Party auf dem Kaff

Feierkultur In Sachsen wächst eine elektronische Szene, die Wert auf Diversität im Club legt

Wie findet man nur ein solches Gelände? Zwei große mehrstöckige Lagerhallen liegen zur Rechten, links ein Verwaltungshaus, dahinter ein Turm und diverse Garagen, dazwischen ist es staubig – 5.000 Quadratmeter reine Geländefläche, davon 1.200 Quadratmeter überdacht. Platz ist also da, und Pläne gibt es viele: Partys sollen stattfinden, der lokalen Skater-Szene ein Park gebaut werden, hier eine Boulderwand, da ein Ort für die Fitness-Übungen der Freeletics-Community. Das Clubprojekt Kombinat Hüttenstraße liegt am Industriegebiet Muldenhütten, nahe der 41.000-Einwohner-Stadt Freiberg, etwa 40 Kilometer südlich von Dresden. Dabei sehen sich die Organisatoren nicht als reine Clubbetreiber, sondern vielmehr als Steigbügelhalter anderer aufstrebender Crews: Ohne Hindernis soll jeder mit eigenen Ideen an die Hüttenstraße herantreten können und das entsprechende Teilprojekt vorschlagen. Im Plenum wird dann basisdemokratisch beschlossen, ob die Aktion stattfindet. Musik darf gerne im Mittelpunkt stehen, Lärmbeschwerden sollten auf dem Gelände ohne Nachbarn ohnehin ausbleiben.

Die Frage, warum er ausgerechnet in Freiberg einen Club aufmacht, scheint Anselm Peischl zu überraschen. „Wenn ich hier wohne, dann will ich auch hier leben“, sagt der Mitinitiator des Kombinats. „Am Wochenende fahren viele Feierwütige nach Dresden oder Leipzig, dabei ist Feiern doch auch abseits der Großstädte möglich.“ Peischl ist seit 2012 in Freiberg, er studiert hier Betriebswirtschaft an der Technischen Universität. Partys und Veranstaltungen werden in Freiberg natürlich angeboten, doch in den drei Studentenclubs fühlte der gebürtige Oberfranke sich nicht wohl. Einerseits fehle die kritische Auseinandersetzung mit realen Problemen wie Sexismus im Club, sagt der 27-Jährige, andererseits werde um Punkt drei Uhr morgens die Musik aus und das Licht angemacht, ganz egal ob gerade noch eine Platte läuft.

So begann Peischl seine eigenen Partys zu veranstalten. Doch die vier Veranstaltungsorte der Stadt boten nicht den nötigen Rückhalt, auch der ewige Auf- und Abbau von Technik und Dekoration wurde ihm zu nervenaufreibend. Etwas Eigenes, Beständiges musste her: ein alternativer Gegenentwurf zum gewohnten Freiberger Partyleben. Zusammen mit einem Freund begann er die Umgebung nach einem passenden Ort abzusuchen und wurde auf das Gelände einer ehemaligen Tierkörperverwertung aufmerksam. Kurz vor dem anliegenden Industriegebiet, etwa 30 Gehminuten vom Stadtkern Freibergs entfernt, fand er den richtigen Ort, um sich auszutoben.

Das Kompostklo ist fertig

Noch steckt das Kombinat Hüttenstraße in Kinderschuhen. Ein Jahr zogen sich die Verhandlungen, dann konnte das Gelände letztendlich für den sehr geringen Preis von 400 Euro pro Jahr angemietet werden. Aber es ist noch viel zu tun und das Geld ist knapp: Alles, was geht, wird in Eigenregie repariert, finanziert wird das Projekt durch Spenden. So viel wie möglich wird recycelt, denn auch Nachhaltigkeit steht auf der Agenda der Macher, und es spart obendrein Geld. Irgendwann, sagt Peischl, soll durch Getränkeverkauf eine weitere Einnahmequelle hinzukommen. Auf Eintritt bei Veranstaltungen soll, wenn möglich, verzichtet werden: „So offen wie möglich, so geschlossen wie nötig.“

Einen Chef gibt es nicht, die Hierarchien sind flach: Etwa 70 Menschen sind imE-Mail-Verteiler, über den anstehende Bauphasen bekannt gegeben werden, rund 20 kommen zu den Einsätzen, reißen Wände ein und schaffen Schutt heraus. Ein Ende ist nicht absehbar, aber das Projekt wird angegangen, wenn auch in kleinen Schritten: Die erste Errungenschaft, ein Kompostklo, ist bereits fertig. „Was wir nicht haben, das schaffen wir uns eben“, sagt Peischl zum Abschied. „BAföG versaufen ist doch kein Lebensinhalt.“

Eine Autostunde nördlich von Freiberg liegt die Gemeinde Cavertitz. Seit 20 Jahren schon zeigt hier das Nachtdigital-Festival, dass elektronische Subkultur auch jenseits der Metropolen lebt. Fast alle Organisatoren kommen aus der Region, die ersten Partys haben sie Mitte der Neunziger gemeinsam in einem Jugendclub im Nachbardorf veranstaltet. 1998 fand dann die erste Nachtdigital im Bungalowdorf Olganitz statt, das die meiste Zeit des Jahres als Schullandheim genutzt wird. „Jetzt ist das Grüne hinter den Ohren so halbwegs weg“, sagt Jan Bennemann, einer der Organisatoren des Festivals. „Und sind wir mal ehrlich: Mit den 20 Jahren kommt doch eigentlich erst die geilste Zeit!“

