Doreen oder Die Mädchenwelt (4)

1.3.0. Doreen genießt ihren Zustand und zeigt sich von einer neuen Seite. Dies bringt Dagmar ins Grübeln und manchmal in Verlegenheit ... Kapitel 3/8: Doreen ist schwanger
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Im April des folgenden Jahres - der kleine Park vor Dagmars Fenster stand bereits in voller Blüte und das Gelb der Forsythien leuchtete zu ihr herüber, sprach sich herum, dass Doreen wieder schwanger war oder vielmehr Doreen selber verkündete einigermaßen stolz und strahlend die Nachricht, dass sie ein drittes Kind erwartete. Obwohl sie erst im dritten Monat war, hatte sie bereits einen kleinen, sichtbaren Bauch, den sie bereitwillig überall vorzeigte und zwar weil niemand an diesen Bauch glauben wollte, jedenfalls jetzt noch nicht, da ein Bauch zu diesem frühen Zeitpunkt jeder Wahrscheinlichkeit widersprach. Dagegen beteuerte Doreen lebhaft, weil sie so dünn sei, sehe man es früher als bei anderen Frauen, und tatsächlich, das schmale Gerippe begann sich in der Mitte ein wenig zu runden und ihre Taille hatte eine leichte Ausbuchtung bekommen, die sich angeblich vorher dort nicht befand.

Als sie im vierten Monat ist, hatte sie es geschafft sagenhafte drei Kilo zuzunehmen, oder jedenfalls war es das, was sie allen erzählte, und trug schon jetzt beständig eine leuchtendrote Latzhose, als könne sie es gar nicht erwarten, ihren Erfolg und den Zustand froher Erwartung nach außen zu kehren. Auch das Rattenschwänzchen war verschwunden und ihr Haar zu einer neuen, kleidsamen Frisur zurechtgefönt, sie trug es jetzt kürzer als vorher und modisch geschnitten, was ihr plötzliches Aufblühen und die Veränderung durch die kommende Mutterschaft noch unterstrich.

Gespräch mit Rita

Dagmar wechselte mit Rita, der Buchhalterin, ein paar Worte über den Fall; sie sprachen vorsichtig zurückhaltend, mehr das Terrain ertastend, da zwar offiziell jeder in der Firma in Doreens Freude einstimmte, aber dennoch dem einen oder anderen vermutlich ein eher erschrockenes „ach du lieber Himmel“ beim Bekanntwerden der Nachricht auf der Zunge gelegen haben mochte. Rita selber war in jungen Jahren verwitwet und hatte danach die drei Kinder ihres Lebensgefährten großgezogen, aber nicht deshalb oder wegen ihres Alters - ihr fünfzigster Geburtstag lag gerade hinter ihr - galt sie ein wenig als Respektsperson, sondern, da die Firma nur diese eine Buchhalterin beschäftigte, erledigte sie auch die Personalangelegenheiten, und dies war es, was ihr Zuvorkommenheit von allen Seiten sicherte. Täglich kam sie am Spätnachmittag in Dagmars Büro, um von dort ihre gesammelten Faxe abzusetzen, da sich in ihrem Büro im ersten Stock, gleich neben dem des Geschäftsführers, kein eigenes Gerät befand.

„Kommt ja sehr überraschend diese Schwangerschaft,“ deutete Dagmar ihren Standpunkt vorsichtig an, „andere probieren jahrelang, und bei denen klappt es hopplahopp wie am Schnürchen, ein Kind nach dem anderen …“

Zu Dagmars Überraschung platzte Rita, die ansonsten immer sehr ernst und ein wenig über den Dingen stehend auftrat, auch außerhalb ihres Büros kaum jemals irgendwo länger verweilte, mit einem halb unterdrückten Lachen heraus: „Ja wirklich,“ pflichtete sie Dagmar mit einer verunglückten Grimasse bei: „Ja wirklich, kaum zu glauben, als ob die Leute nicht schon genug Probleme hätten ...“

„Ja ...,“ erwiderte Dagmar unbestimmt, die auf etwas anderes hinaus wollte.

„Aber ich hab' mir schon sowas gedacht,“ fuhr Rita nach kurzer Pause in ihrer gewohnt lehrhaften Art fort, „sie sah so verändert aus ... Aber vielleicht geht ja alles gut ... Es wäre ihnen zu wünschen.“

Danach arbeiteten sie schweigend weiter. Dagmar tippte lustlos an einem von Herrn Müllers endlosen Memoranden - ein täglich wiederkehrender Verdruss, da er das Geschriebene nicht selten so lange überarbeitete, bis es am Ende in den Tiefen seines Schreibtisches verschwand, während Rita ein neues Fax einlegte, in ihren Unterlagen blätterte und zwischendurch aus dem Fenster sah.

