Ein Mensch ist, was er hinterlässt. (Vorrede)

Freitod So einfach, wie Hengstmann sich das mit dem Tod vorstellte, ist es wohl nicht gewesen.
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Er wurde aufgefunden an der von ihm bestimmten Stelle. Er hatte sich auf die von ihm bestimmte Weise zum Sterben gelegt. Aber er lächelte nicht. Seine Augen waren nicht geschlossen. Er wirkte im Gegenteil wie jemand, der verzweifelt nach Luft geschnappt hatte. Drei Minuten, vier?

Kein schöner Tod.

Gewiss fasste Hengstmann seinen Abtritt von unserer Welt nicht so ins Auge wie wir das tun: Ein Lächeln war ihm nichts, geschlossene Augen ein Greul. Hengstmanns finales Bild von sich auf Erden ist wohl eher zu verstehen als die Gleichgültigkeit eines Menschen, dem es so oder so kommen kann.

Auf seiner letzten Wanderschaft, als er noch aufgelegt war, Fragen zu stellen, blieb Hengstmann wohl vor allem mit Grübeleien befasst, ob sein Tod ein guter Tod sein würde? Selbstbestimmt. Frei.

Niemand will sterben. Aus Hengstmanns Aufzeichnungen ahne ich, wie leidenschaftlich er am Leben hing, wie arg bereit er war, noch für flüchtigste Erinnerungen das Narrenkostüm überzustreifen: Seines Typs sollte man ein, zwei Lacher weit gedenken. So wenig Anstand forderte er vom Leben.

Im Gegensatz zu vielen, schien Hengstmann leidenschaftlich bemüht um das, was er als Mensch hinterlassen sollte, könnte, müsste. Ihn trieb mehr als jenes kurze, schmerzhafte Aufmerken Richtung Sterbebett, wie wenig das Leben durch unseren Tod aus dem Tritt gerät. Bestenfalls ein winziges Zögern. Ein leiser Schritt zwischen zwei festen. Weiter marschiert das Leben, immer weiter.

Als bemerkenswert empfinde ich die Gewissheit Hengstmanns, die ihn voranpeitschte, mit seinen fünfzig Lebensjahren keinen Mehrwert mehr zu bedeuten für eine Welt, die er als fest gemauert empfand: Jedes Kindheitserleben, das niemand sonst erlebt hatte, erkannte er als einen Stein zwischen sich und der Welt.

Gerade seine Glücksmomente mussten Hengstmann so am Ende erschlagen, mussten die Steine auf dem Grab sein, in dem er lebendig lag.

Über allem jedoch das Schreckensbild des zusätzlichen Essers am Tisch des Lebens, der lediglich beansprucht, aber bar jeden Gegenwertes ist.

"Wer nichts schafft, braucht auch nichts zu essen!" hätte er sich gerne der Menschen finsterstes Mittelalter auf den Grabstein meißeln lassen.

Wobei sein tatsächliches Schaffen, sein rentenversicherungspflichtiges Tötungshandwerk ihm wohl eher ein Grund war, vom Leben keinen Bissen mehr zu tun.

Mit Hengstmanns Schlachtergesellen habe ich gesprochen, wie sie ihn als ihren Meister empfanden. Auch mit dem Inhaber des Schlachthauses. Alle erkannten sie Hengstmann als einen Privatgelehrten, der das Blut des Lebens verachtete, es aber leidenschaftlich suchte: Seine Schürze war stets am meisten befleckt, wenn abends die Beile und Messer beiseitegelegt wurden.

Nicht selten hörte man Hengstmann während des Schlachtens Elegien murmeln. Von Liebespaaren Erlauschtes, vereint mit Werbeslogans, die zum Genuss ermunterten, zum herzhaften Augenblick.

Drohte das andauernde Filetieren des Fleisches ihn trotz ausgedachter Kussmünder zu erschöpfen, hielt er sein Gewese durch biblische Hohelieder aufrecht. Als stemme er sich mit letzter Wucht gegen die Aufspaltung seines Gemüts in eine Fressbude und einen Sonntagsstaat: Gleichzeitig Bock sein wollte er und Schöngeist.

Allzumenschliche Bluträusche sollten ihm als bewusste Angelegenheit verbleiben. Keinem Messias wollte er letztendlich sein beflecktes Beil überlassen, die Schweinerei mit allerlei Vorsehung aufzuwischen.

Ob er sein Glück dem Lieben Gott anvertraue, wie andere ihres dem Fußballklub? spie Hengstmann vor Zeugen einen Küster an, der an der Laderampe um zusätzlichen Festtagsbraten nachsuchte.

Gewiss ist Hengstmann kein einfacher Mitarbeiter gewesen. Kamerad oder gar Freund war er niemandem.

Von sonderlich geführten Beziehungen hörte ich nirgendwo auf seinem Lebensweg. Wohl hielt Hengstmann ein Stück weit Händchen, wohl empfand er fremder Leute Ausscheidungen auf seiner Haut, war dabei aber wohl ganz und gar Abstrich der Wissenschaft. Als würde man das Innerste einer Petrischale küssen.

