Camp der Vergessenen

Gerechtigkeit Dickson Mobosi floh aus Libyen. Nun beobachtet er, wie Deutschland syrische Flüchtlinge aufnimmt. Und fragt sich: Wer entscheidet, welches Leid überwiegt?
Camp der Vergessenen
Von Nigeria über Libyen und Lampedusa kam Dickson Mobosi nach Berlin. Nun weiß er nicht mehr weiter.

Foto: Jennifer Osborne für der Freitag

Dickson Mobosi versteht dieses Land nicht. Warum nimmt es tausende weiterer Flüchtlinge aus Syrien auf? Deutschland habe doch genug Probleme. Sollte es sich nicht vorher um diese kümmern? Sollte es sich nicht vorher um ihn, Dickson Mobosi, kümmern?

Mobosi sitzt auf seinem Bett. Er wiederholt nun schon zum dritten Mal, dass er eine Chance haben will. Er drückt Daumen und Zeigefinger zusammen. „Wir wollen doch nur ein paar mehr Rechte haben, das kann nicht so schwer sein.“ Er lässt sich nach hinten auf die Matratze fallen. Kleidungsstücken liegen neben einer zerwühlten Decke, ein Laptop steht auf einem Stuhl.

Es ist alles, was Mobosi besitzt.

Mobosi ist aufgewühlt. Für ihn ist der Unterschied nicht klar: Warum werden 5000 Syrer in Deutschland herzlich aufgenommen, mit Bundesinnenminister und Medienrummel, obwohl den Opfern vergangener Krisen nicht geholfen wurde? Seit sechs Monaten lebt Dickson Mobosi, Flüchtling aus Libyen, im Protestcamp am Oranienplatz mitten in Berlin-Kreuzberg. Mit ihm hausen gut zweihundert Menschen aus Mali, Sudan oder Kenia in weiteren Zelten. Sie sind alle aus ihren Heimatländern geflohen, viele betraten auf der italienischen Insel Lampedusa zum ersten Mal europäischen Boden. Nun fühlen sie sich alle von der Politik und den Hilfsorganisation vergessen.

Liegt es an einer Doppelmoral deutscher Politik? Oder schlicht an der weltpolitischen Realität? Ständig flammen neue Krisen auf und verdrängen binnen Tagen andere Konflikte von der Agenda. Übrig bleiben zerstörte Gegenden und Menschen wie Mobosi.

In Libyen starb seine Verlobte

Wir sind Kriegsopfer. Alles, was wir wollen, ist eine Chance“, sagt er. „Jetzt reden alle über Syrien, aber wir sind schon hier.“ Mobosi springt auf und bahnt sich seinen Weg durch die Landschaft von Matratzen, Bettgestellen und Sofas. Er greift nach einer Dose Instantkaffee und rührt das Pulver ins Wasser. Gedämpftes Licht dringt durch die Plastikplanen des Zeltes, der Geruch frisch gedünsteter Zwiebeln mischt sich mit verbrauchter Luft. Um ihn herum wachen einige seiner Mitbewohner auf. Sie räkeln sich unter den Decken. „Hello, my Sister“, ruft Mobosi einer Frau zu, die sich von einem Sofa aufrafft. Sie murmelt einige Worte und verlässt das Zelt. Er zieht sich wieder in seine Ecke zurück.

Mobosi stammt gebürtig aus Nigeria, floh während einer der unzähligen Kämpfe zwischen Rebellen und Regierung nach Libyen. Dort baute er als Techniker Gastanks. Er berichtet, wie er Arabisch lernte und sich als gläubiger Christ an die arabische Kultur gewöhnte. Er lernte die Frau seines Lebens kennen, sie verlobten sich. Zeitgleich begannen in Tunesien die Unruhen. Der Arabische Frühling nahm seinen Lauf, Bomben fielen auf Libyen und mit ihnen Gaddafi. Und noch bevor Mobosi seine Verlobte heiraten konnte, starb sie bei Kämpfen.