Ein anderer Blick auf die Schwangerschaft

Dagmar hätte das Gespräch gern fortgesetzt, glaubte auch, dass ein wenig Klatsch geradezu die Essenz des Bürolebens und keineswegs schädlich oder von Nachteil wäre, wie manche Spielverderber behaupteten, wusste aber nicht, wie sie den Faden wieder aufnehmen sollte und wagte auch nicht offen auszusprechen, was ihr Doreens freudiges Ereignis verleidete, von der wirtschaftlichen Seite einmal abgesehen. Diese interessierte sie noch am wenigsten. Während sie gelangweilt Müllers gutturaler Stimme auf dem Diktaphon lauschte, hing sie deshalb dem Gedanken nach, ob womöglich auch Rita eine Regung von stillem Abscheu verspürte und mit ihr darin übereinstimmte, dass Doreens Schwangerschaft keine normale Schwangerschaft war und sich deren Zustand von dem anderer Frauen unterschied. Oder konnte es wirklich sein, überlegte Dagmar, dass alle anderen von dem dahinter liegenden Geschehen pietätvoll die Blicke abwandten, während sie selber sich als Einzige in den Niederungen des geistigen Voyeurismus verlor? Dagmar hätte gern mit Rita darüber gesprochen, dass die Nachricht von Doreens Schwangerschaft sie zutiefst schockierte, aber nicht, weil sie sich um Probleme der Niederkunft oder deren Haushaltsgeld sorgte, sondern weil sie den Blick auf etwas lenkte, das zwar auch zuvor diffus vorhanden gewesen war, aber erst seit Bekanntwerden der Schwangerschaft eine konkrete Gestalt annahm, die Vorstellung von einem Vorgang, bei dem man ansonsten taktvollerweise nicht verweilte und mit dem man sich nicht unziemlich ausführlich in den eigenen Gedanken beschäftigte.

Paare hatten gewiss ihr Liebesleben, gleichwohl war Dagmar im Stillen immer davon ausgegangen, dass die Bergsons, wenn überhaupt, sich inzwischen mit Behelfsformen körperlicher Liebe zufrieden gaben, doch da Kinder nicht vom Klapperstorch kamen, lenkte die Schwangerschaft jetzt den Blick mit plötzlicher Schärfe darauf, dass auch dieses Liebesleben aus dem Vollzug des Geschlechtsaktes bestand und damit darauf, wie die Zeugung zustande gekommen war. Wenn Dagmar Doreens ausgemergelten, kindlichen Körper vor sich sah, schien dieser Zeugung etwas zutiefst Befremdliches, Abstoßendes, brutal Monströses anzuhaften, da Dagmar sich die Penetration einer Magersüchtigen nicht anders als schmerzhaft, auf jeden Fall nicht als lusteinflößend vorzustellen vermochte. Und je weniger sie sich dies vorzustellen vermochte, stattdessen Doreens beulenartigen Bauch und die rote Latzhose vor sich sah, umso mehr empörte sie sich, desto stärker wuchs ihr Widerwillen gegen den Ehemann, ein Argwohn, als wäre dieser ein Unhold, ein zwielichtiger und zweifelhafter Charakter, der mit seinen sentimentalen Löckchen, mit Bobo und Familienfoto bewaffnet sich hinter der Maske des Biedermanns verschanzte.

Is' ja widerlich, dachte sie, einfach widerlich, das ist doch Barbarei, wie kann ein Mann mit einer solchen Frau schlafen, er glaubt doch nicht wirklich, dass sie Spaß daran hat.

Der Tag, an dem Doreen zu spät zur Arbeit kam

Dagmar erinnerte sich plötzlich an einen Nachmittag, der schon einige Monate zurücklag, und dass Doreen, die zumeist um kurz nach zwei und fast immer mit trüber Miene zum Dienst kam, auch immer gleich mit schöner Regelmäßigkeit, wenn sie bei Dagmar hereinschaute, in ein Seufzen ausbrach, ach, sie habe gar keine Lust heute - Dagmar erinnerte sich, dass Doreen an diesem Tag vor drei oder vier Monaten mit deutlicher Verspätung eingetroffen war, mit soviel Verspätung, dass Dagmar bereits begütigend auf Frau Rader hatte einreden müssen, die puterrot vor Zorn sich heftig zeternd darüber ereiferte, sie werde auf keinen Fall schon wieder den ungeliebten Seitentrakt übernehmen, wenn Doreen es nicht einmal für nötig befinde, telefonisch Bescheid zu sagen und ihre Abwesenheit zu erklären.

„Sie wird schon noch kommen. Vielleicht ist sie krank und beim Arzt und kann nicht anrufen.“

„Sie hat ein Handy“, konterte Frau Rader spitz.

„Dann wird eben einen Tag mal nicht geputzt im Seitentrakt. Davon geht die Welt doch auch nicht unter, oder?“, sagte Dagmar und lachte ermunternd, in der Hoffnung, die Gekränkte werde einstimmen.

Doch Sigrid Rader warf ihr einen Blick zu, als sei dies ein geradezu ungeheuerlicher Gedanke und Dagmar nicht ganz richtig im Kopf ihn auszusprechen.

