Vor Gericht: Die Schöne und der Mord (4-6)

Gericht Der Prozess neigt sich dem Ende entgegen. Gibt es berechtigte Zweifel an der Schuld der Angeklagten? Es geht um Lebenslänglich oder Freispruch. - 4. Verhandlungstag
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Jetzt geht alles sehr schnell.

Eine weitere Zeugin, die siebenunddreißigste, die erst nachträglich geladen wurde, sagt zu den Diebstählen in dem Kindergarten aus, in dem Tatjana S. als Reinigungskraft arbeitete - der gleiche Kindergarten, den ihr Sohn Leon besuchte, was für zusätzliche Verwicklungen sorgte. Sogar ein schriftliches Schuldeingeständnis kann die Erzieherin präsentieren. Rita K., 54 J., wies die Angeklagte auch auf Hilfsangebote hin und drängte sie eine Suchtberatung aufzusuchen, was Tatjana S. zu tun versprach.

Dann werden Protokolle früherer Vernehmungen verlesen, weil drei Zeuginnen ihre Aussagen nicht persönlich vortragen wollten oder wegen Krankheit nicht erscheinen konnten: Es sind dies die Aussagen

von Lydia S., der Schwiegermutter der Angeklagten,

von Martina B., 48 J., der Angestellten, die in der Spielothek die Wechselbeträge notierte,

und die von Gerda G., 72 J., einer weiteren Nachbarin des Opfers, deren Aussage insofern eine gewisse Bedeutung zukommt, als sie am 27.12.2011 gegen 14 Uhr das typische Türenknallen vernahm, mit dem sich Katharina B. beim Betreten des Hauses bemerkbar machte.

Es folgt die Verlesung des Auszuges aus dem Bundeszentralregister: Zweimal wurde Tatjana S. bereits wegen Diebstahls rechtskräftig verurteilt. Zum Zeitpunkt der Tat war eine der Strafen zur Bewährung ausgesetzt.

Vier Sachverständige halten ihre Vorträge:

Der Rechtsmediziner Dr. Sven Sch. vom Uni-Klinikum Münster hat die Obduktion durchgeführt und erläutert die verschiedenen Verletzungen. Den Tod verursachten nicht die teils massiven Schläge auf den Kopf sondern das Opfer ist verblutet. Dieser Vorgang wurde durch die Kopfüber-Haltung in der Badewanne noch beschleunigt. Das Opfer zeigte aktive Abwehrverletzungen an Armen und Händen; Porzellanfragmente des Weihnachtsengels wurden im Jackenkragen der Toten gefunden.

Der Sachverständige diskutiert eine Weile mit den Prozessbeteiligten den möglichen Ablauf des Tathergangs. Bisher ging man von der Reihenfolge: Schläge, Strangulation, Untertauchen aus, doch dieses Muster ist aus Sicht des Mediziners nicht zwingend.

Viele Menschen unterschätzten die Zeit, die es braucht, einen Menschen zu erdrosseln, führt er aus, häufig wache das Opfer nach kurzer Bewusstlosigkeit wieder auf.

Ein solches Szenarium sei auch hier denkbar, also zuerst Drosselung, vermutlich mit einem Elektrokabel, und danach, als das Opfer wieder zu sich kam, folgten die Schläge auf den Kopf. Um ganz sicher zu gehen, versuchte der oder die Täter/in dann das Opfer zusätzlich zu ertränken - eine Art Overkill.

Fotos werden begutachtet. Die Angeklagte im kurzen Faltenrock und die rötlich gelockte Dolmetscherin in Nadelstreifen stecken die Köpfe zusammen wie zwei Freundinnen …

Dipl.-Biologe Dr. Dirk F., Spezialist des LKA für die Auswertung von DNA-Spuren, listet akribisch auf, wo überall in der Wohnung von Katharina B. sich Spuren von DNA und Blut der Angeklagten fanden, teils mit denen des Opfers vermischt: Türklinke, Nachtschränkchen, Bettgestell, Kaminuhr, Teppich und Steckdose im Schlafzimmer sowie an Fliesen und Kacheln im Bad.

