Die Beute (14) Wie Dr. M. unsere Fa. übernahm

Arbeitswelt Ein letztes Treffen mit Abt.-Leiter und Personalchefin soll Klarheit über Ribannas künftige Aufgaben bringen. Doch das Gespräch endet anders als gedacht ... 14. Waterloo
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Dieses letzte Gespräch bei meinem Abteilungsleiter fand dann tatsächlich an einem Montagmorgen um 11 Uhr statt, nachdem mich bereits das ganze Wochenende über ein mulmiges Gefühl verfolgt hatte. Natürlich, das Leben ist ein Abenteuer, aber doch vielleicht nicht zuviel Abenteuer, bloß nicht Wahnwitz statt Mut, nicht Verbohrtheit statt kühle Pragmatik zeigen, hämmerte ich mir immer wieder ein, während ich unauffällig versuchte Gregor loszuwerden, der sich mal wieder in den Kopf gesetzt hatte, mich jede freie Minute mit seiner biederen Gutmütigkeit zu belagern. Kuschel, Kuschel, Kuschel, nicht zum Aushalten.

Andererseits pflegte ich nur allzugern das Image der taffen und selbstbewussten Frau, die sich nicht einfach die Wurst vom Brot nehmen ließ, die auch mal die Zähne zeigte, nicht eine dieser zarten Pflänzchen war, die ich überall herumlaufen sah. Ja, ich gebe zu, ich hätschelte so ein leicht selbstverliebtes Eigenbild, zumal ich mir als jemand, der kein großer Kümmerer ist, leichter eine gewisse Grundsätzlichkeit leisten konnte als andere, die Rücksichten nehmen müssen. So gingen meine Überlegungen mal in die eine, mal in die andere Richtung hin und her.

Ich rief sogar heimlich Tony an, der sofort sehr skeptisch wirkte, als ich ihm von der Zuspitzung der Ereignisse berichtete, dummerweise aber gerade sein jüngstes Enkelkind hütete und die ganze Zeit über von den Drolligkeiten des Babys fabulierte, das obendrein zwischendurch laut in den Hörer brabbelte.

Vielleicht wollte Tony auch einfach nicht sagen, was er wirklich dachte.

Nachdem am Montag alle Platz genommen und Henriette Z. ihren Notizblock gezückt hatte, um alles Wichtige aufzuschreiben, eröffnete Detlef das Gespräch mit der Feststellung, dass ich es mir anders überlegt hätte und nun doch bleiben wolle, jedoch erst dann neue Aufgaben übernehmen könne, wenn die Probleme der EDV-Umstellung einigermaßen bewältigt wären. Er dächte, so in ungefähr drei Monaten. Und dass ich dann auch meine Arbeitszeit von einer Dreiviertel- zu einer Vollzeitstelle aufstocken würde.

Es verschlug mir einen Moment lang wahrhaftig die Sprache. Davon hatten wir kein einziges Wort besprochen. Wir hatten überhaupt nichts Konkretes im Sinne einer Zusage von mir besprochen, weil das ursprünglich gar nicht das Ziel des Gespräches gewesen war. Ich hatte mehr nebenbei erwähnt, dass es mir inzwischen am liebsten wäre, bis zum Ende der Sanierung alles zu lassen wie es ist und erst danach zu sehen, wie es weitergeht. Am besten in eine andere Abteilung wechseln, hoffte ich insgeheim.

Vielleicht hatte er nicht genau genug hingehört, vielleicht ich mich nicht gut genug ausgedrückt, mit unserer Kommunikation war jedenfalls gründlich was schief gelaufen, weshalb Detlef bei seinen Vorschlägen einfach von dem ausging, was er für die optimale Lösung hielt und was zufällig auch dem entsprach, was alle von mir erwarteten.

Doch der wahre Pferdefuß kam erst eine Minute später in seiner ganzen Perfidesse zum Vorschein, als ich nämlich fragte, ob die Kündigung dann auch tatsächlich zurückgenommen würde, obwohl ich dies im Grunde für eine reine Formsache hielt.