„Ich putze nicht hinter ihr her,“ erklärte sie bockig und ganz ohne ihr gewohntes Lachen, „sie macht sowieso nicht richtig sauber ...“

Zu dieser letzten Bemerkung schwieg Dagmar halb verwundert und fast ein wenig erschrocken, als wäre sie schuld daran, dass Doreens Leistungen anscheinend zu wünschen übrig ließen und dies womöglich, weil sie selber sie mit ihren Gesprächen zu sehr ablenkte. Im Übrigen war ihr nie in den Sinn gekommen, dass es zwischen der Arbeit der beiden Frauen große Unterschiede gab, auch wenn sie wusste, dass Frau Rader sehr viel mehr Berufsstolz an den Tag legte als Doreen und zweifellos ihre Tätigkeit auch umsichtiger verrichtete.

Aber dann war Doreen doch noch gekommen, traf mit anderthalb Stunden Verspätung um kurz nach halb vier sonderbar aufgekratzt wirkend und mit fast roten Backen in dem zarten Gesicht schließlich doch noch ein, stürmte trotz verhangenen Wetters heran wie ein Wirbelwind, geradezu ausgelassen und beschwingt, was so sehr aus dem Rahmen ihrer sonstigen, notorisch gedämpften Stimmungsskala herausfiel, dass Dagmar diesen seltsamen Überschwang sogleich als ungewöhnlich registrierte und zwar auch deshalb, weil er eine vertraute Saite in ihr anschlug. Dagmar konnte nicht anders als in Doreen stets die verjüngte Wiederkehr von Eigentümlichkeiten zu erblicken, die sie selber unauflöslich mit dem Auftreten von Anorexia verband und die ihre Gedanken zu einer mit reichlich Absurditäten gefüllten Spanne ihres Lebens zurückführten. Doreens strahlendes Hochgefühl fiel ihr nämlich deshalb auf, weil sie selber in jener zurückliegenden Zeit nach sexuellen Kontakten, nach jedem Geschlechtsverkehr - nach jedem Fick, um es ganz roh auszudrücken, von einer unnatürlichen Aufwallung von Euphorie regelrecht heimgesucht wurde, ein völliges Überdrehtsein, als wäre sie beschwipst, nur dass sie dies nie wie ein glücklich Beduselter als angenehme Wohltat empfand, sondern sie empfand diesen Zustand als anstrengend und schmerzhaft und litt an der Unrast wie an einer Qual. Und daran, an diesen zerrissenen Zustand hatte Dagmar an dem Tag von Doreens Zuspätkommen ganz unvermittelt, wie aus einer Eingebung heraus, plötzlich denken müssen.

Doreen selber erklärte ihre Unpünktlichkeit nur beiläufig damit, sie wäre versehentlich auf dem Sofa eingeschlafen, und wenn dies zutraf, hatte die Extraportion Ruhe ihr sichtlich gutgetan, aber auch wenn es keinen Beweis dafür gab und obendrein von dieser völlig müßigen Frage nichts abhing, überlegte Dagmar im Nachhinein doch, ob nicht genau dieser Tag der Tag der Zeugung gewesen sein könnte. Dann allerdings konnte man wahrhaftig nicht sagen, dass Doreen sonderlich drangsaliert gewirkt oder einen mitgenommenen Eindruck gemacht hätte.

Schwangerschaft einer Magersüchtigen?

Nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft begann Dagmars Interesse an Doreen nachzulassen. Sie hatte sich mit dieser in einer Art innerer Verwandtschaft gefühlt, fast schon eine Art Komplizenschaft, getragen vor allem von Dagmars Überzeugung, dass es für Doreens Untergewicht nur eine einzige Erklärung gab, nämlich die, dass sie absichtlich zu wenig aß, ihre Umgebung wissentlich täuschte und andere ganz einfach zum Narren hielt. Solche Gewissheiten begannen jetzt zu bröckeln oder hatten doch einen empfindlichen Dämpfer erlitten. Mittlerweile kam sie kaum umhin auch zu erwägen, ob sie sich nicht womöglich irrte und mit ihren Vermutungen am Ende völlig danebenlag. Denn wenn Doreen schwanger war, setzte dies einen intakten weiblichen Zyklus voraus, musste sie vorher Menstruation und Eiersprung gehabt haben, was bei Magersüchtigen in der Regel aber nicht der Fall ist.

Dagmar kannte sich aus.