Besonders belastend für Tatjana S. wirkt sich aus, dass man im Abflusssieb des Waschbeckens Blutspuren von ihr sicherstellte, was bedeutet, sie wusch sich dort vermutlich nach der Tat die Hände, ansonsten befand sich das Waschbecken in einem so penibel gereinigten Zustand, dass es nicht einmal Fingerabdrücke gab. Nicht auszuschließen, ja sogar wahrscheinlich, dass der bzw. die Täter/in diese Reinigung besorgte.

Das Opfer hielt zudem ein Haar der Angeklagten in der Hand, bei dem es sich nicht um ein totes, also nicht um ein ausgefallenes Haar handelte, sondern anhand der Haarwurzel ließ sich in der Analyse nachweisen, dass dieses Haar noch frisch war und lebte, als es ausgerissen wurde, führt der Sachverständige aus.

Die Psychologin Frau v. St. von der Christophorus-Klinik in Münster hat das Wort:

Sie habe, da kein Geständnis vorliegt, von zwei Hypothesen ausgehen müssen, weist sie die Zuhörer ein, wodurch sich ihre Arbeit mühsam gestaltete. Erstens - die Angeklagte ist schuldig, zweitens - sie ist nicht schuldig. An drei Tagen führte sie eine Exploration durch, wobei die beiden letzten Termine über zwei Monate auseinander lagen, um der Klientin Zeit zur Besinnung zu geben.

Sie bescheinigt Tatjana S. einen taktischen Umgang mit der Wahrheit sowie ein naives, wenig reflektiertes Verhalten. Diese habe geglaubt, sie benötige keine Therapie, weil sie fürchten musste, die Kinder durch die Spielsucht zu verlieren - durch diese Furcht wähnte sie sich ausreichend geschützt. Ein Irrglaube, wie sich herausstellte. Einmal begann sie eine Therapie, ging dann aber nicht mehr hin, weil sie es nicht hilfreich fand.

Sie ist eine Frau mit vielschichtigen Facetten, verbindet Hilflosigkeit und Fürsorglichkeit mit großem schauspielerischen Geschick, fährt die Gutachterin fort, stets erfand sie kleine Geschichten, mit denen sie ihre Geldwünsche ausschmückte. Darüber verstrickte sie sich in ein System aus Lügen. Es war ihr wichtig, die Fassade nach außen zu wahren, und andere glaubten ihr, was für ihre Begabung spricht.

Ja, die Therapeutin sieht die Kriterien für eine Spielsucht erfüllt und konstatiert, dass Tatjana S. eine Neigung zur "Externalisierung von Verantwortung" zeigte. Auch habe diese die Eigendynamik des Spielens - also den Kreislauf aus Verlusten und Weiterspielen, um die Verluste auszugleichen, unterschätzt.

Die Dinge stoßen ihr zu - dies ist die Vorstellung, in der sie ihr Leben verbringt, und dies wird etwa durch ihren Ausspruch, ihr Mann mache sie kaputt, belegt, so Frau v. St.

Ansonsten verfüge Tatjana S. über eine durchschnittliche Intelligenz, eine kognitive Behinderung liege nicht vor, jedoch gebe es Anzeichen einer depressiven Verstimmung. Sie klagte darüber, ihr Mann sei während der Ehe fremdgegangen und habe sie später sehr schnell fallengelassen.

Die Tat gab sie nicht zu und wollte auch über die Tatvorwürfe nicht sprechen.

Der vierte Gutachter, Professor Dieter D., ist leitender Arzt und ebenfalls seit Jahren an der Christophorus-Klinik im Bereich der Suchterkrankungen tätig. Er soll aus forensischer Sicht zur Frage der Schuldfähigkeit der Angeklagten Stellung nehmen und ist zusätzlich mit dem Themenkomplex befasst, ob Spielsucht überhaupt zu den klassischen Suchterkrankungen wie Alkohol oder Drogen zählt. Auch er weist zunächst darauf hin, dass sich bei nicht-geständigen Tätern jede Einschätzung schwierig gestalte und ein klares Persönlichkeitsbild nur schwer zu erstellen sei.