Am gesichertsten ist von Hengstmanns Expeditionen ins Feuchtgebiet des Zwischenmenschlichen die Überlieferung eines Schlachterlehrlings, dem Hengstmann mit altväterlicher Empörung zu verstehen gab, dass junges Stutenfleisch sich weder gegrapscht noch gestreichelt sonderlich anders anfühle als das des hinfälligsten Kleppers, darauf gleich mit dem Beil nochmals einhieb auf diesen Betrug der Geigen und Klaviere eines Kinos, welches angeblich allein dazu geschaffen sei, "den Bock im Menschen fett zu machen."

"Glück" war vielleicht mit dreizehn zuletzt eine Währung für Hengstmann. Vor allem wohl der kindliche Hang zum Glück im Spiel: Einige Schachbücher fanden sich zwischen Hengstmanns letzten Habseligkeiten.

Weltmeister solchen Zeitvertreibes wollte er werden, glaubt man frühen Kritzeleien an den Rändern abgegriffener Werken über die Großmeister jener Liebhaberei.

Als Teenager scheint Hengstmann aber rasch begriffen zu haben, dass sich nie auch nur ein Mensch für das Glück eines anderen begeistern wird: "Du besorgst es mir, ich besorge es Dir", bliebe das höchste der Mitgefühle, erkannte der Teenager in einer jener zahlreichen Aufzeichnungen seines Heranreifens.

Das Leben, das waren für Hengstmann Neugeborene, die in den Windeln lagen, das waren Sorgen um Giersch und Rindenmulch. Hingegen Hengstmann keinen Platz wusste für "Allerweltserleber", die mit einer Tüte Eis nebenher trotteten und sprudelten von Reisen, Events und wo sonst sie des Lebens angeblich habhaft wurden.

Obwohl Hengstmann sich durchaus auf Popkonzerten einen ordentlichen Rausch verpassen ließ, gar gewissenhafte Berichterstattungen erhalten blieben, von welchem Stück Musik er wie besoffen war. In letzter Instanz aber überkam ihn stets die Frage, wer er denn wäre, sich irgendwo im Gemenge der niederen Spiritualität des "Erlebnisses" einen abzugröhlen, wie am Leben er sei?

Hengstmann wollte dieses tatsächliche Dahin- und Ableben bespringen, wollte es "rammeln", wollte ihm Gewalt antun, es mit sich brandmarken.

"Nicht Gefühl will ich sein, sondern Handlung!" kam Hengstmann all den Freundlichen zuvor, welche ihm die Freiwilligkeit seiner Existenz bescheinigen würden. Jene ach so gelassenen Verweise auf Todesmärsche zehntausender geschlagener Landser, wo jeder nach eigener Lust den Wegesrand zur letzten Ruhestätte bestimmen konnte. Ein so freimütiges, so tausendfaches Fortschaffen abgelaufenen Fleisches, dass kein wie immer geweihter Boden sich dem verweigern konnte.

Wer der Erde, der Sonne und den Sternen hemdsärmelig komme, folgerte Hengstmann, komme allem gerade recht.

Mit fliehender Schrift schrieb er solch wütende Schlachtpläne hinein in ein offenbar sehr stilles Jugendzimmer.

Ihm sei nichts gemein mit jener Masse "Heranwuchernder", die sich in Schmökerecken um Schall und Rauch sorgen, und die mit Pappnasen auf durch Vergnügungsparks torkeln.

"Ich will dem Leben sein Wort streitig machen, seine Begrifflichkeiten, seine Wertschöpfungen!"

Ein jahrzehntelanges Schattenboxen scheint es gewesen zu sein. Gegen all die Unbekümmerten, die darüber lachten, dass die Jahre ihrer Alkohol- und Zigarettensucht wohl die glücklichsten ihres Lebens waren.

Niedergewalzt von Mengen an Unbekümmerten, denen nach Strand der Sinn stand und nach „Public Viewing“, musste Hengstmann zwanghaft oft auf seine Schlachterschürze hinab gesehen haben, auf diese Existenz, die ihm da am Leibe hing. Auf seine Kampfstiefel, an denen das Blut des Schlachthofes haftete.

Wohl niemals konnte er begreifen, was er sah, was er überall und um sich herum sah. Als wenn sein Geist sich schützen wollte, indem er über blankes Entsetzen ein Leichentuch des Unverstandes breitete, als wenn sein Geist endlich totgeschlagen sein wollte.

Ob er, so im Blute stehend, Heil fand bei den Schlachtfesten der Ahnen, deren Lichtbilder schwarzweißen Zuprostens er in einem Poesiealbum bewahrte?

Vielleicht kamen ihm Höhlenmenschen in den Sinn. Das Volk der Meakambut etwa, von dem ein Zeitungsausschnitt sich in seinem Nachlass fand. Oder war er den Ritualen der Imboin gefolgt, die er aus einem Magazin heraustrennte, den mit Bleistift unterstrichenen Sitten der Awim, den Tabus der Kanjimei?

