Die Fülle vor dem Pop

Ausstellung 1994 geriet seine große Retrospektive in London zum Fiasko. Nun wird R. B. Kitaj im Jüdischen Museum Berlin endlich als einer der wichtigsten Maler der Moderne gewürdigt

Wer in den siebziger Jahren als Pubertierender Bilder von R. B. Kitaj sah, verliebte sich instinktiv in sie. Erst später wusste man sie als Ikonen formschöner Zerrissenheit zu deuten. Kitaj gründete mit David Hockney, Francis Bacon und Frank Auerbach die sogenannte London School. Kunsthistorisch gesehen bildete diese die verloren geglaubte Verbindung zwischen Nachkriegsabstraktion und konzeptuell geprägter Popart, zwischen Mark Rothko und Andy Warhol.

Jetzt kann man seiner frühen Liebe wieder begegnen, im Jüdischen Museum in Berlin. Doch zuvor muss man durch eine Bücherwand, tapeziert auf die Wände des Museums. Das Original stand in Kitajs Atelier in Kalifornien. Durch sie betritt man Kitajs persönliches Universum: Ein Gemisch aus Kunst- und Literaturverweisen. Gefüttert mit Sex-, Politik-, Gender- und autobiografischen Zitaten, die in einem magischen Gleichgewicht den Bildraum bevölkern.

In diesem tritt der Bildwissenschaftler Aby Warburg schon mal als transsexuelle Jubelweib-Mänade in Matisse-Manier auf. Der russische Anarchist Mikhail Bakunin, vom amerikanischen Botschafter in London 1854 eingeladen, erscheint in moderner Beton-Architektur, kommentiert von handschriftlichen, aufgeklebten Texten. Es folgen Bilder mit Rosa Luxemburg, Walter Benjamin und Isaak Babel. Kitaj kultiviert eine collagenhafte Pinwandästhetik, die ihn in den sechziger Jahren schlagartig berühmt macht.

Über Kunst auf der Suche nach sich selbst

1967 schafft er mit Juan de la Cruz, wenn auch verschlüsselt, sein Vietnambild. Er gilt als engagierter politischer Künstler, selbst nennt er sich jedoch lediglich einen soft-socialist. Anfang der Siebziger entstehen weitere Schlüsselbilder der Moderne. Darunter The Autumn of Central Paris (Nach Walter Benjamin) und If Not, Not, in dem er in formschöner Verbindung mit Giorgione das 16. Jahrhundert, mit Matisse die Klassische Moderne und mit Auschwitz-Birkenau deren Endpunkt zitiert. Und damit die Frage verknüpft: Wie weitermalen nach der Shoah?

Mitte der Siebziger beginnt sich Kitaj, der 1932 in Cleveland, Ohio geboren wurde, bewusst mit seiner jüdischen Herkunft und der Frage nach einer jüdischen Kunst der Diaspora zu beschäftigen. Der Sohn einer jüdischen Emigrantentochter, ehemaliger Seemann, GI, bekennender Erotomane, Puffgänger und Büchersammler erweitert seine Biografie um die des bekennenden Diasporisten. Ende der Achtziger erscheint sein erstes Diasporisches Manifest.

Seine Erzähl-, Zitat- und Verweisstruktur legt Kitaj anhand eigener Texte zu seinen Bildern 1994 in einer groß angelegten Retrospektive in der Tate Gallery in London offen. Doch damit bricht er ein Tabu, das besagt, dass ein Künstler nicht selbst die Exegese seiner Werke betreiben darf. Von der englischen Presse wird er dafür mit Häme überzogen. Zeitgleich stirbt seine zweite Frau Sandra Fischer, seine erste hatte sich 1969 das Leben genommen, unerwartet. Fluchtartig verlässt Kitaj London, wo er über 30 Jahre gelebt hatte. Er geht nach Los Angeles, wo er sich 2007 das Leben nimmt.

Die nun erste Retrospektive fünf Jahre nach seinem Tod ist ein Glücksfall für Berlin. Sie würdigt Kitaj endlich als einen der wichtigsten Maler der Moderne, auf der Suche nach einer jüdischen Ästhetik der Diaspora.

R. B. Kitaj (1932 – 2007) Obsessionen, Jüdisches Museum Berlin bis 27. Januar 2013

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