Die Beute (12) Wie Dr. M. unsere Fa. übernahm

Arbeitswelt Seit Dr. M. einen eigenen Haustarifvertrag einführte, gehen die Entgelte der Mitarbeiter auseinander. Auch sonst weht ein rauer Wind. 12. Firmenpolitik
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Mit meinen neuen Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung hatte ich dagegen nur wenig Kontakt; da wir nicht wirklich bei der gleichen Firma beschäftigt waren, gab es wenig Anknüpfungspunkte und selten einen Anlass dienstlich ins Gespräch zu kommen, so dass man nur langsam miteinander warm wurde. Manchmal sprach ich tagelang kaum ein Wort, außer hallo und tschüs und andere stereotype Bemerkungen, lächelte nur immer angestrengt jeden an, um bloß nicht etwa als unfreundlich aufzufallen.

Ohnehin wurde in unserer Gruppe auffallend wenig gesprochen, wie ich bald registrierte - obwohl ich wirklich alles andere als eine Plaudertasche bin; auch die Jupp-Mitarbeiter untereinander, die verschiedenen Firmen angehörten, waren sich seltsam fremd geblieben und aus früheren Umgruppierungen nicht wirklich zusammengewachsen. Da sie zudem dienstlich kaum telefonierten, was ich so überhaupt nicht kannte, herrschte immer eine geradezu weihevolle Stille im Raum, und ich habe nie Leute gesehen, die emsiger und bienenfleißiger vor sich hinarbeiteten.

Wenn sie überhaupt ein Wort miteinander wechselten, dann nur im Flüsterton und immer nur diejenigen, die sich an den Doppeltischen gegenübersaßen, was mich manchmal, wenn mir Brigitte mit ihrer tiefen Stimme etwas zuzischelte, zum Kichern brachte. Ich weiß nicht, warum sie am helllichten Tag miteinander flüsterten, so als würden sie ein Verbot übertreten, vielleicht wollten sie andere nicht stören, oder sie hatten Angst, Dr. M. könne hereinkommen und sie wie unartige Kinder bestrafen.

Klaus sagte immer, das beste für einen Angestellten sei, niemals aufzufallen und von seinen Chefs gar nicht bemerkt zu werden. Wer auffällt, wäre schon so gut wie verloren …

Damals gestattete ich mir wenigstens ein amüsiertes Schmunzeln, weil ich noch nicht wusste, wie recht er hatte. Gelegentliches lautes Gelächter, in das alle einstimmten, wie ich es von meinen früheren Arbeitsstellen her kannte, eine Unbeschwertheit, an die ich mich jetzt manchmal sehnsüchtig erinnerte und die auch unseren Arbeitsleistungen ganz sicher nicht geschadet hat, gab es überhaupt nicht. Ich habe dort nie oder nur höchst selten jemanden lachen gehört, und auch ich lief immer mit sorgenvollem Gesicht herum, weil an geordnetes Arbeiten nicht zu denken und mein berufliches Ansehen angekratzt war.

Wenn Wim S., unser Abteilungsleiter, gelegentlich hereinkam - sehr selten, müssen wir ihn an kleine Roboter erinnert haben, so lautlos und monoton, wie unsere Finger über die Tastatur eilten.

Nur ein Gesprächsthema gab es, an dem sich hin und wieder alle gemeinsam beteiligten und das sofort gespannte Aufmerksamkeit auf sich zog. Sobald es um Dr. M. und seine Personalpolitik oder um die Tatsache ging, dass innerhalb der Belegschaft unterschiedliche Arbeitsverträge existierten, regte sich so etwas wie Belebung oder auch Neugierde, und man drehte sich um und diskutierte auch schon mal über den ganzen Raum hinweg miteinander, oder jemand zeigte im Intranet gespeicherte Fotos von früheren Betriebsfeiern vor, die dann ausführlich kommentiert wurden.

Manche Leute wussten erstaunlich gut Bescheid und als besonders pikantes Detail aus Dr. M.'s Leben wurde genüsslich offenbart, dass er - nicht etwa wie sein Kompagnon die eigene Sekretärin geheiratet sondern, oh Wunder, seine Laufbahn mal bei der Polizei angefangen hatte und tatsächlich einige Jahre als Kommissar im Innendienst tätig gewesen war. Als Sohn eines Medizinalrates genügte dies aber offenbar nicht seinem oder dem familiären Ehrgeiz und er begann Jura zu studieren. Nach Abschluss und Promotion folgten Stationen in der Justizverwaltung des Landes und danach als Referent bei einem Landespolitiker, für dessen Partei er sich noch heute engagiert.