Unermüdlich und mit rastloser Gründlichkeit hatte sie in jener Zeit, als sie selber an der Krankheit litt, den eigenen Körper beobachtet, studiert, vermessen, Tausende von Malen gewogen, sämtliche Regungen kontrolliert, protokolliert und dann, als alles vorbei war, zahlreiche, durchaus kluge Werke zu Rate gezogen und in ihnen, in der Welt der Wissenschaft, am Ende Zuflucht gesucht. Ich habe mich schlau gemacht, dachte sie, und aus diesem Enthusiasmus heraus, diesem leidenschaftlichen Interesse, das nur ein in der Schule des Lebens erworbenes Expertentum verleiht, erkor sie Doreen gewissermaßen zu ihrem Forschungsobjekt. Dem schien Doreen sich jetzt entziehen und Dagmars Urteilsvermögen erschüttern zu wollen. Andererseits wusste Dagmar aber auch - und dies eben nicht aus Büchern, mit wieviel Unberechenbarkeit, Unbelehrbarkeit und Eigensinn bei Magersüchtigen gerechnet werden musste, dass diese sich in einem seelischen Ausnahmezustand befinden, ein verqueres, neurotisch angehauchtes Selbstbild pflegen und deshalb nicht selten hinter der schutzbedürftigen Fassade eine für andere erschreckende Kaltschnäuzigkeit und Amoralität zutage tritt, wenn es darum geht, zwecks Verschleierung ihrer Esspraktiken Kontrolle und Fürsorglichkeit wohlmeinender Menschen abzuschütteln und zu unterlaufen.

Magersüchtige sind zu allem fähig, dachte Dagmar, zu List, Tücke und sogar zur Grausamkeit, weil sie diesen Dünkel haben, sich anderen haushoch überlegen zu fühlen, weil sie unsagbar stolz darauf sind, sich über die Gesetze des Durchschnitts erhoben zu haben. Das ist es, was ihnen diese mörderische Kraft verleiht, den eigenen Körper immer wieder zu unterwerfen und dabei alle Bedenken, sie könnten sich gesundheitlich schaden, in den Wind zu schlagen. Sie rennen ohne zu zögern mit dem Kopf gegen die Wand. Und wer sich um Folgen und Konsequenzen nicht schert, ist immer klar im Vorteil, je rigoroser desto besser, das war schon immer so. Im Grunde sind sie arrogante, hinterhältige, kleine Biester, denen es nur darum geht, sich mit wahnhafter Geltungssucht auszutoben, und dafür lassen sie nichts unversucht, dafür ist ihnen nichts zu aufreibend. Aber, und auch das ist wahr und Teil einer bösen Logik, ihr Zustand ist genau das, womit der weibliche Körper auf dieser verkorksten Welt am schnellsten Eindruck schinden kann.

Angeblich hatte das Paar sich ein drittes Kind gewünscht, so stellte es jedenfalls Doreen dar, weil man nach den beiden Töchtern auf einen Jungen hoffte, aber Dagmar glaubte dieser Version nicht recht und vermutete, dass letztlich Doreen die treibende Kraft gewesen war und auf irgendeine Weise ihren Mann übertölpelt haben musste.

Wer weiß, wie sie es angestellt hat, um die Schwangerschaft auf den Weg zu bringen, dachte sie, heutzutage war ja in dieser Hinsicht vieles möglich, vielleicht hatte sie mit einer Hormonkur nachgeholfen, womöglich dem Arzt ein tolles Märchen aufgetischt und am Ende auf raffinierte Weise die Natur überlistet.

Erzähl mir einer was über das Talent magersüchtiger Frauen anderen etwas vorzumachen, sinnierte sie weiter, ich weiß doch genau, wie das läuft: Ein Quentchen naive Attitüde, eine Dosis devoten Charmes oder gar die zarte Andeutung von Willfährigkeit, wenn alles andere nichts half, und schon fraß ihnen jeder aus der Hand, schon scharwenzelte jeder um sie herum. Und verblendete Männer, die auf die infantile Masche abfuhren oder hereinfielen, die Gefallen an Lolitas kindlichem Körper fanden und danach gierten sie die Beine spreizen zu sehen, die gab es nun wirklich genug, die gab es nun wirklich wie Sand am Meer …

Doreens neue Rolle

Die unauffällige Maus mit ihrem blass umflorten Gesicht, die jeder bisher nur im Vorübergehen wahrgenommen hatte, die Putze eben, entfaltete plötzlich eine ganz neue Ausstrahlung, schwebte mit einem überlegen lächelnden Zug um den Mund durch die Räume, sonnte sich im Glanz einer Präsenz, die jedermann für sie einnahm, eine nischenhafte Atmosphäre der Vertraulichkeit schuf, die sie rundherum auszukosten schien. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, sie wäre nur deshalb schwanger geworden, um sich etwas mehr Beachtung zu verschaffen: Plötzlich wird jeder auf sie aufmerksam, Babies, Säuglinge, reizende, putzige kleine Wesen rühren das Sentimentale und liefern ein Thema, über das jeder gern spricht oder doch wenigstens ein paar Worte der Anteilnahme verliert. Jemand, der sie gestern kaum grüßte, fragt heute voller Besorgnis nach: Wie geht’s denn so, wie läuft's denn mit der Schwangerschaft, alles in Ordnung?, wissen Sie schon, was es werden wird?, mein Gott, wenn Sie sich nicht wohl fühlen, gehen Sie doch nach Hause -niemand wirft ihr mehr die Putzstreifen vor, die sie auf dem Flur des Seitentraktes hinterlässt oder die Kalkränder am Waschbecken auf dem Klo, die nicht beseitigt wurden, jeder legt plötzlich eine Nachsicht an den Tag, die ihr sonst nicht zuteil würde, sie ist geschützt durch ein Verständnis, auf das sie sonst keinen Anspruch hat. Sie ist schwanger, rundherum schwanger und im Grunde nur noch schwanger.

