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Cicero Der Cicero ist bereit, auch Rechtsradikalen ein Forum zu bieten - wenn nur die Begrifflichkeiten stimmen. Das beweist ein von uns erfolgreich fingierter Leserbrief.
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Es war einmal eine Zeit, da war der Cicero ein angesehenes, konservatives Politikmagazin. Intellektuelle RedakteurInnen schrieben anspruchsvolle Texte. Die politische Ausrichtung gefiel sicherlich nicht allen - aber das musste sie nunmal auch nicht. Rechtspopulistisches oder sogar rechtsradikales Gedankengut war jedenfalls in den Ausgaben nicht zu finden.
Doch das hat sich geändert. Jüngstes und vielleicht extremstes Beispiel ist die Juli-Ausgabe, in der munter von einem Kriegs- und Auschwitzkomplex schwadroniert wird. Damit bedient der Cicero wieder einmal ein Kernthema der "Neuen Rechten": Der Umgang mit dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust und der Ruf nach einem Schlussstrich. Liane Bednarz schlüsselte diese Entwicklung jüngst auf.
Wir haben uns die Mühe gemacht und versucht, den Cicero zu entlarven. Er hat uns den Gefallen getan, mitzuspielen. Ein von uns verfasster und mit voller Absicht über alle Stränge schlagende Leserbrief wurde hervorgehoben in Rot und an erster Stelle in der Juli-Ausgabe abgedruckt.
Wie kam es dazu? Die Juni-Ausgabe des Cicero hatte mit einem Cover zum "Aufstand gegen die Windkraft" aufgemacht. Enoch zu Guttenburg, Dirigent und Vater des ehemaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, verstieg sich in einem mehrseitigen Interview zu folgender Behauptung:

"Kein Krieg hat das Gesicht unseres Landes so zerstört wie die unseligen Windräder." (Juni, S. 32)

Eine durchaus unterstützenswerte Aussage, fanden wir: Was war schon der zweite Weltkrieg gegen den Windkraft-Ausbau der letzten Jahre? Also an den Schreibtisch gesetzt und unsere Begeisterung in Worte gefasst!
Die Gedankengänge unseres Leserbriefes sind zwar durchaus wirr und unschlüssig. Das ist aber volle Absicht. Wir bedienen uns für den Aufbau des Briefes an großen Vorbildern, nämlich anderen gedankenschnellen Cicero-Lesern und ihren Leserbriefen. Ein Prachtexemplar einer Lesermeinung liest sich zum Beispiel so:

„Ein sehr bemerkenswerter Beitrag in einem der besten deutschen Magazine für Politik und Kultur. Angela Merkel versteht es „meisterhaft“, ihr Privatleben zu schützen. Die evangelische Pastorentochter, stark vom ehemaligen DDR-Totalitarismus geprägt, gaukelt uns pseudochristliche Barmherzigkeit vor. In ihre Familiengeschichte bekommt man nur spärlich Einblick – ein Armutszeugnis für den Boulevardjournalismus. Der im Onlinemodus digitalisiert-lebende Mensch hat sich zum Sklaven einer Verwaltungsdiktatur gemacht. Angela Merkel nutzt die Angst der deutschen Bevölkerung aus.“ (Juni, S.12)

Den Inhalt dieses Briefes zu verarbeiten fällt zunächst schwer. "Verwaltungsdiktatur", "pseudochristliche Nächstenliebe", "Armutszeugnis für den Boulevardjournalismus" etc. Die Macht solcher Gedanken kann überwältigen. Sicherlich ist ein Leserbrief keineswegs mit einem abgedruckten Beitrag im Magazin gleichzusetzen. Allerdings durchlaufen auch Leserbriefe einer redaktionellen Prüfung. Ob, wie prominent und wie stark gekürzt sie abgedruckt werden liegt im Ermessen der Redaktion. Damit kontrolliert sie auch das Meinungsbild, das die Briefe widerspiegeln. Im Folgenden werden wir deshalb noch ein paar weitere Leserbriefe mit erstaunlich durchdachten Thesen vorstellen, bei denen wir uns zunächst wunderten, wie sie der redaktionellen Überarbeitung stand halten konnten.
Aber zurück zu unserem Erguss. Bringen wir ein wenig Ordnung in den Wust. Unser Brief beinhaltet nämlich wesentliche Elemente des Standard-Cicero-Leserbriefes.

1. Lob

"Ein sehr bemerkenswerter Beitrag in einem der besten deutschen Magazine für Politik und Kultur."

