Das umgekehrte Bildnis

Digitaler Narzissmus - Wie wir unser Selbstbild verzerren.
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Dies nun soll den Kreis zu bisher Gesagtem schließen. Er bezieht sich, ob nun gewollt oder ungewollt, zwangsläufig auf die beiden vorherigen von mir verfassten Abhandlungen - Die Selbstdarstellung und das Nicht-Vergessen innerhalb des weltweiten Netzes. Als ich über das von mir verfasste nachdachte, fielen mir Berührungspunkte mit Oscar Wildes 'Das Bildnis des Dorian Gray' auf.

Dem Jüngling Dorian Gray wird in der Geschichte bewusst, dass Jugend & Schönheit vergänglich sind und körperlicher Verfall unabwendbar. Aufgewühlt und tief deprimiert, dass die ihm geschenkten Eigenschaften nicht die Zeit überdauern werden, wünscht er sich, dass ein Portrait an seiner Stelle altern solle. Jede Narbe, jeder Altersfleck, Falten und Furchen bleiben dem atmenden Gray erspart. Sünde und moralische Fäulnis schlagen sich nicht auf ihn, stattdessen wird das Bildnis nieder. Es wird zum Kerbholz, zum Spiegel der Seele.

Das körperliche Attribute vergänglich und sich nicht auf Gegenstände übertragen lassen, dürfte auch dem letzten Narr klar sein. Doch haben wir es vielleicht geschafft, die Geschichte für unsere Zwecke zu biegen?

Das Internet bietet mehr als ausreichende Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Es erlaubt jedem, sich einen Avatar zu generieren und das Verhältnis von Wahrheit und Beschönigung selbst flexibel zu gestalten. Ein Filter zwischen Realität und Fremdwahrnehmung. Letztendlich hat es im Netz jeder selbst in der Hand, wie er wahrgenommen werden soll. Und Fehltritte können, zumindest in den meisten Fällen, außen vor gelassen werden. Es gibt keine charakterlich fragwürdigen Handlungen, kein kotzendes Häufchen Elend oder das emotionale Wrack nach der Trennung. Zumindest nicht, sollten wir es nicht explizit wollen, so gesehen zu werden. Wir schrauben an einer erfundenen Projektion und glauben Sie am Ende vielleicht selbst. Es wird eine Menge Aufwand betrieben, Fotos auszuwählen, Interessen und Geschmäcker zu benennen und zu verteilen, dass ein bestimmtes Bild entsteht. Moralische Versäumnis oder strebsames Lob. Was nicht in das generierte Ideal passt, wird nicht verwendet. Somit hobeln und schleifen wir stetig an einem fiktiven Selbstportrait. Narzissmus par excellence.
Wir altern, verfallen, demontieren uns Selbst und werden gebrechlich. Aber unser Avatar nicht. Letztendlich haben wir die Geschichte des Bildnisses umgekehrt. Wir haben erkannt, das das digitale Ich länger währt, als das Fleischliche. Unsere Online-Präsenz scheint wichtiger als die Wahrnehmung im primären Habitat, im realen Umfeld.

Aber warum tun wir das? Die Menschen, die uns Nahe stehen, werden den Schwindel entweder entlarven, oder mit einem Lächeln quittieren. Geht es uns vielleicht eher darum, die Erinnerung an uns bereits im Vorfeld zu beeinflussen und zu formen? Wir wissen, das unsere Spuren uns überdauern werden. Und auch, dass es einfacher ist jemanden über Suchmaschinen und Soziale Netzwerke zu finden, als sich auf die ernsthafte Suche zu begeben jemanden persönlich ausfindig zu machen. Eine spätere Rückbesinnung wird präventiv manipuliert. Somit sichern wir uns ab, ein sprichwörtliches Denkmal unserer Selbst zu erstellen. Um die seltsame Analogie aufrecht zu erhalten: Das Bild wird bei Bedarf nur restauriert, jedoch nie aktualisiert.

Doch kann es evtl. auch passieren, das unsere Selbstdarstellung zum Substitut des wahren Lebens wird? Opfern wir das wahre Ich als Container unserer Fehler? Ein Deckmantel für Charakterlosigkeit? Verlieren Bedenken und Zweifel an Bedeutung wenn man sich nur durch das selbstgenerierte Profil definiert? Sind Fehler verzeihlicher, weil sie nur einem begrenzten Umfeld bekannt werden, jedoch nie den Weg ins aufgeblasene Portfolio des Lebens finden?

Eine Definition des Ich, ausschließlich durch Momente des Glanzes werden am Ende ein verzerrtes Bild abliefern. Wahrscheinlich schlimmer als es das Bildnis eines Mr. Gray jemals gewesen sein könnte.

17:00 23.09.2012
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Geschrieben von

Citizen Drain

Black Coffee - Colored Vinyl
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