Aus Angst vor rassistischen Übergriffen floh Mobosi erneut, dieses Mal mit einem Boot und Kurs auf Europa. Er erreichte Lampedusa, in der Toskana gaben die Behörden ihm eine Aufenthaltsgenehmigung. Und mit dem letzten Stempel unter seinen Papieren war er auf sich allein gestellt.

„Ich habe keine Unterkunft bekommen, kein Geld, nichts“, sagt Mobosi. Er hat nur die Dokumente und sein Pass. Er könne damit für einige Zeit durch den Schengen-Raum reisen. Doch Arbeiten sei lediglich in Italien erlaubt – und Jobs sind in dem krisengeplagten Land rar. So fehlte Mobosi Geld für eine Wohnung, Geld für Essen. Der Beginn vom Leben auf der Straße.

Was unterscheidet ihn von syrischen Flüchtlingen?

Aufgrund der Dublin-Verordnung der Europäischen Union kann Mobosi auch in keinem anderen Land mehr Asyl beantragen. Versucht hat er das zur Genüge. Er war in Finnland, der Schweiz und in den Niederlanden. Überall schickten sie ihn zurück nach Italien. Mobosi bettelte dann tagsüber vor Supermärkten, schlief nachts auf Parkbänken und wurde von der Polizei verscheucht. Schließlich entschied er, nach Berlin zu reisen. Seitdem schläft er in einem der Zelte am Oranienplatz. Und verliert mit jedem Tag mehr die Hoffnung.

Was soll er noch machen? Mobosi zupft an seinen Pullover. „Alles, was ich habe, bekam ich geschenkt. Ich kann mir nichts leisten.“ Am Anfang erfuhren die Bewohner des Camps eine Welle der Unterstützung. Zelte wurden aufgebaut, Klamotten gespendet. Es gab jeden Tag drei Mahlzeiten. Mittlerweile sind die Flüchtlinge froh, eine Mahlzeit am Tag zu haben. Einzelne Spender gibt es zwar immer wieder. Doch auf dem Oranienplatz, mitten zwischen einer Kreuzung und einer Grünfläche, leben heute knapp 200 Menschen. Der Toilettencontainer wurde von Vandalen zerstört, es bleiben zwei Waschbecken und drei Toiletten für alle.

Für die Bewohner des Camps klingen die Meldungen von syrischen Flüchtlingen, die Unterkunft, Essen und Sprachkurse in Deutschland bekommen, fremd. Sie verstehen den Unterschied nicht. Wer entscheidet, welches Leid überwiegt?

Auf der Suche nach einer Antwort sind Dickson und eine Handvoll der Camp-Bewohner zu einer Pressekonferenz von Amnesty International gegangen.

Im kleinen Konferenzsaal des Berliner Büros stehen sie in der letzten Reihe. Vor ihnen sitzen etwa zwanzig Journalisten, sie schauen alle zu Franziska Vilmar, Asylexpertin von Amnesty International, und Günter Burkardt, Geschäftsführer von Pro Asyl. Die diktieren eifrig Sätze zum bundesweiten Tag des Flüchtlings in die Blöcke der Presseleute. Asylexpertin Vilmar, blondes Haar, taillierter Hosenanzug, Typ Tagesschau-Sprecherin, prangert eindringlich die deutsche Flüchtlingspolitik an. Mit Eloquenz und Nachdruck fordert sie, Flughafenverfahren abzuschaffen, die Residenzpflicht zu beenden und mit minderjährigen Flüchtlingen verantwortungsvoller umzugehen. Ihr Plädoyer dreht sich um Syrien, dessen Flüchtlingsstrom noch für Probleme sorgen werde, und Griechenland, wo Flüchtlinge Folter und Polizeiwillkür ausgesetzt seien. Am Ende appelliert Vilmar: „Wir müssen Schutzsuchende menschenwürdig behandeln.“

"Was erwartet man von uns? Wir können nicht zurückgehen"

Dann ist Zeit für Fragen. Einige Journalisten preschen vor, dann, das Schlusswort lag den Veranstaltern schon auf der Lippe, ergreift einer der Camp-Bewohner das Wort. Mit tiefer Stimme fragt er: „Warum wird die ganze Zeit über Syrien geredet, wo doch mitten in Berlin libysche Flüchtlinge leben, ohne Job und ohne Haus. Was macht ihr für die?“ Wort für Wort quillt die Entrüstung aus ihm und er schleudert sie den Menschenrechtlern entgegen.

