Aufstehen gegen Gewalt an Frauen

One Billion Rising Auch in diesem Jahr gehen am 14. Februar Menschen weltweit auf die Straße, um gegen Gewalt an Frauen zu demonstrieren. Noch immer mit gutem Grund
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Aufstehen gegen Gewalt an Frauen
Weltweit, wie hier etwa in Pristina, haben am 14. Februar Menschen gegen Gewalt an Frauen demonstriert

ARMEND NIMANI/AFP/Getty Images

Einer von drei Frauen auf der Welt wird in ihrem Leben statistisch gesehen Gewalt angetan – durch Schläge vom Partner, Beschneidung, staatliche Repressionen oder anderweitige Misshandlungen. Eine von fünf Frauen wird wahrscheinlich Opfer einer Vergewaltigung oder eines Vergewaltigungsversuches werden – davon geht zumindest eine Schätzung der Vereinten Nationen aus. Weltweiter Menschenhandel, Ehren-, Mitgift- und Mädchenmorde sowie sexuelle Belästigung sind weitere Formen der Gewalt, unter denen primär Frauen zu leiden haben.

Jede dritte Frau. Das sind ca. eine Milliarde Frauen auf der Welt, die sich davor fürchten müssen, was ihnen angetan werden könnte oder wird. Das ist nicht nur erschreckend, sondern schlichtweg inakzeptabel und jedes Vorgehen gegen diesen Zustand muss begrüßt und unterstützt werden.

Aus diesem Grund hat die amerikanische Künstlerin und Aktivistin Eve Ensler, vielen vor allem durch ihr Buch und das gleichnamige Theaterstück „Die Vagina-Monologe“ (The Vagina Monologues) bekannt, seit 2012 zu einer jährlichen, weltweiten Kampagne aufgerufen, mit der unter dem Titel „One Billion Rising“ („Eine Milliarde erhebt sich“) durch öffentliche Veranstaltungen und Tänze auf diese Zustände aufmerksam gemacht werden soll. Seit 2013 treffen sich daher in inzwischen über 200 Ländern Menschen am 14. Februar, um für Solidarität und gegen Gewalt zu demonstrieren. Auch heute kommen sie in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten zu diesem Zweck zusammen, um ihre Stimme zu erheben.

Wir tun oft so, als hätte Gewalt gegen Frauen nichts mit uns selbst zu tun. Als würde sie nur in fernen Ländern mit fremden, barbarischen Sitten geschehen oder erst mit Flüchtlingen aus vermeintlich „nordafrikanischen“ Ländern an Silvesterabenden nach Deutschland importiert werden. Dabei ist Gewalt gegen Frauen auch Teil unserer Kultur und zeigt sich nicht nur vielleicht in der eigenen Familie, beim deutschen Nachbarn, der seine Frau schlägt, durch sexuelle Übergriffe in Clubs oder auf der Straße, sondern auch in unserem Sprechen, Handeln, unserer Politik und in unseren Witzen.

Haben Sie sich zum Beispiel jemals gefragt, was diese Leute, mit denen Sie sich doch eigentlich nie beschäftigen möchten, mit „rape culture“ (oder „Vergewaltigungskultur“) meinen? Diesen Begriff als unnötige Aufregung, als Empörungskultur und Hysterie abgetan, als eine Verdächtigungskultur, die darauf aus ist, rechtschaffene Männer zu ruinieren, und in jedem harmlosen Witz sofort gänzlich humorlos nur das der eigenen Empörung Dienende zu erkennen? Das gar nicht so Schlimme zum Schlimmsten zu verklären, immerfort „Aufschrei Aufschrei!" zu skandieren und Ihnen, die Sie niemals auch nur in Gedanken an Gewalt gegen Frauen teilhaben würden, zu unterstellen, Sie unterstützten durch Ihren Humor, Ihr Sprechen und Ihr Verhalten eine Kultur, die den erzwungenen Sex mit Frauen normalisiert und rechtfertigt? Ihnen, die Sie doch jeden, der es auch nur wagen würde, Ihre Tochter falsch anzugucken, sofort zur Rede stellen oder verprügeln würden? Der jeden Verehrer Messer wetzend oder Gewehre polierend empfangen würde, um klarzustellen, was passiert, würde sich dieser junge Herr unziemlich verhalten? Sie wissen ja wie Jungen sind...