Tatsächlich aber taumelte er im Geiste wohl regelmäßig und wie im Tagtraume auf den Hinterhof seines Geburtshauses, der so wundervoll roch nach dem Regen vergangener Frühlinge.

"Gäbe es kein Himmelreich, wüsste ich das sicher, ich würde meinem Leben sofort ein Ende setzen", zitierte Hengstmann seinen Vater, als sie auf dem Hinterhof Hand in Hand zu dem schmiedeeiseren Tor spazierten, welches das Geburtshaus abgrenzte gegen jene mit Unkraut überwucherten Wiesen, als deren Patron sich Hengstmann in Kinderjahren empfand.

Vier, vielleicht fünf Jahre musste Hengstmann jung gewesen sein, als der Vater so zu seinem Sohne sprach.

Während krakeliger Aufsätze der Grundschulzeit standen Hengstmann noch die Eichen vor Augen, wie sie rings um den Hinterhof im Frühlingswind wogten. Sich munter durchs Erdreich wühlende Hauskaninchen waren da, und ein Gartenschlauch, der geschaffen schien zu allerlei Schabernack.

Dennoch war es dem Kinde gegenüber nicht zu früh für Fragen des Ablebens: Ob im Treppenhaus oder in all den Kellern, die erfüllt waren vom Harnisch vergangener Mietparteien, das Kind spürte bereits, welch Vergangenheit dort herrschte. Selbst auf dem Spielplatz oder vor dem Glockenspiel des kleinen Parks am Ende der Chaussee fühlte das Kind ein Dasein, welches längst verweht war, aber auf sonderbare Weise weiterhin bestand.

Hengstmanns Vater nun fand seine Bestandskraft hockend auf dem biblischen Felsen, auf dem ein Mann namens Jesus Christus einst die römisch-katholische Kirche gründete.

Ihr sonntäglicher Kirchgang die Chaussee entlang wuchs so zum Herzstück der Liebe zwischen Vater und Sohn. Geduldig wurde Hengstmann dort an jahrtausendealtes Brauchtum herangeführt. Noch nicht lesen konnte er, jedoch bereits das Glaubensbekenntnis der römisch-katholischen Kirche hersagen.

Tatsächlich ließ sein Vater wohl keinen Zweifel daran, dass der Glaube an das eigene Tun getrost vernachlässigt werden konnte. Bedeutender schien Hengstmanns Vater das Tun an sich, das stete Ausüben des Glaubens.

Den Aufzeichnungen des Kindes folgend, äffte Hengstmanns kleiner Körper bald jedes Kreuzzeichen, jeden Kniefall nach. Ein Kind, welches sich bereitwillig jenen Banden ergab, die allem Eingeborenen anhingen.

Zum Wohlgefallen seines Vaters wuchs Hengstmann so über jene Gegenständlichkeit hinaus, welche Kindern regelmäßig gemein ist: Statt weiterhin das Gespräch mit Spielzeugpuppen zu suchen, tauschte Hengstmann sich im Kirchenschiff brabbelnd aus mit den Reliquien der römisch-katholischen Chausseegemeinschaft.

Besonders die Taufschale hatte es dem Knaben angetan. Ein ums andere Mal strich er im Geiste über den vergoldeten Rand, auf den das Weihwasser geperlt war, nachdem es entlang der Chaussee zahlreiche Kindsköpfe gesegnet hatte.

Allein die Blüte des Sohnes stand bald deutlich gegen das, was der Vater ihn lehren wollte: Hengstmann wuchs heran zu einem hageren, aber unbeugsamen Jüngling, der wohl selbst seines Vaters härenes Hemd getragen hätte mit der Hoffart Ewigen Lebens. Eine Hoffart, welche sich regelmäßig wie das Gift der Nattern in junges Blut mischte.

Dem Vater nach aber musste jede noch so vollendete Ausübung des Glaubens von Übel sein, diente sie nicht dem Anhäufen von Schätzen in jener, "Himmelreich" genannten Sparkasse, deren Bankrott Hengstmanns Vater angeblich zum Äußersten getrieben hätte.

Der Vater setzte seinem Sohn also den Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi auseinander, ka la morte secunda nol farra male, sprach vom leiblichen Tod als einer Schwester des Lebens, die es zu liebkosen gelte. Er führte Psalme ins Feld, ließ seinen Sohn während einer Sommerfrische auf dem Bauernhof erstmals das Gebaren des Schlachtviehs studieren, wie es erst im Blute sich wand und dann ganz still lag. Er drang mit Bildnissen fürchterlicher Kriegswirren ein auf den Sohn, behelligte dessen Kinderzimmer mit jedem Kanonendonner der Weltgeschichte, entsetzte ihn durch ekelerregendstes Gebein, rang also auf unerhörtesten Wegen um das Seelenheil des Sohnes. Doch vergebens: Ungebrochen irrlichterte der Wahnwitz eigener Unsterblichkeit in den wehmütigen Augen des Sohnes.

