damit angefangen hatte, diese Fotos zu machen. Jedes Mal, wenn ich mich verabschiedete, war ich traurig, ich wohnte gut 600 Kilometer von ihnen entfernt. Ich sah sie nicht sehr oft und man weiß ja nie, was passiert. Ich wusste, wenn ich sie nie wieder sehen würde, dann hätte ich ein letztes Bild. Das war für mich das Wichtigste. Der Abschied machte mich traurig und dieses Foto zu machen sorgte dafür, dass ich mich irgendwie besser fühlte. Es half gegen die Traurigkeit. Es war für mich ein Weg, mit dem Abschied klarzukommen.

Zur Person

Deanna Dikeman wurde 1954 in Sioux City, Iowa, geboren. Seit 1985 arbeitet sie als Fotografin. Die Goodbye-Fotos ihrer Eltern wurden in Galerien und auf Plakatwänden gezeigt. Ihre Eltern, sagt sie, hätten nie verstanden, was andere an ihrem Alltag in Iowa interessiert

Haben Sie Lieblingsbilder?

Manchmal kann man sehen, dass meine Mutter meinen Sohn auf dem Rücksitz anschaut und mein Vater blickt direkt in die Kamera. Mein Vater ist vermutlich der Grund, warum ich anfing, zu fotografieren. Er besaß immer eine Kamera und schenkte mir eine, als ich ein kleines Mädchen war. Es gibt diesen Blick in den Augen meines Vaters, wenn er mich und die Kamera direkt ansieht, dem ich entnehme, dass er mich versteht und dass wir etwas teilen. Er versteht, warum ich diese Bilder mache. Er versteht, was ich empfinde. Es ist, als könnte ich direkt in seine Seele schauen. Er hatte ein ganz anderes Verständnis für meine Fotos als meine Mutter. Sie würde sagen: „Deanna, meine Haare sind durcheinander, mach kein Foto.“ Sie willigte dann trotzdem ein. Wenn ich in die Augen meiner Mutter schaue, sehe ich Traurigkeit. In den Augen meines Vaters sehe ich Verständnis.

Sind Sie in all den Jahren nie im Streit gegangen?

Ich glaube nicht, dass das jemals der Fall war. Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Aber ich meine, dass wir uns immer liebevoll und voller Zuneigung getrennt haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je wütend gewesen wäre. Wenn es Unstimmingkeiten gab, hatten wir sie beigelegt, bevor ich ging.

In Zeiten von Corona ist es so viel schwieriger geworden, die Eltern zu besuchen. Nicht zu wissen, ob und wann man sie wiedersieht, eine sehr konkrete Angst. Wie hat die Pandemie die Reaktionen auf Ihre Bilder verändert?

Ich hatte den Dummy für mein Buch Leaving and Waving für den Mack First Book Award eingereicht, im Februar 2020 wurde die Shortlist veröffentlicht. Irgendwie wurde der New Yorker darauf aufmerksam. Das Magazin veröffentlichte eine Reihe von Fotos, und just dann brach die Pandemie aus. Es war ein krasser Zufall. Seither bekomme ich E-Mails aus aller Welt. Aus Südkorea, Japan, Australien, Europa. Insbesondere aus Europa. Vielleicht weil ihr von der Pandemie so hart getroffen wurdet. Leute schreiben mir: Es ist zwei Uhr morgens, ich bin zufällig auf Ihre Bilder gestoßen und kann nicht aufhören zu weinen. Danke, dass Sie uns daran erinnern, wie viel Liebe unsere Eltern uns geben. Einige sagen, sie würden jetzt mehr Fotos von ihren Eltern und Großeltern machen. Manche schicken mir Fotos ihrer Eltern. Jemand postete auf Instagram ein Foto der Eltern, wie sie winkend auf der Veranda stehen und hat mich getaggt. Sie konnten die Eltern nicht treffen, sie konnten ihnen nur vom Hof aus mit Abstand zuwinken.

Gibt es Fotografen, die Sie beeinflusst haben?

Nicolas Nixon und seine Serie The Brown Sisters hben mich früh schon interessiert. Nixon hat seine Frau und ihre drei Schwestern jedes Jahr fotografiert. Und ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal Bilder von Larry Sultan sah, sein Buch Pictures from Home, für das er seine Eltern fotografiert hatte. Ein wichtiger Einfluss waren auch Emmet Gowins Bilder von der Familie seiner Frau.

Was gefiel Ihnen daran?

Sie wirkten, als seinen sie mal eben in ihrem Hinterhof aufgenommen worden. Ganz gewöhnliche Bilder. Als ich mit der Fotografie anfing, dachte ich, interessante Bilder entstünden durch interessante Dinge. Man müsse ein aufregendes Motiv finden, um ein gutes Bild zu machen. Ich habe gelernt, dass interessante Fotos aus einem ganz alltäglichen Motiv entstehen können. Für mich hat das alles verändert. Ich konnte interessante Bilder in Iowa machen.

Die Reaktionen zeigen, dass sie auch in New York einen Nerv treffen. Das ist bemerkenswert, weil die amerikanische Gesellschaft gerade als tief gespalten wahrgenommen wird, eben auch zwischen den ländlichen Regionen und den Metropolen.

Am Ende ist jeder eine Tochter oder ein Sohn.

Macht es Ihnen Angst, dass Sie jetzt den Platz Ihrer Eltern einnehmen?

Gewiss. Aber was soll ich machen? Man muss jeden Tag so intensiv leben und alle lieben, wie man nur kann. Aber ich erinnere mich, wie es irgendwann anfing, dass ich dachte: Das ist das letzte Foto, das ich von den beiden mache.

Wann war das?

Mein Vater fing an, wackelig zu werden. Sie können das auf den letzten beiden Fotos mit ihm erkennen. Hier hält meine Mutter den Arm meines Vaters. Und dann das letzte: Er lehnt sich gegen das Auto, denn er hat nicht mehr wirklich die Kraft, um zu stehen. Er hat sich angezogen, er kam in die Einfahrt, um mir zum Abschied zu winken, aber er war schwach und gebrechlich. Etwa drei Wochen nachdem ich dieses Foto aufgenommen habe, starb er. Als ich in der Dunkelkammer stand, um es zu entwickeln, war ich sehr nervös, denn ich wusste, es war das allerletzte Bild von ihm.

Sie haben das Foto erst nach seinem Tod entwickelt?

Erst einige Zeit später. Erst mal gab es viel zu tun, ich musste nach Iowa und bei der Vorbereitung der Beerdigung helfen. Ich ging so vorsichtig vor, prüfte jeden Schritt, aus Angst, ich könnte das Bild verpfuschen. Plötzlich war diese Filmrolle die wichtigste, die ich in meinem Leben entwickelt hatte.

Haben Sie jedes Mal nur ein Foto aufgenommen?

Nicht immer. Manchmal auch drei oder vier. Ich war oft traurig oder weinte, dann konnten sie schon mal unscharf sein. Ich konnte froh sein, wenn ein gutes dabei war.

Info

Leaving and Waving Deanna Dikeman Chose Commune 2021, 112 S., 55 €

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06:00 03.05.2021
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