Weg mit Q, W und X!

1923 Aus den Resten des Osmanischen Reiches wurde die türkische Republik. Präsident Atatürk verordnete ihr bald eine radikale Sprachreform, die bis heute nachwirkt
Ausgabe 43/2013
Weg mit Q, W und X!

Foto: Topical Press Agency/ Getty Images

Der Tag, an dem Recep Tayyip Erdoğan den Türken drei Buchstaben schenkte, berge einige Überraschungen. So hatte es der türkische Premier jedenfalls lautstark angekündigt, bevor er Ende September vor die Kameras trat. Eine halbe Stunde lang lobte er – eingerahmt von roten Nationalflaggen – sein „Demokratiepaket“, sprach von Kopftüchern an Universitäten und der Zehn-Prozent-Hürde für Parteien. Und von drei Buchstaben, die von nun an wieder erlaubt seien. Q, W und X. Fast ein Jahrhundert lang waren diese Lettern aus dem Alltag der Türken verbannt.

Das Türkische kennt die Buchstaben nicht, das Kurdische schon. Deshalb war es nicht nur verpönt, sie in Namen oder auf Ortsschildern zu gebrauchen – es war bei Strafe untersagt. Eine Reglementierung, die weit in die Vergangenheit reicht und die Handschrift nationalistischer Selbstgerechtigkeit trägt. Q, W und X sind drei Buchstaben, die von der Geschichte der türkischen Republik erzählen – eines Staates, dessen Gründung sich am 29. Oktober zum 90. Mal jährt.

Sprache als Ideologie-Instrument

Das Verbot wurde in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgesprochen, als die Türkei noch ein Rudiment des Osmanischen Reiches war. Als aus Verunsicherung und Skepsis gegenüber Frankreich und Großbritannien, den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, die Republik ausgerufen wurde. Es handelte sich um ein Verbot als Teil einer weitreichenden Sprachreform – ein Verdikt, das nicht zuletzt dazu diente, der strikten Ideologie von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zu genügen.

Blickt man zurück in die Entstehungsphase der Türkei, so begegnet man vielen Männern, die wie Atatürk jahrelang für eine türkische Nation gekämpft hatten. Als Jungtürken opferten einige Anfang des 20. Jahrhunderts bei Aufständen ihr Leben. Andere mussten ins Exil gehen. Alle aber standen im Schatten des früheren Generals und späteren Präsidenten Atatürk. Dessen Konterfei prangt bis heute nahezu in jedem öffentlichen Gebäude des Landes. Noch immer schweigt die Nation jedes Jahr an seinem Todestag für einige Minuten.

Vom Osmanischen Reich war nach dem Ersten Weltkrieg nur ein Rumpfstaat übrig geblieben, teilweise besetzt von französischen, italienischen, britischen und griechischen Truppen. Atatürk war es, der eine Bewegung formierte, die sich dem im August 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres widersetzte. Dieses Abkommen ließ dem türkischen Staat nicht mehr als das karge Zentralanatolien und die Schwarzmeerküste. Im Sommer 1922 gelang es der Widerstandsbewegung, die griechischen Truppen nach viertägiger Schlacht in die Flucht zu schlagen. Atatürks Soldaten eroberten Izmir und letztendlich die Türkei zurück. Dieser Sieg sollte mehr sein als das Aufbäumen einer nationalen Bewegung. Er zwang die Besatzungsmächte zu Waffenruhe und Rückzug. Die Karten wurden drei Jahre nach Sèvres neu gemischt. Es zeichnete sich der Weg zu einem Nationalstaat ab, der mit dem Geist der Sultane brach. Im Juli 1923 besiegelte der Vertrag von Lausanne, unterschrieben von Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Griechenland, Rumänien, Serbien und der Türkei, die Geburt des neuen Staates. Monate später, am 29. Oktober 1923, rief die Nationalversammlung in der neuen Hauptstadt Ankara die Republik aus.

Homogenität statt eigener Kultur

Doch der elend lange Untergang des Osmanischen Reiches, die Besetzung und der Kampf für Souveränität hatten einen Nationalismus gefüttert, der sich mit bleierner Schwere über das Land legte. Fortan hatten sich alle Bürger der Republik als Türken zu betrachten, wie es Atatürk verlangte. Darunter litt der Respekt vor ethnischen Minderheiten, allen voran Kurden und Araber. Sie waren die größten Gemeinschaften, die neben den Türken innerhalb der neuen Grenzen lebten, hatten ihre eigene Kultur und Sprache. Aber das gefährdete Atatürks Idee eines homogenen Staates.

