Zurück auf Anfang?

TYPO Berlin 2014 Nein, eher vorwärts zu mehr Nachhaltigkeit in Gestaltung. Europas größte Designkonferenz TYPO Berlin erforscht innere Werte unter dem Titel „ROOTS“ noch bis zum 17. Mai
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Wenn man eine kreative Idee bekomme, sei das wie ein Orgasmus – man wisse genau, dass diese eine Idee die richtige sei und man könne diesen Moment niemals vortäuschen – so die Berliner Illustratorin Sarah Illenberger in ihrem Vortrag. Sie möchte in keine Schublade gesteckt werden und nutzt kaum die Talente des Softwareprogramms „Photoshop“ um ihre Ideen umzusetzen. Wenn sie eine Skulptur mit LKW-Reifen bauen möchte, dann werden eben diese in ein Fotostudio gekarrt. Künstler wie Illenberger, mit Haltung sowie Ecken und Kanten, kurz mit Persönlich- und Streibarkeit ­- stehen im Fokus der drei Tage andauernden Designkonferenz TYPO Berlin. Das digitale Zeitalter fordert 25 Jahre nach der Gründung des digitalen Schriftenhauses FontShop eine Pause: „ROOTS“ – Wurzeln und Hintergründe sind gefragt, nachdem die Welt des Designs durch die technische Revolution gründlich durcheinandergewirbelt wurde. Manchmal muss man auch nein sagen können. Sarah Illenberger bekam einen Anruf von einer bekannten Fast-Food-Kette. Die Manager hatten eine Illustration in einem Magazin gesehen, einen Burger aus Blättern und Holz gewerkelt. Ob Illenberger nicht Lust hätte, für den Hackfleisch-Giganten mit dem Pommes-Logo zu arbeiten – nein, hatte sie nicht.

„Follow your guts“, Daniel Gjøde gibt „stupid“-Tipps, wie man den hektischen Alltag der Agenturen und Kreativ-Direktionen überleben kann. Seine Anregungen sind durchaus ernst gemeint, das Wortspiel bezieht sich auf den Namen seiner Firma „Stupid Studio“. Mehr Bauchgefühl und weniger Technik-Overkill, Leute nicht verbrennen und selbst öfter abschalten, um länger kreativ zu bleiben. Gjøde selbst macht sich in zwei Wochen für acht Monate auf die Reise. Rechner abschalten, keine E-Mails mehr checken und die Batterien aufladen. Zu den Wurzeln heißt nicht zurück in die technische Steinzeit des Designs, niemand fordert die Rückkehr zum Bleisatz. „ROOTS“ könnte für die Entwicklung einer neuen Alltagskultur und Arbeitswelt im digitalen Zeitalter stehen. Wenn man alle technischen Möglichkeiten ausgereizt hat, wird es Zeit Ordnung zu schaffen. Weniger ist auch im Jahr 2014 durchaus mehr.

Wenn in den sozialen Netzen oder in der Mailbox nichts passiert, dann gehe es den Informations-Junkies wie einem Tiger, der im Käfig gelangweilt umhermarschiert, Fabian Hammert öffnete in seinem prägnanten und kurzweiligen Vortrag die Augen der Zuschauer. Er begab sich auf die Suche nach Analogien zwischen dem Konsum von Nahrungsmitteln und dem von Informationen. Fazit: „We are what we eat“ – doch während wir unsere Eßgewohnheiten durchaus nachhaltig steuern, futtern wir Informationen gierig und ohne genau hinzuschauen. Hammert regte einen Tausch der Mobiltelefone im Publikum an und nach einer Schrecksekunde merkten die meisten, dass man zumindest für einige Minuten auch ohne einen Blick auf facebook und Co. überleben kann.

Passend zum Text flattert eine Mail von Twitter ins elektronsiche Postfach: „Weniger E-Mails = glücklicheres Du.“

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14:26 16.05.2014
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Geschrieben von

Christoph Nitz

Kommunikationswissenschaftler bei meko factory – Agentur für Kommunikation in Berlin. www.mekofactory.de
Christoph Nitz

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