Zähne zeigen

Porträt Friedl Kubelka ist Filmemacherin, Fotografin und Psychoanalytikerin und lebt, natürlich, in Wien
Christine Käppeler | Ausgabe 23/2016
Zähne zeigen
„Ich wollte noch nie eine Weltkünstlerin sein“

Foto: Maria Ziegelböck für der Freitag

Ein Gemeindebau im fünften Wiener Bezirk, errichtet in den Jahren 1967 bis 1968, so steht es in tiefroter Schrift auf der Fassade. Friedl Kubelka ist Erstbezieherin. Endetage, zwei Zimmer, Küche, Bad. Es ist keines dieser stilbewusst kuratierten Wohnateliers, die Künstler auf Portalen wie Freunde von Freunden herzeigen. Die Klappfenster im großen Zimmer zeichnet aus, dass sie klein und leicht zu verdunkeln sind. In der Küche muss man die Tür einer Schrankwand öffnen, um ins zweite Zimmer zu gelangen, wo ein Stockbett und ein Schreibtisch stehen. Das Bad ist gleichzeitig die Dunkelkammer, neben der Kloschüssel stehen die Metallbecken für die Filmentwicklung.

Friedl Kubelka wird kommenden Monat 70. Live und in Farbe sieht sie viel schöner und freundlicher aus als auf den Schwarz-Weiß-Fotografien, die sie zuletzt 2012 ein Jahr lang täglich von sich gemacht hat. Auf den Fotos wirkt sie eher barsch. Ganz offensichtlich hat diese Frau kein Interesse, sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Seit 1972 arbeitet Kubelka alle fünf Jahre an dieser Serie, die sie ihre Jahresportraits nennt. Am 22. März 2017 wird sie sich das nächste Mal vor die Kamera setzen.

Angst vor dem Rivalisieren

Dass Friedl Kubelka so freiweg durch alle Räume führt, kann auch an der längst unüberschaubaren Zahl von Fremden liegen, die seit 1968 zu ihr in den fünften Stock heraufgestiegen sind. Anfangs waren es nur die Modelle, die sie im großen Zimmer fotografierte. Hunderte Mädchen und junge Frauen hat sie porträtiert. „Ich mache das noch immer gerne. Ohne lesbisch zu sein. Ich fürchte mich vor der weiblichen Psyche.“ Als sie 1990 ihre eigene Fotoschule eröffnete, wurde die Wohnung zur Lehranstalt. Die Gastdozenten schliefen oft hinter der Schrankwand, denn für Hotels gab es kein Geld. Wenn die Dozenten und Studenten weg waren, empfing Kubelka Patienten. Sie ist – man mag es kaum aufschreiben, so erfunden klingt es nach einem Wien-Klischee – nicht nur Fotografin, sondern auch ausgebildete Psychoanalytikerin.

Der Kaffee, den Friedl Kubelka gekocht hat, ist stark und wird in einer zierlichen Mokkatasse serviert. Dazu gibt es Wiener Oblaten und dreieckiges Schoko-Nuss-Gebäck. „Pischinger Torten sind das, etwas ganz typisch Österreichisches, das es auch beim Heurigen gibt. Wir sollten das wirklich essen. Ich fang mal an.“

London, Ostberlin, Wien

Geboren wurde die Fotografin und Filmemacherin, die sich heute mal Friedl Kubelka, mal Friedl vom Gröller nennt, 1946 unter dem Namen Bondy im Londoner Exil. Ihr Eltern – ein Wiener und eine Kölnerin – waren Kommunisten, 1951 zogen sie mit den Töchtern nach Ostberlin, um beim Aufbau des neuen Staats dabei zu sein. Friedl Kubelka führt es auf ihre Kindheit in der DDR zurück, dass sie bis heute für Konsum und Werbung unempfänglich ist. Auch dass sie extrem zuverlässig ist, rührt ihrer Ansicht nach von ihrer Pionierzeit her. Als Friedl Kubelka elf war, zog die Familie nach Wien. Bis heute hat sie jedoch ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Österreich.

Auch vor dem Hintergrund der Erfolge der rechten FPÖ möchte sie ihren Nachlass nicht in Österreich belassen. Am liebsten würde sie für ihre Fotografien einen Platz in England finden. Mit ihrem ersten Mann Peter Kubelka lebte sie vorübergehend auch in Frankfurt, wo er an der Städelschule unterrichtete. 1990 gründete Friedl Kubelka ihre eigene Schule für künstlerische Fotografie (schulefriedlkubelka.at), da der Unterricht an den Wiener Hochschulen und Akademien zu jener Zeit sehr kommerziell ausgerichtet war. Kubelkas Studenten besuchen jeweils ein Jahr lang Workshops bei Fotografen aus dem In- und Ausland. 2006 gründete Friedl Kubelka zusätzlich die Schule für unabhängigen Film. 2010 übernahm die Leitung der Fotoschule ihre ehemalige Schülerin Anja Manfredi.