Nach längerem Abwägen verschiedener Aspekte, ein Für und Wider, fast ein argumentativer Eiertanz, dem der Laie kaum folgen kann, diagnostiziert der Gutachter zwar Merkmale einer schweren seelischen Abartigkeit - Tatjana S. sei „ein Stück weit“ oder gar „erheblich“ gestört, verfüge über keine ausreichenden sozialen Kompetenzen, keine Fähigkeiten zur Lösung von Konflikten, habe stattdessen ein neurotisches Gerüst aufgebaut -, vermag jedoch keine erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit zu erkennen. Auch von einem Affektverhalten könne nicht die Rede sein, da das Tatwerkzeug zwischendurch gewechselt und das Opfer räumlich verlagert wurde.

Für die Angeklagte - immer angenommen, sie war die Täterin, hätten durchaus alternative Möglichkeiten vorgelegen, im Falle einer Konfrontation der Situation zu entkommen. Da es sich bei dem Opfer um eine vergleichsweise kleine und zierliche Person handelte, wäre diese auch ohne größere Gewaltanwendung leicht zu überwältigen gewesen.

Im Übrigen neigten Spielsüchtige ganz allgemein nicht zur Gewalttätigkeit, dies gelte auch für Tatjana S., wie ihr bisheriges Vorgehen bei der Geldbeschaffung zeige.

Auch er glaubt, dass das Aufrechterhalten der Fassade für die Angeklagte außerordentlich wichtig ist und sie vor ihren Kindern nicht als Mörderin dastehen wolle.

Sie will erhobenen Hauptes standhalten in der Verhandlung, fasst er seine Einschätzung zusammen.

Damit ist die Beweisaufnahme abgeschlossen.

Bevor die Verhandlung schließt, stellt der Oberstaatsanwalt den Antrag, die Anklage zu ergänzen: Statt des Mordmerkmals „zur Verdeckung einer Straftat“ soll ggf. auch das Mordmerkmal „Habgier“ zur Anwendung kommen.

Fünfter Verhandlungstag

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Zunächst wird seitens des Gerichtes in Einklang mit der Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens wegen Diebstahl beschlossen, da die dafür vorgesehene Strafandrohung im Verhältnis zum Hauptdelikt nicht ins Gewicht fallen würde, allerdings dürfen die auf diesen Komplex bezogenen Erhebungen zur Beweiswürdigung herangezogen werden.

Ein rechtlicher Hinweis der Kammer belehrt die Prozessbeteiligten außerdem darüber, dass, neben Mord, auch eine Verurteilung wegen Raubes mit Todesfolge in Betracht kommen könne.

Es darf keine Verurteilung nach Paragraphen geben, die nicht in der Anklage gestanden haben, da es keine Überraschungsurteile geben soll, erläutert der Vorsitzende Richter der Angeklagten das Prozedere.

Dann die Plädoyers:

Der Oberstaatsanwalt stellt nach einleitender Würdigung der Biografie der Angeklagten zwei Versionen vor, wie sich die Angeklagte Zugang zur Wohnung des Opfers verschaffte.

Erste Version: Das Opfer selbst ließ die Angeklagte, die ihr bekannt war, herein. Vielleicht erbat oder erbettelte diese Geld, vielleicht erfand sie einen Vorwand, sie folgte jedenfalls der alten Frau ins Schlafzimmer und schlug sie dort in Tötungsabsicht nieder, um ungestört nach Geld suchen zu können, wobei der Porzellanengel zerbrach und sie selber sich eine blutende Wunde an der Hand zuzog.

Zweite Version: Die Angeklagte drang heimlich in die Wohnung des Opfers ein, evtl. mit dem entwendeten Schlüssel, den die Zeugin Alwina F. vermisste und später im Briefkasten fand. Das Opfer, als resolute Frau bekannt, überraschte die Einbrecherin, stellte sie zur Rede und drohte mit der Polizei.

