Die letzte Möglichkeit des Ausstiegs verpasst

Der Neuanfang - eine verlorene Freiheit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Googles ehemaliger CEO, Eric Schmidt, sagte einmal im Scherz, dass Menschen in der heutigen Zeit mit dem Erwachsenwerden auch das Recht auf eine Namensänderung zugesprochen bekommen sollten. Um Ihre digitale Vergangenheit abzustreifen.

Schmidt spottete damit indirekt über all jene, die gedankenlos und unbedacht Ihr komplettes Leben digital indizieren. Facebook speichert Nutzerdaten auf unbestimmte Zeit. Google archiviert Suchanfragen offiziell für 18 Monate, wobei niemand dies wirklich überprüfen kann. Es sind zwar Services wie Lycos’ Tripod bereits teilweise aus dem Netz verschwunden, jedoch sind Fragmente dieser Ära immer noch sichtbar. Es ist so gut wie unmöglich unsere Spuren im Netz zu verwischen. Das diese Immortalität unserer binären Identität Probleme im Berufs- sowie auch im Privatleben mit sich bringen kann steht außer Frage.

Bisherige Auseinandersetzungen sprechen jedoch zumeist von Reue und Scham. Von Vorsicht und Verantwortungsbewusstsein. Sie implizieren Fehler, die wir gerne Rückgängig machen würden, um uns selbst eine Illusion der weißen Weste zu suggerieren. Was ist jedoch mit den Menschen, die ihre Wege und Entscheidungen nicht bereuen, diese jedoch trotzdem gerne hinter sich lassen wollen? Das Internet hat es geschafft, klamm und heimlich unsere romantische Vorstellung des Neuanfangs zu zerstören

In unzähligen Büchern und Filmen wird die Thematik des Neustarts beschrieben. Eskapismus ist Popkultur. Die Plots handeln von speziellen Individuen die ihr altes Leben satt haben und irgendwo, weit weg von zu Hause, von Bekannten und Bekanntem, ein neues Leben beginnen. Allzu verlockend klingen diese Geschichten, da sie vom süßlichen Duft einer zweiten Chance umgeben sind. Von der Möglichkeit letztendlich doch das zu tun, was man heimlich immer wollte, es jedoch nie wagte zu artikulieren. Auch wenn die Mehrheit der Menschen, die sich damit auseinander setzt, niemals die Überwindung aufbringen wird ihrem festgefahrenen, verkorksten Leben den Rücken zu kehren um irgendwo das Neue, das Unbekannte, das Abenteuer zu suchen, so klammern wir uns doch an die Möglichkeit jenes theoretischen Notausstiegs. Und wir fühlen uns mutig und verrucht dabei. Ein Hauch von Aussteigerdasein entwickelt sich umgehend, sobald wir nur daran denken. Denn wir könnten ja, wenn wir wirklich wollen würden. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er fürchtet das Neue zumeist und ist Meister im Selbstbetrug. Er wird sich ein Leben lang immer wieder aufs Neue vorlügen, dass alles nur halb so schlimm ist. Ein Mantra zur seelischen Beruhigung. Nur Wenige hatten bisher den Schneid, diesen Schritt zu wagen, ganz Neu anzufangen.

Und während wir der verblendeten Lüge Glauben schenken, dass wir immer die Freiheit haben einen Drop Out zu wagen, haben wir nicht gemerkt, dass uns der Ausweg eines Neuanfangs nun endgültig genommen wurde. Denn Menschen vergessen - das Internet jedoch nicht. Es ist ein leichtes, die Geschichte eines Menschen mit Hilfe von Suchmaschinen, Sozialen Netzwerken und Ähnlichem zu rekonstruieren. Adressen, Arbeitsplätze, Kaufgewohnheiten und Beziehungen sind für jeden einsehbar und sogar käuflich. Man wird die Vergangenheit nie wieder los. In Stein gemeißelt trägt man sie für die Ewigkeit mit sich herum. Es ist zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden, sich über seinen Nächsten zu informieren. Eine Art Profiling, ein Gesellschaftstest. Und das Internet kennt alle Antworten. Oder zumindest genug, damit ich mir ein Bild über meinen Gegenüber zusammenreimen kann. So gibt es keine Geheimnisse mehr. Kein “Hinter mir”. Das zentrale Element eines Aussteigs ausgehebelt. Unbefangenheit verblasst zur Legende. Vorurteile bilden sich aufgrund vergangener Geschichten. Die Geister holen uns ein. Für immer. Die schöne Utopie ist verloren. Jeder kann alles über jeden erfahren. Man wird uns finden. Man bleibt man Selbst, ob man will oder nicht. Die Idylle des Generalablasses ist ein Relikt vergangener Tage.

12:36 22.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Citizen Drain

Black Coffee - Colored Vinyl
Schreiber 0 Leser 0
Citizen Drain

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community