Ganz Feuer und Flamme für ihre veränderte Rolle und die auf sie zukommenden Ereignisse berichtete sie Dagmar davon, dass ihr Mann auf jeden Fall bei der Entbindung dabeisein werde, ein Ereignis, das sie wie ihren großen Auftritt erwartete. Dagmar, die selber keine Kinder hatte, folglich über keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet verfügte, sah wieder einmal den richtigen Zeitpunkt gekommen, die spröde Emanze herauszukehren und gab mit lässiger Stimme ihrer Verwunderung Ausdruck, was Frauen nur daran fänden, auch noch im Kreißsaal lästigerweise von ihren Männern umlagert zu werden, in einem so konzentrierten Augenblick wie dem der Geburt auch noch auf die Schwachheiten und Genierlichkeiten der Männer Rücksicht nehmen zu müssen. Das störe doch nur. Ziemlich töricht, ein solches Verhalten.

Doreen lachte auf, glücklich erfreut darüber, endlich ein Gebiet zu haben, auf dem sie Dagmar überlegen war, und erklärte ganz vergnügt, dass sie selber den allergrößten Wert auf Mickis Anwesenheit lege, bei Elise war er nicht dabei, auf Anraten der Hebamme, aber er hat schon die Geburt von Mona, der jüngeren Tochter mitgemacht, und auch diesmal will sie nicht auf ihn verzichten; es ist ihr ausdrücklicher Wunsch, dem er sich nicht entziehen kann.

„Dann kann ick meinen Mann endlich mal richtig zusammenstauchen“, erläuterte sie mit gönnerhafter Stimme und schien aus dieser Aussicht einiges an Vorfreunde und Genugtuung zu ziehen.

„Und sonst können Sie das nicht?“, fragte Dagmar zurück.

Aber darauf will Doreen nicht weiter eingehen.

Sie verschwand, kehrte jedoch schon bald zurück, um, während sie beim Abladen einer Palette mit Büromaterial half, ihre Erwartungen an die Geburt noch ein wenig länger in den rosigsten Farben auszumalen. Auf dem natürlichen Geburtserlebnis will sie auch diesmal unbedingt bestehen, obwohl ihr Frauenarzt dagegen ist und ihr ganz dringend zu einer Kaiserschnittgeburt rät, erzählte sie, mit Stößen von Notizblöcken, Textmarkern und Heftzangenmunition beladen, irgendwo zwischen den Räumen pendelnd, mit einer Beiläufigkeit, als sei es an der Tagesordnung, dass ihr Selbstbewusstsein ihr jetzt solche Kapriolen erlaube.

Dagmar, die an diesem Nachmittag wie so oft ungeduldig das Erscheinen von Herrn Müller erwartete, blickte zwischendurch immer wieder auf die Uhr.

Schon zwanzig nach drei ....

Der Prokurist hatte angekündigt, ihr später noch ein besonders eiliges Memo, das Konzept eines peinlich gehüteten Planes zur Neuordnung der Vertriebsabläufe, über dem er seit Monaten brütete, auf Band diktieren zu wollen, saß im Augenblick aber in einer kurzfristig von ihm selber anberaumten Abteilungsleiterbesprechung fest. Angekündigt "aus gegebenem Anlass zwecks Ausräumung von Kommunikationsdefiziten zwischen den Abteilungen“, wie es in der Einladung hieß, sollte dieses Treffen allerhöchstens eine, maximal anderthalb Stunden dauern, doch inzwischen neigte sich der Arbeitstag bedenklich dem Ende entgegen. Und kein Müller weit und breit in Sicht.

Zwanzig vor vier. Dieses Arschloch, schäumte Dagmar innerlich.

„Ick muss mal langsam wieder rüber.“ Doreen lächelte verhalten.

„Ja, überarbeiten Sie sich nicht.“

Doch statt zu gehen, trödelte Doreen herum.

Der Wunsch nach etwas Glanz in ihrem Leben, auch wenn es nur ein erträumter ist, muss geradezu übermächtig sein, dachte Dagmar. War es nicht rührend, wie diese halbe Portion Schmerz und Pein, die ganze Mühsal der Geburt einfach hinweg zaubern wollte, um am Ende was dafür zu bekommen? Ein paar Augenblicke, in denen sie alle Aufmerksamkeit um sich herum beherrschte und andere mit ihrer Tapferkeit beeindrucken konnte. Als ginge es bei der Geburt um ein rekordverdächtiges Unterfangen, dessen erfolgreiche Bewältigung sie über andere erhob.

Verbotene Früchte, von denen sie sonst nicht naschen durfte.