Dabei genügt es schon, sich nur einmal die Kommentare unter einem im letzten Jahr auf Facebook geteilten Artikel von VICE, diesem investigativem Lifestyle-Magazin für junge Leute, anzuschauen:
„Eure Anmachen gehen regelmäßig ins Leere? Hier könnt ihr noch was lernen", ködert der Facebook-Link und versucht, die ständigen Vorwürfe dieser unlustigen „Femi-Nazis" mal positiv umzukehren und stattdessen zu fragen, was die besten Anmachsprüche gewesen seien, die Frauen je gehört hätten. Also keine Beschwerden darüber, wie blöd Frau ständig angesprochen und angemacht würde, indes konstruktive Erfahrungsberichte über geglücktes Flirten. Natürlich würden sowohl Männer als auch Frauen es begrüßen, ergriffen mehr Frauen die Initiative. Dieser Erwartungshaltung, dieser drohenden Abfuhr könnte doch so einfach entgangen werden. Und doch: „In Wahrheit passiert aber meist: nichts. Leider trauen sich viele Frauen immer noch nicht, eine Unterhaltung zu starten: aus Schüchternheit. Oder weil sie glauben, dass der Mann den ersten Schritt machen muss, als wären wir immer noch in den 50ern. Und ja, es gibt tatsächlich noch ein paar männliche Deppen, die dasselbe glauben.“
Diese paar Deppen!

Das erste Fazit des Artikels lautet allerdings: Ist aber trotzdem so. Also müssen nicht Frauen lernen, Männer anzusprechen, und Männer lernen, zu akzeptieren, von Frauen angesprochen zu werden, Männer müssen es einfach nur gewitzter anstellen und so zum Erfolg gelangen. Also klärt VICE auf und fragt Frauen.
Die Umfrage ergibt: Leider auch Vorwürfe und schlechte Erfahrungen, aber grundsätzlich lieber Shots als Cocktails, Opferbereitschaft und Risiko (Handy einfach mal der Frau in die Hand drücken), nett sein und akzeptieren, wenn die Frau trotzdem keine Lust hat, Frauen trotzdem anmachen, auch wenn sie das angeblich nicht wollen (sic!), und vor allem: keine recherchierten und auswendig gelernten Anmachsprüche.

In den Kommentaren bedanken sich sowohl Männer als auch Frauen für diese hilfreichen Tipps. Frauen gestehen, dass auch sie einfach mal den Mann ansprechen müssten, Männer beichten, oftmals viel zu schüchtern zu sein, und bitten um Hilfe. Die Facebook-Community zeigt sich im jungen, aufgeklärten Publikum von VICE von ihrer besten Seite und wir sind einen Schritt vorangekommen.

Reingelegt!

Stattdessen kommentieren größtenteils junge Männer, die recherchierte und auswendig gelernte Anmachsprüche vorschlagen. Ob sie damit bereits gute Erfahrungen gemacht haben, berichten sie allerdings nicht.
„Willst du mich heiraten? Oder willst du gleich blasen?" schlägt ein junger Herr mit Dreadlocks vor. „Hast du Wasser in den Beinen oder wieso schlägt meine Wünschelrute aus?“, „Die Hosentaschen rauskrempeln und dann: 'sag mal, hast du schon mal nen Elefanten zwischen die Ohren geküsst?'“, „Schöne Beine. Ab wann sind die geöffnet?“, „Ey Praline, bock auf ne Füllung?“ und „Sag mal schwimmst du gerne? Ich würde dich am liebsten mal ins Becken stoßen“ sind weitere Ideen.
Wir befinden uns zwar nicht mehr in den 50ern, aber dicke Schläuche, Wünschelruten und Rüssel sind offensichtlich noch genauso als Metaphern beliebt wie Frauen, die ins „Becken“ (weil Frauen nämlich auch ein Becken haben!) gestoßen, deren Beine wie Läden „geöffnet“ oder die wie Pralinen „gefüllt“ werden müssen.
Darüber hinaus wird zu den von VICE befragten Frauen und ihren Photos kommentiert: „Wer baggert solche ekligen schreckschrauben an? Da bleib ich lieber beim wichsen, bevor ich über sowas drüber rutsch“, „Kotz. Alles. Text und Mädels. Sapiosexuelles Geheule von ungebumsten WG-Küchen-Feministinnen.“, „da würd' ich nichtmal mit ner beißzange rangehen...“ oder „wer bumstn d[i]e haha“.

