Blonde Maus und roter Teufel (2)

Arbeitswelt Wer mit wem gut kann am Arbeitsplatz, wirkt sich entscheidend auf das berufliche Fortkommen aus. Zu den Tücken von Anziehung und Animositäten ein fast wahrer Bericht. (2)
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Dinahs Eintritt in unsere Firma vollzog sich weit weniger spektakulär. Sie arbeitete als Korrespondentin für Englisch und Französisch im Vertrieb und bildete gewissermaßen das dunkle Gegenstück zu Melanie, mit der sie in einer Art kleiner Clique einiger besonders gut aussehender jüngerer Leute in unserer Firma verbunden war. Auch ihr rotbraunes Haar schimmerte in einem seidig satten Glanz, und auch sie hatte der Natur farblich ein wenig nachgeholfen. Wenn Melanie mit klaren Zügen, blauen Augen und schmelzendem Lächeln stets unverfälschten Liebreiz darzubieten schien, bevorzugte Dinah den leichten Schleier eines Make-ups und verzichtete nur selten darauf, die samtbraunen Kulleraugen mit tiefschwarzen Balken zu umrahmen. Sie war eine drahtige Person mit rundlichen Proportionen, deren Bürokleidung mit schöner Regelmäßigkeit aus einer engen Jeans mit allerlei Zierrat und einem knappen Oberteil bestand, wohingegen Melanie offenbar wegen einer sich abzeichnenden Neigung zur Fülle eine Vorliebe für die Farbe schwarz hegte und viel Rock trug, nicht kurz sondern knielang, um darin je nach Jahreszeit entweder luftig nackte oder hoch bestiefelte Beine sehen zu lassen. Doch selbst wenn sie, was im Sommer an heißen Tagen häufig geschah, in einfachen Latschen daherkam und sich nach außen hin keine erkennbare Mühe mit ihrem Aussehen gab, konnte dies ihrer Anziehungskraft keinen Abbruch tun.

Das Büro nebenan ist auf halber Höhe von dem unsrigen durch eine Glasscheibe getrennt. Ich komme also Anfang Januar aus dem Weihnachtsurlaub zurück, und als ich mal zufällig durch die Scheibe blicke, bemerke ich, dass unser Einkäufer Rainer auf der anderen Seite einen neuen Kalender an der Wand aufgehängt hat, und der gefällt mir gar nicht.

Ich stürme sofort hinüber und fordere Rainer mit dem gebotenen Nachdruck auf, diese Geschmacklosigkeit auf der Stelle verschwinden zu lassen. Er ist ein schmächtiges, unscheinbares Kerlchen, und ich gehe davon aus, dass er mir sicher keinen Widerstand entgegensetzen wird. Ohnehin fasse ich es nicht, wie sich ausgerechnet ein so kreuzbiederer und noch dazu verheirateter Typ mit diesen aufreizend strotzenden Badeschönheiten umgeben kann:

Riesige Porträts sich räkelnder Frauen am Strand mit ausgestrecktem Gesäß und überquellenden Brüsten.

Aber weit gefehlt; Rainer lässt mich mürrisch abblitzen und arbeitet weiter als wäre ich Luft; die restlichen Anwesenden hüllen sich in Schweigen. Ich lasse die Sache für den Augenblick auf sich beruhen, um ihm einen angemessenen Rückzug zu ermöglichen und versuche es nach Feierabend noch einmal. Er ist jetzt allein und ich bemühe mich redlich ihm plausibel zu machen, dass von den fast nackten Körpern dieser Nixen, auch wenn sonst an ihnen nichts auszusetzen ist, hier in dieser Umgebung aber doch eine unerwünschte Botschaft ausgeht. Es gelingt mir nicht, ihm den Kalender auszureden. Das Gespräch mündet ergebnislos in diffusen, gegenseitigen Andeutungen und Unterstellungen.

Ich werfe ihm Sexismus vor, er mir die üblichen hysterischen Verklemmungen.

Der Streit zog gewisse Kreise und bildete eine Zeitlang ein wiederkehrendes Gesprächsthema. Da ich den Kalender als Ärgernis empfand, sprach ich mit unserer einzigen weiblichen Betriebsrätin darüber, mit etlichen Kolleginnen und Kollegen, sogar mit dem Geschäftsführer höchstpersönlich, um schließlich festzustellen, dass es außer mir weit und breit niemanden gab, der den Kalender ernsthaft entfernt sehen wollte.

Die älteren Frauen fanden die ganze Sache höchst albern und zogen die Taktik der Nichtbeachtung vor. Die jüngeren, wie Melanie und Dinah, erklärten dagegen ganz offen, dass die Frauen supergut aussähen und die Bilder sehr ästhetisch wirkten. Dass es sich um eine Warenästhetik mit ein paar winzigen Stofffetzchen zum einen als Blickfang und zum anderen als Alibi handelte, war ein intellektuell viel zu hochgestochenes Argument, um sie ernsthaft beeindrucken zu können.

Die etwas älteren männlichen Kollegen beharrten fortwährend darauf, dass auf den Titelseiten aller möglichen Illustrierten genau dasselbe und mehr zu sehen wäre und außerdem niemand die Frauen zwänge, solche Posen einzunehmen. Robbie trumpfte gar mit der Behauptung auf, dass es ihm nichts ausmachen würde, seine eigene Frau entsprechend leichtbekleidet im Büro auszustellen – wofür er den Beweis allerdings schuldig blieb. Jüngere Männer wollten sich nicht festlegen und am liebsten gar nicht behelligt werden.

Der Geschäftsführer legte mir schließlich mit umständlichen Worten nahe, ich müsse meinerseits Toleranz üben und besiegelte damit das Schicksal des Kalenders – er blieb hängen.

Kurze Zeit später komme ich zur Arbeit und finde meinen eigenen Arbeitsplatz geschmückt mit einem neuen Kalender vor, dessen Blätter mit lauter kunstvollen Abbildungen unbekleideter Männer bedruckt sind. D.h. Männer sind es eigentlich gar nicht, es sind Teile von unbedeckten Körpern, die Rückseite eines muskulösen Rumpfes, ein gewölbtes Gesäß, ein behaarter Oberschenkel, alles sehr dekorativ in makelloser Vollkommenheit in schwarz-weißem Dämmerlicht fotografiert.

Ich gab die Sache dann auf, weil mir das Lächerliche der Situation zunehmend bewusst wurde und auch, um den anderen den Spaß an meinem Unmut zu verderben. Auch die Hoffnung, der Bikini-Kalender möge nach Ablauf des Jahres auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden, erfüllte sich nicht. Pünktlich zum nächsten Jahresanfang hing die aktuelle Fassung mit neuen überquellenden Reizen an der Wand.

Ich musste mich schließlich damit abfinden, dass meine Vorstellungen von der Verletzung des Schamgefühls durch die Zurschaustellung weiblicher Sexualattribute am Arbeitsplatz nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen und offenbar allzusehr von einer Ära inspiriert waren, die längst nicht mehr die Deutungshoheit besaß. Die Trendsetterinnen von heute bewegen sich in eine andere Richtung und setzen inzwischen auf andere Strategien, um optische Vorteile im Diskurs der Geschlechter zu nutzen.

Weiter geht’s in Teil 3

11:00 22.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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