Erst danach wechselte er in die Wirtschaft und heuerte als Justiziar bei Firma Jupp an, ein seit Jahrzehnten am Markt etabliertes, sehr angesehenes und bis dahin inhabergeführtes Familienunternehmen. Als dieses in wirtschaftliche Bedrängnis geriet, kauften Dr. M. und sein Kompagnon sich dort ein und trieben die Sanierung voran, woraufhin sich nach einer Phase des Übergangs die alten Eigentümer aus der Geschäftsleitung zurückzogen und das Unternehmen schließlich ganz verließen. Doch während Dr. M. sich später ob seiner unternehmerischen Erfolge gern in Positur warf und sich die mit der Sanierung verbundenen Verdienste mit stolzgeschwelltem Kamm ans Revers heftete, leistete die Belegschaft ihren Tribut wie üblich fast im Verborgenen.

Denn gleich nach Übernahme der Geschäftsführung trat Dr. M. aus dem Arbeitgeberverband aus und führte für neu eingestellte Mitarbeiter einen Hausvertrag ein, der natürlich schlechter war als die tarifgebundenen Arbeitsverträge, über die die länger beschäftigen Mitarbeiter aber noch verfügten, so dass wöchentliche Arbeitszeit, Gehälter und Sozialleistungen innerhalb der Belegschaft, selbst bei gleicher Tätigkeit, nicht selten sogar in der gleichen Abteilung, auseinander zu klaffen begannen.

Für die Inhaber der neuen Hausverträge wurden außerdem die Regeln hinsichtlich Gleitzeit und Freizeitausgleich verschärft und das Abbummeln von überzähligen Stunden durch freie Tage und an Brückentagen weitgehend unterbunden, da gerade diese Regelungen Dr. M. ganz besonders ein Dorn im Auge waren, der ersichtlich unter dem Eindruck stand, dass es der Arbeitnehmerschaft in unserem Lande generell zu gut gehe, dass Arbeit wieder als harte Pflicht empfunden werden müsse und keinen allzu großen Wohlfühlfaktor beinhalten solle. Überzählige Stunden wurden auch nicht als Überstunden bezahlt, sondern ein Maximum von 20 Stunden durfte in den nächsten Monat mit hinüber genommen werden, der Rest verfiel und verschwand aus dem Zeitspeicher.

Nach dem Zukauf unserer Firma ergab sich zudem eine weitere Besonderheit: Jupp selber zählte zur Industriesparte, die generell höhere tarifliche Entgelte zahlte als unser Unternehmen, das als Handwerksbetrieb registriert war, und diesen finanziell vorteilhaften Unterschied behielt man trotz der formalen Firmenverflechtung einer GmbH & Co. KG weiterhin bei.

Es gab also drei Gruppen von Lohn- & Gehaltsempfängern:

Die erste wurde bezahlt nach den aktuellen Tarifvereinbarungen der IG Metall.

Die zweite wurde bezahlt nach einem Haustarifvertrag, der an den Tarifvertrag der IG-Metall angelehnt war, bei den Entgelten aber leicht darunter lag.

Die dritte wurde bezahlt nach den Tarifen des IG-Metall-Handwerks - wobei absehbar war, dass es auch für uns demnächst einen Hausvertrag geben würde.

Die verschiedenen Gruppen unterhielten jeweils eigene Interessenvertretungen und beriefen ihre eigenen Versammlungen ein. Bei Jupp gab es einen Betriebsrat bestehend aus 9 Personen, der sich jedoch vorwiegend als Organ der tarifgebundenen Gruppe verstand.

Wir selber wählten, da die Amtsperiode gerade ablief, erneut einen eigenen Betriebsrat, der wegen der geschrumpften Mitarbeiterzahl jetzt nur noch aus 3 statt wie früher aus 5 Personen bestand. Als einzige Frau unseres Unternehmens kandidierte ich natürlich, wurde aber nicht gewählt, da auch kein Quorum bestand.