So entwickelte sich in Olganitz etwas, womit in der sächsischen Provinz wohl niemand gerechnet hätte: ein eigenes, selbstbestimmtes Festival, das inzwischen Mitstreiter aus Hamburg, Berlin und Amsterdam hat. Die Nachfrage ist groß, die Tickets sind meist nach wenigen Stunden ausverkauft – noch bevor überhaupt ein Line-up bekannt gegeben worden ist. Mehr als 3.000 Karten gehen nicht in den Verkauf, das mag exklusiv wirken, ist jedoch begründet. Einerseits soll eine familiäre Atmosphäre erhalten bleiben und andererseits der „verkorksten Logik, dass etwas bei Erfolg nach oben skaliert werden muss“ widersprochen werden, sagt Bennemann. Außerdem bietet das Bungalowdorf kaum Möglichkeiten zur Expansion, und ein Umzug, um mehr Tickets verkaufen zu können, steht außer Frage. Denn im Bungalowdorf, rund um einen kleinen See, ist die Nachtdigital eben beheimatet.

Musikalisch ist das Festival klar auf elektronische Musik von Ambient bis Techno fixiert: ein Mix aus internationalen Szene-Superstars wie Job Jobse oder Jeff Mills trifft auf lokale Künstler der Leipziger und Dresdner DJ-Szene um die Labels Kann, Holger oder Uncanny Valley. Besagte Labels sind überregional bekannt und die veröffentlichten Schallplatten schnell vergriffen. Doch obwohl die House-Szene international agiert – rund 20 Prozent der Tickets für die Nachtdigital werden in die Niederlande verkauft –, ist auffällig, wie stark der regionale Einfluss den Klang einer Szene prägen kann. Der Leipziger Sound ist dabei meist härter und industrieller als in anderen Städten, was sich umgekehrt in der Feierkultur niederschlägt.

Bestes Beispiel ist das Institut für Zukunft in Leipzig. Seit April 2014 bietet es im düsteren Keller einer alten Messehalle, dem sogenannten Kohlrabizirkus, eine echte Alternative zum gängigen Ausgehprogramm. Die dunklen Betonräume wirken nicht besonders einladend, der größere Dancefloor, der teils gekachelt ist, rundet das Bild von einem sterilen, düsteren Ort ab. Industrielles Design und Techno entsprechen sich hier in ihrer Klarheit und Härte, denn im IfZ steht die Musik klar im Vordergrund. Unauffällige, passive Beleuchtung, kaum Sitzmöglichkeiten und viele Nebelmaschinen sind Ausdruck der Verbannung jeglicher künstlichen Gute-Laune-Vibes. Zugeglitzerte Gesichter vermisst man hier genauso wie dauerlachende Partybesucher, dafür fällt der respektvolle Umgang untereinander besonders auf. „Another sound is possible“ – so das Motto, ein Blick auf das liebevoll designante und selektierte Monatsprogramm beweist, ds an Samstagen zwar die gängigen Genres Techno und House den musikalischen Rahmen bilden, an anderen Tagen aber die Diversität durch experimentellere Spielarten der elektronischen Musik zu hören ist. Außerdem werden Personen gefördert, die im Musikgeschäft unterrepräsentiert sind. So sehen sich die Betreiberinnen und Betreiber einem sozialkulturellen Auftrag verpflichtet, um neben besagter Diversität einen sicheren Raum für alle Gäste zu schaffen, fernab von Rassismus, Schönheitsidealen oder Macker-Gehabe. Die Zukunft ziert nicht nur den Clubnamen, sie ist auch Fahrplan und Dogma, um das zu schaffen, was im glorifizierten Chicago der späten 1970er Jahre begann: eine offene Szene für alle, die Musik und gleichgestellten Umgang zu schätzen wissen.

Der Geist färbt ab

Über Leipzig wurde in den vergangenen Jahren viel geschrieben. Aus Goethes „Klein-Paris“ wurde erst das „neue Berlin“, dann „Hypezig“ und jetzt ist die Stadt hip und teuer und die leidtragenden Ur-Leipziger sind genervt. Zwar herrscht in Leipzig eine ganz andere, viel familiärere Szene als in der Hauptstadt, der Vergleich zum Ostberlin der 1990er Jahre ist dennoch nicht ganz verfehlt. Es gibt nach wie vor Leerstand und aufstrebende Clubprojekte, die diesen nutzen. Dieser Geist färbt auf die gesamte Szene in Sachsen ab. In Dresden hat mit dem „objekt klein a“ vor kurzem ein weiterer Club eröffnet, „zur Rettung einer ehrlichen, der Musik und der Gemeinschaft verpflichteten Subkultur“, wie die Initiatoren auf der Crowdfunding-Plattform Startnext schrieben.

06:00 30.08.2017

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