Die Zweifel des Stürmers beim Kopfball

Phantomtore Stefan Kießling hat gegen Hoffenheim einen kafkaesken Treffer erzielt – und schwieg danach. Trotz eindeutiger TV-Bilder gehört das Schummeln zum Spiel
Christopher Piltz | Ausgabe 43/2013 3

Stefan Kießling hat sich ziemlich ungeschickt angestellt. Vielleicht ging alles zu schnell für ihn, vielleicht ist er auch einfach kein Zocker. Denn bevor der Fußballer sich fürs Feiern entschied, klatschte er schon resigniert die Hände auf seine blonden Locken, schüttelte den Kopf und starrte Richtung Rasen. Er ahnte: Dieser Kopfball war nicht drin.

Dann die kafkaeske Wandlung am vergangenen Freitagabend. Neunter Bundesligaspieltag, Hoffenheim gegen Leverkusen. Es ist die 70. Minute, und der Ball, von Kießling neben das Tor gewuchtet, schlüpft durch ein Loch im Netz. Die Mitspieler bejubeln den Treffer. Kießling dreht sich um, sieht die Freude, sieht den Ball hinter der Linie. Und wäre das Ganze auf einem einfachen Bolzplatz geschehen, das Rattern in seinem Kopf wäre sicherlich zu hören gewesen. Sekunden der Irritation, woher die absurde Wendung? Egal, Jubel. Tor ist Tor. Ein Treffer mehr als der Gegner heißt Sieg, und nur der zählt. Aus dem zögerlichen Blondschopf wird der erfolgreiche Torschütze.

Schummeln gehört zum Spielen

Zum Spielen gehört schon immer das Schummeln – genauso wie all die Regeln, die vorher festgelegt werden. Es ist die Schattenseite eines jeden Wettkampfs. Das Unerlaubte macht letztendlich jedes Spiel erst vollkommen. Der heimliche Würfeldreher beim Kniffel, die Karte im Ärmel beim Poker, der Hütchenspieler-Trick und im Fußball für alle Zeiten Maradonas „Hand Gottes“ – alles Stoff für große Geschichten.

Dringt man noch tiefer in die Welt der Trickser vor, vorbei an fiktiven Figuren wie dem Hochstapler Felix Krull oder realen Ganoven wie dem Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, stößt man schnell auf Karl-Theodor zu Guttenberg. Bis zur letzten Minute seiner Amtszeit schien er überzeugt, nichts Unrechtes getan zu haben. Mit tiefer Überzeugung und der Kraft der Autosuggestion wies er die Anschuldigungen zurück. Ein listiger, ein guter Täuscher. Bei ihm verschwammen die Grenzen von Schein und Sein.

Gäbe es nicht die eindeutigen TV-Bilder, mit einiger Einbildungskraft könnte auch Kießling nach Stunden des Grübelns wirklich glauben, er habe den Ball regelkonform ins Tor geköpft. Er könnte sich hineinsteigern in sein Schummeln, bis er irgendwann ohne jeden moralischen Zweifel an sein Tor glauben würde. Bis ihn die Gewissheit eines jeden guten Tricksers durchdränge. Doch im Medienzirkus Bundesliga ist Leugnen zwecklos, die Sequenz wird in der Dauerschleife wiederholt. Nur auf dem Platz ist man kurz für sich. Und da schwieg Kießling die verbliebenen 20 Minuten. Der Schelm.

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11:48 23.10.2013
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