Die erste Variante hält er für wahrscheinlicher und diese ist auch für die Angeklagte günstiger, da sie in diesem Fall die Wohnung ohne Einsatz von krimineller Energie betrat.

Für diesen Tathergang sei das Mordmerkmal „Habgier“, für die zweite „zur Verdeckung oder Ermöglichung einer anderen Straftat“ relevant.

Dann geht der Ankläger auf die Glaubwürdigkeit der Angeklagten ein:

Das Leugnen der Tat hat aus seiner Sicht zwar die Wahrheitsfindung nicht leichter gemacht, dürfe aber nicht strafverschärfend gewertet werden. Es sei das Recht der Angeklagten, alle Vorwürfe zu bestreiten. Jedoch möchte er darauf hinweisen, dass sich diese, „um es mal vorsichtig zu formulieren“, als keine sehr wahrheitsliebende Person präsentierte, wie der Umgang mit den ihr zu Last gelegten, zahlreichen Diebstählen eindrücklich zeigte. Oder, um es mit den Worten des Zeugen Eugen S. auszudrücken: Sie log ohne Ende.

Strafmildernd will er werten, dass sie die Tötungsabsicht erst in der Wohnung und nicht schon vorher fasste. Als strafverschärfend sieht er an, dass sie drei Anläufe nahm und gegenüber dem alten, gebrechlichen Opfer mit großer Brutalität vorging.

Er fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe, will aber auf die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verzichten.

Die Angeklagte zieht fröstelnd die Arme ihres erika-roten Pullovers herunter, während sie dem schneidenden Verdikt des Anklägers lauscht.

Der Anwalt der Nebenklägerinnen schließt sich mit kurzen Worten an. Er sieht in der Furcht vor einem Widerruf der Bewährung das zentrale Motiv, weshalb die Angeklagte ihr Opfer tötete. Ansonsten neigt er, was die Reihenfolge der Angriffe angeht, der Auffassung des Gutachters zu, wonach sie zuerst versuchte ihr Opfer zu erdrosseln und erst danach auf die wehrlose, vermutlich bereits am Boden liegende Frau einschlug, der sie über 30 klaffende Wunden beibrachte. Ein abscheuliches Verbrechen, für das sie lebenslang hinter Gitter soll.

Die Verteidigerin beginnt ihr wenig emphatisches Plädoyer mit der Feststellung, dass Tatjana S. trotz hundertfacher Vorhaltungen die Tat immer wieder bestritt und weiterhin bestreitet. Demgegenüber scheint ihr die Beweiskraft der für ihre Mandantin besonders nachteiligen DNA-Analyse nicht ausreichend gesichert zu sein.

DNA-Spuren scheinen stets eindeutig zu sein, sind es aber nicht, da man nicht weiß, wann sie verursacht wurden, erläutert sie ihre Vorbehalte.

Zwar wolle sie keine Verschwörungstheorien aufstellen, doch ihre Aufgabe sei es, Zweifel zu wecken. Wäre Tatjana S. die Täterin, warum hat sie nicht einfach den 27.12. als Tag der Begegnung mit dem Opfer angegeben? Und was das Waschen von Wäsche an den Weihnachtstagen angeht, Ausnahmen gebe es immer. Zudem erstattete das Opfer bereits früher mehrere Anzeigen, weil ihr Geld und Schmuck gestohlen wurden. Gleiches gilt für die Zeugin Lilli L.

Auch die Angaben darüber, wer Katharina B. zuletzt sah, gehen doch ganz erheblich auseinander, betont die Anwältin.

Schließlich äußert sie sich mit merklichem Unmut über Eugen S. und dessen Verhältnis zu seiner Frau:

Der Zeuge hatte nichts Eiligeres zu tun als die Scheidung zu beantragen. Die Neue steht schon bereit. Er wollte die Ehefrau loswerden und gab ihr nicht die Aufmerksamkeit, die sie brauchte. Das rauschhafte Spielerlebnis ermöglichte ihr eine Umformung des Alltags, sie ist in Deutschland nie richtig angekommen, so ihr vorwurfsvoll pointierter Kommentar.