Am Ende jenes Kreuzweges kindlichen Reifens, legte Hengstmanns Vater schließlich Hand an als ein biblischer Abraham, der vor keinem Opfer zurück schreckte, Fehl und Tadel zu beheben in der Aufzucht seines eigen Fleisch und Blutes. Da stand Hengstmann vor der Firmung, da ging es mehr denn je den Vater an, aus seinem Sohn einen Kelch zu formen, in welchen die Kraft des Heiligen Geistes ungeschmälert strömen konnte. Und was endlich vermochte ein Vater dem Sohne mehr zu bedeuten, als eine letzte Lektion?

Wahrscheinlich gedachte Hengstmann selbst im eigenen Todeskampf noch des Sturmes, der herrschte, als sein Vater ihn weckte zu jener abschließenden Lektion, welche er "Mitternachtsmesse" nannte.

Ohne weiteres Wort wartete der Vater im Türrahmen des so stillen Jugendzimmers, während die Augen seines Sohnes sich blinzelnd ins Dunkel jener Mitternacht einfanden.

Eigener Aussage nach, war Hengstmann selbst während drängendster Jugendjahre niemand, der an Ort und Stelle hinterfragte. Vielmehr ließ er als Heranreifender vorerst einwirken, was sich seiner bemächtigte, um nicht Tatsächliches zu beflecken mit fruchtlosem Trachten nach Aufklärung.

Grußlos trug er also ein abgelegtes Hemd des Vaters auf und griff achtlos zu der Hose aus grüngefärbten Cord, die ihn im Frühling seiner Firmung kleidete.

Wenig später dann pilgerten Vater und Sohn auf der mitternächtlichen Chaussee ihres Kreuzweges. Zwei Spuren im, so Hengstmann, "schmutzig verbrannten Staub des Kleinglaubens".

Auf solch surreale Weise seinen Fortgang nimmt das Verlangen des Vaters, dem Sohne die letzte Messe zu lesen. Offenbar flossen Hengstmann an jenem Punkt des Gedenkens Gotteshäuser eines ganzen Nachlebens in den erinnernden Geist, welcher Untergegangenes zu versöhnen sucht durch heilende Rekonstruktion:

"Über dem Glockengiebel der Kapelle gingen mir die Sterne auf. Vom Sturme getrieben, schlug und schlug das Glockenspiel. Vater geleitete mich durch die Kapelle und hieß mich niederknien auf den Grabplatten ehemals zum römisch-katholischen Glauben eingezogener Anwohner unserer Chaussee."

Eine Kapelle stand dort jedenfalls nicht, als ich Hengstmanns Wege auf Erden nachvollzog. Stattdessen einer jener scharfkantigen und tonerdenen Kirchtürme, wie sie typisch waren für Zeiten schnellen Wiederaufbaus nach Jahren rasender Sündhaftigkeit.

Sonderbare Augenblicke also, welche sich Hengstmann um jene Mitternacht einprägten: Das Kruzifix mit Rocaillen scheint so wenig tatsächlich gewesen zu sein, wie die türkis schimmernden Rundbogenfenster.

Höher und höher musste Hengstmanns Bewusstsein sich über kleinbürgerliche Andachten hinweg getäuscht zu haben. Scheinbar auf filigranem Maßwerk der Phantasie fand es seinen Weg hinauf zu Engelskonsolen und Reliefs von Heiligen, bis es haften blieb an rebenumschlungene Säulen zu beiden Seiten eines Altars, den es so an Ort und Stelle keinesfalls gegeben haben kann.

Zumal Hengstmann wenige Zeilen Kladde weiter mit gefalteten Händen ein Kirchenschiff betritt, wo er "den marmornen Hochaltar hinauf" sieht:

"Über dem Tabernakel, Heilige! Kniend vor einem Kreuz, mannshoch leuchtend in seinem Gold. Geborgen unter Kreuzgratgewölbe, unter Emporenjoch und mächtigen Stützmauern. Passionsbilder leuchten mir, Passionsbilder überall!"

Angeblich war jede einzelne Kerze des Kirchenschiffs gelöscht. Allein das Licht abnehmenden Mondes schimmerte durch Kirchenfenster, auf denen "venezianische Meister" sich vor Jahrhunderten Bilder gemacht hatten vom Himmelreich.

Einen Sarg aus Edelholz schreiben Hengstmanns Aufzeichnungen herbei. In die Mitte des Altarraumes gestellt war dieser Sarg, den Hengstmanns Worte gezimmert hatten.

"Vater und ich traten näher. Wir bekreuzigten uns. Lautlos formten unsere Lippen sich zum Gebet."

Hengstmanns Willen nach, studierten sie beide den Sargschmuck, studierten in seiner Vorstellung Mäanderschnitzereien und Intarsien, welche Krontauben aus blau schimmerndem Indigoholz zeigten.