Die Analyse gab sie vor zehn Jahren auf, als sie die Fotoschule um eine Filmklasse erweiterte. „Ich hatte ohnehin ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich durch meine Selbstporträts in der Öffentlichkeit stand. Als Psychoanalytikerin wollte ich wie eine weiße Wand sein, damit der Patient alles projizieren kann.“ Sieben Jahre später zog auch die Schule um, seither nutzt sie die Wohnung ausschließlich als Atelier.

Ihre wichtigsten Fotoserien sind an privateren Orten entstanden. Die Jahresportraits zum Beispiel oder auch das Lebensportrait Louise Anna Kubelka. Am 23. Oktober 1978 hat sie damit begonnen, zwei Tage nach der Geburt ihrer Tochter. Von da an hat sie ihr Kind alle sieben Tage fotografiert, siebzehneinhalb Jahre lang. „Die Louise hätte weitergemacht, die war ja nichts anderes gewohnt. Aber die Ausbildung in der Psychoanalyse hat mich darin bestärkt, aufzuhören.“ Dann sind da noch die Tagesporträts von Freunden und der Familie, besonders detailversessen hat sie 1976 den späteren Kunststar Franz West fotografiert. Mit 29 Jahren, erinnert Kubelka sich, lebte West noch bei seiner Mutter, „die meine Zahnärztin war“. Jede Viertelstunde drückte sie an diesem 13. Oktober den Auslöser. Auf einigen Fotos sieht Franz West etwas verwahrlost aus, auf anderen arbeitet er hochkonzentriert. Mal kokettiert er mit der Kamera, dann wieder wirkt er brutal genervt.

Eine kurze Zeit lang, sagt Friedl Kubelka, habe sie damals gedacht, sie könne mit ihrer Idee Geld verdienen, dass eine Fotografie kein richtiger Beleg eines Menschen ist. Der österreichischen Dependance des Stern schlug sie vor, in einem kurzen Zeitraum mehrere Fotos von Politikern zu machen und diese nebeneinanderzustellen. „1977 war ich zu früh dran. Das ist damals nicht gegangen. Heute sieht man ja oft sehr ähnliche Politikerporträts zu Interviews.“

Die Karriere der Fotografin Friedl Kubelka, geborene Bondy, die sich heute, wenn sie Filme macht, Friedl vom Gröller nennt, könnte nun in ihrem 71. Lebensjahr eine jähe Wendung nehmen. 2013 ist ein dicker Bildband über sie erschienen, Friedl Kubelka vom Gröller. Photography & Film. Dieses Buch hat die sehr viel bekanntere US-amerikanische Filmemacherin, Künstlerin und Autorin Miranda July mehrfach geschenkt bekommen. Im März hat sie es in T, dem Stilmagazin der New York Times, als eines der für sie wichtigsten zehn Bücher vorgestellt. „Diese sehr spezielle, unvollkommene Weiblichkeit – das Gefühl, dass hier eine Frau dafür kämpft, Kunst zu machen – ist genau mein Gebiet“, schrieb sie.

Photography & Film enthält neben den genannten Serien auch Pin-up-Fotos, die Friedl Kubelka 1974 in Pariser Stundenhotels von sich selbst vor den Spiegeln in Reizwäsche aufnahm. Die Kamera verdeckt meist ihr Gesicht, einige Fotos haben Unschärfen. Es sind schöne, starke Aktfotos, auch weil unklar ist, wer der Adressat dieser Posen sein könnte. Damals druckte die französische Zeitschrift Zoom die Fotos ab, was nicht nur in Wien großen Eindruck machte. Für einen Moment sah es da schon so aus, als könnte dies der Beginn einer internationalen Karriere sein. „Helmut Newton und Bettina Rheims haben sie gesehen. Newton wollte mich daraufhin fotografieren, aber ich war zu schüchtern.“ Im selben Jahr lernte sie den damals schon recht bekannten Avantgardefilmer Peter Kubelka kennen. „Mir waren Liebesbeziehungen und ein normales Leben als Frau immer wichtiger als der künstlerische Erfolg. Mit der Betonung auf Erfolg. Künstlerisch gearbeitet habe ich immer.“

Auf eine Frau, die gut 30 Jahre jünger ist als Friedl Kubelka, wirkt es seltsam, dass ihr Liebe und Erfolg nicht vereinbar schienen und sie das Filmen vorübergehend sogar ganz aufgab. „Es wäre schwierig gewesen, wenn ich als Frau von Peter Kubelka Filme gemacht hätte“, erwidert sie. Hatte sie Angst vor dem Urteil des zwölf Jahre Älteren? „Nein, ich hatte Angst vor seinem Rivalisieren.“ War sie nie wütend, dass ihr Mann Erfolg haben durfte und sie nicht? „Da gab es viele Sachen im Zusammenleben mit ihm, die mich viel ärgerlicher gemacht haben.“

