Blonde Maus und roter Teufel (1)

Arbeitswelt Wer mit wem gut kann am Arbeitsplatz, wirkt sich entscheidend auf das berufliche Fortkommen aus. Zu den Tücken von Anziehung und Animositäten ein fast wahrer Bericht. (1)
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Als Melanie in unsere Firma kam, war es eine Sensation. Vielleicht lag es daran, dass wir tief in der Provinz beheimatet sind oder dass unsere Belegschaft größtenteils schon etwas älter ist, aber einen solchen Blickfang wie Melanie hatte man bei uns noch nie gesehen.

Was für ein Schnuckelchen“, seufzte unser Kollege Peter bei ihrem Anblick fast ergriffen – um sogleich erschrocken abzubrechen, als ein ironischer Blitz aus meinen Augen ihn traf.

Melanie würde gut zu Máxima und Mette-Marit passen, und sie sprach auch immer davon, demnächst nach Sylt oder nach St. Moritz in Urlaub zu fahren, wo sie vielleicht Harry zu treffen hoffte, der ihr wegen seiner rötlichen Haare besonders gut gefiel.

Er sei wahnsinnig süß er, sagte sie, auch wenn William die bessere Partie für sie gewesen wäre, nur dass dieser sich leider schon aus dem Rennen verabschiedet hatte.

Melanie war blond, nicht ganz echt blond, aber doch hell seidig blond, und auch der stets ein wenig nachdunkelnde Haaransatz beeinträchtigte das lichte Erscheinungsbild nicht.Anders als der mehr hochgewachsene, nordische Typ der Blondine, deren Ausstrahlung eher eine gewisse Überlegenheit zu signalisieren scheint – und Blond ist nun mal ein Signal und keine Farbe –, gehörte Melanie ganz dem schmiegsamen Typ an, mittelgroß mit weichen Linien, und hatte auch ihr Verhalten darauf eingerichtet: Mit Männern, gleich welchen Alters oder welcher Position, verkehrte sie fast ausschließlich entweder im Tone des Flirtens oder im Tone des Schmeichelns, woraus ihr allerdings kaum ein Vorwurf zu machen war: Zum einen bildete es zweifellos eine erfolgreiche und damit nützliche Strategie, zum anderen wurde sie selber mit Wohlwollen und Komplimenten von allen Seiten nur so überschüttet.

Sie fing bei uns als kaufmännische Auszubildende an, im dritten Lehrjahr, nachdem ihre vorherige Lehrfirma Konkurs hatte anmelden müssen, und wurde in unsere Abteilung übernommen. Privat sei sie gerade solo, erzählte sie, und lästerte mit einer Mischung aus anhaltendem Stolz und Herablassung über einen gut aussehenden „Ex“, dessen Anziehungskraft offenbar noch nicht ganz erloschen war.

„Ach, der schon wieder“, maulte sie lässig, wenn sie seine Nummer auf dem Display sah, versorgte ihn aber doch mit allerlei Ratschlägen, die nicht ganz ernst gemeint klangen.

Auch mit ihren Eltern verstand sie sich gut und telefonierte gelegentlich während der Bürozeit mit ihrem Vater in einem spaßig hänselnden Ton, der die autoritären Konflikte vergangener Jahrzehnte längst hinter sich gelassen hatte.

„Hi, hier ist deine Lieblingstochter“, lautete die Begrüßungsformel, die sie gern benutzte, wobei der Witz natürlich drin lag, dass sie die einzige Tochter war.

Die Mutter hatte die Familie einige Jahre zuvor verlassen, um sich ein neues Leben aufzubauen und betrieb inzwischen ein eigenes Gartenrestaurant, das sehr gut lief, so dass Melanie am Wochenende häufig beim Kellnern aushalf, um sich etwas dazuzuverdienen. Obwohl sie sich noch in der Ausbildung befand, lebte sie bereits in einer eigenen Wohnung und fuhr ein eigenes Auto. Der Vater war selbständig mit einem Handwerksbetrieb, Schreiner oder Installateur, und von ihrem jüngeren Bruder, der aufs Gymnasium ging und kurz vor dem Abitur stand, berichtete sie einmal, dass er gerade wegen einer kosmetischen Kieferoperation in einer Klinik liege.

Melanies Anwesenheit in unserer Abteilung löste geradezu eruptive Hormonstöße aus. Die Männer übertrumpften, überschlugen sich regelrecht in der Bereitschaft, ihr bei ihrem Neuanfang in der Abteilung zur Seite zu stehen, ihr möglichst viel, vor allem alles Komplizierte oder gar Technische abzunehmen. Den ganzen Tag über wurde gescherzt, gekichert, gewitzelt, gewiehert, eine Lachsalve jagte die nächste, der erotische Kitzel wurde fortwährend mit immer neuen Anzüglichkeiten frisch entfacht, das schöne Mädchen von allen Seiten hofiert, ihr großzügig auch private Unterstützung für Auto und Computer offeriert. Peter bot sich für alles an, was mit ihrem Auto zu tun hatte, Robbie wollte für den Computer sorgen.

„Also wenn was ist, ich komm' vorbei ... Und falls du mal 'ne günstige Reparatur brauchst, ich kenn' da jemanden ...“

Selbst Uli, unser Abteilungsleiter, der allerdings in einem eigenen Büro am Ende des Flures saß und nur sporadisch bei uns hereinschaute, zeigte sich von seiner besten Seite und arrangierte spontan ihre Teilnahme an einer Messe in Düsseldorf, auf der unsere Firma gerade ausstellte, wahrscheinlich um auch unserer Kundschaft so viel Bezauberung nicht vorzuenthalten.

Das allgemeine Hochgefühl ließ sich insbesondere an einem sich rasant steigernden Bedürfnis nach immer neuen Kosenamen ablesen:

Hieß es am Anfang noch einigermaßen gönnerhaft bewegt,

„Blondi Mädchen, jetzt komm doch mal her mir mir“,

steigerte sich dies schnell zum sehnsüchtigen Appell,

„Mellimaus Herzchen, nun komm doch mal endlich“,

bis schließlich auf dem Höhepunkt des erotischen Orkans emphatische Bekundungen folgten,

„Putzimausi, wo warst du denn die ganze Zeit“,

die unschwer erkennen ließen, dass die triste Bürowelt völlig außer Rand und Band geraten war.

Jede Banane verwandelte sich jetzt in einen Penis, jede Öffnung in ein weibliches Loch.

Es ging zu wie im Tollhaus, an geordnetes Arbeiten war nicht zu denken, betraten Leute aus anderen Abteilungen den Raum, prallten sie meist schon in der Tür zurück und traten nicht selten erschrocken den Rückzug an oder wirkten sonderbar nüchtern und deplatziert in einer Atmosphäre aufgeheizter Gefühle, wo sie dem auf sie einprasselnden Sturzbach euphorischer Scherzhaftigkeit kaum standhalten konnten. Wir anderen Frauen waren so gut wie nicht vorhanden und arbeiteten wie auf einer Insel vor uns hin. Wollten wir eine dienstliche Frage stellen, erforderte dies einiges an Geduld und Ausdauer, um sich in dem stets tobenden Gelächter Gehör zu verschaffen.

Weiter geht’s in Teil 2

10:58 22.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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