Und: Weit oben in den Kommentaren befindet sich mit vielen Likes ein weiterer Kommentar: „Der einzige Anmachspruch, der Frauen wirklich umhaut: ‚Riecht dieser Lappen nach Chloroform?’“
Auch weiter unten schlägt ein User mit einem in Regenbogenfarben getönten Profilbild vor: „findest du nicht auch, dass dieses taschentuch nach chloroform riecht?“

Frauen „Umhauen“ kann man nämlich am besten, indem man sie wirklich „umhaut“. Das ist zwar ungefähr genauso originell wie die Zweideutigkeit von „Becken“, nur noch ein klitzeklitzekleines bisschen perfider, ich meine natürlich witziger.
Denn erklärt bleibt ein Witz genauso witzig und entfaltet erst in der detailgenauen Zeichnung des angedeuteten Bildes seine ganze Kraft: Man(n) kann nämlich Frauen auch „Umhauen“, indem man sie auf der Straße überrascht, sie nichtsahnend an einem Tuch riechen lässt und sie so mit Chloroform betäubt. Und schon ist die Anmache geglückt!
Wer sich nicht wehren kann, kann auch nicht nein sagen. Und auch, wenn du vielleicht wie der Vergewaltiger Brock Turner nach Angaben seines Vaters nur „20 minutes of action“ bekommst, hast du gerade eine Frau von dir überzeugt und nun liegt sie bewusstlos und hilflos vor dir – LIKE!

Aber Sie sind ja nicht so. Natürlich nicht.

Unter dem Twitter-Hashtag „#YesAllWomen“ schwappte 2014 nach einem hauptsächlich durch frauenfeindliche Motive begründeten Amoklauf in den USA eine große Welle der Solidarität für weibliche Gewaltopfer und der Berichte von alltäglicher Angst und Gewalt durch oftmals den Opfern nahestehende Täter durch das Internet. #YesAllWomen schloss dabei an den bereits zuvor existierenden Hashtag „#NotAllMen“ an, mit dem sich über die Taktik vieler Männer belustigt wurde, durch die Generalisierung, dass ja schließlich nicht alle Männer „so“ seien, eine Mitschuld an systemischer Gewalt zurückzuweisen.

#YesAllWomen zeigte aber vor allem auch, dass psychische und physische Gewalt an Frauen leider immer noch alltäglich ist und überall existiert.
Das müssen wir – unabhängig von unserem Geschlecht, unserer Herkunft, von unserer sexuellen Orientierung oder unserer gesellschaftlichen Position – anerkennen und wir haben die Pflicht, unsere Stimme dagegen zu erheben. Sei es durch einen Flashmob und einen Tanz am 14. Februar, durch Aufmerksamkeit und Solidarität, durch aktive Arbeit in Projekten oder zumindest dadurch, dass wir die Schuld nicht anderen zuschieben, sondern versuchen zu reflektieren, wie wir denken, sprechen und handeln.

Das Beispiel der Kommentare zu dem Artikel in der VICE mag allzu offensichtlich sein. Oft ist Gewalt viel subtiler. Vielleicht gehen Sie aus einer Situation heraus und fragen sich, ob Sie gerade wirklich belästigt wurden und ob Sie etwas sagen hätten sollen. Oft lachen Sie und fragen sich erst danach, wenn überhaupt, ob das jetzt in Ordnung war.

Aber haben Sie sich jemals gefragt, was diese Leute, mit denen Sie sich doch eigentlich nie beschäftigen möchten, mit rape culture meinen?

Eingebetteter Medieninhalt

20:56 14.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christopher Scholz

Christopher Scholz ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er lebt und promoviert in Berlin.
Christopher Scholz

Kommentare