Die Gruppe mit dem Jupp-Hausvertrag traf sich unabhängig davon, um von Zeit zu Zeit ihre Strategie festzulegen, da sie finanzielle Anpassungen jeweils durch ihre Vertreter persönlich mit Dr. M. aushandeln musste, wobei diese prozentual immer etwas unter dem Tarifabschluss des entsprechenden Jahres lagen, was es mit sich brachte, dass im Laufe der Zeit der Abstand zwischen beiden sich stetig vergrößerte.

Gleich nach Einführung des neuen Hausvertrages hatten Dr. M. und sein Kompagnon außerdem eine Kampagne gestartet, die älteren Arbeitsverträge quasi freiwillig von den Mitarbeitern auf den neuen Hausvertrag umstellen zu lassen, und natürlich spielte man mit der Angst der Leute, mit Krisenstimmung und hypothetischen Szenarien, um soviel alte Verträge wie möglich zu kassieren, zumal auch Jupp seinerzeit unter Sanierungsvorbehalt stand.

Manche, die davon erzählten, oft eher widerstrebend und vorsichtig reserviert, hatten sich in Pragmatismus geflüchtet und sich relativ schnell breitschlagen lassen, andere erst nach zähem Ringen oder überhaupt nicht, wobei es auch von der Position abhing, die jemand im Unternehmen bekleidete, und vor allem vom Selbstbewusstsein, ob man es überhaupt wagte, sich zu verweigern, um sich dann womöglich monatelang die drohenden Schrecken künftiger Sanktionen auszumalen, ganz egal ob diese nun real oder nur vorgegaukelt waren.

Dieter zum Beispiel, ein Vertriebsingenieur der Jupp-Anlagensparte, mit dem ich manchmal im gleichen Zug nach Hause fuhr - er verdiente sicher gut und konnte sich einiges herausnehmen, hatte nicht unterschrieben, erzählte aber, dass man gleich mehrmals an ihn herangetreten war, sogar von allerhöchster Seite, um Druck zu machen, und dass er, wenn es hart auf hart gegangen wäre, natürlich nachgegeben hätte, Familienvater mit Kindern, der er sei, und die Frau nicht mal berufstätig - aber zum Glück ließ man ihn schließlich in Ruhe und er hoffte, dass es so blieb. Keine Frage, dass viele, die zunächst eilfertig unterschrieben hatten, sich im Nachhinein ärgerten und sich die alten Verträge zurückwünschten.

Eine weitere Maßnahme war gewesen, den zuvor integrierten Produktbereich der Antriebstechnik als separate Sparte abzutrennen und nominell zu einer neuen Firma zusammenzufassen, und auch deren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekamen dann automatisch neue Arbeitsverträge, die natürlich Hausverträge waren.

Brigitte, die damals zu den Betroffenen gehörte, beschrieb mit einem Anflug von ohnmächtigem Spott, wie einer nach dem anderen zu Dr. M. ins Büro gerufen wurde, um dort persönlich in seinem Beisein den neuen Vertrag zu unterschreiben, vielleicht damit er seinen Triumph besser auskosten konnte, zumal diese Aktion angeblich nicht ganz rechtens war, wie gemunkelt wurde, aber niemand wusste es genau oder wollte seinen Arbeitsplatz riskieren, und auch der Betriebsrat hielt sich zurück.

Ich glaube, dass es für Dr. M. so eine Art Sport war, den Leuten ihre besseren Verträge abzujagen und dass es dabei nicht nur um das eingesparte Geld ging, wiewohl die reduzierten Personalkosten dem Unternehmen in den schwierigen, wachstumsarmen Jahren zweifellos sehr zugute kamen, es gab ihm vor allen Dingen ein Instrument der Maßregelung an die Hand und kam seiner Neigung entgegen, frei von lästigen Beschränkungen die eigene Herrscherrolle ganz nach Gutdünken zu entfalten.

So jedenfalls hat es bei Brigitte funktioniert, die kürzlich mit 62 vorzeitig in den Ruhestand gegangen ist bzw. „gegangen wurde“, will man dem Kern des Pudels eine passende Bezeichnung geben. Eigentlich wollte sie bis 65 weiterarbeiten, da sie alleinstehend ist und niemand sie zu Hause erwartete, und lehnte deshalb ab, als die Geschäftsleitung ihr letztes Jahr das vorzeitige Ausscheiden, verbunden mit einer allerdings nur kleinen Abfindung, so um die 3.000 Euro, anbot.