Miranda July hat sie gefragt, ob sie Feministin gewesen sei. Friedl Kubelka hat das verneint. Drei Monate ist es her, dass July ihr plötzlich geschrieben hat. „Ihretwegen habe ich Skype eingerichtet.“ Eine seltsame Geschichte sei das mit der Miranda, sagt Kubelka. „Sie ist 42 und lebt ein ganz anderes Leben als ich, sie ist mittendrin im Kommerz. Die mag mich so gern, ich kann’s gar nicht verstehen.“

In Julys Roman Der erste fiese Typ (2015) gibt es eine Figur, die Kubelko Bondy heißt. Sie ist nicht einfach zu beschreiben. Es handelt sich um ein Baby, das die Hauptfigur Cheryl meint, als Kind kennengelernt zu haben. Vermutlich reine Projektion, doch als die weit jüngere Clee schwanger wird, mit der Cheryl sich regelmäßig prügelt und Sex hat – was im Roman noch bizarrer ist, als es in der hier gebotenen Kürze klingt –, scheint Kubelko Bondy sich zu manifestieren. „Es berührt einen natürlich, wenn man seinen Namen unerwartet als Romanfigur wiederfindet“, sagt Friedl Kubelka. „Auch wenn es eine so seltsame ist.“

Miranda July will nun Kurzgeschichten schreiben, die auf Szenen aus Kubelkas Leben basieren. Es könnte der Startschuss für eine späte internationale Karriere sein. Galeristen, Kritiker und nicht zuletzt der Markt lieben solche Fälle. Zumal Friedl Kubelka noch alle ihre Originale besitzt, mit Ausnahme von Das tausendteilige Portrait, einer Serie über ihre Mutter, die sie nach ihrer Scheidung verkauft hat. „Ich will’s nicht“, sagt sie schlicht. „Ich wollte nie eine Weltkünstlerin sein.“

Fotografie als Vorwand lautet ein alter Ausstellungstitel von Friedl Kubelka. Er hat bis heute Gültigkeit. Als sie in den 60ern kommerziell Mode fotografierte, da ging es ihr nicht um die Kleider, sondern darum, mit der Kamera bei Sonnenaufgang an der Gloriette im Park von Schönbrunn zu stehen. Und um die Schönheit der Frauen. Ihrer Mutter, zu der sie stets ein schwieriges Verhältnis hatte, versuchte sie fast wissenschaftlich zu Leibe zu rücken. Für Das tausendteilige Portrait schaute Lore Bondy stundenlang schweigend in das starre Auge der Kamera. Hinterher ließ die Tochter sich sagen, woran sie jeweils gedacht hatte, und nummerierte die Sitzungen durch. „Sie hat sehr spät einen Geliebten gefunden, in der Straßenbahn. Das ist die 12. Wie sieht sie da aus? Doch ich glaube, sie ist glücklich gewesen. Aggressionen gegen mich, das ist die 34.“ Kann sie das erkennen? „Ich habe manchmal gesehen, dass sie geschwindelt hat. Sie hat einmal gesagt, sie habe an einen jungen Hund gedacht. Aber da fällt in der Mitte der Sitzung das Gesicht runter, da muss noch etwas anderes gewesen sein.“

Auf den Hintern geschaut

Solche Momente sucht sie und provoziert sie bewusst. 16-Millimeter-Film setzt sie dabei geradeso als Porträtwerkzeug ein wie die Fotografie. Einen Ministerialrat hat sie einmal vor laufender Kamera geohrfeigt. Er blieb stoisch sitzen. Der Film darf nicht gezeigt werden. Als sie 57 war, sollte sie einen Wiener Philosophen vor seiner Bibliothek filmen. Mittendrin ließ sie den Rock fallen und spazierte in Strapsen – „übrigens viel bequemer als Strumpfhosen, man ist nicht so eingepackt“ – einmal durch sein Sichtfeld. „Auf dem Rückweg hat er ganz schnell auf meinen Hintern geschaut. So etwas hat mich gefreut.“ Ein anderer Film zeigt, wie sie im Gespräch mit einem Fremden urplötzlich ihr Gebiss herausnimmt und es ihm zeigt. Durch solche Szenen, sagt Friedl Kubelka, habe sie gemerkt, dass ihr das starre Auge der Kamera einen Wunsch erfüllen kann. „Sie kann eine Reflexion auf mein Wesen im Gesicht des anderen erzwingen. Ich bin ja noch im Existenzialismus aufgewachsen. Es ist für mich nicht klar, warum ich existiere. Diese Filme waren eine Versicherung für mich.“

Das Attribut schamfrei lehnt sie vehement ab. „Ich bin durchaus schamvoll, aber ich wollte dringend das Resultat haben. Ich bin da wie zwei Personen.“ Dass sie durch Miranda July in den Kunstmarkt hineingezogen werden könnte, macht ihr keine Angst: „Ich antworte dann eben nicht auf E-Mails oder sage Nein. Das mache ich oft.“

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06:00 06.07.2016
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Ausgabe 39/2020

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