Nein, antwortete Henriette Z., das geht nicht so ohne weiteres, das geht aus rechtlichen Gründen nicht.

Natürlich könnte man das machen, verbesserte Wim S. sie ungerührt, aber Sie wollten doch sowieso einen neuen Vertrag.

Ich fühlte mich überrumpelt, übertölpelt. Und halb wusste ich, dass ich die ganze Zeit schon geahnt hatte, worauf es hinauslief. Dass es darauf hinauslief.

Das ist aber kein Hausvertrag?, fragte ich.

Es gibt keine anderen Verträge mehr, antwortete Wim S.

Ich schwieg empört.

Detlef redete an meiner Stelle weiter. Ich hörte nicht wirklich hin, nahm nur Wortfetzen wahr, die an meinen Ohren vorüber rauschten. Sie handelten eine höhere Einstufung für mich aus, allerdings sollte diese erst nach Ablauf der Sanierungsfrist, also frühestens in anderthalb Jahren finanziell in voller Höhe wirksam werden. Wegen des Sanierungsvorbehalts seien Löhne und Gehälter generell eingefroren, erläuterte Henriette Z. mit ungewohnter Beharrlichkeit in meine Richtung, Ausnahmen könne es nur in begründeten Fällen geben, was man dem einen gewähre, könne man später einem anderen nicht verweigern, deshalb schlage sie gemeinsam mit Wim S. eine stufenweise Anpassung, etwa in zwei Schritten, vor. Allen Mitarbeitern sei ein vorübergehender Lohn- und Gehaltsverzicht abverlangt worden, dem werde mit diesem Modell Rechnung getragen.

Ansonsten blieb ich Angestellte unserer Firma und bekäme einen neuen, unbefristeten Hausvertrag.

Während der Minuten, die ich ingrimmig schwieg, gingen mir verworrene Bilder im Kopf herum: Ich als große Tragödin, ich als tapfere Kämpferin, ich allein gegen den Rest der Welt. Ich war so maßlos wütend, weil sie alle ganz selbstverständlich erwarteten, dass ich klein beigeben würde. Und dieser Geiz um jeden Cent meines Gehalts. Weil Frauen es ja nicht so nötig hätten, ich fasse es nicht ... Die schöne, neue Arbeitswelt der aufstrebenden weiblichen Elite, einfach toll, was einem da geboten wird ... Ich bin doch nicht ihre Melkkuh ...

Dann sagte ich: Das akzeptiere ich nicht.

Was?, fragte Wim S.

Plötzlich starrten mich alle an.

Ich will meinen Vertrag behalten. Und zusätzliche Stunden will ich vorläufig auch nicht machen. Wenn die Sanierungsphase abgeschlossen ist, kann man diese Dinge neu regeln.

Wim S. schüttelte den Kopf.

Henriette Z. malte auf ihrem Notizblock.

Detlef sagte: Aber wir haben doch besprochen …

Nein, sagte ich, das haben wir nicht besprochen ….

Während er mich puterrot vor Verlegenheit wie ein begossener Pudel anblickte, tat er mir nicht mal leid. Nicht wirklich jedenfalls. Eigentlich überhaupt nicht. Geschah ihm recht, wenn er sich veräppelt fühlte. Kann ich was dafür, dass er die Zeichen der Zeit nicht versteht?!

Bevor ich endgültig aufstand und ging, erklärte ich in die kühl abwartenden Gesichter hinein, dass ein weiteres Tauziehen um meine Beschäftigung keinen Sinn mehr machen würde, da nach dem monatelangen Hickhack Atmosphäre und Vertrauen bereits empfindlich gestört wären.

Mein kleiner großer Auftritt - ein sich schnell verflüchtigender Nervenkitzel.

Woraufhin Wim S. und Henriette Z. prompt die Köpfe schüttelten und murmelnd beteuerten, das wäre nicht so ...

Die Kündigung liegt auf dem Tisch, fuhr ich fort, es ist an Ihnen sie zurückzunehmen ….

