Christopher Kammenhuber
07.07.2017 | 10:33 12

Hölle Hamburg

G20-Tagebuch Die "Welcome to Hell"-Demo wurde Donnerstagabend daran gehindert, überhaupt loszulaufen. Es wirkte wie Kalkül

Hölle Hamburg

Direkt nach dem Start war auch schon wieder Schluss. Die Polizei stoppte den Demonstrationszug nach wenigen Metern.

Foto: imago/Christian Mang

Um 16 Uhr hatte die Demo mit einer Kundgebung am Fischmarkt begonnen, Bands spielten, die Stimmung war gut, etwa 10.000 Menschen hatten sich zum Protest versammelt. Um 19 Uhr sollte dann die Demonstration starten. Bereits im Vorhinein verdichteten sich die Gerüchte, dass wohl nie geplant war, die Demonstration laufen zu lassen: Seitens der Polizei wurden keine Auflagen erteilt, was ein Indiz für ein solches Vorgehen sein kann.

Nach 200 Metern wurde der Demonstrationszug in der historisch-berüchtigten Hafenstraße gestoppt. Die Begründung lautete: „Massenhafte Straftaten“, weil sich einige Demonstrationsteilnehmer mit Schals und Tüchern vermummten. Während die Verhandlungen zwischen Veranstalter und Polizei begannen, fuhren diverse Wasserwerfer aus verschiedenen Richtungen auf die Demonstrationsroute. Und obwohl ein Großteil der Vermummungen abgenommen wurde, und ein noch größerer Teil offensichtlich friedlich protestieren wollte, begann die Polizei zeitnah mit der Auflösung der Demonstration. Die Antwort der Demonstrierenden folgte prompt, die Situation eskalierte, wodurch auch Schaulustige mit hineingezogen wurden.

Warten auf der Reeperbahn

Nach einer Stunde hatte die Polizei die Lage im Griff, Splittergruppen meldeten Spontandemonstrationen an. Nach etwa einstündiger Wartezeit auf der Reeperbahn, die viele dankend zum Ausruhen nutzten, startete daraufhin ein großer Demonstrationszug mit etwa 20.000 Beteiligten, so die Angaben der Veranstalter, Richtung Schanzenviertel. Gemeinsam und größtenteils friedlich bewegte sich der Zug dann Richtung Sternschanze und kam an der Kreuzung zum Schulterblatt zum Stehen.

Als gegen Ende der Demonstration plötzlich Flaschen und Steine flogen, formierte sich die Polizei erneut. Einige Demonstranten zogen weiter zur Roten Flora, dort wurden Barrikaden errichtet, Mülltonnen brannten. Offiziell war die Spontandemonstration bis 0 Uhr genehmigt. Zwei Minuten nach zwölf beendete die Sprecherin aus dem Lautsprecherwagen die Demonstration, eine Minute später begann die Polizei erneut die Demonstrierenden an der Kreuzung mit Wasserwerfer und Pfefferspray auseinander zu treiben, obwohl der gewalttätige Teil hunderte Meter weiter, vor der Roten Flora, stand.

Die Möglichkeit, die Demonstration „normal“ zu verlassen, war somit nicht gegeben, auch hier wurden Dutzende Schaulustige und Anwohner von der Vorgehensweise der Polizisten überrascht. Wie schon am Nachmittag wirkte es, als ob genau dies passieren sollte. Der Gipfel hatte noch nicht einmal begonnen, Tag eins von drei ging zu Ende, Hartmut Duddes Machtdemonstration schien geglückt.

Friederike Grabitz und Christoph Kammenhuber berichten für den Freitag von den Protesten gegen den G20-Gipfel und dem alternativen "Gipfel der globalen Solidarität". Alle Beiträge rund um das G20-Treffen in Hamburg finden Sie hier

Kommentare (12)

Richard Zietz 07.07.2017 | 13:27

Ich habe – ausgehend von der Berichterstattung unterschiedlicher Medien wie zum Beispiel SPON und tagesschau.de – einen ähnlichen Eindruck: dass Einsatzleitung und Innensenat auf die Verlaufsform des gestrigen Tages zielstrebig hingearbeitet haben – und letztlich auch exakt das bekommen haben, auf das sie partout aus waren.

Eine Regie, die bis hin in Detailsituationen wenig dem Zufall überlassen hat. In diesem Video-Kommentar etwa beschreibt ein SPON-Vor-Ort-Reporter ganz klar, dass die Schlüsselsituation für die anschließenden Krawalle eindeutig von der Polizei provoziert wurde: indem unvermittelt in eine dichtgedrängte Menge hineingegangen, hineingeknüppelt und hineingewasserwerfert wurde – in einem Ausmass, dass eine massive Angstsituation befördert wurde. Erst nach diesem Intermezzo, so der Beitrag, sei die Situation auch seitens der Demonstranten zunehmend eskaliert.

Eine Beobachtung, die sich mit dem Live-Material unterschiedlicher Streamberichte deckt. Darüber hinaus muß man zumindest für den späteren Teil des Abends die auch die »massiven Krawalle«, wie sie vor allem von den Tagesgazetten geheadlinet wurden, stark in Zweifel ziehen. Zumindest die zahlreichen Livestreams von Vor-Ort-Reporterteams geben diesen Eindruck nicht her. Was es zu diesem Zeitpunkt sicher gab, waren zahlreiche Klein-Scharmützel, befördert von konfus sich durch das Großareal bewegenden Polizei-Einheiten und zusätzlich kompliziert durch anwesende Partyfeiernde sowie einfache Stadtviertel-Bewohner, die von der Polizei am Nachhausegehen gehindert wurden. Insgesamt erinnert die Szenerie nach Auflösung der Demo mehr an frustbedingt ausmarodierende Riots denn das planmäßige Agieren eines »Black Blocks«.