Unter dem Fenster, das auf Kopfhöhe des Sargdeckels eingelassen war, stehen in Hengstmanns Aufzeichnungen die geschwungenen Lettern eines Mädchennamens gemalt: LINNY!

"Vater drehte den Knauf des metallenen Sichtschutzes, der vor das Sargfenster geschraubt war. Wobei er peinlich genau darauf achtete, dass ich auch hinschaute. Ohne einen Mucks erfüllten drei Scharniere ihren Zweck. Übervorsichtig ließ Vater den Sichtschutz sinken auf den Edelholzrahmen."

Beide erhoben sich, traten zurück. Gerade so, dass sie noch ansehen konnten, welch Gesicht in den Sarg gelegt worden war:

"Weiß das Gesicht des Mädchens. Nicht wie Wachs von Kerzen, mit denen man Fürbitten bekräftigte, sondern weiß wie der Gips der Engelsputten, die hoch über uns in Scharen Richtung Gottvater schwärmten."

Hengstmann beschreibt die Wangen des Mädchens als leicht gewölbt. Als bewahre es Luft, als habe das Mädchen vorm Tode tief eingeatmet, "bis ans Ende seiner Reise den Ort nicht zu verlieren, an dem es gelebt, geliebt, gelitten hatte."

Wesentlich allein aber schien Hengstmann die Goldmünze, welche dem Mädchen zwischen die Lippen geschoben worden war. Sie spiegelte und spiegelte sich in Hengstmanns Brillengläsern.

Tatsächlich hatte er eine solche Goldmünze wohl während katholischer Grundschultage dem Vater aus dessen Sammlung gestohlen und sie einem Mädchen geschenkt.

LINNY mit Namen? Um eines Kusses willen?

Für Hengstmanns Selbstverständnis gewiss der Sündenfall schlechthin. Halbwegs aus der Welt geschrieben offenbar durch den Traum einer reinigenden Mitternachtsmesse. Reinigung durch Tod. Damals schon.

"Genug! Auf dem Absatz wandte ich mich um, den Vater anzusehen. Aber mein Blick traf Kirchenbänke, welche bereits der Flaum der Morgenröte entlangkroch. Nirgends kauerte mein Schöpfer mehr, kein Betvater nirgends schien mehr bereit, dem Morgenrot zu begegnen mit dem Schein seiner Silhouette Erkenntnis. In ein leeres Gotteshaus sah ich, und leer sah das Gotteshaus in mich."

Hengstmanns Aufzeichnungen heben des Lesers Blick zur Orgelempore. Predigerworte tönen dort über den Sarg hinweg:

"Ein Gotteskind, das nimmermehr wollte! Es war ihm sein Weiterleben, sein Dahinleben nicht wert, Jahrzehnte mit dem Teufel steten Handel zu führen, ob es lieber sinnlos gesund, als sinnreich krank sei."

Die Arme auf dem Rücken verschränkt, so lässt Hengstmann sich inmitten freier Reden weiter durch seine Aufzeichnungen wandeln. Vorbei am Taufbecken, die Stufen des Altars hinab, stets Triumphbögen, Putzpilaster, Friese und Stuckornamente im Sinn. So tuend, als predige er vollbesetzten Kirchenbänken.

"Legt ein Kind Hand an sich, ein Gotteskind zumal, weil es zweifelt, weil es keine Linie mehr erkennen mag in den Glücksbildnissen unserer Zeit? Jenes kleckrige Ausgestalten fremder Formen, jener Stab Erziehung, der sich am Ende bloß reimt auf Erwerb. Wir Menschen, wir wollen handeln, wollen wissen, was uns, uns allein gegeben ist. Sagen können, das ist es, mein Leben!“

Flüsternd dann lässt Hengstmann sich enden: „Die Zufriedenen hingegen, die sind auf immer unzufrieden. Ihnen sind überall die Preise zu hoch und zu gering die Aussichten."

Hengstmanns Aufzeichnungen lassen ihn einen Absatz lang stehen bleiben neben den Zufriedenen und deren Becken voll pütscherigem Weihwasser. Als wäre es die Absicht von Hengstmanns Worten, ihren Schöpfer rückzuversichern im Angesicht des Hauptportales. Als befrage man gemeinsam Kreuzblumen, Baldachine, Zierleisten, ob ja wirklich kein Zufriedener zuhöre oder mitlese?

Mochte Hengstmann sich in seinen Aufzeichnungen auch dicke tun: Mindestens in jungen Jahren wollte er wenigstens gegenüber dem anderen Geschlecht nicht gänzlich verzichten auf einen

"Haustierbonus". Jenes drollige Dreingeschaue und niedliche Lautgeben, das ein Sozialleben laufen macht.

Mochte er auf dem Schulhof noch so hartnäckig ins Abseits verwiesen sein, derweil Massen um ihn herum während ihres raumgreifenden, "voll fetten" Miteinanders fröhlich Schall produzierten, öffentliche Tiraden waren Hengstmanns Sache nie.

