Euphorie und Ernüchterung

Ein Standpunkt - Vom Feldherrenhügel
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Aus gegebenem Anlass:

Ich habe diesen Artikel bereits vor ein paar Wochen verfasst. Aber nicht veröffentlicht. Aus der Erkrankung heraus, welche im Text beschrieben wird. Jetzt aber ist es soweit...

Worüber schreibt man, wenn man bereits mehrere Beiträge begonnen hat, aber keinen fertigstellen konnte? Worüber berichtet man, wenn das vermeintliche Thema innerhalb von Stunden Aktualität und Relevanz verliert?
Vielleicht tritt man einen Schritt zurück und berichtet genau darüber. Vom Feldherrenhügel - aus der Metaebene.

Seit Wochen ist der neue verbale Erguss geplant. Aber realisiert wird er nie. Ich fange an, tippe ein paar Zeilen… und halte inne. Es geht nicht weiter. Der Faden ist verschwunden. Was wollte ich schreiben? Was möchte ich sagen? Wieso kam es mir vor ein paar Stunden alles noch so unheimlich wichtig vor? Und jetzt?

Seit einiger Zeit möchte ich beispielsweise ein Phänomen beschreiben, welches mir auffällig häufig über den Weg läuft. Menschen. Gehen. Offline. Und zwar bewusst. Ich hörte von sogenannten “Paper Days”, an denen Firmen versuchen, ihre Arbeit ohne Computer zu erledigen. In Tech-Podcasts erzählt man mir von hehren Vorhaben, das Telefon nicht mit zum Mittagstisch zu nehmen. Nicht ständig auf einen 4” großen Screen zu schauen - apathisch durch Timelines zu scrollen.

Man ist sich offensichtlich bewusst darüber, dass man nicht mehr Herr seines Verhaltens ist. Wir erkennen uns selbst als Devotionalien des Nimbus und wollen diesen Makel loswerden.

Das Internet ist allgegenwärtig. Und selbstverständlich! DIMAP-Umfragen, welche nach der Anzahl online verbrachte Stunden fragen, sind nur noch lächerlich. Online est status quo! Doch genau dieser Ausgangszustand scheint unser Wertesystem untergraben zu haben. Wir nehmen es als gegeben hin. Und wie der gelangweilte Adel verlieren wir die Wertschätzung. Was einst als Fortschritt gefeiert wurde, gilt mittlerweile als Standard. Und Standard langweilt. Standard ist Stillstand. —> Punkt. Und weiter…?

Wo soll das hinführen? Was will ich eigentlich sagen? Menschen werden sich darüber bewusst, dass sie vielleicht die Kontrolle über Ihr Verhalten verlieren? Sie wollen dem entgegen wirken? Das ist doch schön, oder nicht? Bewusstsein wird geschärft, Mündigkeit bewiesen. Aber das ist doch nichts, worüber ich mich auslassen müsste. In meinen Notizen finden sich Fragmente wie “Trend und Gegentrend” oder “Anti-Bewegung zu Rob van Kranenburgs ‘Internet of Things’”. Was habe ich mir dabei gedacht? Passt das überhaupt dazu? Wieso war ich zu Beginn so aufgeregt, diesen Beitrag zu verfassen? Und wieso breche ich inmitten der Schreiberei ab? Habe ich nicht alles durchdacht? Vielleicht habe ich mich vom süßen Duft der Euphorie leiten lassen und stehe nun in der Dunkelheit.

Aussichtslosigkeit. Nächster Versuch. Zukunftsangst - Teen Angst? Was soll aus uns werden. Alles scheint in Trümmern. Bzw. was nicht ist, wird noch werden. Wir zerstören was wir lieben - was wir leben. Die Abszesse des gesellschaftlichen Verfalls aufzuzählen würde Enzyklopädien füllen. Faith in Humanity? Lost a long time ago. Dystopische Gedanken. Wer es nicht sehen will, muss blind sein.

Doch was habe ich davon? Die Gewissheit das das alles vor die Wand fährt hilft mir nicht. Fördert höchstens Depression. Ich schreibe Zeile für Zeile ohne die Kehrtwende zu beschreiten. Bin unzufrieden mit dem was ich getippt habe. Möchte nicht, dass man glaubt, ich hätte aufgegeben. Kann aber genauso wenig die “Gute Seite” beschreiben.

Und wieder verführt mich die Hochstimmung und ich finde mich in Ernüchterung wieder. Als ob ich nach durchzechter Nacht in einem grauen, leeren Zimmer aufwache… es fühlt sich falsch an. Ich habe etwas verloren, kann nicht beschreiben was. Deshalb vielleicht diese Gedanken. Allzu häufig kommt es vor, dass uns Realität wie ein Schlag in die Magengrube vorkommt. Begeisterung uns blendet. Seit dem ich damit beschäftige, fällt mir auf, wie häufig ich mich selbst enttäusche. Eine Idee, ein Gedankenblitz. Großartiges wird gesponnen. Die Umsetzung? Zumeist trauriges Elend oder nichts existent. Ich nehme mir vor, etwas großes zu erschaffen, die Welt zu verändern. Und sehe mich in die Knie gezwungen durch äußere Umstände und meinen eigenen Wandel. Es ist nicht mal immer meine eigene Schuld, dass am Ende nicht das erschaffen wurde, was ich mir im Taumel ausmalte. Einflüsse, Zeit und Gezeiten werfen meine Pläne über den Haufen. Säubern den Tisch meiner gedanklichen Notizen.

Zermürbend. Sollte ich lernen, die Betörung zu ignorieren? Oder erstickt dies jedwede Inspiration im Keim?

12:35 03.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Citizen Drain

Black Coffee - Colored Vinyl
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Citizen Drain

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