Vollkommen im Bereich der (bewußten?) Unwahrhaftigkeit steht aktuell die Hamburger Polizeiführung mit ihren – offensichtlich allein dem Erzeugen einer Horrorstimmung dienenden –Zahlenangaben. 1000 – möglicherweise nur einige Hundert – sind eben keine »8000«. Eine Diskrepanz, die selbst die autonomer Sympathien unverdächtigen ARD-Nachrichten in einem Bericht hervorhoben. Ebenfalls in einer Reihe Berichte erwähnt und in dem Video-Material breit präsent: die überwiegende Mehrheit an Demonstranten, die eben nicht durch Randale in Erscheinung trat – sondern vielmehr ein buntes, vielfältiges, effektives und durchaus fantasievolles Bild des Protestes lieferte.

Die Gründe, wieso Senat und Polizeiführung auf die klar abzusehende Eskalation gesetzt haben, wird man in den folgenden Wochen sicher kritisch unter die Lupe zu nehmen haben. Nicht vergessen sollte man dabei die Frage, inwieweit gezielt eingeschleuste agents provocateurs bei einigen Vorkommnissen eine Rolle gespielt haben. Das Agieren von Provokateuren, die aus der neofaschistischen Szene rekrutiert waren und die unter der Camouflage des »Black Block« aufgetreten sind, hat bereits bei den blutigen Eskalationen auf dem G8-Gipfel in Genua 2001 eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Es sollte jedenfalls verwundern, wenn diese bewährte, den Herrschenden sicher recht dienliche Verfälschung eines Protests nicht auch in Hamburg zur Anwendung gekommen wäre – wo doch bereits die polizeiliche Vorfeld-Strategie eine klare Regie war in Sachen Eskalation.

30sec 07.07.2017 | 17:25

Unsere uniformierten und von vorneherein vermummten Freunde und Helfer durften keinesfalls zulassen, dass sich Demonstranten Schals oder Masken vor's Gesicht zogen, weil es vielleicht, eventuell, möglicherweise dann zu Ordnungswidrigkeiten der dann zivil Vermummten hätte kommen können. Dann muss man doch einfach mal zuschlagen, pfeffersprayen und wasserwerfen, bevor in der Freien und Hansestadt Hamburg jemand unterm Schal despektierlich hustet. Und das dann wieder mal abertausende oder hunderte oder dutzende, wenn nicht gar eine Handvoll der Ordnungskräfte durch kollegialen Pfeffer weinen mussten, also dienstunfähig verletzt wurden, ist natürlich alleinige Schuld des schwärzesten aller Blöcke der freiesten Welt.
Nun ist die marktkonformste Demokratie aller Zeiten glücklicherweise wieder mal gerettet, Dank Polizei und nun auch Bundeswehr.
Nun danket alle jenem höheren Wesen, das wir verehren. Amen. Und Schampus für Dudde!

Urmel 07.07.2017 | 17:56

Da widerspreche ich nicht, aber Gewalt hat hier in Hamburg nicht nur Tradition unter den Autonomen, die wird auch gerne ausgelebt.
Provokateure braucht`s da nicht, damit die Krawallos in Wallung kommen.

Dass das Spiel der Sicherheitsbehörden nicht auf Deeskalation ausgelegt war, das kann man bzw. muss man so sehen.

Wir haben hier halt schon Spaß mit unserem Olaf! Überhaupt mit den Sozen. Die verkauften ja auch die Rote Flora an einen Immobilienhai. Da lacht nicht nur der Autonome, wenn er denn nicht das Heulen kriegt.
Sozenwitz

30sec 08.07.2017 | 09:06

Das taktisch optimale Vorgehen der uniformiert vermummten Freunde und Helfer gegen friedliche Demonstranten sollte von verantwortungsbewußten Staatsbürgern selbstredend nicht dokumentiert werden:

Polizei HamburgVerified account @PolizeiHamburg
Wir bitten Medien & Privatpersonen, das taktische Vorgehen der Einsatzkräfte nicht zu filmen /zu senden, um sie nicht zu gefährden
#G20HAM17
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Friederike Grabitz 09.07.2017 | 21:23

Einen Tweet gleichen Inhalts (EInsatzkräfte nicht fotografieren und filmen, "um ihre Arbeit nicht zu behindern"), gerichtet an Journalisten, gab es von der Hamburger Polizei auch am Freitag abend im Zsh. mit G20. Er wurde am Samstag wieder gelöscht, vielleicht gab es dann doch zu viele kritische Retweeds dazu? Um deren Arbeit nicht zu behindern - wäre das nicht dann eine Behinderung der Arbeit von Journalisten durch Polizisten?

apatit 09.07.2017 | 21:33

IM STERN! G20-Gipfel in Hamburg BKA entzieht Journalisten G20-Zulassung - Presseverbände verlangen Klärung Während auf den Straßen die Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten eskaliert, greift die Staatsmacht auch im offiziellen Pressezentrum durch: Beamte des Bundeskriminalamtes haben mehreren Journalisten die Akkreditierung entzogen - ohne Begründung.