So klang er allein während insgeheimer Messen:

„Selbst Könige, die Hand an sich legten, sollen begraben sein wie Esel, durch Hintertür und Dachluke fortgeschafft, hinausgeworfen vor die Tore der Stadt!“

Befreit nun von solchem und vielerlei ähnlichem Geschrei, taten Hengstmanns Worte beide Flügel des Kirchentores auf und warfen sein Antlitz in die Morgenröte.

Mit geschlossenen Augen stand Hengstmann da, beide Arme ausgebreitet. Halbstark nun wirkte des Vaters Sohn in seinen Worten, und alt, maßlos alt.

Unwahrscheinlich erscheint es nicht, dass Hengstmann sich je zu vorgerückter Stunde in eine Kirche schlich, sein erstes Schauspiel zu treiben mit außerordentlich Erdachtem, wie es ihm später so eigen wurde. Wenigstens in entschlossener Jugendzeit, wenigstens im Flüsterton, den Küster nicht zu wecken. Was Hengstmann aber weiterhin beschreibt, ist gewiss mehr Abfuhr überschüssiger Leidenskraft, als tatsächliches Erleben:

Scharfe Laute, von der Spitze der Zunge aus, öffnen Hengstmann in seinen Aufzeichnungen die Augen.

"Eine Asiatin, nicht mehr jung, im violetten Kleid. Ein Mann, Asiate auch er, gerade erwachsen, in Paradeuniform, aber mit Strohkranz auf dem Haupt und Hirtenstab in der Rechten. Beide hatten sich weiße Netze über ihre Kleidung geworfen. Zusammen standen sie wie eine Klagemauer."

Möglicherweise die aus Elternabenden entnommenen Bildnisse der Anverwandten des Mädchens LINNY, für welches Hengstmann auf Diebstahl verfiel.

Das Grab sei ausgehoben! Am Rande der Nordseite! verkündete Hengstmann den beiden angeblich im Tonfall eines Mannes, der sein Wort gehalten hatte.

"Auf einen Wink des Asiaten hin, erhoben sich am anderen Ende des Kirchenhofes vier Gestalten, Landsleute zweifelsohne, Sargträger."

Das Tor zum Gottesacker sei geöffnet! dirigierte Hengstmann den Fluss seiner Phantasie.

Er beschrieb den Gottesacker als frei grenzend an wildbewachsene Wiesen und an eine verlassene Pferdekoppel, welche seinen Vorgängern in jenem Traumwandel gedient haben mochte.

Denn das schien auch so eine unerhörte Grille von Hengstmann, dass der Traum angeblich wahrhaftiger dem Tatsächlichen angehöre, als die träumenden Menschenkinder: "Träume bleiben, Träumer nicht!"

Wobei er Träume im Leben als verbrannte Erde empfand, welche die vormals Träumenden später als "Phase" abtun würden. Ein doppelter Unsinn zwischen Abtuenden und Abgetanen, der hier durchaus gewollt scheint.

Sein Heil im Typischen suchend, wurde Hengstmann mit jedem Jahr brutaler im Verallgemeinern. Als nähme er Menschen wie Werkstücke wahr, die er getrost mit Preisen versehen könne.

Im Angesicht des Gottesackers nun stiegen Hengstmann Krähen auf. Ruhig kreisten sie über den Wipfeln, offen für Gelegenheiten aller Art.

In gehöriger Entfernung die weiten Felder der Feiertagswirtschaft. Wogendes Korn, das glühte im Morgenrot.

Hengstmann schritt bedächtig über den Gottesacker, schlich beinahe, erschien jedenfalls als wahrer Hüter der Totenruhe. Hinter ihm schwankten zierliche asiatische Sargträger unter ihrer Last Edelholz.

Reihengräber. Gruften. Entschlafene. Sichtbar war der Gottesacker angelegt auf der höchsten Erhebung von Hengstmanns Traum. Linden, hunderte Jahre alte, wie sie Schutz boten vor Sonne und Regen. Historische Pflanzenstrukturen. Anemonen als Anmahnung des Vergänglichen. Immergrün als ein Innehalten der Verbundenheit. Dazu Lavendel als Wort höchster Reinheit. Unvergessen blühte Wermut. Unverdrossen schwankten Trauerweiden.

Beinahe hinwegsehen ließ Hengstmann seine Aufzeichnungen über diese Nordseite von einem Gottesacker. Erst an den vier Enden des Grabes, in die Eisenpfähle gerammt worden waren, verlor er einige sparsame Worte über jene traditionelle Ruhestätte für Selbstmörder…

Es war der Morgen des Tages, an dem Hengstmann gefirmt werden sollte, als sein Vater mit einem Urlaubsdampfer auf große Butterfahrt ging. Zeugen sagten aus, dass er die Fahrt über ausschauend an der Reling lehnte. Als man dann aber von einem Teller Erbsensuppe zurückkehrte, wäre er nicht mehr zu sehen gewesen.