Nicht naschen zu dürfen glaubte.

Dagmar empfand eine Anwandlung von Mitleid, dass Doreen keine andere Möglichkeit fand, ihrem sorgenreichen Dasein zu etwas frischem Glück zu verhelfen, als hin und wieder ein neues Kind in die Welt zu setzen.

„Haben Sie nicht eine Bekannte, eine Freundin oder so, mit der Sie über solche Dinge sprechen können, mal eine andere Meinung hören …?“

„Hm.“ Doreen fingerte mit abgewandtem Blick an einem widerspenstigen Stück Banderole herum, das sich nicht in den Papierkorb stecken lassen wollte.

Also nicht, dachte Dagmar.

„Jemand, der mehr davon versteht als ich,“ setzte sie fast schuldbewusst hinzu.

„Hm. Micki und ick, wir machen det schon.“

Alle Kartons waren leer geräumt, der Inhalt an die richtigen Plätze geschafft worden, aller Abfall beseitigt. Doreen klopfte noch ein wenig an ihrer Latzhose herum, zupfte kurz an den Blättern von Evas Alpenveilchen auf der Fensterbank und zog sich schließlich zögernd zurück.

Kurz darauf erschien endlich Herr Müller. Er kam direkt aus dem Konferenzraum, wo die noch immer nicht beendete Besprechung stattfand.

„Ach Frau Kolibri,“ der Prokurist wirkte verlegen, „könnten Sie wohl ausnahmsweise so freundlich sein, uns eine Runde Kaffee zu besorgen?“

Er blickte sie mit seinen braunen Augen flehentlich an, als sähe er bereits die Katastrophe voraus, in die ein Nein ihn stürzen würde.

„Wirklich nur ausnahmsweise ….“

Er hat Angst vor mir, ging es Dagmar verächtlich durch den Kopf.

„Ja natürlich,“ versicherte sie und zauberte ein verbindliches Lächeln auf ihr Gesicht. Die Bewirtung zählte normalerweise zu Evas Aufgaben und diese bereitete, bevor sie ging, die notwendige Anzahl von Thermoskannen für den Nachmittag vor, aber heute hatte Müller anscheinend versäumt sie zu informieren und befand sich folglich in einem Dilemma, das aus allen Poren aus ihm herauszuströmen schien. Dagmar glaubte gar einen Hauch von Schweiß auf seiner Stirn zu entdecken, aber dies mochte an der schlechten Luft in dem Besprechungszimmer liegen.

Sie schob ihren Rock zurecht und erhob sich, um in die Teeküche zu gehen.

„Ach ja und vielleicht könnten Sie gleich noch auf dem Wege …“ Wieder blickte Müller sie fast unterwürfig an. „Könnten Sie vielleicht diese Akte aus dem Archiv mitbringen? Wenn Sie sowieso schon auf dem Weg sind.“

Er legte eilig, wie eine Unannehmlichkeit, die man hinter sich bringt, einen Zettel auf den Tisch.

„Ja, natürlich.“

Dafür bin ich schließlich da, dachte Dagmar, auch wenn Botengänge zu verrichten nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen zählte. Wieder bemühte sie sich um ein zuvorkommendes Lächeln. Sie stand Müller jetzt in der Tür gegenüber. Mit ihren hohen Absätzen überragte sie ihn um einige Zentimeter oder jedenfalls kam es ihr so vor, als ob ihre Blicke ihn von oben herab durchbohrten, außerdem war Müller mit seinen Mitte vierzig schon recht füllig.

„Hat inzwischen jemand von der Pusch AG zurückgerufen?“

„Nein“. Es ging um ein Großprojekt. Ein Kunde hatte überraschend einen Rückzieher bei einem bereits vereinbarten Besuchstermin gemacht, was darauf hinauslief, dass ein erwarteter Auftrag vermutlich platzte. Dagmar sollte versuchen einen neuen Kontakt herzustellen, bekam aber nur Ausflüchte aus dem Vorzimmer des Mächtigen zu hören.

„Soll ich es nochmal versuchen?“

„Nein, nein, lassen Sie nur. Aber Sie stellen sofort durch, wenn ...“

„Natürlich. Was ist mit dem neuen Vertriebskonzept? Sie wollten das diktieren ...“

„Das machen wir morgen …“

Müller verschwand hastig und Dagmar begab sich in die Teeküche im ersten Stock. So wird das nie was, dachte sie wütend, während sie mit gereizten Bewegungen den Automaten befüllte und in Gang setzte. Sie knallte Tassen und Zubehör so heftig auf das Tablett, dass es schepperte und Herr Lehmkuhl, der gerade vorüberkam, ihr einen ironischen Blick zuwarf. Dagmar riss sich zusammen. Kein Wunder, dass Eva morgens alle halbwegs interessanten Aufgaben erledigen durfte, während für sie nur die Hilfstätigkeiten übrig blieben. Jedesmal wand er sich, wenn er etwas wollte, als habe sie etwas Abschreckendes an sich.

