Christopher Piltz
Ausgabe 4413 | 30.10.2013 | 12:19 10

Der Hardrocker der Gezi Partei

Alltagskommentar Die Gezi-Bewegung hat jetzt eine Partei. Und die wird von einem Hardrocker geführt. Doch die Partei könnte ein neues Lebensgefühl untergraben

Der Hardrocker der Gezi Partei

Gehen Hardrock und Politik zusammen: Der türkische Metal-Gitarrist Cem Köslak versucht es

Foto: Presse

Noch hat Cem Köksal die Wahl: Er kann sich einen Komiker zum Vorbild nehmen, einen Terminator oder einen Boxer. Er kann sich an Beppe Grillo orientieren, an Arnold Schwarzenegger oder Vitali Klitschko. Alle sind in die Politik gegangen. Der bekannte türkische Hardrocker Köksal eifert ihnen jetzt nach.

Der Metal-Gitarrist, der auf seiner Tour insgesamt vor 200.000 Menschen auftrat, hat nun die Gezi Partei (GZP) gegründet. Nach Freiheit rief Köksal bereits auf seinem Album aus dem Jahr 2003: Set me free! Und ein Logo gibt es auch schon: ein mit der Erde verwachsener Mensch, der wie ein Baum aussieht. Auf ihrer Facebook-Seite hat die Partei, die sich vor allem über die sozialen Netzwerke organisiert, mehr als 29.000 Likes. Doch nicht alle Gezi-Bewegten sind begeistert von der Neugründung, viele fürchten die Zersplitterung der Opposition. In Istanbul gibt es etwa 60 lokale Gruppen, in denen sich die Anhänger der Gezi-Bewegung regelmäßig treffen. Durch eine Partei könnten deren Werte zerfressen werden, sorgen sich nun manche. Die Furcht ist nicht ganz unbegründet: Bei den Gezi-Protesten hat man Wasserwerfern und Tränengas getrotzt, es wurde geschrien, gesungen und gejubelt. Gezi war für viele Türken ein Gefühl, und das Streben nach Veränderung ist zur Lebenseinstellung geworden. Wie soll dieser Geist im Parlament von Ankara bewahrt werden? Zwischen Programmen, Statuten und Postengeklüngel? Und es warten noch andere Hürden auf dem Marsch durch die Institutionen.

Hauptsache ein Promi an der Spitze

Das rigide Vorgehen der Justiz gegen regierungskritische Parteien etwa. Die Gezi Partei trägt die Nummer 77 in der 90-jährigen Geschichte der Türkei, viele politische Gruppen vor ihr wurden verboten oder mussten sich aufgrund staatlichen Drucks auflösen. Vor allem aber muss die neue Partei bei den kommenden Wahlen erst mal die Zehn-Prozent-Hürde nehmen. Reicht da ein Promi an der Spitze, um einer Partei zum Erfolg zu verhelfen? Grillo, Schwarzenegger und Klitschko zeigen, dass es irgendwie geht, zumindest für ein paar Jahre.

Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele: Der Hip-Hopper Wyclef Jean etwa plante 2010 den Sprung in die Politik. Seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten von Haiti scheiterte an formalen Vorschriften. In einem Lied singt er: „Wenn ich Präsident gewesen wäre, ich wäre am Freitag gewählt, am Samstag ermordet und am Sonntag beerdigt worden.“ So schnell enden politische Karrieren zum Glück eher selten. Sonst würde sich der türkische Musiker Cem Köksal sicher nicht in die Politik trauen.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 44/13.

Kommentare (10)

Cüneyd Dinc 31.10.2013 | 06:32

Das Problem in der Türkei ist, das es kein Gefühl dafür gibt, dass man auch außerhalb des Parlaments Politik machen und etwas bewegen kann. Die Gezi Parki Bewegung - egal ob man sie mag oder nicht - hat gezeigt, das man auch ohne politische Parteien was bewirken kann. Eine Parteigründung zeugt nur von stupider Selbstvermarktung einiger weniger, die von Gezi Kapital schlagen wollen. Die Partei wird wohl unter "ferner lief " sich einordnen, wie viele andere vorher. Wichtiger ist die Zivilgesellschaft in der Türkei zu stärken, nicht irgendwelche Spassparteien zu gründen.

Sinan A. 02.11.2013 | 11:59

Ja, die 10% Hürde muss weg, auf jeden Fall. Die stammt ja noch aus der Zeit, als das Land vollkommen radikalisiert war. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Menschen streben in die Mitte. Nur die Positionen unterscheiden sich so wie in jedem Land.

Aber die Alternative ist jetzt da: Die neu formierte HDP (Halkların Demokratik Partisi)
Die neue HDP ist erfahren in der politischen Arbeit und vereint alle Stimmen, die man braucht, um den Neo-Osmanismus und den Radikal-Kapitalismus der AKP wieder loszuwerden:
- in der West-Türkei wählbar
- verschreckt nicht die islamischen Gruppen
- minderheitenfreundlich
- und die Gezi-Bewegung sitzt auch mit im Boot

Cüneyd Dinc 02.11.2013 | 13:54

Das die 10% Hürde weg muss dass beschreitet keiner. 3 - 5 % sollten für mehr demokratische Repräsentation ausreichen.

Nur bezweifle ich das die HDP die "alternative" schlechthin darstellt. Die HDP ist allerhöchstens eine Alternative für die demokratischen und nicht kemalistischen linken CHP Wähler eine Alternative die meist aus Verzweiflung und Alternativlosigkeit mit Bauschmerzen die CHP wählen . Ich bezweifle das die HDP für die liberal konservativen AKP Wähler in den Städten eine Alternative darstellt. Genauso sehe ich nicht wie die HDP ihr image als kurdische Partei loswerden kann (falls sie das möchte) um im Westen Stimmen zu bekommen. Dennoch begrüsse ich die Gründung der HDP. Nur mit wem soll den die HDP dann auch Koalieren? Jetzt bitte nicht mit dem kemalistischen Ewiggestrigen von der CHP? Leider befürchte ich das die Türkei aufgrund von parteipolitischen Alternativen noch etwas länger mit der AKP und Erdogan leben muss.