Warum ich Twitter mag

Relevanz - Facebook erzeugt Frust, Twitter kaum. Warum ist das so?
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Als ich mich vor ein paar Monaten bei Twitter anmeldete tat ich dies nicht mit der Absicht selbst aktiver Teil dieses Microblogging-Dienstes zu werden. Ich wollte ein paar Leuten und Institutionen folgen weil ich mir Aktualität davon versprach. Twitter konnte Revolutionen koordinieren und Plünderern helfen sich ein geschicktes Katz und Maus im Herzen Londons zu liefern. Kurz, es übte den Reiz des Anarchismus auf mich aus. Auch wenn ich wahrscheinlich nie Teil einer solchen Begebenheit werden würde, wollte ich zumindest den allgemeinen und offensichtlichen Vorteil für mich nutzen.

Im Dezember letzten Jahres fing ich dann doch an den ein oder anderen Gedanken zu twittern. Eine Initialzündung für mich. Es waren genau jene Gedankenfetzen von denen wahrscheinlich jeder einzelne von uns unzählige hat. Sie sind bedeutungslos in der großen Informationsflut der heutigen Zeit. Vor Allem wenn man sowieso keine Follower hat. Es ist wie eine Art Voicerecorder für Gedanken. Man hat das Gefühl etwas ausdrücken zu wollen, obwohl es wahrscheinlich niemanden interessiert. Ein herausblasen von synaptischem Feuer. Befreiung von Gedanken deren Relevanz fragwürdig bis nichtig ist. Aber das gute Gefühl es losgeworden zu sein.

Würde ich so etwas auf Facebook posten, würde es sich falsch anfühlen. Selbstdarstellung und überhöhter Mitteilungszwang wären mir schnell nachgesagt. Zurecht! Aber auf Twitter ist das anders. Es ist die Vergänglichkeit die mir auf Twitter gefällt. Man setzt einen Tweet ab und er ist frei. Es interessiert nicht ob ihn jemand liest, liked, faved, kommentiert oder teilt. Man ruft mit verbundenen Augen etwas in die Welt ohne darüber nachzudenken wer es hören wird. Und es ist auch nicht wichtig.

Das große Netzwerk Facebook hingegen wurde Opfer seiner Selbst. Die Möglichkeiten die dem Nutzer geboten werden bringen die üblichen Auswüchse in einer Mischung aus digitaler Immunität und Geltungsbedürfnis hervor. Man erstellt sich einen Avatar aus seinen Wünschen und seiner Selbstwahrnehmung. Auch ich bin selbstverständlich nicht gefeit davor. Auch ich prüfe kritisch was für Bilder ich uploade und was für Seiten mir gefallen. Aber nicht zwingend um mich vor peinlichen Situationen zu bewahren. Eher um meiner Rolle zu entsprechen. Ein ausgeklügelter Lügenbeutel nur um eine gewünschte Fremdwahrnehmung zu erzeugen. Und ich ekel mich vor mir Selbst dafür. Auf Facebook wirkt alles für mich aufgesetzt. Befremdlich. Und vor allem…zu viel. Facebook sieht sich mit dem Problem konfrontiert, das es zur Cashcow verkommen ist. Das Netzwerk verdient das Adjektiv “sozial” schon lange nicht mehr. Es ist zu einem Hybrid-Monster aus Gruppenzugehörigkeit, Studiumsverwaltung und einer gigantischen Werbemaschinerie geworden.

Twitter hingegen ist anders. Hier muss man sich mit keinen stumpfen Diskussionen und populistischen Agitationen auseinandersetzen. Man schreibt und - nichts. Punkt. Wenn man mag, liest man auch was andere schreiben. Und wenn man wirklich Lust dazu hat, kann man auch in Verbindung treten. Alles kann - nichts muss. Lese ich etwas was mir nicht gefällt, scrolle ich darüber. Und es verschwindet in den Weiten meiner Timeline. Verbale Kotze rutscht nach unten und wird nicht immer und immer wiedergekäut. Vergänglichkeit. Kurzlebigkeit. Irrelevanz solange man es nicht anders will.

Mit der Zeit bekommt man zwangsläufig auch Follower. Arme Teufel die einem zuhören wollen. Manche kennt man, die meisten nicht. Aber das ist nicht schlimm. Es fühlt sich nicht seltsam an. Du fragst deine Verfolger nicht, warum und weshalb. Du bist Ihnen auch nichts schuldig. Du hast die Kontrolle was in deiner Timeline, solltest du sie lesen, erscheint. Die meisten verschwinden sowieso nach kurzer Zeit wieder. Egal ob du ihnen folgst oder nicht. Man ist bei Twitter sicher nicht vor Werbung geschützt, aber die Penetranz hält sich in Grenzen. Wieder - Sie ist vergänglich.

Und zwischen den 20 Profil-Sammlern verbirgt sich meist der Ein oder Andere interessante Charakter. Und wieder ist es nicht seltsam, aufdringlich oder falsch in Kontakt zu treten. Es kann bei einem retweet bleiben, oder ganze Konversationen daraus entstehen. Aber dafür ist Twitter da. 140 Zeichen die uns zwingen auf den Punkt zu kommen. Prägnant zu sein. Klartext zu reden.

09:11 21.09.2012
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Geschrieben von

Citizen Drain

Black Coffee - Colored Vinyl
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Citizen Drain

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