Und zunächst passierte auch nichts, bis sie im nächsten November, dem Monat, in dem es traditionell Weihnachtsgeld gibt oder Tantiemen, wie es jetzt bei Jupp hieß, ihre Gehaltsabrechnung sah und, Schreck lass nach, ihre Tantiemen waren plötzlich geschmolzen, auf einen Minimumbetrag von 500 Euro zusammengeschrumpft statt der circa anderthalbtausend, die sie mindestens erwartete, so dass es fast schon beleidigend wirkte. Sie sei schockiert und gekränkt gewesen, weil andere deutlich mehr gehabt hätten, erzählte sie, und sprach sofort Frau Henriette Z., die Personalchefin, an, warum dies so wäre, die sich aber nur voller Bedauern wand und auf höhere Weisung berief.

Jedenfalls bekamen nicht alle die gleichen bzw. gleich anteilige Tantiemen ausbezahlt, man nahm von oben Einfluss auf die individuelle Höhe dieser Tantiemen, woraufhin Brigitte, einigermaßen ernüchtert, noch einmal nachverhandelte und im zweiten Anlauf eine sehr viel üppigere Abfindung für sich herausschlug. Immerhin 25.000 Euro, wie einige Vögel von den Dächern zwitscherten, man stelle sich vor, 25.000 Euro, damit jemand, der sein ganzes Leben lang, über 40 Jahre nur bei dieser einen einzigen Firma als Vollzeitangestellte beschäftigt war, ganz ohne Not drei Jahre früher nach Hause geht. Ein Vermögensberater hatte die Summe errechnet, um damit ihren Verlust durch die Abschläge wegen des vorzeitigen Renteneintritts auszugleichen.

Es hieß, man wollte sie loswerden, weil sie zu viele Fehler machte und sich häufig krank meldete, wozu ich nichts sagen kann, da ich sie nur kurz kannte. Auch in der Abteilung war sie nicht beliebt, sondern es herrschte eine stille Antipathie ihr gegenüber, die Außenstehende und Neulinge zunächst kaum bemerkten, die jedoch ganz und gar auf Gegenseitigkeit beruhte. Vor allem die Männer lästerten gern über sie in einem äußerst abfälligen Ton, wenn sie nicht dabei war - ach, unsere Brigitte schon wieder, was die wieder gemacht hat, die kapiert es auch nie -, aber selbst wenn es stimmte, dass ihre Leistungen zu wünschen übrig ließen, wundert es doch, wieso dies nach über 40 Jahren nicht noch drei Jahre länger hätte toleriert werden können und mit wie wenig Anspruch auf Loyalität heutzutage selbst ein jahrzehntelanges Arbeitsverhältnis verbunden ist.

Zum Schluss gab sie nicht mal einen Ausstand, nicht mal ein einziges Stück Kuchen oder eine Tüte Plätzchen waren ihr die langjährigen Kollegen und Kolleginnen wert, kein Abschiedstag so wunderschön wie heute, außer dass sie sich in Schale geworfen hatte und einen sehr pfiffigen, pinkfarbenen Hosenanzug trug. Immerhin rang sich Dr. M. ein paar gedrechselte Worte ab, als er ihr einen Blumenstrauß überreichte, ansonsten gab es nur das eine oder andere angestrengte Händeschütteln mit ein paar nichtssagenden Floskeln garniert.

Danach war es, als wäre sie nie dagewesen, wenn noch mal ein Kunde nach ihr fragt, ist man erstaunt, dass es überhaupt eine Brigitte gegeben hat; keine Spur bleibt übrig von 40 Jahren Betriebszugehörigkeit, keine Anekdote, die man sich erzählt, keine sentimentale Erinnerung, kein Scherz, über den man lacht, nichts, mit dem sie aufgefallen wäre, einfach gar nichts, nur jemand, der zum Schluss irgendwie lästig wurde, und ich frage mich, ob mein Arbeitsleben auch so enden wird.

Fortsetzung folgt

Hinweis: Namen wurden geändert, Ähnlichkeiten sind Zufall.

18:50 05.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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