Lob erhält ein jeder gerne, doch nicht jeder hat die Chance, es auch öffentlich zur Schau zu stellen. Anders der Cicero in seinem Forum, der sehr gerne besonders positive Briefe prominent abdruckt. Unter den Leserbriefen finden sich zwar auch kritische Stimmen, im Gedankenwirrwarr gehen diese aber zumeist unter. Die meisten Leser schwärmen nämlich in höchsten Tönen:

"Meinen ganz besonderen Glückwunsch zur Mai-Ausgabe: Von vorne bis hinten gelungen, informativ, aufklärend, kritisch, abwägend, klug reflektierend und in den Tiefen des Themas sachlich argumentierend." (Juni, S.10).

Hurra, es ist ein Cicero. Ein Leser bekam hier feuchte Augen. Oder auch:

"Der Cicero hält die Fahne eines informativ-deskriptiven Journalismus hoch entgegen der Tendenz zur edukativ-manipulativen Herangehensweise. " (Mai, S.15)

Fahnen hochzuhalten ist immer gut, und deskriptiver Journalismus immerhin das Aushängeschild eines jeden Meinungsmagazins.
Bei uns müssen sogar zwei Sätze für das Lob herhalten: ‚Es hat mich höchst erfreut, das Interview mit Herrn zu Guttenberg in Ihrer Juni-Ausgabe zu lesen. Seine kritische Stimme zur sog. „Energiewende“ ist in diesen gelähmten Merkel-Jahren leider kaum in gängigen Publikationen zu vernehmen.‘ Freude zum Ausdruck gebracht und andere Zeitschriften kritisiert. Punkt 1 abgehakt.

2. Merkel ist doof

"Angela Merkel versteht es „meisterhaft“, ihr Privatleben zu schützen. Die evangelische Pastorentochter, stark vom ehemaligen DDR-Totalitarismus geprägt, gaukelt uns pseudochristliche Barmherzigkeit vor. […]Angela Merkel nutzt die Angst der deutschen Bevölkerung aus."

Die Angela steht leider nicht besonders weit oben in der Gunst vieler Leser. Einige vermuten hinter ihren politischen Zielen die DDR-Prägung, andere meinen einfach, dass in Frau Merkels Oberstübchen etwas nicht so ganz einwandfrei läuft. So schreibt ein Leser/eine Leserin:

"Lässt man das gekonnt-sybllinische Titelbild [...] auf sich wirken, fühlt man sich durch Gestik und Mimik Merkels und Gabriels unversehens in den Patientenhof einer psychiatrischen Klinik versetzt: Ahoi! Wenn spätestens im Sommer richtiges Wasser in das Schwimmbecken gefüllt wird - dann kommt Freude auf im „MS Deutschland“-Schiffchen. Wohin führt die gespenstische Reise?"(Mai, S.12)

Leider haben wir unsere schöne „MS Deutschland“ einer Tante mit einem Knacks in der Birne anvertraut. Auweia! Dazu kommt noch ein anderer dicker Wahnsinniger. Hoffentlich endet die gespenstische Reise mit Valium für alle Beteiligten, um die Diskussion ein wenig zu entschärfen.

"Die Sozialisation von Frau Merkel erklärt ihr Schwadronieren über eine marktkonforme Demokratie. Als Wunschstaatsgebilde erscheint eine DDR-reloaded, mit dem Bundestag als Volkskammer, einem angepassten Volk und statt der Sowjetunion als Schutzmacht und großer Bruder die USA." (Juni, S.13)

Wieder einmal kommt die DDR zurück. Dummerweise gibt es dieses Mal nicht Druschba, Kaviar und Krim-Sekt, sondern ausschließlich feinstes amerikanisches Chlorhühnchen vom großen Bruder. Ein unschöner Gedanke.
Der Verweis auf die DDR-Prägung schien und für unseren Leserbrief zu ausgelutscht, ‚gelähmte Merkel Jahre‘ dafür erfrischend anders, bei genau der gleichen Wirkung.

3. Die sinnbefreite Zone

"Der im Onlinemodus digitalisiert-lebende Mensch hat sich zum Sklaven einer Verwaltungsdiktatur gemacht."

Hä?
Mal ganz abgesehen von unserer Reproduktion Guttenberg’schen Gedankengutes haben wir natürlich auch unsere eigene sinnfreie Zone: "Die Entfremdung des modernen Menschen von elementaren, naturverbindenden Gefühlen wie Frieren oder Schwitzen trägt ihr Übriges zu dem Problem bei."

