„Die Leute wünschen sich Mobilität ohne Auto“

MdB im Gespräch Der Grünen-Politiker Oliver Krischer will einen Mobilitätswandel. Bei der „Sitzungswoche Sprechstunde“ am Dienstag sprach er außerdem über Vögel im Hambacher Forst.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
„Die Leute wünschen sich Mobilität ohne Auto“
Oliver Krischer

Foto: imago/photothek

Die deutsche Aufarbeitung des Abgasskandals ist für den Grünen-Politiker Oliver Krischer „ein Witz“. Und das liegt keinesfalls daran, dass der Bundestagsabgeordnete eine rheinische Frohnatur ist.

Wenn es um den Umgang der Bundesregierung mit den deutschen Autobauern geht, kann der 49-Jährige schon mal wütend werden, wie an diesem Dienstag, den 16. Oktober, deutlich wurde. An dem Morgen war der Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Wahlkreises Düren bei der „Sitzungswoche Sprechstunde“ in der Ständigen Vertretung in Berlin zu Gast, um Moderatorin Paula Georgi und dem Publikum Fragen zu seinen politischen Schwerpunktthemen, seinem Werdegang und seinem Heimatwahlkreis zu beantworten.

„Wenn Menschen ihren fünf Jahre alten Passat verschrotten lassen sollen und dafür 5000 Euro Preisnachlass beim Kauf eines Neuwagens bekommen, dann ist das eine Verhöhnung vom Kunden“, so Krischer, der selbst jahrelang einen Diesel gefahren ist. Schließlich sei nicht einmal sicher, dass die neuen Modelle alle Grenzwerte einhalten würden. Er sieht im Dieselskandal nur einen Weg: Die Autohersteller müssen ihren Fehler ausbügeln und die Euro-5 Diesel sauber machen. „Das Verrückte ist ja, in den USA redet da heute keiner mehr drüber, das ist da schon abgearbeitet“, sagt er. Nur in Deutschland habe der Dieselskandal zu einer Krise geführt, weil die Politik nicht hart genug durchgegriffen habe.

Den Anteil von Autos auf dem Land reduzieren

Er hält in Deutschland einen generellen Wandel der Mobilität für nötig. Dabei will er keinesfalls ganz aufs Auto verzichten. „Man unterstellt Grünen ja immer gerne, dass wir ein ideologisches Problem mit dem Auto haben. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass das nicht der Fall ist“, sagt er. Auf dem Land wird es aus seiner Sicht auch in Zukunft Autos geben müssen. „Aber wir können den Anteil reduzieren, indem wir denen, die nicht Autofahren wollen oder können, ein anderes Angebot machen“, sagt er.

Als Beispiel dafür, dass sich ein solcher Umbau für den Staat lohnen kann, nennt er eine Bahnstrecke aus seiner Heimatregion. Die sei von der Kommune gekauft worden und werde so gut angenommen, dass sie inzwischen sogar Gewinne abwerfe.

Neben dem Ausbau von Bus und Bahn sieht Krischer zudem einen Ausbau von Fahrradstationen auf dem Land als sinnvoll an. „Die Leute wünschen sich Mobilität ohne Auto“, sagt er. In manchen Dörfern fahre nur zweimal am Tag ein Bus – zur Schulzeit. „Da fühlen sich die Menschen zurecht abgehängt“, sagt er.

Von der Vogelkunde in die Politik

Zur Politik gekommen ist Oliver Krischer durch seine Liebe für Vögel. Oliver Krischer ist leidenschaftflicher Ornitologe. Aufgewachsen in einem kleinen Ort in der nordrhein-westfälischen Eifel, kümmerte er sich schon als Jugendlicher um Steinkäuze. Eines Tages war der Baum, an dem er selbst einen Nistkasten aufgehängt hatte, weg. „Da habe ich gedacht, ich muss was tun“, erzählt er.

Er trat zunächst in den Naturschutzbund Deutschland (NABU) ein. Doch der Einfluss im Verbandsbereich war ihm nicht groß genug. Also wurde er auch politisch aktiv – und landete bei den Grünen.

Seine Partei vertritt der Bundestagsabgeordnete, der auch stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag ist, in diversen Gremien. Er wirkt in den Arbeitskreisen Umwelt und Energie, Verkehr und Bau und Ernährung und Landwirtschaft mit. Zudem ist er stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, sowie im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Bedrohte Artenvielfalt im Hambacher Forst

Neben den Themen Mobilität und Tierschutz ist ihm auch das Thema Energiewende wichtig. Das Interesse dafür hat ebenfalls ein wenig mit seiner Heimat und seiner Liebe für Vögel zu tun.

„Mit 18 Jahren bin ich das erste Mal bewusst durch den Hambacher Wald gelaufen“, erzählt er. Die Artenvielfalt der dort lebenden Vögel faszinierte ihn. Umso entsetzter war er, dass der Wald dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen sollte. Er findet den Protest gegen die Rodung des Forstes richtig. „Man kann nicht immer sagen, es geht um Klimaschutz und dann im konkreten Fall anders entscheiden“, sagt er.

Für ihn ist die Stromgewinnung durch Braunkohle nicht zeitgemäß. „Was da stattfindet, ist für mich 19. Jahrhundert“, sagt er. In Zeiten von Dürresommern könne man nicht weiter Kohle verstromen.

Die Hürden der Energiewende

Aus Oliver Krischers Sicht wird die Debatte um Kohlestrom nicht ehrlich geführt. Kohlekraftwerke würden in ihrer Bedeutung für den Arbeitsmarkt zu hoch eingeschätzt. „So bedeutend ist der Sektor nicht“, meint er.

Er kritisiert zudem, dass der Ausbau von erneuerbaren Energien durch die Bundesregierung künstlich verhindert werde, obwohl dies mit Abstand die günstigste Art der Stromerzeugung sei. Oft würden in der Debatte fehlende Netzkapazitäten als Grund genannt. „Aber in meiner Heimatregion gibt es kein Netzproblem, das ist wegen der Braunkohle hervorragend. Trotzdem werden keine Windräder gebaut“, kritisiert er.

Auch bei der Stromerzeugung durch Privathaushalte sieht er die Not einer rechtlichen Veränderung. „Es muss einfach möglich sein, für den Eigenbedarf unbürokratisch Strom erzeugen zu können“, sagt er. Nur so könne man erreichen, dass die Deutschen ihre Dächer flächendeckend mit Fotovoltaik-Anlagen ausstatten würden – das würde dann auch ohne finanzielle Förderung klappen, ist Krischer überzeugt.

18:10 16.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Claudia Kleine

Claudia Kleine ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Claudia Kleine

Kommentare 9