Der rohe Umgang mit dem Geschirr beruhigte sie ein wenig. Ach, und wenn es nur seine Scheu gewesen wäre, mit ihr zu sprechen oder sie mit Arbeit zu versorgen. Schlimmer war, dass er schwer an der Manie litt, jede Lappalie auf- und jede Entscheidung vor sich herzuschieben, eine Plage war das, einfach eine Plage und eine Belastung für das Unternehmen obendrein. Jetzt hockte er wieder stundenlang mit seinen Mannen zusammen wie der Häuptling zum Palaver und redete nutzloses Zeug. Es machte sie rasend.

Sie seufzte unlustig und ihre Gedanken kehrten zu Doreen zurück. Auch so ein weibliches Hascherl, das glaubte, je kleiner es sich machte, je mehr es sich in der Beziehung als Fußabtreter anbot, umso größer würden Liebe, Dank und Anerkennung sein. Welch ein Irrglaube, welch ein Ausmaß an Blindheit. Das konnte nur ein böses Erwachen geben. Sobald das Baby da war und der Alltag wieder eingekehrt, würden die glanzvollen Augenblicke vorbei sein und der Lebenskampf fraß umso härter an ihr. Die Ernüchterung traf sie dann mit umso größerer Wucht. Sie müsste Ballast abwerfen, dachte Dagmar, und nicht bloß Körpergewicht, aber wie soll sie, wie kann sie. Und dieser grässliche Micki vergrößerte den Ballast noch. Am Ende würde alles Streben vergeblich sein und Doreen ihrem vorhersehbaren Schicksal kaum entkommen können. Und dieses hieß Sorge, Sorge, Sorge ...

Plötzlicher Eigensinn

Aber noch in anderer Hinsicht schien Doreen die Schwangerschaft zu genießen und diese als Aufforderung oder doch wenigstens als Gelegenheit zu größerer Unbotmäßigkeit zu betrachten. Da Dagmar sich nach wie vor gern ein wenig mit ihr unterhielt, begann Doreen immer hartnäckiger um ihr Büro herumzustreichen, woraufhin Dagmar zunehmend missbilligende Blicke von Herrn Müller erntete und insgeheim zu wünschen begann, Doreen möge ihr Verhalten nicht gar so auffällig gestalten sondern bei ihren Besuchen etwas feinfühliger vorgehen. Hielt sich jemand in Dagmars Büro auf, wenn sie kam, trödelte sie angelegentlich auf dem Flur herum und wartete geduldig, bis der Betreffende endlich verschwand und für sie Platz machte. Dagmar gab sich jetzt manchmal kurz angebunden und bemühte sich möglichst beschäftigt zu wirken, was bei Doreen aber kaum Wirkung zeigte, zumal sie diese weder kränken noch zurechtweisen mochte und jegliche Schroffheit vermied.

Auch hatte Doreen sie bereits dadurch in ärgerliche Verlegenheit gebracht, dass eines Tages private Unterlagen der Bergsons am Kopiergerät auftauchten, von Doreen liegengelassen oder vergessen, wie auch immer, eine Nachlässigkeit jedenfalls, die Dagmar nachgerade in Rage versetzte, da sie es war, die ihr die gelegentliche Nutzung des Gerätes erlaubte. Die Unterlagen - es handelte sich noch immer um die Vermietung des vermaledeiten Hauses, wanderten obendrein zunächst durch mehrere Hände, bis sie schließlich bei Rita landeten, die daraufhin Dagmar ansprach, in der zutreffenden Annahme, dass diese etwas darüber wissen könne.

Zwar ging Rita vorgeblich verständnisvoll über die Sache hinweg, doch sah Dagmar sich zu peinlichen Klarstellungen gezwungen, was umso schwerer fiel, als sie Rita kaum zu erklären vermochte, dass sie sich von Doreen in dieser Sache ganz einfach in die Enge getrieben, fast ein wenig erpresst fühlte. Denn tatsächlich holte Doreen jedes Mal ausdrücklich ihre Erlaubnis ein, ob sie eine oder zwei oder vielleicht sogar drei Kopien machen dürfe - und dies obwohl das Kopiergerät sich außerhalb von Dagmars Sichtweite in einem Nebenraum befand, doch wie hätte Dagmar jemandem in Doreens Lage und noch dazu in ihrem jetzigen Zustand solche immer wieder harmlos demütig vorgebrachten Bitten abschlagen können?

Dagmar war sich durchaus bewusst, dass es in ihrem mehr leutseligen als freundschaftlichen Umgang mit den Putzfrauen ein soziales Ungleichgewicht gab, und den Appell an ihre Großzügigkeit als die Bessergestellte mit dem feige ängstlichen Hinweis auf die geltenden Regeln zu beantworten - tut mir leid, private Kopien sind nicht erlaubt und wenn, dann machen Sie sie heimlich und reden nicht davon, würde sie geradezu als eine Demaskierung, als eine Beschädigung ihres eigenen, hart erkämpften Selbstbildes als taffe Person und furchtloses Weib empfunden haben, worauf Doreen es aber perfiderweise regelrecht anzulegen schien.