Wie viel Nazi darf es sein? - Was der Cicero gestrichen hat

Doch nicht jeder Geistesblitz, den wir in unseren Leserbriefes mit einbauten, schaffte es auch ins Heft. Im Cicero war unser Leserbrief in der folgenden Fassung zu lesen:

"Es hat mich höchst erfreut, das Interview mit Herrn zu Guttenberg zu lesen. Seine kritische Stimme zur sogenannten „Energiewende“ ist in diesen gelähmten Merkel-Jahren leider kaum in gängigen Publikationen zu vernehmen. [1] Wie Herr zu Guttenberg richtig anmerkt, ist der einzig wahre Krieg der Neuzeit der des Menschen gegen die natürliche Welt. Unter dem Deckmantel einer angeblich klimafreundlichen Energieversorgung greift die Windkraft schädigend in ökologische Kreisläufe ein, vernichtet [2] Leben und zersetzt die Landschaft bis aufs Äußerste. Sie ist ein Teil des Mahlstroms der industriellen Zerstörung unseres natürlichen Lebensraumes [2]. Von „natürlicher“ Energie kann keine Rede sein. Die Entfremdung des modernen Menschen von elementaren, naturverbindenden Gefühlen wie Frieren oder Schwitzen trägt ihr Übriges zu dem Problem bei."

Nun könnte man sagen: Dieser Leserbrief ist mit seinen vorhandenen Formulierungen abstrus genug, dass eine Redaktion sich ernsthaft Gedanken machen müsste, ob man dem offensichtlich nicht zurechnungsfähigen Schreiber nicht die Demütigung erspart, ihn tatsächlich samt Namen zu veröffentlichen und damit im schlimmsten Fall den Kriseninterventionsdienst auf den Plan zu rufen. Von einigen bereits vorhandenen, sehr bedenklichen rechtsausschlagenden Gedanken ("einzig wahre Krieg der Neuzeit") mal abgesehen. Diese gehen aber in dieser Version nicht weiter als das, was Enoch zu Guttenberg bereits im besagten Interview äußern durfte.
Spannender ist jedoch, was der Cicero uns nicht sagen ließ. Es gab nämlich einige Stellen, die unseren Leserbrief von "bedenklich rechts" nach "rechtsradikal" hätte kippen lassen. Und das waren folgende ursprüngliche Formulierungen, die an den im gedruckten Brief ausgewiesenen Stellen standen:

[1] "In der Tat ist die deutsche Gesellschaft in ihren Vorstellungen vom Krieg noch viel zu sehr in den Bildern des 1. und 2. Weltkrieges verhaftet."

Dieser Satz ist, in Verbindung mit dem Folgenden, wo vom "wahren Krieg der Neuzeit" gesprochen wird, ein glasklarer Hinweis darauf, dass wir Geschichtsrevisionismus durch Verharmlosung betreiben wollen. Das, was wir in der abgedruckten Version und zu Guttenberg im Interview nur implizit betreiben, wird durch diesen Satz explizit. Das hat der Cicero durch die Streichung verhindert.

[2] "vernichtet wertes Leben"

Wahrscheinlich der krasseste Begriff in unserem Leserbrief. Wir übernahmen hiermit nazistische Rassenlehre und sprachen vom werten Leben, was ebenso die Existenz unwerten Lebens impliziert - ein Begriff, der den Nazis als Rechtfertigung unfassbarer Gräueltaten diente. Der Cicero machte es sich einfach: Und strich einfach das Wort "wertes".

[3] "[...], wie man auch gut an dem von Ihrem Magazin aufgedeckten Fledermaus-Genozid sehen kann"

Hier griffen wir die Tendenz rechtsradikaler VordenkerInnen auf, historische Vorgänge auf vollkommen unpassende Weise als Genozid zu bezeichnen. Es war gewissermaßen ein "long shot". Und der Cicero hat uns gecalled...
Man kann sagen, dass es richtig vom Cicero gewesen ist, diese Teile zu streichen. Doch das Erschreckende ist, dass dieser Leserbrief überhaupt abgedruckt wurde. Das zeigt: Der Cicero ist bereit, auch Rechtsradikalen ein Forum zu bieten - wenn nur die Begrifflichkeiten stimmen. Die dahintersteckenden Denk- und Argumentationsmuster mögen noch so braun sein - solange Begriffe wie "wertes Leben" raus sind, ist das für den Cicero in Ordnung.
Der Cicero hat eine sehr fragwürdige Entwicklung durchgemacht, sowohl im redaktionellen Teil als auch in Bezug auf die veröffentliche Meinung der Leser. Obwohl wir persönlich unseren Spaß dabei hatten, den Leserbrief zu formulieren und uns gefreut haben, dass er abgedruckt wurde, ist es natürlich höchst problematisch, dass dies so möglich war. Es gibt eine generelle, sehr bedenkliche Tendenz, dass braunes Gedankengut in der öffentlichen Meinung zunehmend an Boden gewinnt. Auf diese Entwicklung wollten mir unserer Aktion hinweisen.
Julien Hauth
David Ittekkot
Julian Schüssler
10:07 12.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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