Der Hardrocker der Gezi Partei

Alltagskommentar Die Gezi-Bewegung hat jetzt eine Partei. Und die wird von einem Hardrocker geführt. Doch die Partei könnte ein neues Lebensgefühl untergraben
Christopher Piltz | Ausgabe 44/2013 10
Der Hardrocker der Gezi Partei
Gehen Hardrock und Politik zusammen: Der türkische Metal-Gitarrist Cem Köslak versucht es
Foto: Presse

Noch hat Cem Köksal die Wahl: Er kann sich einen Komiker zum Vorbild nehmen, einen Terminator oder einen Boxer. Er kann sich an Beppe Grillo orientieren, an Arnold Schwarzenegger oder Vitali Klitschko. Alle sind in die Politik gegangen. Der bekannte türkische Hardrocker Köksal eifert ihnen jetzt nach.

Der Metal-Gitarrist, der auf seiner Tour insgesamt vor 200.000 Menschen auftrat, hat nun die Gezi Partei (GZP) gegründet. Nach Freiheit rief Köksal bereits auf seinem Album aus dem Jahr 2003: Set me free! Und ein Logo gibt es auch schon: ein mit der Erde verwachsener Mensch, der wie ein Baum aussieht. Auf ihrer Facebook-Seite hat die Partei, die sich vor allem über die sozialen Netzwerke organisiert, mehr als 29.000 Likes. Doch nicht alle Gezi-Bewegten sind begeistert von der Neugründung, viele fürchten die Zersplitterung der Opposition. In Istanbul gibt es etwa 60 lokale Gruppen, in denen sich die Anhänger der Gezi-Bewegung regelmäßig treffen. Durch eine Partei könnten deren Werte zerfressen werden, sorgen sich nun manche. Die Furcht ist nicht ganz unbegründet: Bei den Gezi-Protesten hat man Wasserwerfern und Tränengas getrotzt, es wurde geschrien, gesungen und gejubelt. Gezi war für viele Türken ein Gefühl, und das Streben nach Veränderung ist zur Lebenseinstellung geworden. Wie soll dieser Geist im Parlament von Ankara bewahrt werden? Zwischen Programmen, Statuten und Postengeklüngel? Und es warten noch andere Hürden auf dem Marsch durch die Institutionen.

Hauptsache ein Promi an der Spitze

Das rigide Vorgehen der Justiz gegen regierungskritische Parteien etwa. Die Gezi Partei trägt die Nummer 77 in der 90-jährigen Geschichte der Türkei, viele politische Gruppen vor ihr wurden verboten oder mussten sich aufgrund staatlichen Drucks auflösen. Vor allem aber muss die neue Partei bei den kommenden Wahlen erst mal die Zehn-Prozent-Hürde nehmen. Reicht da ein Promi an der Spitze, um einer Partei zum Erfolg zu verhelfen? Grillo, Schwarzenegger und Klitschko zeigen, dass es irgendwie geht, zumindest für ein paar Jahre.

Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele: Der Hip-Hopper Wyclef Jean etwa plante 2010 den Sprung in die Politik. Seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten von Haiti scheiterte an formalen Vorschriften. In einem Lied singt er: „Wenn ich Präsident gewesen wäre, ich wäre am Freitag gewählt, am Samstag ermordet und am Sonntag beerdigt worden.“ So schnell enden politische Karrieren zum Glück eher selten. Sonst würde sich der türkische Musiker Cem Köksal sicher nicht in die Politik trauen.

 

12:19 30.10.2013
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