Ihr Fazit: Es ist viel Spekulation im Spiel, tatsächlich bleiben viele Punkte ungeklärt.

Ihre Forderung: Freispruch für die Angeklagte.

Diese senkt den Kopf schwer auf die stützende Hand - ein Bild oder eine Pose des Leidens?

Die Angeklagte hat das letzte Wort:

Wenn ich verurteilt werde, möchte ich vorher noch einmal meine Kinder sehen, sagt sie mit tränenerstickter Stimme, kaum hörbar.

Wenn das Theater oder Theatralik ist, dann ist es grandios gemacht.

Das Publikum diskutiert in der Eingangshalle und im Freien weiter. Ist die Beweiskette wirklich so lückenlos, wie sie sein muss, um eine Verurteilung zu rechtfertigen? Ist womöglich gar mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen zu rechnen? Will Tatjana S. von einem Rest an Zweifeln an ihrer Schuld profitieren und schweigt deshalb so beharrlich oder hofft sie auf einen Schönheitsbonus? Und was bedeutet der rechtliche Hinweis, sie könne auch wegen Raubes mit Todesfolge verurteilt werden? War es vielleicht gar kein Mord? - Zwar will niemand so recht an ihre völlige Unschuld glauben, was auch auf den Vertrauensvorschuss gegenüber der Arbeit der Justiz zurückzuführen ist, doch findet sich durchaus die eine oder andere mitleidige Seele, die in ihr eine Verzweifelte in den Fängen eines widrigen Schicksals sieht. Ein Schicksal, das so vieles versprach und in einem tristen Alltag mündete. Denkt sie noch manchmal daran, wie sie als blutjunge Frau hinter der Bartheke stand, einen Cocktail mixte und ein wenig zur großen Welt gehörte?

Sechster Verhandlungstag

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Die Urteilsverkündung: Lebenslänglich wegen Mordes.

Zusammengefasst: Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Tatjana S. am 27.12.2011 zwischen 14 und 16 Uhr die 85-jährige Rentnerin Katharina B. tötete. Das zentrale Motiv sei die Furcht vor Entdeckung und einer weiteren Anzeige wegen Diebstahls gewesen. Dies gehe aus dem früheren Verhalten der Angeklagten hervor. Nur zur Geldbeschaffung allein sei sie bisher nicht gewalttätig geworden, habe sich vielmehr im Stile einer „diebischen Elster“ betätigt. Alle Berechnungen hätten außerdem ergeben, dass das Zeitfenster zwischen 14 und 16 Uhr, also zwischen dem Verlassen der Spielothek und dem Besuch beim Arzt, zur Begehung der Tat einschließlich der Wegzeiten vollkommen ausreichte.

Tatjana S. sitzt da, den Kopf halb auf die Tischplatte gesenkt, als könne sie es nicht fassen.

Nach Beendigung der ausführlichen Urteilsbegründung spricht der Vorsitzende Richter die Verurteilte noch einmal direkt an. Es geht um ihre letzten Worte, d.h. um ihre Bitte, ihre Kinder sehen zu dürfen. Von Seiten der Justiz beständen keine Einwände, teilt er ihr mit, doch müsse der Wunsch von den Betroffenen ausgehen. Das Gericht könne eine solche Begegnung nicht anordnen.

Damit ist die Verhandlung geschlossen.

Das Publikum zerstreut sich. Einige wenige diskutieren das Urteil, die meisten nehmen es einfach zur Kenntnis. Es ist wie mit dem Happy- bzw. Unhappy-Ending in den Romanen und Romanzen, nachdem das Buch zugeklappt, das Gerät abgeschaltet wurde. Was jetzt für die schöne Sünderin kommt, interessiert die Zuschauer nicht mehr. Für sie gibt es bald einen neuen Fall ...

Die Verhandlung fand am 8.11., 23.11., 3.12., 10.12., 14.12. und 17.12.2012 vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster statt.

16:18 25.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christa Thien

Dr. phil. Studium Literaturwissenschaft & Philosophie, vorher Kauffrau. Themen: Arbeitswelt & Berufswege, Gericht, Gesellschaftspolitik
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