Er war überhaupt auf dem ganzen Urlaubsdampfer nicht mehr zu sehen, wie später ermittelt wurde. Hengstmanns Vater hatte die Erbsensuppe gewählt, nie wieder seinen Kopf emporzustrecken aus den Fluten endloser Tischzeiten.

Weiche, fast weibliche Gesichtszüge sind dem Vater eigen auf jenen spärlichen Familienfotos, die sich im Nachlass von Hengstmann erhalten haben. Ein Kniender, der nicht wirkte, als wäre er allein mit dem Leibe gesunken, sondern dessen Geist scheinbar lange zuvor versunken war. In stillen, unbegreiflichen Tischzeiten.

Bloß eine Art von Restwesen des Vaters brandete durch dessen Antlitz auf die Lichtbilder. Gleich einer späten Flut hungerte unter Stirn und Wangen etwas aus dem Unterbewussten des Vaters, das seinen Sohn wohl bis hinein in den Lebensabend verfolgte.

Gegenüber dem mit Eisen gepfählten Grab des Vaters hob Hengstmann, selbst während später Jahre in der Schlachterei, regelmäßig zum Gebet an. Wobei er seine Tonlage beschreibt als die einer ins Leben geblasenen Dunstwolke Vorahnungen: "Hoch noch wie die Hoffnung, aber verweht schon im Wissen um ihre luftige Nichtigkeit."

Am Grab des Vaters musste Hengstmann all das Eingeborene erwacht sein, das ihm anbefohlen ward in Augenblicken namenloser Furcht vor Vernichtung.

Hengstmann betete Rosen von den Dornenkränzen, seines Vaters Willen aber entwich während der Jahrzehnte, in denen Hengstmann hinschied, unerbittlich alles und auch das letzte Leben: Morsch staubte das Andenken des Vaters, verrottet und verschüttet auf den Grabplatten seiner Ahnen.

Ob es Hengstmann spätestens an diesem Siedepunkt nach Erbarmen verlangte? Seine Hände nicht mehr länger zum Gebet gepresst, sondern fest vergriffen an dem letzten bisschen Rest Vater?

Erinnerungen, welche mit einem Male die Augen auftaten, dass es zum Schreien sein musste.

Fort! schrieben seine Aufzeichnungen solch Bildnis des Vaters. Fort!

Entsetzlich kam Hengstmann das Weiß in den Augen seines Schöpfers! Weit offen der einst so gottbestimmte Mund, als wäre dem Vater bei seinem Übergang in eine andere Welt selbst die Luft zum Schrei nicht mehr vergönnt gewesen.

So geschlagen mit Schrecken, lag er während Hengstmanns peinlich genauer Traumprotokolle erneut und erneut rücklings wie aufgedunsen im Licht der aufgehenden Sonne.

Das während einer Tischzeit Versunkene, am Ende entriss Hengstmann es mit seinem eigenen Fleisch dem Alptraume, damit es verweht und vergessen sein konnte.

Wie nun geht ein Menschenkind um mit dem Tod seines Schöpfers? Wenn alles Messen geträumt, aller Wahn fortgeschrieben ist.

Es nimmt sich die BIBEL seines Schöpfers vor.

Während der Gesellenjahre verfiel Hengstmann offenbar samt und sonders jener väterlichen BIBEL, jenen Silben feinsten Bleistiftes an den Rändern, die sich bald selbst in Hengstmanns Schriftbild fanden. Davon zeugen säuberlich datierte Anmerkungen des Sohnes unter denen des Vaters. Tiefste Verbundenheit auf dem Boden eines handelsüblichen Massenerzeugnisses.

Scheinbar vom ersten bis zum letzten väterlichen Wort studierte Hengstmann das Alte Testament und das Wirken Christi. Ohne sich dabei aber auch nur ein Wort erhabener zu fühlen als etwa die Feueranbeter Afghanistans.

Gewiss starb Hengstmann nicht ohne Neugier. Zum Vater jedoch fehlte ihm die Spardose Glaube.

Eher kam das "Heilige" dieser Schrift seinem inneren Holocaust entgegen: Jenem regelmäßigen Abgeschlachte allen möglichen Lebens, das es ihm gebot, seinem Gefühlshaushalt keinerlei Gewicht beizumessen, das ihn mit Leichtigkeit aufknüpfte wie einen diebischen Sklaven.

Die BIBEL wisse nichts vom "Glück", triumphierte Hengstmann. Und was ergäben aus Worten geschöpfte Werte für einen Sinn, die nicht seit Jahrtausenden sind?

Absurd schien es ihm, nach etwas zu streben, mit dem Generationen später niemand mehr etwas anfangen könne.

"Will ich das Leben übermannen, muss ich in seiner Ordnung denken, statt mich mit Zeitgeistern zuzudröhnen."