Natürlich bin ich das Gespräch später im Geiste tausendmal durchgegangen. Was hätte ich anders machen, was sagen sollen, wie mich souverän und cool verhalten, um die Situation nach meinen Wünschen zu lenken, mich durchzusetzen und das Beste für mich herauszuschlagen. Und was wäre das Beste gewesen? Dass sie mich ernst nahmen oder dass ich mehr Geld verdiente? Oder hätte ich ihnen vorhalten sollen, dass ich in dem Job todunglücklich war und längst nach einer anderen Stelle suchte? Hätte sie das beeindruckt?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht. Ich könnte nicht mal sagen, wann genau ich beschloss, dass ich genug hätte, ich handelte nach keinem Plan, als ich in die Besprechung hineinging, sondern ließ den Dingen ihren Lauf, so als würde sich dann im entscheidenden Moment wie durch ein Wunder alles günstig für mich fügen. Aber das war entweder etwas zuviel an Konfliktscheu oder mein Verhalten war meinem Bewusstsein bereits einen Schritt voraus. Um den Dichterfürsten zu bemühen: Halb zog es mich, halb sank ich hin …

Dass ich einfach abhaute, war sicher nicht klug, aber rumbrüllen oder losheulen wäre auch nicht klüger gewesen. Hätte ich loskreischen sollen: Warum gerade ich? Was ist an mir plötzlich so interessant, dass sich die Firma bis in die höchsten Spitzen hinein ständig mit mir beschäftigen muss? Lasst mich endlich in Ruhe …

Ich war einfach nicht mehr in der Lage diesem Druck noch länger standzuhalten und mich auf reinen Pragmatismus einzuschwören, als wären in der modernen Arbeitswelt mit der Verfügung über die Arbeitsplätze die alten Untertanen bloß in nicht minder ergebene Werktätige verwandelt worden.

Natürlich nahmen sie die Kündigung nicht zurück.

An meinem letzten Arbeitstag - es hatte sich herumgesprochen, dass es mein letzter war, obwohl ich am liebsten ohne Abschied verschwunden wäre, kam sogar Jan-Erik vorbei, um mir persönlich mit betrübter Miene die Hand zu drücken und das Allerbeste für die Zukunft zu wünschen. Ich nahm es sportlich und ließ seine devote Heuchelei an mir abperlen, was mir insofern nicht schwerfiel, als ich ihm nicht wirklich neidete, dass er bleiben durfte und ich nicht. Im Gegenteil. Nichts wie weg und den Staub dieser ungastlichen Stätte von den Füßen schütteln, lautete die innere Parole, die ich mir zurechtgelegt hatte, zumal ich niemandem den Triumph gönnen wollte, mich am Boden zerstört zu sehen. Jede Feindschaft hat ihre eigene Logik.

Ich glaube, auch Manni freute sich im Stillen, trotz der Mehrarbeit, die vorübergehend auf ihn zukam, dass ich bald „gegangen“ sein würde und er seine Domäne gewissermaßen zurückerobert und wieder ganz unter seiner Fuchtel hat. Nathalie soll ihm in nächster Zeit bei den Schreib- und Laufarbeiten helfen, danach ist als mein Nachfolger ein Azubi, der in Kürze seine Prüfung macht, im Gespräch.

Wim S. ließ sich zwischendurch gar zu lobenden bzw. zu vielen lobhudelnden Worten hinreißen und sagte, wie nobel er es fände - ja wirklich, er sagte nobel!, also wie nobel er es fände, dass ich gleich meinen Abschied nähme statt die Sache hinauszuzögern, man habe schon zuviel unnötige Zeit beim Regeln der offenen Personalfragen verloren.

Sie haben sich mit Ihrem Studium sicher andere Dinge vorgenommen, bemerkte er mit einer Gönnerhaftigkeit, wie man sie nur aufbringt, wenn man jemanden unbedingt loswerden oder sich auf anderer Leute Kosten ein gutes Gewissen verschaffen will, und nur mit Mühe konnte ich verhindern, dass er mich beim Abschiedshändedruck noch mit einem Redeschwall aus heiteren Scherzen überschüttete - er schien an diesem Tag jedenfalls strahlender Laune zu sein.