Der Staatsgründer fühlte sich vom Vermächtnis der Französischen Revolution von 1789 inspiriert, ihn faszinierte deren Bekenntnis zum laizistischen Staat. Ähnlich sollte auch die Türkei aufgebaut sein. Binnen weniger Jahre durchforstete er das kulturelle Erbe des Staates – von der Kleidung über die Feiertage bis zu den religiösen Bräuchen. Nichts blieb, wie es war. Aus dem Reformer wurde ein Revolutionär, der eine Modernisierung nach europäischem Vorbild forcierte. Bei alldem regierte Präsident Atatürk autoritär und nahm wenig Rücksicht auf andere. Sein Wille hatte zu geschehen. Er kannte nur seinen Weg, sonst würde der junge Staat an inneren Widersprüchen zerbrechen, hieß es.

Als Höhepunkt dieser Phase, die als kemalistische Kulturrevolution in die Geschichte einging, gilt die Sprachreform. Es war ein Abend im Jahr 1928, als Mustafa Kemal Atatürk seinen Landsleuten eine neue Sprache gab. Unweit des alten Sultanspalastes Topkapı in Istanbul hatte der Präsident bei einem Festbankett schon Stunden mit Gästen zusammengesessen. Der Raki floss, ein Orchester spielte Auszüge aus Puccinis Oper Tosca – da ergriff Atatürk das Wort. Er sprach nur wenige Sätze, um dann eine Rede verlesen zu lassen. Daraus zitiert der Historiker Klaus Kreiser in seiner Biografie über Atatürk: „Freunde, unsere harmonische, reiche Sprache wird mit den neuen türkischen Buchstaben voll zur Geltung kommen. Ihr müsst dies begreifen, um uns von unverstehbaren und von uns unverständlichen Zeichen zu erlösen, die seit Jahrhunderten unsere Gehirne in ihren eisernen Fesseln gefangen halten.“ Für Atatürk hatte die Sprache eine essenzielle Bedeutung. Das Türkische war eigentlich ungeeignet für die arabischen Buchstaben; weite Teile der Bevölkerung konnten nicht lesen und schreiben. Jahrelang hatte sich Atatürk deshalb Gedanken gemacht, wie die Schrift zu reformieren sei. Im Mai 1928 beauftragte er schließlich eine Kommission, dem Türkischen lateinische Buchstaben zu geben.

Lesen lernen in fünf bis zehn Tagen

Und nun, im Sommer 1928, war es so weit. Atatürk gab seiner Muttersprache eine westliche Schrift und verkündete an jenem Augustabend im Sultanspalast: „Ich möchte, dass ihr diese Schrift innerhalb von fünf bis zehn Tagen lesen könnt.“ Es war der härteste Einschnitt für die Kultur eines Staates, der mit aller Macht in Richtung Europa vorangebracht werden sollte.

Der Historiker Kreiser beschreibt, welche Auswirkungen das hatte: „Innerhalb weniger Monate wurden Menschen mit traditioneller Bildung zu Analphabeten, die Schwierigkeiten hatten, einen Fahrschein zu entziffern.“ Atatürk tilgte mit diesem Schritt auch einen Teil osmanischer Geschichte. Denn die folgenden Generationen lernten nur noch Türkisch und waren somit unfähig, alte Schriften, Dokumente oder Briefe aus ihrer Vorzeit zu lesen.

Nachdem er seine Sprachreform verkündet hatte, reiste Atatürk wochenlang mit seinem Tross durch das Land, um der Bevölkerung eigenhändig die neue Schrift zu erklären. Ein Präsident wandelte sich zum Sprachlehrer. In Tekirdağ unterrichtete Atatürk zwei Stunden lang den Gouverneur, Abgeordnete und Beamte. Mit missionarischem Eifer kritzelte er im zentralanatolischen Sivas die neuen Buchstaben auf eine Schiefertafel. Er sprach mit Bauern, Kutschern und Imamen, um sie alle von der neuen Schrift zu überzeugen. Und auch wenn ein großer Teil der Bevölkerung alldem skeptisch gegenüberstand: Einmal von Atatürk beschlossen, gab es keinen Weg zurück.

Im November 1928 verabschiedete das Parlament offiziell das Gesetz über die „Neuen Türkischen Buchstaben“. Türkisch war fortan die einzig erlaubte Sprache. Reklametafeln in griechisch und armenisch mussten abgehängt werden, arabische Wörter wurden in den folgenden Jahren nach und nach aus der Sprache verbannt und teils durch neue türkische Begriffe ersetzt. Kurdisch war komplett verboten – und mit ihm blieben für eine lange Zeit auch die Buchstaben Q, W und X verbannt.

Christopher Piltz ist Journalist und studierte Politikwissenschaften in Istanbul

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