Eine für alle

Crowd-Feminismus Die Zeitschrift „Libertine“ berichtet über Politikerinnen, DJs, Designerinnen und Polizistinnen. Ihr Motto: „In Love with Women“
Claudia Reinhard | Ausgabe 12/2016

Crowdfunding hat sich in den vergangenen Monaten für manche Magazine als erfolgreiches -Finanzierungsmodell bewährt. Die Feministinnen vom Missy Magazine können dank ihrer Kampagne jetzt beispielsweise mehr Inhalte produzieren und mit Kater Demos ist der Markt um ein wunderbares Politikjournal für junge Leute reicher geworden. Und auch Libertine hat die Funding-Schwelle von 7.500 Euro überschritten, sodass jüngst die erste von jährlich vier geplanten Ausgaben erschienen ist. Das Frauenmagazin richtet sich im wörtlichen Sinne an Freigeister, in diesem Fall frei von Etiketten (um „Frau sein“ geht es aber irgendwie auch). Außerdem klingt das natürlich schön luftig und passt gut zum pastellfarbenen Cover, auf dem sich zwei Frauen auf dem Tempelhofer Feld innig umarmen.

Richten sich in letzter Zeit immer mehr Magazine an ein spezifisches Nischenpublikum, etwa Titel wie Flow oder Beef, so mag sich Libertine in dieser Hinsicht jedoch nicht allzu sehr beschränken. Denn ihr Slogan „In Love with Women“ soll nicht nur lesbische, sondern alle Frauen ansprechen, die sich für Geschichten von und über ihre Geschlechtsgenossinnen interessieren. Ob das anhand von Cover und Slogan auch wirklich klar wird, ist indes eine andere Frage. Wünschenswert wäre es aber, denn Libertine bietet tatsächlich eine Alternative zu jenem Einheitsbrei von Frauenzeitschriften, die der Cellulite den Kampf ansagen oder empfehlen, sich die Langeweile zwischen den Wehen einfach wegzuschminken (so wie in der aktuellen Brigitte).

Der Selbstanspruch von Libertine hört sich dabei so an: Sie will sich im „Spannungsfeld zwischen Tiefgang und Höhenflug, Fashion und Feminismus, Müßiggang und Tatendrang, Nachhaltigkeit und Konsum bewegen“. Das klingt zwar ein wenig nach Buzzword-Bingo, ist in Ansätzen aber durchaus gelungen. Das liegt vor allem an den guten Interviews und Porträts, deren Bandbreite von Politikerinnen, DJs, Aktivistinnen über Fotografinnen bis zu Designerinnen und Polizistinnen reicht. Im Dossier „Muslimisch, queer und feministisch“ liefern zudem zwei junge Frauen eindrückliche Beispiele dafür, dass sich Feminismus und Islam nicht widersprechen müssen und machen damit die vorausgehende Bilderstrecke im Coca-Cola-Look zum Titel-Thema „Freiheit“ obsolet.

Prominent platzierte Zitate wie „Freiheit ist die Macht, zu leben, wie man will“, braucht es ebenfalls nicht, denn die Frauen im Heft haben bessere drauf: „Es gibt Schwule, Lesben, Menschen im falschen Körper, im richtigen Körper, vielleicht auch mal mit zwei Pimmeln, keinem Pimmel, oder einem Pimmel auf dem Kopf. Deal with it“, sagt etwa die Fotografin Pepper Levain. Ein bisschen mehr Vertrauen in die Leserschaft wäre jedoch schön gewesen. Teaser, aus denen einen unterstrichene Schlüsselbegriffe in Versalien anspringen, sind nämlich eher nervig.

Wie andere Frauenmagazine verzichtet Libertine auch nicht auf die üblichen Produktempfehlungen, beschränkt sie allerdings auf solche in warmen Erdtönen. Yoga-Tipps finden sich hier ebenfalls, aber immerhin aus philosophischer Perspektive und nicht nur als Mittel zum Apfelpo. Chefredakteurin Juliane Rump blickt neben ihrem Editorial weichgezeichnet in eine schöne Zukunft, für die sie „eingefahrene Pfade verlassen und neue Perspektiven aufzeigen will“. Man wünscht es dem Magazin. Eine etwas weniger lautsprecherische Gangart würde dabei aber sicher helfen.

06:00 25.03.2016

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