Doch es blieb nicht bei den Kopien, andere Verstimmungen schlichen sich ein. Auf einem Seitentisch in Dagmars Büro stand als unentbehrliches Vehikel des täglichen Bürobetriebs die Frankiermaschine, und es war üblich, dass Mitarbeiter aller Abteilungen im Laufe des Tages ihre ausgehenden Postsachen vorbeibrachten und sie auf eben diesem Tischchen deponierten. Das eigentliche Frankieren fiel in Katja Freeses Zuständigkeit, ein Organisationsrelikt noch aus Zeiten, als Briefmarken abgezählt und von Hand ausgegeben wurden, weshalb die heutige Chefsekretärin dieser lästigen Verpflichtung nurmehr widerwillig und unter protestierenden Klagen nachkam oder sie gleich ganz auf Dagmar abschob, wann immer sich - unter dem Vorwand dienstlicher Indisponiertheit natürlich - eine Gelegenheit bot. War alles fertig, wurde die gesamte Post rechtzeitig vor Schalterschluss von Frau Rader zum Postamt gefahren, die für diesen Extradienst eine kleine, zusätzliche Entschädigung erhielt.

Eines Tages, als Dagmar wieder einmal während Katjas Urlaub gegen halb fünf mit dem Frankieren begann und wenig begeistert von der Aufgabe wahllos beherzt in die bergeweise aufgehäuften Briefstapel griff, hielt sie plötzlich zwei, nach kurzem Wühlen sogar drei unscheinbare Kuverts in der Hand, die dennoch unschwer als Privatbriefe von Doreen zu erkennen waren und die diese offenbar unter den Stapel zu mischen versucht hatte. Als Dagmar ihr die Briefe zurückgab, lächelte Doreen eine Spur maliziös:

„Ick wollte die Briefe nur wiegen lassen, damit ick weeß, wieviel Porto ruff muss,“ sagte sie und legte die Hand auf den Bauch, „hab ick wat falsch jemacht?“

Dagmar seufzte in sich hinein und murmelte: „Das sind Standardbriefe. Sieht man doch.“

Die Briefe verschwanden in der Brusttasche der roten Latzhose und Doreen strebte schweigend zur Tür und weiter aus dem Eingang zu dem frisch bepflanzten Gartenstück hinaus, um ein dort befindliches Podest mit einer großen Glaskugel und dem im Sockel eingravierten Firmenlogo zu reinigen.

Als Dagmar etwa eine halbe Stunde später von einem längeren Gang durch den Betrieb zurückkehrte und eilig ein paar letzte Nachzügler durch die Frankiermaschine jagte - Frau Rader wartete schon mit einem Rüffel auf den Lippen, hielt sie plötzlich wieder die drei inkriminierten Umschläge in der Hand.

Dieses Aas, dachte Dagmar ungehalten, während sie in der Arbeit stockte, ich kann doch nicht ihre Briefe hier frankieren, wenn das jemand sieht, komme ich in Teufels Küche. Aber ihr ist es scheißegal, ob sie mich in Schwierigkeiten bringt, im Grunde verachtet sie mich, weil ich mich mit ihr beschäftige und damit auf die gleiche Stufe stelle wie sie, kleine Leute, immer dasselbe, reicht man ihnen den Finger, erntet man puren Undank und renitentes Verhalten obendrein. Doreen ist wirklich völlig gestört.

Da diese schon weg war, händigte sie Frau Rader die Briefe aus und schärfte ihr mit ungewohnt schroffer Stimme ein, sie möge sie am nächsten Tag an Doreen zurückgeben und dieser nachdrücklich klarmachen, dass ihre Privatbriefe unter der Firmenpost nichts verloren hätten.

Jetzt lächelte Frau Rader maliziös, zeigte sich ansonsten aber unbeeindruckt und schien auch nicht überrascht zu sein: „Geben Sie sie Rita, dann fliegt Doreen raus,“ sagte sie und ließ ihr glucksendes Lachen hören.

„Ach nein“, wehrte Dagmar schon wieder halb versöhnt ab, „ich weiß ja, dass sie's schwer hat, aber das geht wirklich zu weit ...“

„Sie fliegt sowieso bald raus,“ kicherte Frau Rader.

„Wie kommen Sie denn darauf?“ fragte Dagmar pikiert ob dieser drastischen Aussage, obwohl sie wusste, dass die Angesprochene über einen erstaunlichen, allerdings nicht immer ganz zuverlässigen Fundus an vertraulichen, d.h. inoffiziellen Informationen verfügte, „sie ist schwanger und kann nicht gekündigt werden.“

Doch Sigrid Rader zuckte nur vieldeutig mit den Schultern und setzte eine schnippische Miene auf, bevor sie mitsamt der Post und Doreens Briefen verschwand, ohne sich auch nur die kleinste weitere Erklärung entlocken zu lassen.

16:57 08.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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