Auch Henriette Z. wirkte jedes Mal ganz gerührt, während wir die letzten, noch zu regelnden Formalitäten besprachen, und nie vergaß sie gebetsmühlenartig zu betonen, angesichts meiner hohen Qualifikation werde es ein Kinderspiel für mich sein, eine neue, wie maßgeschneiderte Stelle zu finden, als würde mir der ganze Arbeitsmarkt wie ein roter Teppich zu Füßen liegen.

Deutlicher kann man nicht merken, dass man nicht mehr dazugehört. Wohin ich auch kam, Fremdheit schwebte im Raum. Ein Rädchen wurde ausgetauscht, danach würde das Leben in diesem Kosmos weitergehen wie bisher.

Nur Detlef sah ich nicht mehr - ich glaube, er spielte die beleidigte Leberwurst, jedenfalls meldete er sich kein einziges Mal und ich hatte wirklich keine Lust ihm hinterher zu laufen. Das fehlte noch. Und auch Dr. M. bekam ich während der kurzen Zeit, die mir noch blieb, nicht mehr zu Gesicht, so dass ich ihm nicht sagen konnte, wie beschissen ich seine Personalpolitik fand. Aber das hätte ich wohl sowieso nicht getan. Der Rest unserer Leute einschließlich der Kollegen aus meiner Abteilung hielt sich zurück, ob aus Takt oder Gleichgültigkeit mag dahingestellt bleiben, ohnehin sind Orgien der Betroffenheit, wie ich sie bei solchen Gelegenheiten schon erlebt habe, nicht gut für meinen Gefühlshaushalt.

Die unangenehme und anstrengende Zeit, die dann folgte, ist gottseidank vorüber. Gregor und ich sind nicht mehr zusammen. Und obwohl wir über die Anfänge einer Beziehung nie wirklich hinauskamen, machte er eine riesige Tragödie daraus, rief dauernd an und verlangte Erklärungen, einfach Nerven zerfetzend ... Apropos Gregor, da fällt mir Tony ein - dem Ärmsten hat seine Frau die Hölle so heiß gemacht, dass wir uns nicht mehr sehen können, er wagt es nicht, nicht mal heimlich, wegen der Gefahr aus dem schönen Reihenhäuschen rauszufliegen. Wirklich schade, aber so ist das Leben ….

Ich machte mich als „Berufswegeberaterin“ selbständig. Kein Witz, im Ernst. Natürlich nicht gleich, erst nach einem längeren Bewerbungsmarathon. Mal sehen, wie lange es funktioniert. Einige Monate später zog ich um und wechselte deshalb den Ortsverein der Partei, in der ich mich vor ewigen Zeiten mal sehr engagiert, in den letzten Jahren nur noch selten durch besondere Aktivität hervorgetan habe. Gelegentlich besuchte ich mal eine Versammlung und hielt losen Kontakt, das war alles. Mein Ex hatte mich dort eingeführt. Jetzt fiel mir die Mitgliedschaft wieder ein und ich war froh, ein paar neue Leute zu treffen. - Könnte ja sein, der eine oder andere Kunde fällt für mich dabei ab, jeder muss schließlich sehen, wo er bleibt. Es stand gerade eine dieser meist öden Feiern zu irgendeinem lokalen Jubiläum bevor - abends, in einem größeren Lokal, im gutbürgerlichen Rahmen.

Ich ging also hin, fein herausgeputzt, öffnete die Tür und erstarrte fast auf der Schwelle, als mir als erstes das schon leicht von Alkohol und Wärme zusätzlich gerötete Gesicht von Dr. M. entgegensah, der von der Begegnung nicht weniger unangenehm berührt wirkte als ich. Es stellte sich dann heraus, dass er seit langem der Schatzmeister unseres Kreisverbandes ist. So klein ist die Welt …

- Ende -

Hinweis: Namen wurden geändert, Ähnlichkeiten sind Zufall.

17:15 22.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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