Das System der Tage

Eine Einstellung .
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"Beginnen Sie jeden Morgen mit einem konkreten Ziel, auf das Sie sich freuen können. Kreative Menschen müssen morgens nicht aus dem Bett gezerrt werden; sie sind begierig auf den neuen Tag. Das hat nichts damit zu tun, dass sie besonders fröhliche, enthusiastische Menschen sind. Sie haben auch nicht notwendigerweise etwa jeden Tag etwas besonders Aufregendes vor. Aber sie sind überzeugt, dass man jeden Tag etwas Bedeutungsvolles schaffen kann und sie können es kaum erwarten, damit anzufangen."

Vor ein paar Tagen las ich diesen Absatz in einem Buch über Kreativität. Es traf mich. Unvorbereitet, entwaffnend und direkt. Diese fünf einfachen Sätze erklären so vieles. Alles, wenn man will. "Der [kreative] Mensch verlässt jeden Morgen das Bett um etwas Bedeutungsvolles zu schaffen." Der Weg ist das Ziel. Das große Ganze herunter gebrochen auf die tägliche Auseinandersetzung mit dem Leben. Der Tag ist die neue Maxime.

Daraus möchte ich ein Experiment, ja vielleicht auch eine Lebensphilosophie ableiten. Neu ist dieser Ansatz gewiss nicht. "Carpe Diem", "Lebe jeden Tag als ob es dein Letzter wäre" und ähnliche Aphorismen bestehen schon seit langer Zeit. Aber diese offene, simple und ungeschminkte Beschreibung löste etwas in mir aus. Es ergab Sinn. Hier wurde ich beschrieben und dennoch hatte ich das Gefühl vielleicht das fehlende Puzzle-Teil gefunden zu haben. Vielleicht die Antwort auf meine zuletzt verfassten traurigen Zeilen.

Die Idee ist simpel. Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst sind immer wieder auftauchende Begleiter. Ich kann sie temporär umschiffen. Sie tauchen jedoch immer wieder auf. Aber: Die Zukunft ist abgesagt - oder zumindest ausgeblendet. Wenn ich aus dem Bett steige, um etwas Bedeutungsvolles zu schaffen und meinen Erfolg oder Misserfolg evaluiere, bevor ich wieder in Selbiges zurückkehre, erschaffe ich ein in sich geschlossenes System. Einen Daily-Scrum.

Der Sinn besteht ab sofort darin, am Ende eines Tages zu sich selbst sagen zu können: Heute war ein guter Tag. Ich möchte morgens aufstehen um einer machbaren Menge an Aufgaben gegenüberzustehen. Ich möchte etwas schaffen - Irgendetwas. Ich liebe das Gefühl erledigte Punkte von meiner mentalen "To-Do-Liste" zu streichen. Es ist die befriedigende Gewissheit den Tag nicht vergeudet zu haben. Ich trete an, wieder und wieder und wieder.

Dieser Ansatz ist allerdings nur eine weitere Triebfeder in dem großen Gestänge, was Leben heißt. Ich möchte damit nicht Zukunftsplanung und Vorausschau ignorieren. Es geht mir viel mehr um einen Paradigmenwechsel, zur täglichen Frage nach dem "Warum?". Die Antwort liegt im Selbstzweck. Es gibt kein großes Ganzes, keine nicht greifbare Erklärung die mich zum Weitermachen zwingen will. Ich mache weiter, weil ich es kann. Weil mir die Möglichkeit dazu gegeben wird. Und ich freue mich darüber. Jeden Tag aufs Neue.

Der einzelne Tag wird zum definierten Zeitraum für persönliche Entfaltung. Zum offenen Wirkungskreis, der durch Taten gestaltet werden kann. 24 Stunden in denen prinzipiell alles möglich ist. Ich breche die bestehende Zeitrechnung auf. Ich lebe für den Tag. Immer wieder. Der Antrieb ist die Herausforderung.

Da ich bereits mit einem Zitat eingeleitet habe, möchte ich auch mit einem Zitat schließen. Einem, dass meine Ansicht in einem Bruchteil der Worte zu beschreiben vermag:

Es ist der Glaube an die Füße, die dich tragen,
und der Glaube an dein Herz, das auf die einschlägt.
Dass du auch morgen wieder aufstehst, ohne dich zu fragen,
ob die Welt sich noch dreht da draußen.

Zitat 1:
Mihaly Csikszentmihalyi. "Kreativität: Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden". 2010.

Zitat 2:
Captain Planet - Blattsport

16:24 28.05.2013
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Geschrieben von

Citizen Drain

Black Coffee - Colored Vinyl
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