Einen kurzen Augenblick ist Franziska Vilmar verunsichert. Sie beugt sich auf ihrem Stuhl weit vor, stützt ihre Arme auf einen Tisch. Ihr Blick schnellt von der Decke zur Tischplatte. Schließlich schaut Vilmar den Mann an. Der sitzt breitbeinig auf einem Stuhl mitten im Gang und wartet.

Vilmar versucht ihm, ihr Dilemma zu erklären. Bei vielen der Lampedusa-Flüchtlinge sei die Situation anders. Im Gegensatz zu vielen Flüchtlingen in Griechenland hätten sie einen vorläufig gesicherten Status. Zwar unterscheide sich das italienische Sozialsystem gravierend vom deutschen. „Für Italien fehlen aber die Beweise, dass die Flüchtlinge schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind“, sagt Vilmar. Deshalb könne sich Amnesty nicht generell gegen ein Abschiebung einsetzen. Bei Flüchtlingen ohne gesicherten Status sei die Situation anders. „Es gibt bereits Entscheidungen von Verwaltungsgerichten in Deutschland, die feststellen, dass die Zustände für Asylsuchende in vielen italienischen Regionen untragbar sind.“

Was sie nicht sagt: Im Gegensatz zu Syrien ist Libyen auch nicht mehr auf der internationalen Agenda. Es fehlen die Schlagzeilen. Die Staatengemeinschaft schaut auf Assad und sein Giftgas. Nicht mehr auf Flüchtlinge, die vor gut zwei Jahren aus dem Norden Afrikas geflohen sind.

Die Kommunalpolitikerin Taina Gärtner, für die Grünen im Bezirksparlament Kreuzberg, kann sich deswegen mit der Antwort nicht anfreunden. Sie ist Aktivistin, engagiert sich gegen hohe Mieten und schläft seit drei Monaten Gärtner mit den Flüchtlinge im Camp. Ihr Platz ist gegenüber von Mobosis Bett. Sie hat die Gruppe mit zur Pressekonferenz begleitet. „Der Bezirk wird allein gelassen, sich um die Flüchtlinge zu kümmern“, sagt sie nach dem Gespräch mit Amnesty. Gärtner, selbst Mitglied bei Pro Asyl, ist enttäuscht vom Verhalten der großen Verbände. „Da existieren Parallelwelten. Hier die Realität und dort die große Verbandswelt von oben herab.“

Auch Dickson bleibt ratlos zurück. „Ich finde es gut, den syrische Flüchtlingen zu helfen“, sagt er. „Nur was machen wir? Was erwartet man von uns? Wir können nicht zurückgehen.“ Er wird vorerst im Camp am Oranienplatz bleiben. Solange, bis er eine neue Perspektive sieht. Oder bis das Camp eines Tages doch von der Stadt geräumt wird. Denn das Bestehen des Camps ist genauso unsicher wie der Status der Flüchtlinge, die in ihm leben.

Der bundesweite Tag des Flüchtlings wurde 1986 von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ins Leben gerufen. Seit dem koordiniert Pro Asyl jährlich den Aktionstag. Er findet immer am Freitag in der Interkulturellen Woche statt, dieses Jahr am 27.9.2013. Deutlich jünger ist der weltweite Tag des Flüchtlings: Der wurde 2001 von der UN-Vollversammlung ausgerufen. Er findet jedes Jahr am 20. Juni statt.

16:23 27.09.2013
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community