Gestand er sich auch mehr Verstand zu als dem brunftigen Vieh, so glaubte er doch nicht, dass das Potential seiner Empfindungen sonderlich über das des Viehs hinausreiche: Selbst wenn er als Freier die ganze Welt bereise, werde er zu keinem Zeitpunkt wollüstiger sein als ein Rammler im Revier.

Entsprechend gering achtete Hengstmann körperliche Schönheit. Sein Haupthaar trug er rasiert auf das Maß von Lagern, Kasernen, Männerwohnheimen. Sein Rücken war voller Striemen. Viele bereits vernarbt, viele noch frisch. Auch der Brustkorb seines hageren Leibes legte Zeugnis ab von zahllosen Hieben. Deutlich stachen Knochen vor. Jedoch eingefügt in solch zähe Muskelmasse, dass selbst Heiden, welche der Kasteiung unkundig waren, nicht in den Sinn gekommen wäre, ihn als jemanden wahrzunehmen, der völlig für sich stand, erbrochen aus allen Lebenszusammenhängen.

Umso heftiger litt Hengstmann unter den, seiner Ansicht nach, versponnenen Wahrnehmungen um ihn herum. Unter Altären und Hochämtern litt er, welche emsig befriedigt sein wollten durch Schrift- wie Lebensgelehrte. Rituale sich selbst unterhaltender Religiosität schmerzten ihn derart, dass er den Freizeithemden endlich doch begegnete mit des Vaters härenen Hemden aus Rosshaar.

Gott weiß, aus welch väterlichen Fundus er obendrein Soutane, Zingulum und Segensmantel erwarb. Derart gewandet, suchte er an Sonntagen regelmäßig Orte auf, von denen bekannt war, dass man sich dort am anderen Geschlecht rieb.

"Nachbarsgören", welche einander in, seiner Ansicht nach, "aufgebockten" Tagebüchern hochschrieben zu Ausgeburten des Messias.

An solchen Orten wollte er wohl eher gesteinigt sein als ein garstiger Clown, als zu Verenden wie eingesponnenes Beutetier des eigenen Gefühlshaushaltes.

„Würde beim Fresse halten und Geschlechterreiben aus dem Wir nie ein Ich werden, wäre es mir einen Gedanken wert, meine Lippen mit Stacheldraht zu versiegeln. Selten aber sind Schandmäuler schuld, dass jemand mit blutigem Kussmund zurück bleibt. Eher ist es die Aufregung neuer Kussmünder. Die Wahrheit ist dabei bloß die Lüge, das alte Wir nicht kaltschnäuzig durch ein jüngeres ersetzt zu haben.“

Selbst die Psychologin, welche ihm am Ende zugewiesen wurde, erkannte er als bloße Dienstleisterin. Eher als sich in dringend verordnete Therapie zu begeben, wollte er sich auf dem Straßenstrich Erwerbsunfähigkeit wegen Sexsucht - F52.7 - attestieren lassen, obendrein den beträchtlichen Hurenlohn von der Krankenkasse abdrücken lassen, gleichzeitig aber die behandelnden Huren über seine wahren Empfindungen täuschen: „Screw your hooker!“

Wobei er es als besondere Schande empfand, dass Jahre zuvor zwei Studentinnen der Psychologie den Kontakt zu ihm abbrachen, obendrein lieber auf Spielplätzen Kinderwagen schaukeln wollten. Selbst bei anerkannten Rohrreinigern der Psyche musste er also im Rahmen bleiben. Bloß nicht zu viel Holocaust, bloß nicht zu viel Sklavenhandel, nicht zu viel Schlachterei, eigentlich nichts von alledem, was ihn aggressiv machte, wenn über die Liebe gefaselt wurde.

„Ein weiter Weg ist es gewesen, von den ersten Primaten bis hin zu den Magermodels von heute. Emotional erscheint mir der Mensch als ausgereizt. Alphabetisiert, gebildet, maximal verfeinert: mehr Tuning geht nicht. Stattdessen Millionen geschwürartig wachsende Glücksansprüche, wie sie zerdrückt werden von den natürlichen Begrenzungen einer Spezies. Kein Tanzen ist das mehr, sondern ein Zappeln nach Luft.“

Hengstmann aber wollte nicht mehr länger nach Luft zappeln. Keine Luft mehr für Worte beanspruchen, mit denen er niemandem mehr diente. Seine letzten schenkte er zwei Heteronymen, dem „Geschlechtsreifenden“ und dem „Herrn Pusch“. Dann schwieg er. Im Einvernehmen mit sich und dem Tod.

Wir sollten Hengstmann trotzdem anhören. Diesen Menschen, der sein wollte, was er uns hinterlassen hat.

19:56 14.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

chSchlesinger

Ich bin in der Sonne anders als im Dunkel. Mal hungere ich, mal bin ich satt. Heute ziehe ich mit den Wolken, morgen versinke ich in der Erde. All das bin ich. Ich will mich sehen wie ein Turm, und bin doch kaum mehr als das Gras im Wind.
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